Wutknödel

Wutknödel

Nur wenige sind überrascht, wenn ich verrate, dass ich ein furchtbar jähzorniges kleines HB-Weibchen bin. Die meisten müssen ein bisschen grinsen, relativieren es ein wenig und weisen dann auf meine Bemühungen hin, weniger aufbrausend zu sein. Naja, die meisten Leute, denen ich das erzähle mögen mich auch irgendwie oder sind aus familiären Gründen angehalten, es zu tun. Im Zweifel bringt man zu meiner Entschuldigung an, dass ich ja „Südländerin“ sei. Das ist nett.

Aber erstens ist „nett“ die kleine Schwester von „scheiße“. Und zweitens sind wir hier im Norden Deutschlands, und was die werten Damen und Herren meinen, wenn sie „Südländer“ sagen, ist quasi jedes Bundesland südlich von Sachsen. Mit meinem Geburtsort in Bayern bin ich damit äußerst südländisch. Aber besser macht es das auch nicht wirklich. Und vor allem meine Wutknödelei macht das nicht besser.

Wutknödel
Ruhiges Gewässer. Noch.

Woher diese viele Wut kommt, das weiß ich nicht zu sagen. Oft daher, dass ich immer noch in mühevoller Kleinarbeit und mit tausenden Rückschlägen versuche zu lernen, auf mich und meine Kräfte gut aufzupassen. Ich bin bald Mitte dreißig und kann es immer noch nicht. Nicht, dass ich mich für Superwoman hielte. Gar nicht. Aber was das anbelangt, bin ich nordisch: Wat mutt, dat mutt. Und da hilft dann auch kein Geheule, da muss man durch. Bloß: Das, von dem ich denke, es müsse, muss ganz oft gar nicht. Oder könnte einfach von jemand anderem erledigt werden. Müsste ich nur eben sagen. Und nicht dererstatt verzweifelt selbst versuchen, scheitern und am Ende des Tages völlig frustriert meine Kinder anzuschreien, weil ich einfach am Ende der persönlichen Fahnenstange angekommen bin. Hättehätte, Fahradkette, nech?! Gut, ich bin erwachsen, ich sollte früher oder später damit klar kommen und eventuell in drölfmillionen Jahren habe ich dann auch meinen inneren Zen-Mönch gefunden und bin weniger südländisch und mehr… ähm… also einfach weniger südländisch.

Damit könnte der Post zu Ende sein.

Könnte. Aber ich habe zwei Kinder. Das verlängert die Geschichte ungemein. Denn abgesehen davon, dass sie mit einer HB-Weibchen-Mutter leben müssen: Kinder adaptieren ja viel, ne? Ob man das jetzt will oder nicht. Und manchmal weiß ich gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich mein großes Kind da stehen sehe: Es gibt Menschen und Dinge, die machen ihn rasend wütend. Rasend! Aber er weiß schon, dass keiner mit Wut so richtig etwas anfangen kann. Trotz aller Bemühungen aller Seiten. Also ballt er die kleinen Hände, die im Grunde fast schon so groß sind wie die meinen zu wütenden kleinen Fäusten. So fest, dass ich sehe, wie die Sehen an seinen Armen vortreten und die Knöchel weiß werden. Ich frage mich oft, woher er diese Kräfte nimmt und was er wohl damit anstellen könnte, wären sie nicht in diesen kleinen Fäusten fest verschlossen. Aber vermutlich ist es gut, dass wir es beide nicht wissen.

Roooooar. Aber sowas von.

Wutknödel
Roooaaaaar!

Er knurrt und knirscht und faucht wie ein Drache, wenn er sauer wird. Das ist gut, denn ein bisschen Druck muss ja irgendwo hin abgelassen werden. Manchmal kann er auch gar nichts mehr sagen, sondern nur sehr laut knurren und brüllen und fauchen. Ich erschrecke dann oft, denn so eine geballte Faust übersieht man in der Eile schnell. Einen roten Wutdrachen hört man auch im größten Stress, zum Glück. Auch ein Glück ist, dass dieses Kind seine Wut nicht an anderen auslässt. Denn da hört bei mir der Spaß und vor allem jedes Verständnis auf. (Wohl wissend, dass ich mich selbst verbal oft genug nicht an diese Regel halte.) Stattdessen wird mein heißgeliebtes, wütendes Kind stocksteif wie ein Brett. Ich spüre förmlich, wie er alle Muskeln anspannen muss, um nicht zu explodieren. Es ist ein bisschen, als müsste er all seine Kraft dafür aufbringen, nicht wie ein Wirbelsturm alles und jeden in so einer Situation wegzufegen. Es kostet ihn so viel Kraft! So viel Beherrschung!

