Schön sein.

Schön sein.

Ihr Lieben, es drängt mich, Euch zu schreiben. Ich will niemenschen ärgern, ich will niemenschen in eine Schublade stecken und ich will keiner*m ihre*seine Meinung verbieten. Aber ich will, dass Ihr etwas wisst. Bereit? Bereit!

Eurer Körper gehört Euch. Und Ihr dürft ihn genau SO lieben, wie er ist.

Schön sein.
Ungeschminkte aber schlank gewinkelte Aussichten

Kommt Euch spanisch vor? Ist jetzt nicht so der Knaller? Doch, Freunde*innen. Doch. Denn: JEDER Körper ist liebenswert. Nicht, dass ich Euch vorschreiben dürfte, Ihr MÜSSTET ihn lieben, Euren dauerhaften fleischlichen Weggefährten. Aber so grundsätztlich ist er es WERT, geliebt zu werden. In ALLEN Extremen. Dicke Körper. Dünne Körper. Kranke Körper. Fette Körper. Dürre Körper. Muskulöse Körper. Sterbende Körper. Alternde Körper. Wachsende Körper. Behinderte Körper. Verhinderte Körper. Versehrte Körper. Vernarbte Körper. Leistungsfähige Körper. JEDER KÖRPER verflixt!

Dabei steht es mir überhaupt nicht zu, Euren Körper in irgendeine Kategorie zu pressen. Ich darf nicht mal raten, wie Euer Körper zu typisieren sei, denn es geht mich nichts an. Ganz gewiss darf ich Euch auch nicht vorschreiben, ob Ihr Euren Körper mögen dürft, oder nicht. Denn auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Es ist Eurer.

Dass Eurer Körper liebenswert ist, wie er ist, bedeutet übrigens auch nicht, dass Ihr nicht das Bedürfnis haben dürft, ihn zu verändern. Oder Teile davon einfach nullnicht mögen dürft. Dürft Ihr! Nur zu!

Yours. Mine. Fine.

Schön sein.
Paradoxon: Mit Kind finde ich mich immer schön

Mein Körper zum Beispiel ist unheimlich weit von dem entfernt, was uns so als „schön“ verkauft wird. Ihr könntet ihn mindestens unter „dick“ verbuchen, vielleicht sogar unter „fett“. Ich weiß, dass er furchtbar wabbelig geworden ist, in den letzten Jahren und zu allem Überfluss auch noch faltig. Da werde ich einen Teufel tun, und Euch erzählen, wie geil ich das finde. Ganz im Gegenteil. An manchen Tagen nervt mich diese Ansammlung von Speck und Schmerzen wie die Sau.

Aber ich muss mich selbst in die Pflicht nehmen: Wer genau sagt denn, wie so ein Körper zu sein hat? Wer hat denn mein Verständnis davon geprägt, was „schön“ und „gesund“ ist? Und: Sollte ich dieser Prägung ohne Nachfrage vertrauen oder lohnt es sich, da mal einen kritischen Blick drauf zu werfen? Ich für mich kann Euch verraten: Der kritische Blick über den Tellerrand lohnt.

Denn wenn ich genau drüber nachdenke, kann es doch nicht sein, dass nur wer „schön“ ist, auch glücklich ist, oder? Und wie wahrscheinlich ist dieses „schön“ denn, von dem wir hier reden- äh, WELCHES „schön“ denn überhaupt???

Look at… what?!

Schön sein.
Wunderschöne Speckbohne

Komischer Begriff, dieses „schön“, oder? Der ist für mich, die ich mich als Frau verstehe (zumindest zu großen Teilen- warum auch immer) lange Zeit meines Lebens ausschließlich und nur abhängig gewesen von: Dem, was diejenigen, die ich für Männer meines Beuteschemas hielt und meine Mama sagten. Es mag jetzt keine große Überraschung sein, aber glücklich gemacht hat mich das nicht. Wärt Ihr sicher selber drauf gekommen.

Aber der Prozess, sich aus diesem Schema zu lösen ist anstrengend. Zu erkennen, dass ich mich zu einem Instrument gemacht habe, anstrengend und schmerzhaft. Schmerzhaft besonders auch in Bezug auf die Tatsache, dass mich das unreflektierte Übernehmen dieser Schönheitskriterien auch zur Täterin gemacht hat und macht. Denn ich halte mich selbst für durchaus plietsch. Aber ich bin immer noch nicht mutig genug, im ersten Anlauf zu schreiben: Ich bin sauklug. Weil ich eben schon nicht nach anderer Menschen Definition „sauschön“ bin und da greifen zwei Gedanken.

  • Wenn ich schon nicht schön bin, dann kann ich auch weder klug noch gesund sein. Hab ich schließlich in der Schule gelernt- nur in einem gesunden(=schönen) Körper wohnt ein gesunder Geist. Upsi.
  • Überhaupt klingt „klug“ nach einem Trostpreis, der die kleine Schwester von „hässlich“ ist.

Wo jetzt die Täterin drin steckt, fragt Ihr? Naja, ist ja nicht so, dass solche Reflexionen nur für mich gelten würden, wenn ich sie so vor mich hindenke. Unglücklicher Weise ist es auch nicht so, dass ich immer erst denke und dann rede- was wiederum zur Folge hat, dass ich schon mehr als einmal körperliche Merkmale genutzt habe, um andere Menschen fies herab zu setzen. Erinnert Ihr Euch an meinen Rant über die nervige alte Dame? Wie nötig war es, ihren pinken Lippenstift zu erwähnen? Damit zu betonen, dass es da vielleicht eine gewisse Diskrepanz zwischen ihrem gefühlten Alter (yeah, gimme Pink, das knallt!) und ihrem tatsächlichen Alter ist? Wer bin ich, zu urteilen, ob dieser Lippenstift ZU pink ist, oder nicht? Und warum ziehe ich sie damit ins Lächerliche?

