Warum ich meinem Bauchgefühl misstraue

Warum ich meinem Bauchgefühl misstraue

Es geht heiß her in Erziehungsratgeber Kreisen derzeit. Ach, es geht überall heiß her- ein Kinofilm erregt die Gemüter und die Reaktionen sind gemischt. Gemischt und emotional. Und dabei fallen ein paar Schlagwörter immer und immer wieder- als Rechtfertigung für einen Umgang mit Kindern, wie ich ihn strikt ablehne. Auch mir passiert Mist. Auch ich werde laut. Allerdings werde ich einen Teufel tun und das mit meinem Bauchgefühl rechtfertigen. Und gerade letzte Woche habe ich richtig Mist gebaut (Beitrag dazu ist im Werden begriffen). Richtig. Aber ich werde es nicht damit begründen, dass mein Bauchgefühl mir dazu geraten hat. Obwohl in diesem verflixten Moment ALLES an mir so reagieren wollte, wie ich reagiert habe. Und zwar: falsch. Da ist also nix mit eitel Sonnenschein in Sachen Bauchgefühl im Hause Wikinger, wa?!

Warum? Naja. Es ist schon so eine Sache mit diesem „Bauchgefühl“. Da kann man als Erziehungsexperte im Regionalfernsehen schon ganz eloquent sagen, dass die Eltern von heute zurück finden müssen, zu ihrem Bauchgefühl. Dass ihnen der Instinkt für die Kinder abhanden gekommen ist zwischen all den Elternforen und Blogs. Und wenn es um Elternforen geht, bin ich geneigt, dem jovialen Herren aus dem Fernsehen Recht zu geben, aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass lustige Floskeln wie „Instinkte“, die Eltern haben sollen und das berühmte „Bauchgefühl“ uns in dem Fall nicht weiter helfen. Wenn ich nämlich ein Problem habe, das mit meinen Kindern zusammen hängt, dann klingt das zwar unheimlich cool, zu sagen: „Hör doch mal mehr auf dein Bauchgefühl!“. Aber es nutzt mir nix. Denn wäre mein Bauchgefühl so der Knaller, dann wäre meine Familie doch nicht in einer so brenzligen Situation, oder?!

Öhm, naja…

Warum ich meinem Bauchgefühl misstraue
Hab ich heimlich doch gelesen, wa?!

Was soll das überhaupt sein, dieses Bauchgefühl? Aus dem blauen Dunst heraus geschossene erzieherische und pädagogische Eingebung? Ist das etwa das Fundament, auf dem die Pädagogik gründet? Auf einer Art heiliger Geist der Weihnacht? Ähm. Ich denke nicht, Jim. Aber was denn bitte dann? Wenn ich mir mein Bauchgefühl weder virtuell anlesen (Elternforen!!einsel11!) darf noch analog (Veraltet! Falsche*r Herausgeber*in! Alberne Bilder! Zu viel Text!), wenn ich keiner riesigen Großfamilie entstamme deren Geheimpatent auf Kindergroßziehen ich mit der Muttermilch eingesogen habe- ja, wo soll ich es denn her nehmen, dieses vermaledeite Gefühl? Diese eierlegende Wollmilchsau des Umgangs mit Kindern muss doch irgendwie zu fassen sein!

Jetzt sagt Ihr bestimmt: Julchen, komm runter, Du warst doch selber mal Kind. Deine Mutter hat Dich irgendwie (Respekt!) gesund groß bekommen und Schreiben hast Du auch noch gelernt. Also: Von Mama hast Du das, klare Sache!

Mama!

