Sprich! Mich! Aus!

Sprich! Mich! Aus!

Ihr Lieben, ich bin nicht eben zimperlich mit meiner Umwelt und schon immer eine große Freundin klarer Worte. Deswegen bekommen es alle, die daran interessiert sind einmal schwarz auf Blog-Hintergrund-Farbe: Ich mag nicht mehr diskutieren, wie inklusiv Sprache sein kann. Keine Debatten mehr darüber, ob je alle Menschen sich von einer Anrede angesprochen fühlen, oder nicht. Keine Ausflüchte, dass die Menschheit ganz verstummen müsste, wenn wir versuchten, jene anzusprechen, die wir meinen. Und Schluss mit der Frage wie viel Rassismus im Alltag okay ist.

Ich bin selbst ja nur am Rande betroffen und dennoch schnell echt genervt, wenn es um diese Themen geht. Diese furchtbaren Diskussionen nämlich zum Beispiel, wie achtsam Sprache sein soll oder kann. Ich selbst muss mich unheimlich disziplinieren, um die eine oder sprachliche und kommunikative Klippe zu umschiffen. Für meine Kinder würde ich mir wünschen, dass sie es in dieser Hinsicht ein bisschen leichter haben. Weil mir das wirklich wichtig ist (Sprache rockt!) muss ich in den einen oder anderen sauren Apfel beißen. Also mir kommt er sprachlich sauer vor, ist er aber überhaupt nicht. Denn wenn ich „nur“ eine kleine und vielleicht für mich sogar unbedeutende Wendung in meinem Sprachgebrauch ändere, tut MIR das nicht weh.  Andere Menschen aber, die sich bisher durch eben diese Wendung verletzt oder unter Druck gesetzt gefühlt haben, freuen sich nen Ast. Oder bekommen schlicht und einfach die Ansprache, die sie ohnehin verdient haben. Was genau ich meine? Mh… also…

Si*er

Sprich! Mich! Aus!
Buch mit sieben Siegeln?!

Si*er ist zB. in meine Texte eingezogen. Es soll (so habe ich mir das zumindest überlegt) möglichst viele Menschen, die mein Blog lesen, einschließen: Die, die sich als Frauen fühlen. Die, die sich als Männer fühlen. Und nicht zuletzt das Sternchen derer, die nichts davon sein mögen oder alles. Ich mag meine Sternchen-Leser*innen genauso, wie ich die, die sich weiblich/männlich fühlen, mag. Während ich die einen aber anspreche, indem ich von Müttern oder Vätern rede, lasse ich einige damit außen vor. Will ich natürlich nicht, aber es reicht in meinem Verständnis nicht, einfach zu sagen: „Öhm, achso, ja, nee, die mein` ich schon mit!“ Denn dieses Meinen ist ganz nett gedacht. Aber wenn ich jemenschen ansprechen will, dann sollte ich das auch tun und es nicht nur meinen. Sonst muss ich mich im Gegenzug nicht wundern, wenn eine*r sich nicht angesprochen fühlt.

Das System, das ich da in bester Absicht nutze ist natürlich nicht unstreitbar und ich habe durchaus die Menschen im Kopf, die ziemlich vehement und sicher nicht zu Unrecht sagen: „Ich bin kein Sternchen du Ziege, ich bin ich!“ Jo. Nur dafür habe ich bisher noch keine Lösung. Das ist kacke und ich bin auf der Suche. Aber das ist kein Grund (denn dieses Argument begegnet mir so oft!) es ganz sein zu lassen. Nur, weil ich Leute vergessen oder Fehler in meinen Texten machen könnte, kann ich doch nicht aufhören, es zu versuchen! Ich müsste ja sonst konsequenter Weise das Schreiben einfach ganz lassen. Denn wenn ich etwas falsches schrübe (sic!), dann ginge ja die Welt unter!!!einself!11 Üerhaupt sei am Rande erwähnt: Sprache ist immer im Werden. Meine sprachlichen Bemühungen können also gar nicht anders, als ein Provisorium auf dem Weg zum nächstbesseren zu sein. Im Zeugnis würde stehen: „Sie war stets bemüht.“ Aber für unseren Fall geht das klar.

!!!ein11elf!11

Sprich! Mich! Aus!
Spricht Bände

Oder ich mache es mit den Ansprachen halt, wie ich es mit dem Schreiben mache: Ich kucke mir Kritik an, ich prüfe, ob sie gerechtfertigt ist, ich entschuldige mich und ich überlege, wie ich den Fehler in Zukunft vermeiden kann. Fertig. Tut nicht weh. Das Schreiben dauert -entgegen aller Unkenrufe- nicht deutlich länger und mit der Übung kommt auch der Flow wieder. Und Ihr merkt schon, wir sprechen hier nicht davon, die Welt wirklich auf einen Schlag völlig zu verändern.

