Rudolf Steiner und ich. Eine Bruchrechnung.

Rudolf Steiner und ich. Eine Bruchrechnung.

Ihr Lieben, eine kleine Warnung vorweg. Sollten Eure Kinder eine Waldorf- Einrichtung besuchen und dort glücklich sein- lest diesen Text einfach nicht. Er nutzt Euch nicht, denn er berichtet nur von unserem individuellen Weg und meiner Lehre daraus. Er sagt nichts über Euren Weg aus und darum würde ich mir wünschen: Genießt das Privileg, eine passende Betreuungs-/Schulform gefunden zu haben. Lasst Euch weder verurteilen noch beirren. Aber seid auch so lieb: Lasst mir meinen Weg. Ihr müsst nichts verteidigen, denn solange IHR mit Eurem Weg d`accord seid, ist für Euch alles gut. Und so soll es auch bleiben.

Alle anderen und unverbesserlichen Neugierigen diese kleine Rechnung. Und obwohl der Titel zugegebener Maßen gar nicht schlecht reißerisch ist, muss ich Euch erstmal enttäuschen: Die Waldorf-Einrichtung, die unsere Kinder bis vor Kurzem besuchten war ein wunderbarer Schutzraum! Ich würde im Traum nicht behaupten wollen, dass einem meiner Kinder innerhalb dieses schnuckeligen Kindergartens auch nur ein Haar gekrümmt worden sein könnte. Jede der Erzieherinnen hat nach bestem Wissen und Gewissen die Integrität und das Wohlergehen meiner Kinder gestärkt wo und wie sie konnten. Sie haben uns alle mit offenen Armen empfangen und sich wirklich intensiv um unsere Kinder bemüht.

Wo der Haken ist? Warum denn jetzt plötzlich eine Abrechnung?

Rudolf Steiner und ich. Eine Bruchrechnung.

Püh, der Auslöser ist relativ banal: Die Waldorfschule, neben der wir quasi wohnen hatte keine Platz für uns. Also sind wir ehrlich: Gekränkte Eitelkeit war der Auslöser, dieses ganze Waldorfkonzept nochmal zu überdenken. Denn mal ernsthaft: Warum sollte ich meine Kraft und Energie in nicht geringem Außmaß in etwas stecken, von dem ich hoffte, es wäre eine gute Alternative zum Regelschul- und Kindergartensystem, wenn ich dort gar nicht gewollt bin? Aber der Reihe nach.

Welche Energie meinen wir denn hier? Ich gebe doch meine Kinder nur im Kindergarten ab und mache mir dann einen schönen Lenz, oder?

Also. So ähnlich. Eigentlich war es zu Hochzeiten so, dass ich unseren ganzen Tag auf den Kindergarten abgestimmt habe. Aufstehen, Anziehen, K1 abgeben (8.00Uhr), K2 im Morgenkreis begleiten (8.30 Uhr), K2 verabschieden (9.00 Uhr), mit K3 zur Krabbelgruppe (9.30 Uhr), K2 abholen (11.30 Uhr), K1 abholen (12.00 Uhr) nach Hause. Alle Beteiligten mehr oder minder ausgelaugt. Tag für Tag für Tag. Ich bin freiwillig (!) Elternsprecherin, versuche in Wartezeiten innerhalb des Kindergartens den Garten ein bissche mit zu pflegen, putze sechs Mal pro Kindergartenjahr einen der Gruppenräume am Wochenende, besuche regelmäßig die monatliche Gesamtkonferenz (bestehend aus Elternvertreter*innen, Vorstandsmitgliedern des Vereins, der Kindergartenleitung und den Erzieher*innen) abends bis zehn und versuche so, nicht nur zu den vierteljährlichen Elternabenden (zwei pro Vierteljahr weil zwei Kinder) einen angemessenen Einblick in Theorie und Praxis der Waldorferziehung zu gewinnen. Das sind die groben Eckpunkte. Weil ich viel Zeit in den heiligen Hallen überbrücken musste, kommt noch viel Kleinkram dazu. Geschenkt. Sonderveranstaltungen. Geschenkt. Anrufe, mein Kind sei so müde, ob ich es gerne abholen wolle? Geschenkt.

