Nacht. Oder: Die dunkle Seite.

Nacht. Oder: Die dunkle Seite.

Es gibt als Eltern Momente, da reagierte wie ganz instinktiv, haben kaum Zeit zum Nachdenken und sind am Ende stolz wie Bolle, dass wir es genau richtig gemacht zu haben scheinen. Und es gibt die anderen Momente. In denen ich noch während ich tue, was ich tue, innerlich die Schultern hochziehe und weiß: Das ist richtig großer Murks, den ich da mache. Und ich spreche leider nicht von Eis zum Frühstück. Ich spreche davon, dass ich meine Kinder wirklich verletze. Dass ich ungerecht und gemeim bin. Rumschreie. Und erst aufhören kann, wenn ich mein trauerndes Kind schluchzen höre. Heute also kein lustiger Text über kleine Eltern Fails. Heute Realität und Tränen.

Das klingt jetzt doch ein bisschen dramatisch. Aber ich möchte, dass Ihr wisst, worauf Ihr euch einlasst. Ihr müsst mich nicht bedauern, keine Sorge. Ihr müsst auch nicht wieder Mails schicken, in denen Ihr mir das Jugendamt an den Hals wünscht. Aber wenn Ihr das hier lest, dann hört Ihr von der anderen Seite des Elternseins. Der, auf der ich echt Mist baue.

Die dunkle Seite der Eltern

Warum ich das überhaupt aufschreibe, wenn ich weder aufmunternde Worte noch Jugendamt oder Hilfe will? Weil ich will, dass echte Fehler nicht verschwiegen werden. Weil ich allen, denen sowas auch schon passiert ist sagen will: Schön ist es nicht und Ihr sorgt Euch zu Recht. Aber ihr seid nicht alleine. Wir machen weiter und wir machen es besser. Auch wenn wir es nicht wieder gut machen können. Weil es zum Elternsein gehört, auch saumäßig Mist zu bauen. Nicht immer merken wir es gleich. Aber in der Nacht, von der ich euch erzählen werden, habe ich es ziemlich schnell gemerkt.

Tjanun.

Nacht. Oder: Die dunkle Seite.
An apple a day… nutzt in dem Fall auch nix mehr

Die letzten Wochen waren ziemlich anstrengend. Das versteht Ihr bitte nicht als Ausrede oder Begründung für mieses Verhalten. Aber es ist ein Fakt. Und den wollen wir nicht verschweigen. Seit gut drei Wochen ist ständig ein Kind erkältet, seit der zweiten Woche wird es schlimmer, die dritte Woche war Krankenstand all over. Die Kinder haben keine Geduld und fühlen sich beschissen. Ich habe kaum Schlaf und eine kurze Lunte. Es ist zum Haare raufen. Mitunter weil ich seit gefühlt Monaten nicht mehr richtig draußen war mit den Kindern. Jedes Mal hat eines Hungermüdepippikalt oder fiesen Husten. Oder eines hustet dermaßen, dass es dabei sich und seine Umgebung komplett vollreihert. Der Butterkeks hat keine Lust auf gar nichts und ist den größten Teil des Tages graurich. Die andere Zeit teilt er seinen Unmut lautstark weinend mit.

Meine Nerven!

Ach, tja und das wollen wir nicht vergessen: Der Kinder Nerven! Sie sind trotz Krankheit so geduldig, müssen mit zum Einkaufen, ertragen Fieber und ihre Geschwister gleichermaßen und dazwischen will ständig ein Erwachsener Fieber messen, Medikamente verabreichen oder dass sie einfach endlich wieder gesund sind, verdammt. Wir versuchen, es uns nicht unnötig schwer zu machen, hören endlose Tage lang Drei ???, essen, was immer uns schmeckt (und bei den Kindern ist das immer noch nicht viel) und machen uns auch nichts draus, wenn wir Netflix leer kucken.

Paw Patrol, Paw Patrol, ruft uns und…

Wir versuchen viel zu kuscheln, Vitamine zu Bunkern, den Hals mit Honig zu schmieren und auf bessere Zeiten zu warten. Wirklich. Aber dieses achtsam-krank-sein erreicht bei mir echt seine Grenzen. Also meine. Ich mache diesen Scheiß jetzt grob drei Wochen und ich mag nicht mehr. Ich muss schlafen. Ich will nicht mehr die ganze Nacht im Viertelstunden-Takt völlig verschleimte Rotznasen auf drölf Kissen umlagern. Ich habe kaum noch Tröst- Kapazitäten. Ich will selber auf den Arm!

Mamaaaa!

