Wortklaubereien – Vom Sprechen

Wortklaubereien Sprache Sprechen Worte Reden

Ich habe allen Ernstes 13 Semester Germanistik studiert. 13. Wen wundert es, dass ich eine große Verfechterin der These bin: „Du bist, wie du sprichst „? Weil ich aber aus Prinzip gerne den Unmut meiner Umwelt auf mich ziehe, gehe ich einen Schritt weiter und behaupte kackfrech: „Deine Kinder werden, wie du sprichst.

Glaubt ihr nicht? Glaube ich für euch mit.

Es ist nicht so, dass im Hause Wikinger immer gewähltes Hochdeutsch gesprochen wird. Ich schrieb unlängst sogar, dass ich Fluchen für eine äußerst wichtige und richtige Sache halte. Außerdem komme ich aus Schwaben und habe in Franken studiert- ich schwöre euch, mit Dialekt hab ich keinerlei Schmerzen. Wie könnte ich. Bei dieser Vita. Also: Hochdeutsch meint sie nicht, Fluchen meint sie nicht und Dialekt ist es auch nicht. Was denn nun bitte?

Was ich wirklich wirklich schrecklich finde, ist die Nachlässigkeit, mit der manche Leute ihre Sprache, diesen Ausdruck dessen, was sie denken, fühlen und sind, behandeln. Ich meine, das kann doch nicht deren Ernst sein? Ein Instrument, ein Kommunikationsmittel mit so einer Durchschlagskraft, so einer Macht! Und sie stellen es in die Ecke neben Bruchrechnen und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Vergessen, was sie können. Und verlernen es. Ich würde mich jetzt arg in die Nesseln setzen (und die 13 Semester Philosophie auch komplett ignorieren), wenn ich behaupte: Wer doof redet, ist doof. Nicht doch. Babies und Kinder sind mitnichten blöd und können anfangs dennoch nicht sprechen. Die werden alleine durchs sprechen auch nicht nennenswert klüger. Aber mit der Sprache ist es, wie mit dem Daumen: sie ist ein evolutionär revolutionäres Werkzeug. Wortsprache öffnet dem Menschen einen Horizont, der um so vieles über die üblichen Grundbedürfnisse hinaus geht, wie sonst vielleicht nur Musik und Mathematik. Bevor ich abschweife- was ich sagen will ist:

Sprache rockt derbe!

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Whaaat?

Wovon ich da rede? Ich meine ausdrücklich nicht diese Art Schwachsinnssprache a la „Was ist das für 1 Life vong Sprache her?!“. Ich kenne zum Glück keine Eltern die so sprechen und der Jugend (was? Das bin nicht mehr ich? Tjanun. Wir werden alle alt…) sei ihre eigene Sprache vergönnt. Ich finde es ganz furchtbar und hoffe inständig, dass sich diese Art der Kommunikation bald erledigt hat. Aber im Ernst: solange das nicht an Schultafeln steht, tue ich einfach so, als gäbe den Kram nicht. (Da ist es wieder: Schultafeln. Gibt es das überhaupt noch? Muss ich jetzt schreiben „Solange es nicht auf Schul-Tablets steht“? Au weia.)

Was ich meine, ist nicht die bewusste Veränderung bestehender Sprachkonventionen. Sondern Fehler, die aus Achtlosigkeit und Nachlässigkeit entstehen. Ganz banal und schon viel zu oft ausgeschlachtet: die Verwendung des Genitivs. Es ist nicht so, dass man ohne nicht klar kommt. Es ist nur einfach so, dass er das Gesagte um Längen präziser ausdrücken kann, als all die Hilfskonstruktionen zu seiner Vermeidung es je könnten. Beispiel? Bitte:

Hört sich immer so albern an, aber ein Unterschied ist es doch. Und dann ist es eben auch ein Unterschied, ob eure Kinder das von euch lernen, oder nicht. Ich glaube wirklich, je genauer ein Kind mit seiner Umgebung kommunizieren kann, desto besser wird es sich zurecht finden, durchsetzen, glücklich werden können. Je genauer es seine Bedürfnis artikulieren kann, desto besser und schneller können wir es unterstützen. Nicht zuletzt: je differenzierter es uns versteht, desto genauer können wir uns erklären. Und ist das nicht etwas, das erstrebenswert erscheint?