Rudolf Steiner und ich. Eine Bruchrechnung.
Die Wege der Elternschaft sind… äh.. Wege?!

Warum? Weil ich das alles gerne und aus Überzeugung gemacht habe. Ich brauche dafür weder Applaus noch Zuspruch, denn die Belohnung war ein sicheres Nest für das seelisch wackelnde Vorschulkind und sein sanftes Sandwich-Geschwisterkind. Und schon beim Bewerbungsgespräch für den Kindergartenplatz war klar: Voraussetzung ist, dass dieser Schutz über die Kindergartenzeit hinaus bestehen sollte. Oder zumindest das unser Wunsch ist. Denn eins weiß ja nie, wie es kommt. Und wie es kam, das hätte ich tatsächlich nicht gedacht.

Warum nicht? Sagen wir so: Weder Schule noch Kindergarten wäre Falschinformation vorzuwerfen. Es war von vornherein klar, dass der Kindergarten kein Freifahrtschein für die passende Schule ist. Niemensch hat uns versprochen, dass unser Großkind einen Platz in der Waldorfschule sicher hätte. Und letztlich haben ja gerade die Kriterien einer genauen Auswahl der Schüler und das Geld/die Initiative die Eltern in diese Schule stecken müssen, uns dazu bewogen, den Versuch zu wagen und uns um einen Platz zu bewerben.

Rudolf Steiner und ich. Eine Bruchrechnung.
Mehr Waldorf wird`s auf der Fensterbank nicht mehr.

Das klingt jetzt ein bisschen paradox, aber Grundpfeiler der Waldorfschule ist ja, dass die Kinder einer Klasse in den ersten Schuljahren eine Lehrperson haben, die sich in fast allen Fächern und fast allen Belangen um sie kümmert. Der Klassenverband der Kinder soll einer sein, der vom Schuleintritt bis zum Schulaustritt derselbe ist. Da muss die Chemie definitiv stimmen, oder?! Und das Angebot unserer speziellen Schule ist einfach der Hammer: Vom Schmieden (!) übers Töpfern, von Bewegungslehre über Praktika auf Grönland- Himmel, das klingt, als hätte ICH diese Schule besuchen wollen, verflixt! Und das ist natürlich nicht umsonst.

Wir hätten gerne 280 Euro im Monat für eine alternative Schulform investiert. Wir hätten weiterhin zu fünft in dreieinhalb Zimmern gewohnt und das hätten wir gerne getan. Ich habe ein bisschen geweint, weil diese Entscheidung den Traum vom eigenen Haus schlicht für die nächsten zehn Jahre begraben hätte. Aber wer bin ich, dass ich meinen albernen Traum über die Schul(- oder besser Charakter-)bildung meiner Kinder setze? Denn natürlich hätte auch das Mittelkind dieses Privileg genießen sollen und eines Tages auch die Speckbohne. Und spätestens dann wären die anfallenden Kosten auch zu vernachlässigen gewesen, denn für drei Kinder ist der zu leistende Betrag kaum höher als für eines. Also: Das wäre schon geil gewesen.

Auf der anderen Seite hätte uns eine Absage nicht übermäßig gegrämt. Logisch, schade um das Infowochende, dass ein Elternteil („Schön wäre es, beide Elternteile kennen zu lernen“) in der Schule verbringen musste, wenn eins noch was anderes zu tun hat. Auch ein bisschen schmerzhaft fürs Bankkonto, das um siebzig Euro für einen Wesenstest erleichtert wird. Aber hey, einen Versuch ist es wert. Und ich gebe zu: Obwohl ich vielem in dieser Schule maximal kritisch gegenüber stehe und stand- es nicht versucht zu haben wäre auch maximal scheiße gewesen. Dabei war ich aber ein bisschen naiv.