Nacht. Oder: Die dunkle Seite.
Autopilot

Stattdessen werde ich auf Klo sitzend von der Speckbohne vollgekotzt. Hattet Ihr schonmal Kotze in der Unterwäsche? Tja. Erfahrungsschatz ist eine unapettitliche Sache manchmal. Und manchmal habe ich für meinen Geschmack auch echt genug davon. Aber zurück zu dieser Nacht: Da legte sich das Mittelkind nämlich auf mich drauf, nachdem ich zum hundertsten Mal in zwei Stunden das über Reizhusten empörte Baby gestillt hatte. Und? Und dann pinkelte mich der Butterkeks voll. Weinend. Und ich lag da stillend. Konnte mich nicht bewegen. Und wurde echt ehrlich und allen Ernstes angepinkelt.

Pssssssst!

Ich weiß nicht, welche Sicherung da durchgebrannt ist, aber ich versichere Euch: Eigentlich ist Angepiescht werden eher lustig als schlimm und den Umstand, dass aufgrund anderer Katastrophen keine Handtücher mehr verfügbar waren, konnte ja auch keine*r riechen. Kurz: Zum Rumbrüllen gab es eigentlich keinen Grund.

Und trotzdem lag ich da nachts um halb drei und habe gebrüllt. Ins Dunkel. Die Nacht an. Das Kind, es solle aufs Klo gehen. Das Baby, es solle mich endlich los lassen, damit ich nicht vollgepiescht werde. Den (weiterhin schlafenden) Mann, warum er mir denn nicht helfe. Und wieder das Mittelkind. Ob es denn völlig daneben sei? Warum zur Hölle es nicht auf Toilette gehe?

Ich, die Furie

Und es hat geweint, dieses Kind. Ganz furchtbar. Hier pinkelt ja keine*r gerne ins Bett. Aber dafür war ich nicht empfänglich. Ich habe weiter gewütet. Das Baby abgedockt, Tücher gesucht, geschimpft. Immer weiter das arme Mittelkind zur Schnecke gemacht. Ich habe irgendwas auf den See im Familienbett geschmissen, das Baby angeranzt und weiter den Kerl angepöbelt. Das Mittelkind war völlig außer sich. Und in dieser Verwirrung dachte es, der auf den See geworfene Stoff sei eine Decke und wollte ganz schnell darunter unsichtbar werden. Da war der Ofen ganz aus. Ich habe das Schutz suchende Kind geschimpft, bemeckert, in den Senkel gestellt. Statt mein Kind zu trösten und in den Arm zu nehmen, habe ich es zur Seite geschoben, vom Decken-Stoff-Piesche-Gemisch verbannt und ihm den Mund verboten.

Shut Up.

Nacht. Oder: Die dunkle Seite.
Nächtliche Monster und Eltern

Ich war gemein. Ich war sauer. Ich war echt ein hartherziges Biest. Nichts aus den letzten Wochen rechtfertigt das. Und ich will auch gar nicht, dass dieser Ausfall aller liebevollen Systeme schön geredet wird. Das war das, was ich sonst unter seelischer Grausamkeit einordnen würde. Unter völliger Überforderung und vor allem unter den absoluten NoGos. Und trotzdem ist es mir passiert. Dennoch war ich so eine Arschloch-Mama.

Ich habe mich irgendwann beruhigt. Ich durfte zum Glück dass schluchzende Kind in den Arm nehmen, trösten und mich entschuldigen. Ich durfte am Kopf des Butterkekses riechen und ein bisschen mitweinen, weil ich mich so furchtbar benommen habe. Das ist nicht selbstverständlich, denn das Kind hat eben erlebt, wie der Mensch, dem es blind vertraut, sich benimmt wie ein wütender Drache. Es hat erfahren, dass der Mensch, der es mit Liebe überschütten sollte, ihm Gift und Galle entgegen spie.

Roaaaarrrrr!

Aber weil Kinder einfach großartiger sind als ihre Eltern und vor allem ein unendlich großes Herz haben, durfte ich ein bisschen geraderücken, was da eben so völlig aus dem Ruder gelaufen ist.

Ob sie ded Mittelkind genutzt hat, meine Reue? Ob damit jetzt alles wieder in Butter ist? Ganz gewiss nicht. Ob die Welt jetzt untergeht, mein Kind auf die schiefe Bahn geraten wird und mich nie wieder sehen will? Fragt mich das in der Pubertät nochmal. Ich weiß es nicht. Kurzfristig scheint der Butterkeks unbeeindruckt von meinem Ausraster.

Ein Glück!

