Vom Schenken

Vom Schenken

Ihr Lieben, ich hatte es eventuell ja mal erwähnt: Ich schenke meinen Menschen unglaublich gerne was. Umgekehrt, mich beschenken lassen finde ich ziemlich schwer. Aber anderen eine Kleinigkeit schenken- das geht prima. Allerdings ist das nicht ganz ohne Fallstricke und auf der Suche nach einer Kleinigkeit für die Kinder zum Nikolaus (zugegeben, etwas spät um 19.00 Uhr am 5.12.) habe ich mich dann vollends verheddert. Faktisch im Sinne von: Habe nichts gefunden, was mich umgehauen hätte. Übertragen im Sinne von: Gedanklich habe ich mich Mumien-mäßig in meinem roten Schenk-Faden vertüdelt. Kommt Ihr mit, aufdröseln?

Zu Beginn etwas wichtiges: Es geht im Text um mich und meine Verhaltensmuster. Um meine Befindlichkeiten beim Schenken und meine Gedanken dazu. Es geht NICHT darum, andere Geschenke, Absichten oder Ideen zum Schenken herabzuwürdigen. Jede Familie und jede*r Einzelne hat so eine innere „Geschichte des Schenkens“ und ich finde jede davon hat ihre Berechtigung. Und nur, weil ich mich für oder gegen eine bestimmte Art des Schenkens entscheide, heißt das nicht, dass ich Deine Art verurteilen will. Es heißt nur: Ich will das für mich und meine Familie eben so. Okay?!

Es war einmal…

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Kann eins auch schenken: Obstkorb

Ich kann mich nicht an alle Geschenke meiner Kindheit erinnern. Aber an ein paar. Und über die habe ich am 5.12.2018 zwischen sieben und neun (!) gründlich nachgedacht. Denn in dieser Zeit bin ich wie eine Verfolgte erst durch eine große Shoppingmall und anschließend all unsere kleinen Discounter vor der Haustüre getigert. Ich war auf der Suche. Auf der Suche nach einem kleinen (!) Nikolausgeschenk für meine zwei großen Kinder, das meinen Ansprüchen genügt. Ich wollte gerne bei fünf bis acht Euro pro Kind bleiben. Es sollte einfach kein Müll sein. Auch kein hunderttausendstes Stofftier, dass am Ende im Keller landet, bitte. Etwas, das die Kinder freut. Keine Kinderschokolade-Geschenk-Stofftier-Boxen. Einfach: Boah, eben etwas, wo die Geschwister morgens zusammen ein bisschen Spaß haben. Glaubt Ihr mir, dass ich bis halb zehn unterwegs war und NICHTS mich wirklich zufrieden gemacht hat?

Ich war so unfassbar traurig. Weil ich es so gar nicht glauben konnte war ich auch ziemlich sauer. Auf mich, den Einzelhandel, Ikea, Aldi, Lidl, Penny und Saturn. Auf die Spielzeugindustrie, unsere ganze Konsumgesellschaft und nicht zuletzt meinen Mann. Was der damit zu tun hat? Keine Ahnung, ich finde da schon was. Ich war auf jeden Fall sauer. Punktum. Es hat einen ganzen Glühwein gedauert, um doch noch ein bisschen Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen und erst als ich Karten mit einem Glücksstern für die zwei Großartigen gemalt habe, ging es mir wieder besser. Ich habe schließlich eine Alternative gefunden, der Gatte hat sie zusammengebaut und sie ist in semi-sauberen Stiefeln versenkt worden.

Aaaaaber.

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Geburtstag aber auch geschenkt.

Aber warum war ich so sauer? Warum bin ich es noch? Ich finde es ganz schwierig zu erklären. Denn auf der einen Seite ist meine Wut berechtigt: Fünf bis acht Euro pro Kind. Das ist ausreichend! Und ich bin stocksauer, dass die Industrie glaubt, wenn ich schon eine (in deren Augen) „kleinen“ Betrag ausgeben will, dann dürfen sie mir Schrott andrehen. NÖ! Ich will Euren Schrott nicht und es ist eine Frechheit, dass Ihr den überhaupt anbietet! Wie gemein ist das denn, wenn Ihr Sachen produziert, die beim ersten Ankucken auseinander fallen? Wer soll sich denn darüber freuen? Das ist doch kackendrecksmist! Ich sage es ganz ehrlich: Das Budget habe ich mir freiwillig gesetzt. Mit jedem Laden, in dem ich nur Müll gefunden habe, bin ich bockiger geworden und habe am Preislimit festgehalten. Weil ich das WOLLTE. Ich kann mir nicht mal Ansatzweise vorstellen, wie erniedrigend es sein muss, wenn eins dieses Limit nicht will, sondern muss.

Ganz ehrlich: Ich war den Tränen nahe und das mit einem Budget, dass ich mir selbst gesetzt habe. Wäre mein Budget fremdbestimmt gewesen, ich wäre vermutlich völlig ausgerastet. Das ist unter aller Sau. Und alle, die mit schmalem Geldbeutel ihre Kinder und Geliebten so wunderbar beschenken: Vor Euch ziehe ich alle Hüte, die ich habe. Das ist eine dermaßene Gratwanderung- puuuh! Und dabei wird mir eines klar: Limitiertes Schenken macht plötzlich nur noch halb so viel Spaß. Hoppla. Wo kommt das denn jetzt her? Wo ich doch so unheimlich gerne schenke (*Ironyoff*)

Huch!

