Rabaukozilla und das große Glück der brüderlichen Beißhemmung

Rabaukozilla und das Glück der brüderlichen Beißhemmung

Ihr Lieben, der Titel ist lang. Und deutlich, nehme ich an. Denn nachdem die erste Zeit mit zwei Kindern davon geprägt war, dass wir gemeinsam mit den großen Bruder Achtsamkeit gegenüber dem kleinen Bruder gefördert und den kleinen Butterkeks mit Argusaugen bewacht haben, änderten sich die Zeiten. Radikal. Glaubt Ihr nicht? Ich berichte.

Was genau ich da meine? Mh, fangen wir damit an, dass der kleine Butterkeks gar nicht mehr so klein ist. Eigentlich ist er sogar größer, als sein großer Bruder im selben Alter es war und zudem vor allem eines: Noch selbstbewusster und noch durchsetzungsstärker. Ja, noch. Denn schon der Großwikinger war nicht eben schüchtern. Unerschrocken hat sich  der Große auch als er noch klein war in jedes Getümmel gestürzt und jede Herausforderung angenommen. Gerne auch Mal die, Spielzeug gegen drei viel ältere Kinder zu verteidigen. Oder im gerade-Laufen-Alter mit Kindergarten-Kindern Fußball spielen. Wir nennen diese Eigenschaft liebevoll den Wikinger-Größenwahn.

Und jetzt stellt Euch vor, da ist einer noch wahnsinniger, als der König der Irren. Glückwunsch.

Sie haben einen Butterkeks.

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Mindestens so cool wie der große Bruder.

Dass der kleine Kerl allein durch sein großes Vorbild viel Kraft und Motivation gewinnt, steht ganz außer Frage. Der große Bruder kann was? Logo, das kann der kleine auch. Also, nee, kann er nicht. Macht er aber. Oder versucht es so lange, bis er es kann. Oder: Hindert zumindest den großen Bruder an der Ausübung. Dann ist die Welt für den kleinen Purzel eventuell ein kleines bisschen weniger ungerecht. Blöd nur: Für den Großen ist das nur so semi-witzig. Denn er hat ja mühevoll gelernt, dass man kleine Geschwister arg beschützen muss. Dass das kleine Quarkköpfchen noch viel Nachsicht braucht. Und obwohl es fair zugehen sollte und Regeln für alle gelten sollten, gelten manche Regeln für große Brüder eben mehr als für kleine.

Die Keinen-Blödsinn-vormachen-Regel zum Beispiel. Die ist richtig hart. Denn was bei einem Kind noch als leicht gefahrophiler Quatsch durchgeht, unterliegt seit der Geburt des zweiten Kindes ziemlicher Restriktionen. Findet Ihr fies? Ich auch Freunde, ich auch! Allerdings: Wenn der Große Dinge vorführt, die den Kleinen unweigerlich in den Tod stürzen lassen würden, muss die Fairness im Hause Wikinger einfach mal kurz auf den stillen Stuhl. Total kacke. Findet auch der Großwikinger und ich kann ihm da nur beipflichten.

Besser wird es davon allerdings auch nicht.

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Kneipenschlägerei, sozusagen. Murder on the Dancefloor?!

Wenigstens sind alle Beteiligten über zwei sich einig und versuchen den ganz großen Quatsch auf Zeiten zu verlegen, in denen keine akute Lebensgefahr für den Butterkeks besteht. Der weiß sich allerdings auch gut ohne Lebensgefahr zu beschäftigen, denn er wird dann eben einfach in völlig banalen Situationen zu Bruderzilla. Bruderzilla ist ein ziemlich grobes kleines Reptil, das seinen großen Bruder ziemlich fies mit Fingernägeln (schon wieder vergessen zu schneiden! *gnarf) malträtiert oder mittels perfider Haare-zieh-Technik den Verstand raubt.

Warum ein noch nicht mal Zweijähriger sowas nur tun sollte, fragt Ihr? Also, keinesfalls aus böser Absicht. Und das ist deutlich weniger ironisch gemeint, als es klingt. Denn obwohl er endlich angefangen hat, einzelne Worte zu formulieren und ziemlich deutlich in der Kommunikation seiner Wünsche ist, fehlt ihm eines eben doch noch empfindlich: Die Fähigkeit, seiner Frustration über gewisse Dinge Ausdruck zu verleihen. Seine Strategie ist also die, seinen Bruder für ihn schreien zu lassen. Weil er entweder wie die Axt im Walde durch den filigranen Kleinlego-Pacours wütet oder dasselbe einfach vor den Augen seines Bruders schluckt. Geht es ihm danach nicht besser oder spielt der Große wider Erwarten einfach tränenfrei weiter, geht er zu Phase zwei über:

Körperlicher Schmerz.