Gute Aussichten

Denn ich dachte erstens: Ich leiste so viel ich kann für den Kindergarten. Ich signalisiere, dass ich bereit bin (fast) alles mit zu tragen. Ich habe eine Chance. Zweitens: Wenn es nicht passt, dann sagen die uns fix zum angekündigten Zeitpunkt Bescheid und dann ist jut. Tja. War nicht ganz so. So wie die angekündigte halbe Stunde Aufnahmegespräch mit beiden Elternteilen nicht ganz so war wie angekündigt. Für die ein Elternteil einen ganzen Tag Urlaub genommen hatte. Wo doch zehn Minuten gereicht hätten. Die betreffende Gesprächsperson nicht mal den Namen des aufgerufenen Kindes wusste und ausschließlich dieselben Fragen stellte, wie ich sie auf dem Aufnahmebogen Wochen zuvor bereits ausführlich beantwortet hatte.

Was mir aber jede aufkeimende Waldorf Affinität endgültig zunichte gemacht hat, war die Art und Weise der Absage. Denn noch vor Weihnachten waren Ergebnisse hoch und heilig versprochen. Über Weihnachten erfuhren wir von anderer Stelle, dass Zusagen auch schon vor Weihnachten im Briefkasten gewesen waren. Und ich musste mir unsere „vorläufig haben wir leider keinen Platz aber bis Mitte März werden die Plätze auf der Warteliste vergeben“-Absage am Montag nach den Weihnachtsferien selbst ertelefonieren. Zwei Tage später hatten wir das entsprechende Schreiben inklusive Zahlungsaufforderung für den Wesenstest im Briefkasten.

Ähm? Moment. Ich habe drei Kinder in Waldorfeinrichtungen, wohne wenige hundert Meter neben der Schule, machen jeden Tanz mit, sehe großzügig darüber hinweg, dass die Entstehung von Atlantis im selben Fach unterrichtet wird sowie dereinst (hoffentlich?) die Verbrechen der Nazizeit (nämlich im Fach „Geschichte“) UND DANN WOLLEN DIE UNS NICHT UND HABEN NICHT MAL DEN ARSCH IN DER HOSE UNS DAS VOR WEIHNACHTEN ZU SAGEN?????? Ihr merkt, ich bin dezent angepisst. Ich bin bereit einer Einrichtung dreihundert Euro im Monat in den Hintern zu blasen, die Kinder vor dem vierzehnten Lebensjahr für nicht abstraktionsfähig hält und DANN WOLLEN DIE MEIN GELD NICHT? Okay, immerhin, siebzig Euro dann schon. Aber mich und mein Kind halt nicht.

Not enough

Zugegeben: Voll die WaldorfTante war ich nie. Und ich habe auch mit Kritik nicht hinterm Berg gehalten. Denn obwohl ich bereit war Geld und Nerven in diese Schule zu stecken fand ich, dürfte Negatives deswegen nicht vor lauter Euphorie über das Privileg der Privatschule unter den Tisch fallen. Aber dass schon bei Zu- und Absagen für Schulplätze eine Zwei-Klassen-Schere aufgemacht wird- das hätte nicht mal ich für möglich gehalten. Mit der Aussicht, noch knapp vier weitere Monate im Ungewissen zu bleiben, wohlgemerkt. Ey. Das hat was in mir kaputt gemacht.

Und zwar obwohl alle*s und jede*r mir riet, das nicht „persönlich“ zu nehmen. Und dass es erstens tausend Gründe gäbe, warum das so lief und zweites ja noch nicht alle Hoffnung verloren sei. Ich müsse jetzt eben hartnäckig bleiben. Ja, muss ich das? Ich sag Euch: Nö. Und ich sag Euch, was an dieser Geschichte persönlich ist: Die fünf Stunden jeden Tag in den letzten Monaten, die ich in die Organisation des Kindergartenalltages steckte. Die Kraft, die das mich ganz persönlich kostet, wenn ich drei Kinder drei mal am Tag an- und ausziehen muss, Mittagsschläfchen koordinieren, gegebenenfalls abbrechen und dann doch wieder initiieren muss. Die Anpassungen, die ich bei mir vorgenommen habe, wo ich doch immer und immer wieder hörte, wie wichtig unsere GEDANKEN schon bei dem sind, was wir tun.