Justus Jonas for the Win

Logo, der Zweijährige wird jetzt keine mega Satzkonstrukte mit Genitiv bilden. Er wird auch noch keine dreiseitigen Erziehungserklärungen verstehen. Aber die Art, wie ihr mit euren Kindern redet, legt den Grundstein für das, was ihnen irgendwann einmal an sprachlichem Werkzeug zur Verfügung stehen wird. Was es mit der Welt verbindet und womit es sich die Welt aneignen wird. Da lohnt ein bisschen Achtsamkeit doch sicher, oder?

Wortklaubereien
Frau Mierau? Ja? Aha.

Bewundernswert zum Beispiel finde ich den Umgang von Frau Mierau mit Sprache. Die ist tatsächlich sogar in ihren Tweets irgendwie achtsam mit dem was sie sagt und wie. Aber wir können zweifelsohne nicht alle so ein sanftes Sprachgemüt haben, wie Frau Mierau. Oder genauer gesagt: Ich kann das nicht (was explizit NICHT böse gemeint ist). Meine Sprache haut auch mal auf die Kacke, sie ist derbe, sie kann provozieren und man kann meine Schreibe auch ganz banal scheiße finden. Ich mache Tippfehler, Rechtschreibfehler und Denkfehler. Ich veröffentliche sie, ich sterbe vor Scham, ich merke es mir, Ende der Geschichte. Aber eines wird man meiner Sprache nicht vorwerfen können: Dass ich sie vernachlässige oder mir dessen, was ich da schreiben und vor allem sage, nicht bewusst wäre. Das bin ich sehr, denn jede kleinste Kleinigkeit kommt zurück wie ein Boomerang, wenn man Kinder hat.

Beispiel? Pfff! Kind (3) bei Vertretungsarzt. Arzt: „Was magst Du denn gar nicht an Papa?“ (Ihr ahnt es, Arzt war ein Depp, aber das tut hier nichts zur Sache.) Kind. „Wenn er uns ankackt.“ Peinliches Schweigen. Bei Euch jetzt auch? Tjaha. Der Dialog, auf den das Großkind sich da bezieht, den gibt es bei uns jedes Mal, wenn Herr Papa und ich länger als zehn Minuten beisammen sitzen: „Was genau ist dein Problem?“ – „Ich hab gar kein Problem, DU bist derjenige, der heim kommt und mich ankackt und schlechte Laune …blablablabla“. Sie kennen das. Oder auch nicht. Der Arzt zumindest konnte sich vermutlich nicht viel unter dieser Aussage vorstellen und hat die Untersuchung fast panisch schnell beendet.

Fäkalsprache und des Pudels Kern

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Verstehen sich ohne Worte: Kind und Katz

Im besagten Fall war es witzig. Und auch nicht schlimm. Aber es wird deutlich, was ich meine, oder? Mir war bis dato nicht mal wirklich bewusst, dass das so ein Standarddialog bei uns ist und noch weniger, wie sehr das Kind ihn bereits verinnerlicht hat. Es saugt meine Sprach- und Kommunikationsgewohnheiten auf wie ein Schwamm. Und ich werde es bestimmt nicht schaffen, all meine schlechten Sprachangewohnheiten von ihm fern zu halten. Aber ich kann zumindest die Augen offen halten. Ich muss mich nicht zwingen, besonders deutlich oder schön zu sprechen. Aber ich kann darauf achten, nur zu sagen, was ich meine und wie ich es meine. Denn das wie spürt er ohnehin und hinter das was kommt er früher oder später auch. Und sobald ich mich damit auseinandersetze, was genau ich eigentlich sagen will, komme ich dem Kern der Sache auch näher- zumeist ist das nicht annähernd die Richtung, die ich ursprüglich eingeschlagen hatte. Ich merke zum Beispiel oft, dass meine Wut, mein Ärger oder auch meine Verlegenheit mit dem Kind gar nichts zu tun hat. Und kann es ihm, nachdem mir das dann auch endlich mal bewusst wurde, auch verständlich erklären.

