Schlaf in Wikingerkreisen

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Grundsätzliches zu Selbstbestimmtheit und Schlaf durfte ich schon schreiben. Aber was sich in der Theorie ganz großartig anhört, sollte sich in der Praxis erst bewähren. Darum hier ein Einblick in unsere Schlafpraxis (während der Kleinräuber schläft und ich offensichtlich ausgeschlafen genug bin, um zu bloggen).

Keines meiner Kinder braucht besonders viel Schlaf. Aber sie profitieren unheimlich, wenn ich eine Umgebung schaffen kann, in der sie den dann auch wirklich bekommen.

Im heißgeliebten Schrebergarten heißt das: Eine kleine Kuschelecke aus Sitzauflagen und Isomatten im Gartenhaus, die das Großkind für mich und den kleinen Räuber oft ganz liebevoll aufbaut. Die Kinder können dort wunderbar Kuscheln und Toben. Sobald ich glaube, einer von ihnen bräuchte dringend eine Mütze Schlaf, lege ich mich dazu. Die Mütze Schlaf braucht zumeist der kleine Räuber, deswegen bleibe ich für ihn eine Weile „stillbereit“, während er Angefangenes abschließt, nochmal bei seinem Bruder nach dem Rechten sieht oder einfach noch ein bisschen mit mir Unfug macht. Irgendwann legt er sich zum Trinken zu mir. Und meistens schläft er bald darauf ein.

Natürlich gebe ich ihm den Impuls, dass Schlafen jetzt doch eine echt gute Idee wäre. Aber ich muss mich dafür nicht an bestimmte Zeiten halten, ich muss das Kind nicht zum Schlafen zwingen, es reicht, wenn ich mich „verfügbar“ halte und warte, ob der Kleinräuber darauf eingehen mag. Und ehrlich: Sehr oft mag er nicht. Solange er dabei nicht furchtbar unleidlich wird, ist das auch kein Problem, ich stehe auf, er kommt mit, der Tag geht weiter. Dann war eben der Wunsch der Vater des Gedanken…

Vom klassischen „ins Bett bringen“ sind wir damit meilenweit entfernt.

Für die Nacht haben wir inzwischen eine wunderbar überdimensionierte Räuberkuschelhöhle von knapp drei Metern Breite geschaffen. In die verschleppe ich den Babysohn, wenn ich glaube, sein Tag ist beendet. Meistens glaubt er das nicht und weil die Räuberhöhle kinderfreundlich niedrig ist, verlässt er sie seit er etwa ein halbes Jahr alt ist selbstständig und geht nochmal spielen. Oder holt irgendetwas ins Bett. Oder tobt ein bisschen mit dem großen Bruder. Die Möglichkeiten sind mannigfaltig und je nach dem, um wie viel Müdigkeit ich mich verschätzt habe, liege ich im Räuberbett und atme auch erstmal tief durch.

Ich kann die Zeit, die der Krümel braucht, um ins Bett zu finden inzwischen für mich nutzen und sogar genießen. Denn ich liege zwar abrufbereit, muss aber nur ganz selten wirklich irgendwie mit dem Sohn interagieren. Er beschäftigt sich meistens mit Dingen in meiner Umgebung während ich auch zur Ruhe komme, ihm ohne Ablenkung zusehen kann, weil der Wikingergatte beim Großsohn ist. Wir machen gerne noch ein bisschen Quatsch, ich wundere mich, wie man so irrsinnig schnell wachsen kann und wie rasant man die verrücktesten Fähigkeiten entwickeln kann. Und dann legt sich der kleine Räuber auch hin und trinkt. Mal lange. Mal kurz. Und irgendwann schläft er.

 

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Schlaf-Streber!

Ja, ich höre Euch voller Empörung aufschreien. Ja, das klingt nach Bullerbü. Nein, das ist nicht immer so. Das Schauspiel mit Wegkrabbeln-und-Wiederkommen kann sich n-hoch-zehn-fach wiederholen. Es kann auch gut und gerne passieren, dass ich nichts genieße und völlig entnervt aufstehe, um wenigstens noch vor zwölf duschen zu können. Kann auch gut sein, dass der Großsohn aus dem Esszimmer ruft: „Mama, hat der Babyräuber dich wieder ins Bett gebracht?“ und alle drei (!) Jungs kichern sich einen. Aber dafür, dass es sich hier um dieses leidige Ins-Bett-Geh-Thema handelt, finde ich die Ärger-Gesamt-Summe erstaunlich niedrig. Zumal meine innere Einstellung (!) die Situation sofort entspannen kann, wenn ich kann.