Persönlich ist auch die Übergriffigkeit, die immer und immer wieder unter dem Deckmantel lustiger Erziehungstipps kinderloser Erzieherinnen an mich herangetragen worden ist. Die ich versucht habe zu beherzigen, obwohl alles in mir schrie, dass das eine verdammte Ungerechtigkeit ist. Weil der Eindruck entstand, wir würden es uns halt einfach machen (Stichwort Medien) und müssten nur Mal ein bisschen mehr Energie ins Kind stecken. Was lustig klingt bedeutet in unserer Situation, dass ich Kraft, die ich nicht habe, in Programme stecken muss, die ich nicht für sinnvoll halte, um Ziele zu erreichen, deren Erreichung ich überfuckinghaupt nicht anstrebe. Aber ich habe vertraut. Ich habe meine Grenzen auf gemacht. Und darin liegt mein großer Fehler.

Rudolf Steiner und ich. Eine Bruchrechnung.

Denn um fair zu bleiben: Keine*r in diesen Einrichtungen will mir etwas böses. Und an genau dieser Stelle muss ich nochnal betonen: Alle Übergriffigkeit findet auf der Basis statt, dass diese Person wirklich um das Wohlergehen meines Kindes besorgt ist. Also, was für eine Krux, oder? Und trotzdem bleibt es übergriffig. Es bleibt ein Überschreiten von Grenzen, aus dem Selbstverständnis heraus, dass sie es eben besser wissen. Dass Kinder eben keine gleichwürdigen Partner sind. Dass sie Bilder brauchen und kein intellektuelles Verständnis der Welt. Dass ein Martinsumzug ohne Erklärung eben heilsamer für die Seele des Kindes ist. Um paradox zu bleiben: Einige der schönsten inneren Bilder ihres letzten Jahres haben die Kinder hundertprozentig aus diesem Kindergarten. Sie seien ihnen vergönnt und dem Kindergarten sei dafür von Herzen gedankt!

Die Idee hinter diesen Bildern, das, wofür sie Werkzeug und Medium sind- das ist nicht meine Welt. Die Art, wie ich als Elter hier behandelt wurde, ist voll scheiße. Und damit endet jedes Verständnis dafür, dass ich vor organisatorische Absurditäten gestellt werde, um mir dann anzuhören, ich mache es mir vielleicht ein bisschen einfach. So ein Adventsgärtlein ist zauberhaft, aber es rechtfertigt den Rat, das Einjährige halt für diese Zeit in eine fremde Gruppe zu stecken, damit das jeweilige Kind (zur Erinnerung: zwei große Kinder, die dafür in Frage kommen. Zwei.) alleine das Gärtlein erfahren könne schlicht nicht. Auch nicht die Urlaubstage, die mein Mann für dererlei Lustigkeiten verpulvert hat. Weil jedes Kind in seiner Individualität wahrgenommen sein will, das mit Geschwistern aber einfach nicht möglich ist und trotzdem alle Kinder sich gleich und in Jahrsiebten entwickeln. Hmpf

Rudolf Steiner und ich. Eine Bruchrechnung.
Wir finden schon nen Weg.

Plus: mein Atheistenherz kotzt jedes Mal im Strahl bei Formulierungen wie „Unsere Hände wollen sich jetzt falten“ und lustigen Liedern aus dem christlichen Kanon. Ich trällere zähneknischend seit Monaten „Maria durch einen Dornwald ging“ weil die Kinder es einfach lieben und ignoriere, dass weder der Inhalt noch der Anlass des Liedes in irgendeiner Form für die Kinder eingeordnet wird. Wisst Ihr, ich hätte allen Ernstes die Rekrutierung meines Kindes im waldorf-christlichen Kontext erlaubt, weil ich mir daraus die Freiheit erhofft hatte, eine angenehme Schullaufbahn für die Kinder zu ermöglichen. Schließlich ist meine Meinung zu diesem Thema eben auch nur EINE Meinung.