Ich möchte, wenn ich ihn so sehe, am liebsten zaubern könne. Ich will nicht, dass mein Kind so wütend sein muss. Er soll nicht da stehen, ein unbeweglicher, wütender kleiner Drache und die Sekunden bis zum unvermeidlichen Ausbruch der Tränen zählen müssen. Ich will nicht, dass er mit so tief gefühlter Ungerechtigkeit der Welt leben muss. Es ist so gemein, dass er seine Kraft und seine Stärke gegen sich selbst richten muss, weil sonst nirgendwo Platz dafür ist.

Aber oft kann ich wenig helfen.

Wutknödel
Meh. Die Welt kann fies sein.

Andere Kinder sind gemein. Die Welt ist ungerecht. Und kleine Brüder sind manchmal der Inbegriff aller Zerstörung. Dann kann ich ihn nur in den Arm nehmen, sobald er dazu bereit ist. Selbst ganz erschöpft davon, wie viel Wut und Kraft und Dampf sich in so kurzer Zeit entladen kann. Manchmal möchte er auch überhaupt rein gar nicht getröstet werden, er will sauer sein und bleibt es auch lange. Gleichwohl ich ihm seine Wut abnehmen will: Ausgerechnet ich schaffe das am wenigsten. Weil ich ja nicht einmal die eigene Wut wirklich im Zaum habe. Und so kommt es auch nicht selten, dass ausgerechnet die zwei Wutknödel, die eigentlich größtes Verständnis füreinander haben sollten, stattdessen aneinander geraten.

Und wenn wir wüten, dann wüten wir beide richtig. Die Strategie „verbrannte Erde“ wurde für uns erfunden und manchmal gibt es wirklich kein Halten. Statt dem kleinen Wutknödel zu helfen und ihn in den Arm zu nehmen, mutiere ich selbst zum Feuerdrachen und speie mit meinem Kind im Kanon Gift und Galle. Ehrlich Leute, manchmal wollt Ihr kein Teil dieser Familie sein. Nicht geschenkt. Zum Glück passiert uns die Wutknödelei nicht mehr so oft. Mag sein, dass wir beide inzwischen ein Wenig gelernt haben. Oder wir sind beide einfach zu abgelenkt von Alltagsproblemen.

Wut-Fee

Wutknödel
Sushine after rain.

Aber manchmal, wenn ich diesen kleinen Knödel stehen sehe, die geballten Fäuste vor der Brust seinen kleinen infernalischen Bruder anknurrend, dann wünschte ich, ich könnte seine Wut einfach verpuffen lassen. Für immer und ewig. Weil ich weiß, wie anstrengend der dauernde Kampf gegen das HB-Tierchen ist, obschon ich mir natürlich auch bewusst bin, dass Wut auch ihre guten und vor allem wichtigen Seiten hat. Ich wünschte dennoch, ich könnte uns beiden die Suche nach dem richtigen Maß ersparen, dem Maß nämlich in der Wut heilsam ist und raus muss in Abgrenzung zu sinnlosem Wüten und verletzendem Jähzorn. Ich wünschte einfach, ich wäre eine verdammte kack-mist Fee und könnte die Welt für meinen Sohn ein kleines bisschen einfacher machen.

Stattdessen mache ich eine Packung Eis auf oder verbanne den kleinen Bruderzilla kurzfristig, um dem großen Wutknödel etwas Luft zu verschaffen. Ich packe Kinder ein und lasse sie draußen brüllen und toben, in der Hoffnung, die Wut brüllt sich nebenbei von selbst mit raus. Und ich umarme, wo ich kann und darf. Aber damit klar kommen muss der kleine rote Drache so dermaßen ganz allein, dass es mich schaudert.

Hab Mut kleiner Drache. Ich küsse Dich.

Deine Julia

 

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