Was ist für Kinder Lebensqualität?

Ich bin ja manchmal wirklich hin und her gerissen. Da sitze ich mit meiner Familie beim Picknick am Meer. Weil wir in der Nähe wohnen. Die Kinder spielen nackt im Sand, der noch warm ist von der Sonne, während ich schon ein bisschen im Wind friere. Die Jungs jauchzen und schreien vor Freude, der Wikingerkerl und ich essen Tomaten mit überleckerem Olivenöl und Salz. Klingt kitschig? Ist hauptsächlich ziemlich schön und dauert auch immer nur so lange bis schon wieder pinkeln muss. Aber dann kommt er, dieser Gedanke: Ob denen nicht ein Planschbecken genauso reichen würde?

Ist das nicht verrückt? Da hat man obiges Bild im Kopf. Und denkt sich doch: „Die Kinder habens gut! Die Eltern habens gut!“ Und ich denke ganz laut: „Jaaaa!“ aber wollen meine Kinder das überhaupt? Ich will das. Dieses Bild, diesen Abend, das Meer, alles! Ich glaube, dass es sie glücklich machen müsste und wir alle tun viel dafür, dass diese Situation so stattfinden konnte, wie sie war. Mein Mann geht lange und viel arbeiten, um uns solchen Luxus zu ermöglichen. Ich gehe einkaufen und packe Essen, Schwimmsachen, Handtücher, Windeln und alles, was man sonst so für einen spontanen Auf-Alles-Gefasst- Trip so braucht. All das kostet uns Geld, Nerven und Zeit. Und wenn wir dann irgendwo so beisammen sein können, ist das himmlisch. Und trotzdem: Wären die Kinder zu Hause in der Badewanne denn unglücklich gewesen?

Für wen genau ist das jetzt Lebensqualität?

Was ist Lebensqualität für Kinder?Für die Kinder? Oder doch eher für mich? Zumal gerade so ein Picknick schon ordentlich elitär daher kommt. Davon können Kinder noch gar nichts wissen. Dass Meernähe echt geil ist. Davon, dass viele Leute sich ein Bein für einen Abend am Meer ausreißen würden. Dass Olivenöl ein teures Vergnügen sein kann und Tomaten Bio oder Nicht-Bio sein können. All diese Dinge sind den Kindern völlig schnuppe. Die wissen nur, dass sie gerade quasi unbeaufsichtigt verrückte Dinge mit und im Wasser tun dürfen. Dass gerade keiner meckert. Sie sehen vielleicht, wie glücklich mich die ganze Situation macht und dass ihre Eltern das erste Mal seit lange Zeit wieder zumindest eine Hand frei haben, um Händchen zuhalten. Aber ist es für diese Kinder ein Gewinn an Lebensqualität, dass das alles am Strand passiert, statt auf dem Sofa?

Manchmal zweifle ich.

Ich zweifle, ob ich mich nicht völlig in dem irre, was für Kinder eigentlich wichtig ist. Ob  ich überhaupt auch nur die leiseste Ahnung habe, was meine Kinder wirklich glücklich macht. Oder ob ich vielleicht ein bisschen geblendet werde von all der Werbung, die uns sagt, wie das Bullerbü aussehen muss, in dem die Kinder in schicken niedlichen Klamotten toll aussehen und fröhlich in die Kamera strahlen. Und immer dann, wenn ich das Gefühl habe, das wird mir alles zu viel, ich ertrinke in Arbeit und sehe meinen Mann kaum noch, während ich die Kinder in einer Tour nur anmotze- DANN weiß ich: DAS macht keinen von uns glücklich. Und DAS kann für keinen von uns Lebensqualität sein. Denn auch am Strand verzweifelt Weinen und Schreien bleibt Weinen und Schreien. Nur mit mehr Sand in der Hose. Das ist kein echter Gewinn.

Echte Momente

Sommer Sonne Meer OstseeIch schätze, Lebensqualität für Kinder, das sind diese wenigen echten Momente am Tag, die man trotz Alltag und allen anderen Sorgen geschenkt bekommt. Das ist das herzliche Lachen, wenn wir zusammen Quatsch machen. Vielleicht auch die Freiheit, zu einem Wunsch (wie dem nach Schwimmen zB) einfach mal „Ja“ sagen zu können. Sicher brauchen meine Kinder zufriedene Eltern. Und die leben eben auch von diesen Momenten. Dem Händchenhalten. Einem kleinen Ausflug an den Strand. Nicht dem großen Hotel-Urlaub in der Toscana. Und auch nicht einem teuern Porsche.

Insofern hoffe ich, dass ich mich nicht völlig irre bei dem, was wir für unsere Familie versuchen zu schaffen. Mit den Ausflügen und der Zeit für uns. Und ich genieße jeden dieser Momente, so gut es nur geht, denn die lassen sich nicht erzwingen und nicht kaufen. Sie kommen und gehen, wie sie wollen und selbst die beste Vorbereitung und der teuerste Trip können bei uns problemlos nach hinten losgehen. Völlig. Dafür kann Müll-Rausbringen ein Highlight werden. Man muss nur offen bleiben und darf die Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Denn es gibt zwar deutlich romantischere Orte zum heimlich knutschen als hinter den Mülltonnen. Aber nicht zu knutschen, wenn sich die Gelegenheit bietet, wäre schon auch sehr dämlich, oder?!

In diesem Sinne: Küsst, wen immer Ihr küssen wollt und tut das, wann immer Ihr es könnt!

Eure Julia

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