Um an diesen Punkt zu kommen, muss ich aber meiner Sprache und meines Ausdrucks mächtig sein. Ich muss ein paar Feinheiten des Ausdrucks kennen. Und ich muss verstanden haben, dass was ich zu meinem Kind sage nicht unbedingt das ist, was ich meine. Und dann präzisieren: Was meine ich denn? Und wie sage ich es? Was mein Kind hört, sind die Worte, was ich dem ganzen geben muss, ist die richtige und passende Bedeutung.  Ich  muss willens sein, das in Einklang zu bringen, mich genau auszurücken und dem Kind genau zuzuhören. Und für all das brauche ich wohl oder übel auch die Sprache.

Sprich! Mit! Mir!

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Der Dampfer ist abgefahren- Symbolbild…

Das Ergebnis solcher Überlegungen nimmt dein Kind natürlich dann und pfeffert es Dir spätestens beim nächsten Streit postwendend ins Gesicht. Und wenn man sich dann fragt, wo er DAS jetzt wieder her hat… ja… Äh… Aber ich gestehe es: ich bin stolz, wenn der große Keks sich mit Worten so gut wehren kann, dass er nicht mehr körperlich werden muss. Ich freue mich diebisch, wenn er mich mit seinen vier Jahren argumentativ ausbootet. Und ich bin einfach furchtbar froh, dass er imstande ist, mir sein Gefühlsleben zu erklären. Es hilft mir, zu ihm zu finden. Wo ich seinen kleinen Krümelbruder einfach feste herze und kuschle, reicht das beim Großkind nämlich nicht immer. Der Große fühlt und reagiert oft so unerwartet und komplex, dass ich seine Hilfe brauche, um da mitzukommen. Und weil wir eine gemeinsame und möglichst genaue Sprache haben, klappt es. Nicht immer. Aber oft. Wenn keiner den anderen ankackt. Wisst Ihr bescheid, ne?!

Küsst die Kinder!

Eure Julia

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Liebe Chulia, danke für diesen (wieder mal) so wahren Beitrag, der mein Linguisten-Herz höher schlagen lässt und mich zu einem Kommentar nötigt. Denke dabei an die Unerhörtheit, dass Immigrantinnen noch immer genötigt werden, zu Hause mit ihren Kindern ausschließlich Deutsch zu sprechen (Muttersprachlerinnen von Sprachen mit großem „Sexappeal“ selbstredend ausgenommen). Ist doch die „Muttersprache“ – wie du schreibst – die Sprache, in der die Mutter, stellvertretend für das engste Umfeld, denkt, grübelt, fühlt, flucht, schimpft, träumt und in der sie ihre Gefühle mit Abstand am differenziertesten auszudrücken vermag. Wie traurig ist es, wenn Kinder diese Sprache nicht mit ihren engsten Vertrauten teilen! Im schlimmsten Fall, wenn die absolute Notwendigkeit, vernünftig Deutsch zu lernen (die ich überhaupt nicht verleugnen will, bedenkt man aber, dass das in Europa immer noch überwiegende monolinguale Aufwachsen im weltweiten Vergleich eher die Ausnahme bildet, schließt das eine das andere überhaupt nicht aus), ebenfalls verpasst wird, bleiben diese Kinder im wahrsten Sinne des Wortes „sprachlos“ – was bedeutet das wohl für ihre Persönlichkeitsentwicklung?

    1. Alter Schwede, Frau Sä, darüber habe ich so genau noch gar nie nachgedacht. Aber er hört sich schmerzlich richtig an, dieser Gedanke. Obschon ich ziemlich sicher bin: wäre ICH die Zugereiste und läge abends neben meinem Keks im Bett … Ich würde schummeln. Ich würde ihn all meine Liebe ins Ohr flüstern und hoffen, das es reicht.
      Gibt es diese Empfehlung irgendwo als offizielle Richtlinie? Das ist ja schon gruselig, wenn man es so sieht.

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