Wir reden davon, dass Menschen, die gemeint sind, endlich auch gesagt werden. Wer sich im binären Geschlechtersystem eindeutig zuordnet und sich mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen fühlt, di*er kann sich das eventuell kaum vorstellen, wie es ist, NIE ausgesprochen zu  werden und immer nur mitgedacht. Muss eins auch nicht. Aber überlegen, wie die eigene Sprache die Menschen mit einschließen kann, die wir auch meinen, das kann jede*r.

Übrigens will ich von lustigen Schimpfwörtern, die auf Krankheiten und (körperlichen wie geistigen) Einschränkungen basieren gar nicht anfangen. Das passiert mir selbst noch immerzu und ist eine riesige Baustelle. Aber ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, wie Menschen an einem Schimpfwort festhalten, das so offensichtlich nicht den Gemeinten verletzt, sondern große Teile der nicht betroffenen Menschheit verunglimpft. Die deutsche Sprache ist mächtig und reich an großartigen Schimpfwörtern. Allein die Gartenfraktion von Lauchzwiebeln bis Kugelbuchsbaum bietet mannigfache Entfaltungsweisen. Seid kreativ! Im schlimmsten Fall geht Pupsnase auch immer.

Me Myself and I

Sprich! Mich! Aus!
F*** Queen of f*** Chaos! Auch sprachlich.

Jetzt reden wir hier die ganze Zeit von mir. Dabei wollte ich Euch doch Kinderdinge schreiben. Also, was zur Hölle hat das alles mit meinen Kindern zu tun? Die können noch nicht mal Lesen, geschweigedenn schreiben und in der Grundschule lernen die vermutlich noch kein Gendersternchen, wa?! Das ist schade, sag ich Euch, aber ich kann ja versuchen zu retten, was zu retten ist.

Indem ich nämlich (ein Beispiel, bei dem ich mir viel Mühe geben und auch oft auf der Nase lande, yay!) einfach Kinder mal grundsätzlich als solche bezeichne. Nicht als Jungs oder Mädchen. Sondern abwarte, wie sie sich selbst zuordnen. Zugegeben: Die wenigsten wissen davon, dass sie eine Wahl haben bzw welche. Auch meine Kinder sind sich dessen nicht bewusst bzw identifizieren sich eindeutig in eine Richtung. Aber dadurch, dass wir alle so lange wie möglich von Kindern sprechen, geben wir unserm Gegenüber die Chance, ganz andere und viel wichtigere Eigenschaften in den Vordergrund der Beziehung zueinander treten zu lassen.

Komplizierte Sätze für einfache Dinge

Das klingt jetzt furchtbar hochtrabend und gestelzt. Es meint aber einfach nur: Wenn wir uns an unseren Tag auf dem Spielplatz erinnern, ist es egal, ob es das Kind mit Penis und dem tollen Sandspielzeug war, oder das Kind mit Vulva. Wenn meine Kinder richtig großartig mit einem anderen Menschenkind harmonieren, dann erinnern wir uns eben genau daran. Und müssen dafür keine innere Schublade aufmachen. Mein Butterkeks gibt noch nichts darauf, ob er ein Junge oder ein Mädchen sein soll. Wenn man den Keks fragt, wer er ist, dann ist er: „Butterkeks.“ Kenn Ihr die Geschichte vom kleinen Ich bin Ich?

Eben.

Sprich! Mich! Aus!
Als wäre Sprache in Stein gemeißelt

Was solche kleinen Veränderungen in der Sprache bringen sollen fragt Ihr? Ich hoffe sehr, dass meine Kinder dereinst keine Probleme haben werden, wenn sie im Erwachsenenalter eine Person treffen, die nicht ins binäre Geschlechts-Schema passt. Vielleicht kostet es sie im Vergleich zu mir auch keine Überwindung, zu fragen mit welchem Personalpronomen jemensch angesprochen werden will und die entsprechenden (Neo-)Pronomen zu verwenden. Mich kostet das im Moment ein bisschen Disziplin und die Erkenntnis, dass solche Dinge immer ein Tropfen auf den heißen Stein sind.

Und sonst gar nix. Meine Integrität ist nicht in Gefahr, mein mir angedachtes Geschlecht wird nicht bedroht, mir wächst kein Bart und meine Kinder bekommen nicht plötzlich zwei Köpfe davon.