Jetzt verrate ich Euch was: Das ist gar kein schlechter Einwand. Ein großer Teil dessen, was ich für richtig und falsch halte, das habe ich wirklich von meiner Mama gelernt. Sie war mir Leitplanke auf der Autobahn, die Großwerden heißt und sie hat das verteufelt gut gemacht. Sie hat mir gezeigt, wie unfassbar stark Eltern für ihre Kinder sein können und dass Liebe keine Grenzen kennt. Tja, Ihr habt es geahnt: Meine Mutter ist der Hammer, aber mein Bauchgefühl ist sie nicht. Denn auch sie trägt ihr Päckchen mit sich herum, auch sie hat Schwächen, wie jeder Mensch. Ich versuche Dinge, die meine Mutter zu ihrer Zeit revolutionär gut gelöst hat NOCH besser zumachen. Will Dinge, die einst Gang und Gäbe waren, auf Teufel komm raus vermeiden. Ich will es genauso gut machen, aber der Weg könnte ein völlig anderer sein. Wie also sollte ich all ihr Wissen und ihre Erfahrung einfach unkommentiert übernehmen und es dann Bauchgefühl nennen? Der Einfluss mag groß sein, aber so übermächtig ist er nicht.

Also, was bleibt? Was ist dieses Bauchgefühl? Gibt es wissenschaftliche Erhebungen, die zeigen, dass Eltern, die nach Bauchgefühl erziehen, die Sache easy peasy gewuppt bekommen? Erwachsene, die als Kind mit der Bauchgefühl-Methode erzogen wurden und glücklich sind? Ja? Nein?

Was nu?

Warum ich meinem Bauchgefühl misstraue
Wie gut kenne ich meine Wuschelköpfe?

Wisst Ihr, ich streite nicht ab, dass es dieses Bauchgefühl gibt. Ich will mich auch nicht mit Euch streiten, ob Eltern einen gewissen angeborenen Instinkt in sich tragen, der ihnen bei vielen Belangen der Elternschaft hilfreich sein kann. Aber als Tipp an verzweifelte Eltern taugt das Bauchgefühl nicht wirklich. Und der Instinkt, der im Tierreich Elterntiere zu absonderlichen und nicht immer schönen Aktionen antreibt erst recht nicht. Deswegen misstraue ich meinem Bauchgefühl. Ich rede nicht gerne von Instinkten, die mich leiten.

Ich kenne meine Kinder so gut, wie ich es eben in der gemeinsamen Zeit hinbekommen habe. Versuche sie zu sehen, ihre Aktionen, ihre Reaktionen. Sie zu hören in ihren Nuancen. Zu erahnen, was sie umtreibt. Wenn sie krank sind, fühle ich, ob ihre Körpertemperatur erhöht ist. Ich staune immer wieder, bei welch unterschiedlichen Temperaturen sie wie stark beeinträchtigt sind,. Versuche meine Erfahrung mit drei Kindern damit abzugleichen, was ich gelesen und mit Ärzten besprochen habe, um so zu entscheiden wie ich dem Kind individuell helfen kann. Manchmal weiß ich Tage vor einem Fieber, dass es kommen wird. Manchmal überrascht es mich kalt. Schuld ist aber kein Instinkt und kein Bauchgefühl.

Was darf`s denn sein?

Sondern die Summe aus dem, was ich bin, was ich erlebt habe, was ich mir angeeignet und was ich gesehen habe. Mein Kopf tut die erstaunlichsten Dinge, mein Körper funktioniert mit den kleinsten Mengen Schlaf. Meine Umwelt hilft mir mit den unvorhergesehnsten Eingebungen und meine Mutter zaubert manchmal einfach. Keine Ahnung wie sie es macht und warum. Sie würde es vielleicht sogar Bauchgefühl nennen. Aber so ist das: nicht immer weiß sie, WARUM sie die Dinge tut. Ich auch nicht. Aber BEVOR wir solchen Eingebungen und Ideen folgen fragen wir uns selbst, ob das wirklich eine gute Idee ist. Ob es nicht sein kann, dass da ganz alte Geschichten uns zu etwas veranlassen, was gar nicht gebraucht wird. Wir prüfen unser toller Bauchgefühl auf Herz und Nieren, wenn wir die Gelegenheit dazu haben. Denn unser Bauchgefühl (jaaa, dann sag ich es eben doch!) ist WIR. Es ist fehlbar. Es mag uns schon oft gute Dienste geleistet haben- blind vertrauen dürfen wir ihm dennoch nicht.