Und im Kindergartenalter?

Ähnlich handhaben wir es beim großen Sohn. Der muss, genau wie der kleine Sohn übrigens auch, mindestens drei Tage die Woche zu einer festen Uhrzeit aufstehen. Dennoch hat sich der Versuch, zu einer vernünftigen (sic!) Uhrzeit alle ins Bett zu bringen, als haltlos erwiesen. Die Kurzfassung lautet: Viel Stress, viele Tränen, Elternstreit und am Morgen trotzdem ein müdes und schlecht gelauntes Kind. Stattdessen gibt es jetzt einen Zeitpunkt, an dem allabendlich die verfügbaren Medien abgeschaltet werden. Von da an kann der Sohn sich selbst beschäftigen, solange er will. Im Regelfall heißt das, dass er mit uns auf dem Sofa kuschelt und entweder irgendwann darum bittet, ins Bett gebracht zu werden oder auf dem Sofa einschläft.

Jetzt zerreisst mich in der Luft, aber für unseren Großen klappt das so. Zu keinem Zeitpunkt will ich behauptet, dass diese Konstellation mit jedem Kind in der Bitte ums ins Bett bringen mündet. Aber ich glaube, dass die meisten Kinder, die mit den Signalen ihres Körpers und ihren Eltern zusammenarbeiten dürfen, keine Kämpfe um Bettgehzeiten bräuchten. Okay. Weniger. Sagen wir: Weniger. Bevor wieder einer schreit.

Win-Win

Indem ich letztlich die biologischen Bedürfnisse meiner Kinder für mich arbeiten lasse, passiert aber noch etwas ziemlich schönes: Ich kann den Krümeln einmal mehr zeigen, dass ich ihnen vertraue. Ihren klugen Köpfen, Körpern und Seelen. Denn auch wenn sie meistens deutlich länger wach sind, als es uns Eltern lieb ist: Wach geblieben ist noch keiner. Darauf kann ich mich verlassen. Das entstresst meine Abende irrsinnig. Das entstresst mich irrsinnig. Denn statt mich für den Schlaf meines Kindes verantwortlich zu machen, trage ich nur die Verantwortung für das, was ich wirklich beeinflussen kann: Möglichst gute Begleitumstände. Eine möglichst geeignete Umgebung. Ein genaues Hinsehen. Schlafen muss das Kind am Ende ja doch selbst. Und je entspannter ich die Krümel dabei begleiten kann, desto schöner sind die Abende.

Logisch, ein bekloppter Tag wird nicht dadurch besser, dass die verrückten Räuber abends auch noch wirklich lange mit uns Erwachsenen zusammenknallen. Und ich dann ganz tapfer bereit liege und innerlich überkoche. Ein gerade völlig phasenverschobener Großräuber findet schwer in den Schlaf, egal, wie sehr ich mein Vertrauen durch die Gegend posaune. Ein zahnender Kleinräuber findet es ganz herzallerliebst, wenn ich da stillbereit liege, aber an den Unannehmlichkeiten des Zahnens ändere ich damit nichts. Das wird auch lautstark bemängelt.

 

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Wirklich ABER! Bei all den Methoden, die das Großkind mit uns durchmachen musste, bei all den Ideen, die der übermüdeten Mutter (bei ersten Kind scheint die Fallhöhe diesbezüglich irrsinnig viel höher zu sein) angetragen wurden war KEINE  dabei, die so problemarm funktioniert wie Vertrauen und Selbstbestimmtheit. Ich saß auch schon vor einem Gitterbett, die Hände durch die Gitter in die des kleinen Großräubers verschlungen und herzzerreißend mit ihm weinend. Wir haben uns angesehen und gefragt, wie es denn sein kann, dass Einschlafen so Kloß-im-Hals-Herz-Schmerz-mäßig schrecklich sein muss. Und gottseidank, irgendwann kam die Erkenntnis dann: Muss es nicht. Dazu musste ich auch eine viel weniger schmerzliche Entscheidung treffen, als diese Gitterbett-Geschichte. Ich musste mich nur dazu durchringen, dem Großräuber zu vertrauen. Und mir zu vertrauen, dass DAS richtig ist.

Das kurze Fazit zu dieser Entscheidung lautet: Läuft. Und die praxisnahe Moral: Manchmal, aber nur manchmal, bleibt am Ende des Abends noch ein kleines bisschen Zeit übrig. Und die nutzen ich dann, um mit dem Wikingergatten ein bisschen Händchen zu halten, bevor wir beide von dieser bleischweren Elternmüdigkeit übermannt auch einschlummern.

Gute Nacht!

Eure Julia

 

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