Die Summe der Erfahrung ist aber: Fuck Waldorf. Wenn Ihr mich nicht wollt, will ich Euch auch nicht. Insofern ist Eure Entscheidung genau die Richtige gewesen. Thanks for the Fish. Jetzt haben wir uns halt ein Haus gekauft und sorgen für schöne Bilder durch Stockbrot am Lagerfeuer im eigenen Garten.

Die Rechnung geht auf null auf.

Küsst die Kinder.

Julia

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5 Kommentare

  1. Liebe Julia,
    das ist hochinteressant für mich. Ich erwäge nämlich einen Waldorfkindergarten fürs dritte Kind, einfach weil unser wunderbarer Kindergarten so scheißweit weg ist. Und die Haltung dort, die Gleichwürdigkeit, das Ernstnehmen von Kindern, sehe ich in anderen Kitas nicht, ich hab auch schon zu viel Scheiße erlebt, die mir das Herz rausgerissen hat, als dass ich unter einen gewissen Standard gehen würde. Eine Freundin, die kindermäßig sehr auf meiner Wellenlänge ist, hat ihr Kind im Waldorfkindergarten. Es ist ihr eigener alter und was sie erzählt, klingt gut. Mir ist egal, ob sie nur mit Holz spielen oder jeden Mittwoch dasselbe essen. Ich hab kein Problem mit Plastik, Sankt Martin (obwohl ich es schon geil finde, dass meine Vierjährige weiß, wie Muslime beten und dass es Vielfalt gibt. Ist Allah der Bruder von Gott? – Also ich glaube an Einhörner.) oder mit Weltlichkeit. Dinge nicht zu erklären,finde ich hingegen richtig scheiße. Die Haltung ist mir aber am Wichtigsten. Wie gehen die mit den Kindern um? Welche Rolle spielen Eltern? Was meine Freundin sagte, klang ganz anders als Deine Erfahrungen. Sie meinte, das hängt natürlich an den konkreten Menschen. Aber: Ohne eine bestimmte Haltung wirst du nicht Waldorferzieherin, sagt sie. Was denkst Du darüber? Ich denke übrigens deshalb über diesen Kindergarten nach, weil der hier in der Nähe ist. Und fest steht für mich Regelschule, einfach aus Ressourcengründen, Maple und Coco gehen dorthin, 8 min Fußweg. Meine Freundin meinte, viele entscheiden sich bewusst für Waldorfkita und ebenso bewusst für Regelschule. Auch wenn sie mit der Kita glücklich sind. Also meine Frage war: Funktioniert Waldorf nur, wenn man im System bleibt, auch in der Schule? Und das war ihre Antwort. Hältst Du mich für Waldorfkita-geeignet? Danke für Deine Einschätzung und das Teilen Deiner Erfahrungen. Der Umgang mit Erziehungstipps und der Absage ist echt unterirdisch! Steht Einschulung JETZT an? Liebe Grüße! Mo