Also selbst mit Reflexion und allem Drum und Dran passiert mir dieserVerurteilung körperlicher/äußerlicher Merkmale (und ich bin noch immer so grantig, dass ich nicht vollends bereit bin, sie aufzugeben!). Weil diese murksigen Sätze einfach so in mir drin sind. Dabei sind sie genau das: MURKSIG!

Murks.

Schön sein.
Dicker Schal. ^^

Genau das sind diese Gedankengänge. Murks. Und da ist sie dann auch plötzlich, diese „Gesundheit“ in Bezug auf Gewicht, die sich in einer für heterosexuelle Cismänner möglichst augenschmeichelnden Bandbreite bewegt. Die vor allen Dingen allein durch Inaugenscheinnahme durch dieselben zeigt. Ähm. Im Ernst jetzt? Ihr SEHT, wie gesund oder krank mein Körper ist? Und ich Vollpfostin glaube Euch das auch noch? Orrrrr.

Kein längst pulverisierter (männlicher, weißer) Mensch aus der Antike (jetzt kommt das sicher gar nicht aus der Antike, aber Ihr wisst, was ich meine, ne?! Aufklärung erwünscht!) hat das recht, mir vorzuschreiben, wie ein gesunder/schöner Körper für mich auszusehen hat und ob/wie gesund der darin enthaltene Geist ist. Kein moderner Mensch ginge mit der Argumentation d` accord, dass in einem versehrten Körper nur ein versehrter Geist wohnen könne. Das wäre ziemlich.. äh… also… mir fällt da gar nix zu ein. Ist vielleicht auch besser so.

Aber seht Ihr, was ich meine? Im liebevollsten Fall an miesen Tagen frage ich mich noch, ob mein Gewicht denn nu so gesund für meinen Körper ist. Und ohne Recherche komme ich zu dem Schluss, dass das nicht sein kann. Weil? Weil alle das sagen, logo! Aber wer sind alle? Warum sagen die das? Und bevor jetzt „alle“ nach Studien un der Wissenschaft schreien: Ohne generell alles und jede*n anzweifeln zu wollen- von wem wird diese Wissenschaft betrieben und zu welchem Zweck? Kann ich da blind vertrauen, oder frage ich sogar in solchen Belangen lieber einmal mehr nach?

Word up.

Schön sein.
Sehr symbolträchtig, wa?!

Die Antwort muss jede*r für sich selbst finden, denke ich. Mir haben einige TwitterMenschen zu einer Menge mehr Wissen in dieser Hinsicht verholfen. Geschichtenerzähler*innen, die lange und viel recherchieren. Und dann spielend leicht den Zusammenhang zwischen zB. „Di*er ist hässlich“ und „Di*er muss `ne Emanze sein“ aufdröseln. Die die Macht derer aufzeigen, die für sich beanspruchen, „Schönheit“, „Gesundheit“ und „Erfolg“ zu definieren. Die klar stellen: Wer die Definitionshoheit hat, hat Macht. Und nicht zuletzt: Die die Defintionshoheit wieder auf uns alle übertragen wollen. Aus den Händen einiger weniger zurück in den Schoß vieler.

Vieler Menschen, die sich heute unzulänglich, hässlich und nicht genug fühlen. Zurück zu den Menschen, die von ihrem Körper Leistungen abfordern, die dieser nicht bringen kann und deshalb als „krank“ stigmatisiert werden. Menschen, die es nicht wagen, ihren Körper zu lieben, weil sie denken, es gäbe nur diesen einen, idealen Körper. Dabei sind Körper so vielfältig, wie es nur geht. Und keine*r von uns hat das Recht, den einen Körper für liebenswert zu halten und den anderen nicht. Womit wir wieder am Anfang wären:

ALLE Körper sind liebenswert. ALLE!

Schön sein.
Huch?!

Tjanun. Langer Rede kurzer Sinn: Wenn Ihr Dinge über Körper lernen wollt, kann ich Euch Twitter ans Herz legen. Geht schnell und nebenbei. Aber diese Menschen bloggen teils ja auch- feel free to klick! (Eine winzig kleine Auswahl mit Hauptaugrnmerk auf Körperfülle- es gibt so viele mehr! Hängt gerne in den Kommtentaren weitere lehrreiche Menschen an, ich versuche die nach und nach zu integrieren.)

@FatFeministWitch

@KivanBay

@magda_albrecht

@yrfatfriend

Warum Ihr das tun solltet? Für Euch. für Eure Kinder. Und zwar ungeachtet derer Geschlechtsorgane. Jedes Kind hat das Recht darauf, sich selbst zu lieben. Und wir tragen maßgeblich dazu bei, wie ihnen das gelingen wird. Das bedeutet nicht, dass es allein in unserer Verantwortung liegt oder sowas gruseliges. Aber wir haben eine einmalige Chance- oder besser, ich glaube, ich habe sie: Ich kann versuchen, die Selbstliebe meiner Kinder zu erhalten, damit sie sie sich nicht dereinst wie ich hart zurückerobern müssen. Darin stecke ich gerne einiges an Energie. Und Zeit. Und gerne auch schmerzhafte Erkenntnisse über meine eigenen blinden Flecken in Sachen Bodyshaming, Rassisimus, Klassismus, Ableismus, Diskriminierung, Marginalisierung– ähm, die ganze Bandbreite des Scheißeseins eben.

Schön sein.
Wun-der-schön!

Ich lerne. Jeden Tag. Und immer, wenn ich eine kleine Lektion durch habe, küsse ich die Kinder. Jetzt zum Beispiel. Zur Nachahmung empfohlen!

Eure Julia

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