Wie in aller Welt könnte ich also rechtfertigen, meinen Kindern diesen Versuch sprachlicher Rücksichtnahme NICHT vorzuleben? Ich kann es gar nicht oft genug schreiben und es nervt sicher schon, aber: Es kostet nix. Es verändert meinen Tagesablauf nicht. Es wird den Horizont meiner Kinder hoffentlich erweitern. Also: Warum diese Abwehrhaltung? Warum diese Angst? Natürlich kann ich nicht jeden Menschen in allen seinen Befindlichkeiten innerhalb eines einzigen Blogposts abdecken. Aber ich kann mir Mühe geben, die Dinge, die ich weiß und kenne umzusetzen. Ich mag mich dafür nicht mehr rechtfertigen.

Trial and Error

Sprich! Mich! Aus!
In Progress!

Ich mag auch nicht mehr diskutieren müssen, ob „Native Americans“ jetzt so viel komplizierter ist als andere Bezeichnungen und ich will auch nicht ständig erklären müssen, warum ich manche Kinderlieder nicht so richtig geil finde. Ich darf doch auch HipHop Texte, in denen Menschen abgewertet werden, kritisieren. Weil es ebenso viele gute und nicht rassistische Kinderlieder wie Rap Texte gibt, kann eins einfach auf die ausweichen. Mir geht da kein Hektar Nationalgut durch die Lappen. Nee. Und meinen Kindern auch nicht. Wir lassen es einfach, andere Menschen herabzusetzen, indem wir uns über sie lustig machen. Da muss jetzt keine*r aufspringen und applaudieren. Herzlichen Dank auch, dazu bauen wir immer noch viel zu viel Mist. Aber  das genervte Augenrollen brauche ich wirklich auch nicht jedes Mal.

Im Übrigen wollen wir mal ganz ehrlich bleiben: Ohne helfende und sehende Menschen in meiner Umgebung würden mit 99% dessen, was ich versuche zu vermeiden, überhaupt nicht auffallen. Weil ich in einer Welt groß geworden bin, die zB Alltagsrassismus vollkommen ausblendet. Logisch, die weiße, wohlhabende, körperlich nicht eingeschränkte Cis-Person, die ich bin, kommt er mir persönlich auch höchst selten unter. Weil ich, genau wie meine Eltern, mein Partner und meine Kinder, richtig richtig privilegiert aufwachsen und leben darf. Kommt uns vielleicht nicht immer so vor, aber isso.

Glückskinder

Sprich! Mich! Aus!
Glückskinder in so vielerlei Hinsicht

Solchermaßen in vielerlei Hinsicht echt vom Glück verfolgt finde ich es für mich und meine Kinder die falsche Strategie zu sagen: „Rassismus? Diskriminierung? Hamwa hier nich!“ Hamwa nämlich volle Kanne. Befeuern wa selber tagtäglich, weil es uns nicht bewusst ist. Und die Erkenntnis tut schon weh. Mir zumindest. Dass ich ein Rassist wider Willen bin, macht es ja nicht besser. Das einzige, was es „besser“ macht, ist der Versuch, zu sehen, was passiert. Sich für Fehler zu entschuldigen. Und am Ende was gelernt zu haben. Je umsichtiger meine Kinder mit ihrer Sprache sind, was zB genau diesen Punkt anbelangt, desto größer wird auch ihr Wissen und ihre Weitsicht. Bis vor wenigen Jahren wusste ich zum Beispiel nicht mal, dass es nichtbinäre Personen gibt. Und ich sag Euch: Da tun sich Welten auf! Erkenntnisse stapeln sich und ich hoffe inständig, ich kann wenigstens einen kleinen Teil davon weiter geben- mitunter sprachlich. Woher sonst, wenn nicht von ihren Eltern sollen Kinder diese Aussicht denn bekommen? Später auch mit immer genaueren Erklärungen. Die Welt ist schön und bunt und meine Kinder sollen möglichst viel davon in ihren hübschen kleinen Köpfen speichern. Sie sollen sich und Menschen in ihrer Umwelt lieben (viele) und scheiße finden (hoffentlich wenige), wie es ihnen be-liebt und sich dabei nicht davon einschränken lassen, was sie in ihrer Hose vorfinden.

Lasst Euch nicht ärgern, seid lieb zueinander und lasst mir die Freude, meine Sprache für solche Dinge und Menschen einzusetzen. Manchmal ist Sprache alles, was ich habe. Darum lege ich viel Wert auf sie. Und aufs Küssen der Kinder, versteht sich. Nochmal! Nochmaaaaaal!!!!

Eure Julia

 

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