Warum Kinder in der Natur zu Hause sind

Ich glaube, Natur ist der natürliche Lebensraum aller Kinder. Ohne Ausnahme. Und sie alle bewegen sich am sichersten, liebsten und lehrreichsten genau dort: Zwischen Gras, Matsch, Wurzeln, Blüten, Blättern und Krabbeltieren.

Dass Kinder in der freien Natur ihre natürlichste Umgebung haben, darin waren der Wikingergatte und dich uns schon recht lange einig. Schon deutlich länger, als wir die Räuberkinder haben. Genau weiß man es aber ja immer erst hinterher…

Beim ersten Kind: Natur to go

Der Großräuber war und ist ein sehr aktives Kind. Die Räuberoma nennt ihn gerne „Wirbelwind“. Ich glaube, sie meint „Alter-Schwede-kannst-du-nicht-mal-einen-einzigen-Augenblick-still-sitzen“. Aber Wirbelwind klingt einfach besser. Der Wind konnte mit fünf Monaten durch die Wohnung robben und entwickelte dabei ein atemberaubendes Tempo. Bisweilen hat er sich so verausgabt, dass er mitten im Robben auf dem Boden einschlief. Ich habe mich dann schnell dazugelegt.  Denn nach zwanzig Minuten war der Gute wieder fit.

Als er lief, lief er mit uns bis zur Erschöpfung über Stock und Stein. Je unwegsamer, je lieber. Wir verbrachten viel Zeit auf Spielplätzen, im Wald, beim Geocaching, auf Feldern und überall dort, wo der kleine große Kerl frei krabbeln, laufen und erkunden konnte.  Denn eines war und ist gewiss: Wenn der Großräuber nicht einmal am Tag Auslauf bekommt, ist hier Highlife in Tüten.

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Als es Zeit war, den Großen betreuen zu lassen, gaben wir uns große Mühe bei der Wahl der Tagespflege. Entschieden uns aber für eine Einrichtung in der Stadt. Zwar beteuerte man, wenn möglich jeden Tag draußen und in der „Natur“ zu sein, aber ich habe schnell gemerkt: im Kinderwagen zum Spielplatz, eine Stunde Frischluft und wieder zurück- das reicht dem Räuber nicht. Also habe ich auch Teilzeit arbeitend meine Nachmittage wieder unter freiem Himmel verbracht.

Die Tagespflege hat inzwischen gewechselt. Der Großräuber verbringt drei Tage die Woche auf einem Ponyhof, Wertschätzung von Mensch und Tier sind dort zentral und mehr Indoor als die hofeigene Scheune gibt es nicht. Der Große ist glücklich, geschafft, ausgelastet und immer dreckig. Er klettert wie ein Weltmeister und überrascht mich damit, wie er zB beim Tragen von Latten und Brettern zupackt.  Dieses wunderbare Kind weiß, dass Pferde auch zum Zahnarzt müssen und reagiert bei einem Wespenstich völlig gelassen. Er sammelt im Garten Regenwürmer und rennt kreischend vor Spinnen davon.

Der Großräuber kann abseits von Zimmern, Grenzen, Konventionen und Regeln ganz einfach Kind sein.

Das zweite Kind: Schrebergarten for the win!

Kleinräuber isst Sand

Während wir beim ersten Kind gerade vom Land in die Stadt zogen und uns mangels eigenem Garten Grünflächen und Ausflugsziele erst erschließen  mussten, haben wir seit kurzem zusammen mit der Bayernoma einen Schrebergarten. Und hier wiederholt sich beim zweiten Kind schon jetzt eindrucksvoll, was das Großkind mit Leib und Seele lebt: Kinder gehören nach draußen!

Der Kleinräuber fetzt voller Enthusiasmus den Garten auf und ab, durch die Beete, durch die Büsche, in den Kompost und das Ganze wieder zurück. Dabei macht er Geräusche, die ich sonst nur aus höchster Verzückung von ihm kenne. Die Augen leuchten, während er sich halbreife Äpfel und Brombeeren ergaunert. Und ein Kind, das meine Abwesenheit sonst nur selten toleriert wird in der Natur plötzlich zum Freigeist, der verschwunden ist, ehe ich es auch nur merke. So kann ich tatsächlich Gartenarbeit nachgehen und dabei dem glucksenden Kleinräuber lauschen. Ganz entspannt. Während der Großräuber Bäume erklimmt und Wassermatscht.

Was sich so idyllisch anhört ist dabei quasi ein Bootcamp für das Krabbelkind: Er überwindet inzwischen Stufen bis fast 30 cm Höhe in alle Richtungen problemlos und unfallfrei. Er krabbelt Strecken bis zu hundert Metern. Zieht sich an instabilsten Konstrukten in die Höhe, steht auf jedem Untergrund frei. Sträucher, Äste, Kies, Sand und Matsch kennt und liebt er. Er bewegt sich in dieser Umgebung frei und sicher. Und genau das ist es, was ich mir für meine Kinder wünsche. Freiheit, Selbstsicherheit und Glück.

 

 

Ich hoffe, die Rechnung geht auf und die Räuber nehmen die Kraft, die sie in der Natur und im Garten tanken mit in die „andere“ Welt.  Im besten Fall meistern sie die Unwägbarkeiten des Lebens so sicher, wie sie die Abenteuer im Garten meisterten. Und vielleicht erkämpfen sie sich ihr Glück, wie sie sich den Blick vom obersten Ast im Baum erklettert haben.

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Eure Julia

 

 

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