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Gutschein geht immer

Ja, Frau Juja, wo bitte? Ich verrate es Euch, auch wenn es ein bisschen gedauert hat bei mir: Ich schenke mitunter deswegen gerne, weil ich das Gefühl mag. Aber das Gefühl das ICH beim Aussuchen des Geschenks zum Beispiel habe. Beim Überlegen was und wie ich jemenschen eine Freude bereiten würde. Wie ich das Teil schön verpacken kann. Dass jemensch dann das Geschenk ankuckt und dabei fröhlich an mich denkt. Schließlich hab ich es ja geschenkt, nech.

Habt Ihr da auch so ein Bild im Kopf, wie Narziss am Ufer sitzt und sein Antlitz im Spiegel des Sees bewundert? Also, ehrlich: Ich schon. Ich schenke schlicht ganz egosistisch mitunter auch, weil ich das Gefühl mag, etwas gut gemacht zu haben. Ich mag es, wenn die Kinder sich freuen und dankbar sind. Es fühlt sich an wie: „Das hast Du gut gemacht! Du kümmerst Dich richtig. Deine Mühe wird erkannt! Braves Pferdchen, gaaanz braaaav!“ Und wissta was? Darin fühle ich mich, wenn alles gut geht, wohl. In dieser Rolle der Julia, die an alle denkt, die sich über die Vorlieben und Wünsche anderer sorgt, auf tolle Ideen kommt und Menschen überrascht, weil sie sich beiläufige Bemerkungen merkt und versucht Wertschätzung auszudrücken. Klingt alles super.

Bäm.

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Gutschein 2.0

Funktioniert aber in dem Moment schon nicht mehr, in dem entweder mein Budget nicht stimmt. Oder das Angebot der Supermärkte mir nicht zusagt. Dann wird es ungemütlich. Da ist kein wohlig warmes Du-kümmerst-Dich-so-gut-Gefühl mehr da, sondern die Erkenntnis: Wenige Stunden vorher erwarten, ein passendes Geschenk zu finden ist ziemlich vermessen. Warum fällt Dir auch nichts zündendes ein? Da kannste jetzt halt das Sortiment verantwortlich machen. Logo. Oder Dir fällt ein, dass es überhaupt auch schon ganz schön dreist ist, so bequem zu sein, eine Sache kaufen zu wollen und auf Knopfdruck Freude in den Gesichtern der Kinder zu erwarten. Statt von langer Hand zu planen und Materielles zum Beispiel ganz sein zu lassen.

Ganz klare Sache: Die würden sich schon freuen, wenn da was cooles im Stiefel wäre. Denn sie sind Geschenke und Sachgeschenke gewöhnt. Aber sei mal ganz ehrlich liebe Julia: Willst Du Dich auf eine Art nicht einfach auch ein bisschen freikaufen? Es gab im letzten Jahr oft Gründe, zu Sachwünschen „Ja“ zu sagen. Neue Geschwisterkinder, das Wochenbett, der neue Kindergarten – irgendwie gab es immer eine Möglichkeit die Tatsache, dass unsere gemeinsame Zeit irgendwie teuer geworden ist durch Dinge zu überdecken. Aber mal ernsthaft:

Willst Du das?

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Kindergeburtstags-Dinos. Und ich musste sie nicht mal verpacken!

Auf der anderen Seite: Come on, Frau Wikinger, ich persönlich sehe nicht, dass Du den Arsch in der Hose hättest, das ausgerechnet am Abend vor Nikolaus radikal umzukrempeln. Hatte ich auch nicht, so viel dazu. Aber diese innere Zerrissenheit, dieser schmale Grat zwischen der Tatsache, dass ich am Ende des Tages auch einfach gerne schenke, weil ich meine Familie mag und ihr das so zeigen will- boah. Was für ein Kuddelmuddel, oder? Dass ich Dinge schenke ist nicht per se schlecht und es ist auch nicht so, dass die Kinder hier mit Müll zugeballert werden, damit wir Erwachsenen uns nicht kümmern müssen. Die Kinder wachsen sehr privilegiert auf, aber das ist für uns auch harte Arbeit. Die Kinder wissen das noch nicht. Und das ist gut so. Aber wir wissen es. Und ich weiß wiederum nicht, wie ich dieses Wissen um unser wirklich gutes Leben bis zu ihnen transportiere.

Und ich weiß trotzdem manchmal nicht, ob ich nicht einfach süchtig geworden bin nach diesem Gefühl, eine Freude bereitet zu haben. Ich versuche jedes mal wieder, das genau abzuschätzen und dafür zu sorgen, dass meine Freude am Schenken nicht größer wird, als die der*des Beschenkten. Nicht weil  ich mich nicht freuen will. Sondern weil der Sinn echter Geschenke ja nicht im Schenkenden liegt. Und was meine Kinder anbelangt: Ich bin mit meiner „Schenk-Hygiene“ dafür verantwortlich, was ihnen Freude bereitet. Wie hoch ihr freu-Widerstand quasi ist. Was es braucht, um sie zum Lächeln zu bringen.

Ich schreibe quasi die Einleitung ihrer persönlichen Schenk-Geschichte. Und ich  will verflixt nochmal, dass sie gut wird!

Lösung habe ich noch immer keine für mein Dilemma. Nikolaus ist auch erstmal vorbei zum Glück. So richtig aufgedröselt habe ich meine Kuddelmuddel-Mumien-Klopapier-Gedanken noch nicht. Deswegen tue ich, was ich wirklich gut kann, bis es soweit ist: Ich küsse die Kinder. Macht das auch. Einer der wenigen Ratschläge, die immer ziehen, nech?! Dabei ist es egal, ob sie ein Geschenk in der Hand oder im Herzen tragen. Einfach küssen.

Amen.

Eure Julia

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