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Es geht schon auch zusammen, so ist das nicht.

Ich bin noch sehr unsicher, inwieweit der Butterkeks die Reichweite seiner Aktionen überblickt. Bestimmt provoziert er mit diesem Verhalten eine Reaktion. Gewiss freut er sich über eine deutliche Reaktion, gerne auch lautstark. Aber seinem Bruder bewusst weh tun? Ich glaube es wirklich nicht. Denn auch wenn er tief befriedigt feststellt, dass er sein Bruderherz aus dem Spiel gerissen und ein Büschel Haare in der Hand hat: Die Verwunderung, wenn ich ihm sage, dass sein Bruder sehr traurig ist, die ist jedes Mal groß. Fast so, als wollte er sagen: „Wie das denn jetzt? Mir geht es doch wieder gut. Warum weint Ihr bloß?“

Genau genommen wäre es deutlich einfacher, wenn er genau das sagen könnte. Oder formulieren könnte, dass es eine Riesensauerei ist, wie formvollendet sein großer Bruder Lego bauen kann, während bei Ihm kaum ein Stein auf dem anderen halten will. Ähnlich, wie viele fremde (kleinere) Kinder in ähnlich sprachlosem Alter sicher froh wären, er würde „Hi, ich bin Butterkeks, komm spiel mit mir!“ sagen statt sie mit einem kräftigen „Nej!“ zu fällen und sich auf sie drauf zu setzten. Wahlweise versucht er auch, sie einhändig wie eine Katze im Nacken zu packen und zum Sandkasten zu tragen. Also, ich hoffe, er würde sie zum Sandkasten tragen und nicht… ach, lassen wir das. Bleiben wir dabei: Reden wäre für alle ein bisschen weniger schmerzhaft. Tjanun.

Zurück zum Bruder

Der nämlich leidet wirklich. Obwohl ich versuche, die beiden im Auge zu behalten: Oft spielen sie so schön miteinander, dass ich der Versuchung nicht widerstehen kann und den Raum verlasse. SO oft geht das auch gut. Und das muss es auch, den mit zwei Kindern wird die Arbeit ja nicht weniger. Aber leider schaffe ich damit auch Raum für nonverbale Missverständnisse und brüderliche Übergriffe. Und selbst wenn ich wie eine Irre losspurte, wenn der Große verzweifelt ruft und weint- die Kleinkinderhände haben sich dann oft schon tief in die Haare des Bruders oder gar seine Haut vergraben. Der Großwikinger trägt mehr als nur eine Kriegsverletzung pro Woche davon und ich möchte jedes Mal schreien, wenn ich zu spät bin.

Rabaukozilla und das Glück der brüderlichen Beißhemmung
Sieht save aus, nech?! War es. Kurzfristig.

Was gibt es denn absurderes, als dein geliebtes Kind, das dem anderen geliebten Kind weh tut? Menno! Aber unglücklicher Weise bin ich schon erwachsen und weder übermäßige Schreierei noch schmollen und „Menno“ kommen in Frage. Ich erkläre stattdessen dem Lädierten geduldig, dass der Butterkeks nicht aus Bosheit handelt. Ich erlaube ihm, die kleinen Butterkekshände auch nachdrücklich aus seinem Haar zu entfernen (was nie nie nie klappt) und versuche mich an exakt diese Situation zu erinnern, wenn es den großen Bruder doch mal überkommt und er im Frust den kleinen Bruder schubst. Dann nehme ich meine Rest-Geduld und zeige dem Butterkeks, dass sein Bruder traurig ist und wir ihn jetzt vielleicht trösten sollten. Ich versuche zu vermitteln und die Grenzen des großen Bruders zu wahren, ohne die des kleinen zu verletzen. Genau genommen könnte ich langsam entweder Diplomatin oder Präsidentin der verdammten Vereinigten Staaten werden, ohne dass mich das deutlich mehr anstrengen würde, als eben diese Aufgabe. Ehrlich.

Bloß: Schöner als Präsidentin sein, ist Mutter sein.

Denn ich glaube fest daran: Es ist nur eine Phase. Es wird vorbei gehen. Und wir werden alle daran wachsen. Bis dahin tragen wir unsere Blessuren alle mit Fassung und spätestens abends im Bett, bei Einschlafen, kuscheln sich alle wieder heil. Ein Glück. Ich glaube nämlich, das dürfen weder Präsindentinnen noch Diplomatinnen.

Küsst die Kinder. Auch die Streithähne, vll sind sie überrascht und vergessen das Streiten.

Eure Julia

 

 

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