    1. Ach liebste Mo, ein Regelkindergarten wäre für mich in Lübeck schlicht und einfach nicht in Frage gekommen, das heißt: Egal wie übergriffig ich die Erziehungstipps empfunden habe, egal vor welche organisatorischen Unmöglichkeiten ich gestellt war und egal, wie oft ich vor Wut und Ärger alle Teufel aus der Hölle auf diesen Kindergarten hetzen wollte: Er war das Beste, was uns innerhalb Lübecks passieren konnte. Wenn Ihr ein gutes Gefühl habt und bereit seid, ab und zu ein bisschen die Zähne zusammen zu beißen, wenn es arg sektenmäßig wird: Ab in den Waldorfkindergarten. Die ganze Umgebung, all die Achtsamkeit, das ritualisierte Beisammensein, die Feste im Jahresverlauf- das gibt den Kindern viel. Und letztlich kann eins deutlich kommunizieren, wo persönliche Grenzen liegen. Ich hätte mir solche Tipps auch schlicht verbitten können. Mir war es aber bei allem Ärger immer wichtig, alle Seiten zu sehen und zu hören, aus Angst, etwas nicht mit zu bekommen. Der Preis ist eben, dass der Kindergarten weit in unser Privatleben hinein ragte. Nichtsdestotrotz hat er eine wichtige Rolle erfüllt und im Vergleich mit Freund*innen und deren Horrorgeschichten waren meine Kritikpunkte wirklich Peanuts. Während ich mich ärgere, dass ich angerufen werde, weil das Kind „ein bisschen müde“ ist, wird anderswo gesagt, das Kind „solle sich nicht so anstellen“, wenn sich im Nachhinein herausstellt, es ging um einen gebrochenen Arm. Also…. Do it! Das wird geil! Und die Schulwahl ist davon völlig unbenommen. Es sind einfach ein paar schöne Jahre fürs Kind, egal, was dannach kommt.
      In der Summe sollte das nicht davon ablenken, dass diese Waldorfgeschichte echt eine Art Sekte ist, die davon lebt, andere auszuschließen. Solange Ihr „in“ seid und wachsam bleibt ist das aber für Euch kein Problem und für die auch nicht. Ich persönlich winde mich innerlich, wenn zur Gesamtkonferenz Sprüche von Rudolf Steiner im Chor wiederholt, diskutiert und im Anschluss erneut wiederholt werden. ABER: Das ist ja erstens keine Pflicht (dann bist Du eben nicht Elternsprecherin) und zweitens halt der Preis für den Schutzraum, den die Waldorfkitas bieten.
      Überhaupt würde ich mir das an Eurer Stelle einfach ankucken, ausprobieren und dann weiter sehen. ich würde unseren „alten“ Waldorfkindergarten (in dem auch mein Mann schon war. Von dem aus mein Mann schon erst die Zusage zur Waldorfschule mündlich und kurz vor Ende der Ferien schriftlich die Absage erhalten hat- history repeats itself…)jeder*m empfehlen. Da sind tolle Menschen und es erinnert nichts an die Kinderabfertigungsstationen, die auf der Regelseite oft stehen.
      <3 Ich hoffe, das war nicht zu wirr und Du kannst was damit anfangen! XD

  2. Liebe Julia,
    danke, ja, das hilft mir sehr. So sektenartig ist es in der Kita meiner Freundin definitiv nicht. Sie kennt auch die Leitung und wollte sich mal schlau machen, wie die Einrichtung in unserem Stadtteil ist. Gegen Sektengedöns ist die Freundin selbst allergisch.

  3. Liebe Julia,

    herzlichen Glückwunsch zu eurem neuen Haus und zu eurer Entscheidung!
    Ich bin mir sicher, dass ihr langfristig auf dem besseren Wege seid. Kinder brauchen glückliche Eltern, die ihnen vertrauen und ein sicheres Zuhause, der Rest geht von allein.
    Übrigens in erster Linie zählt der Lehrer (vgl. die Hattie Studie), den kann man sich in der Walldorf Schule auch nicht aussuchen, dann dieSchulfreunde(findet man überall) undvor allem die Einstellung der Eltern (sollte vorurteilsfrei sein).

    Ich glaube, mehr Zutrauen zu den(Anpassungs)Fähigkeiten des Kindes würde den Start ins (Schul)Leben entscheidend erleichtern.

    Ganz schlecht ist es, wenn Eltern eigene Erfahrungen auf Kinder projizieren, statt ihnen diese zu lassen oder wenn es eher darum zu gehen scheint, als Eltern super darzustehen.

    Was sagt denn das Kind zur Schulentscheidung? Ist es nicht viel wichtiger, genau hinzuhören und einen positiven lebensbejahenden Einstieg zu ermöglichen?

    Ich wünsche euch viel Freude am neuen Heim und weniger Sorge um das Schulwohl des Kindes, das eine bedingt auch das andere und zufriedene Eltern haben zufriedene, resiliente Kinder.

    Glückauf und genießt das Leben!
    Jutta

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