Warum ich meinem Bauchgefühl misstraue
Mein Bauch darf eine Menge essen. Kann aber nicht alles wissen.

Denn es ist genau dasselbe Gefühl wie, das das mir manchmal einflüstert, mein Kind wäre ruhig, wenn ich ihm nur einfach einmal den Mund zuhalten würde. Ich habe Stimmen in mir, die hadern, dass meine Kinder viel besser funktionieren würden, wenn ich nur endlich einmal „Grenzen setzen“ würde. Und so ein bisschen Geschrei würde ja noch keinen umgebracht haben. Klingt übel? Logo. Deswegen misstraue ich meinem Bauchgefühl auch dann wenn es mir schöne Sachen vorschlägt oft. ich frage zwei Mal nach, wem es denn jetzt helfen soll- meinem schlechten Gewissen, oder wirklich den Kindern? Denn: Das Gefühl ist ja nicht völlig uneigennützig. Es ist auch für mich und meine Bedürfnisse da. Dass das manchmal mit denen der Kinder kollidiert, habe ich sicher schonmal erwähnt, oder?!

Püh.

Von „Was soll dieses Bauchgefühl sein?“ zu „Mein Bauchgefühl ist manchmal eine miese Ratte“ in einem Blogbeitrag. Aber genau so ist es. Ich will nicht, dass irgendwer auf die Idee kommt, „Bauchgefühl“ sei Ersatz und Entschuldigung für alles, was mit Kindern zu tun hat. Schnelle Entscheidungen treffen wir oft aus dem Bauch heraus und auch mir hat das auch schon mehr als einmal den Arsch gerettet. Wirklich. Das aber zum Allheilmittel für gestresste oder ernsthaft gefährdete Eltern zu erheben, ist nicht eben klug. Und das Wichtigste: Es hilft weder den Eltern noch den Kindern.

Ähnlich übrigens wie körperliche und psychische Gewalt. Aber das ist nur im Grundgesetz verankert und meine alberne kleine Bloggerinnenmeinung. Nech?!

Kein Allheilmittel aber immer wieder richtig: Küsst die Kinder. lasst Euch nicht von Kinofilmen oder Fernsehexperten verarschen. Sagte ich schon, Ihr sollt die Kinder küssen? Darin bin ICH Expertin!

Eure Julia

Du magst vielleicht auch

1 Kommentar

  1. Hey Du. Vorne weg: Ich lese deinen Blog total gerne und nicke innerlich auch meistens heftigst bei deinen Texten.
    Dieses Mal ist das aber anders. Ich verstehe zwar worauf du hinaus möchtest, mir fehlt aber ein bisschen der differenzierte Blick. Es wirkt ein wenig zu eilig verfasst. Klar muss es einen Unterschied zwischen einer aufkommenden Emotion und einer impulsive Handlung geben! Das ist aber eben auch nicht das was ich unter „Bauchgefühl“ verstehe. Bauchgefühl ist, meiner Meinung nach ein äußerst reflektierte innere Aufgeräumtheit. Die gut unterscheiden kann zwischen aus der Kindheit angelernten, im Erwachsenen Alter dazu gelernten, von der Gesellschaft erwarteten, von Experten empfohlen, von immer schon praktizierten, von der Natur perfektionieren und dem Menschen sowohl zu Recht als auch zu Unrecht optimierten Vorgehensweisen. Bauchgefühl ist für mich die unglaubliche wichtige Fähigkeit, das alles mit seinen eigenen Werten abzugleichen und dementsprechend im besten Gewissen zu handeln!
    Ich weiß übrigens gar nicht um was für einen Film es sich handelt?
    Bei der Kritik sind wir vermutlich wieder einer Meinung. Kind nicht nur von Sonne ernähren, weil ein Guru mir ein warmes Bauchgefühl macht. Sondern, durch Verantwortung für mein Handeln übernehmen, mir selbst ein warmes Bauchgefühl verschaffen! Sorry, für eventuelle Fehler. Mein einer Daumen wird von zahnendem Kind angekaut… Over. 💚😊

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.