Nacht. Oder: Die dunkle Seite.
Rache-Drache

Es macht keinen Sinn, sich deswegen zu zerfleischen, es ist schon passiert und mehr als mich entschuldigen und kräftig an mir arbeiten bleibt mir nicht. Aber ich finde es wichtig, klar zu sagen, was passiert ist. Zu benennen, dass ich mich da völlig daneben benommen habe. Nicht das Instagram-taugliche daneben. Das echte und wirklich schlimme daneben.

Und obwohl ich nicht behaupten will, dass so ein Verhalten normal ist, weil ich, dass Ihr wisst, dass das eben auch passieren kann. Eltern haben auch dunkle Seiten. Meine wird dunkelschwarz, wenn der Schlaf fehlt. Und ich wünschte wirklich, es wäre nicht so. Aber: Es ist so. Ich werde nicht behaupten, ich wäre frei von diesen Schatten und ich glaube, die wenigsten von uns sind es. Und darum an alle, die diese Situationen kennen: Ihr seid nicht alleine. Ich bin auch so ein Vollhorst. Eine Drachenmutter.

Ein Arsch.

Das gehört auch zu mir. Obwohl es scheiße ist.

Ich küsse jetzt die Kinder und zwar alle drei. Ich versuche mehr zu schlafen. Weniger zu brüllen. Und wenn das Glück mir hold ist, werden wir alle wieder gesund und ich kann meine Energie wieder in wunderbare Dinge für und mit meinen Kindern stecken, statt ins Überleben.

Eure Julia

Nacht. Oder: Die dunkle Seite.
Weil der Butterkeks eben alles sieht und mich trotzdem liebt.

Ps.: Wißt Ihr, wie albern ich es immer finde, wenn die Anthroposophen davon sprechen, dass jede Krankheit eine Reise sei? Zwei Wochen nach dieser Nacht und einmal Magen Darm bei mir später sage ich Euch: Das war der Anfang einer Zeit des Umbruchs. Bei uns wackelt alles. Und jede*r. Und es hat mit diesem vermaledeiten Kranksein begonnen. Ich werde einen Teufel tun, zu behaupten, eine Erkältung sei eine Kreuzfahrt. Aber ich glaube, ein bisschen verstehe ich den Spruch jetzt. Und ich weiß, dass unsere Körper gespürt haben, was unsere Köpfe jetzt erst nach und nach realisieren. Holla die Waldfee.

Pps.: Es blieb -ein Glück!- bei dieser einen furchtbaren Nacht. Alle anderen habe ich besser gemeistert. Drückt mir die Daumen, dass ich zwar wackle aber wieder in der Spur bin!

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4 Kommentare

  1. Ich finde Deinen Blog so gut und wichtig, weil Du Dinge benennst, die vermutlich alle in irgendeiner Form schon selbst erlebt haben – über die aber nicht gesprochen oder geschrieben wird, da sie nicht in das schöne, perfekte Familienbild passen. Danke Dir, und mach weiter so!

  2. Ein sehr ehrlicher Beitrag, wie sonst auch, natürlich.
    Aber ich finde dieser geht mehr in richtig Seelenstriptease…
    Es gibt keine Entschuldigung, das ist wahr, aber Verständnis! Dazu noch ein sehr ehrliches Nicken und ein „ja diesen Drachen kenne ich leider auch“…
    Ich drücke euch die Daumen, daß ihr die Zeiten dieses Umbruchs mit Wachstum übersteht.
    Aber es mag auch an der Zeit liegen die auf uns zukommt wenn man sich etwas mythologisch damit befassen möchte.
    Alles Gute für euch!

  3. Danke für deinen beitrag…. ich bin gerade ganz unglücklich weil ich meinen 2jährigen beim frühstück angeschrieen habe (als er -wieder- seine schüssel auf den boden geschmissen hat). Ich kann und schaffe es oft konstruktiv klar zu sein – heute habe ich es nicht geschafft. Tut gut zu lesen dass auch andere gelegentlich scheitern… wir eltern sprechen so selten darüber. danke dafür!

  4. Liebe Mama juja, ich mag deinen Blog sehr, sehr gern! Manche Texte sind lustig und unterhaltsam. Bei anderen muss ich eifrig nicken und manche machen mich nachdenklich. Wie dein letzter Eintrag. Auch ich kenne diese Momente und schäme mich für mein verhalten. Aber wie auch bei dir sind es zum Glück Ausnahmen und man versucht es wieder besser zu machen. Aber was ist wenn man in anderen Familien sieht,dass die Ausnahmen die Regel sind,wenn Klapse dazu kommen? Wie soll man reagieren? Reden und anprangern oder schweigen weil wir doch alle in einem Boot sitzen? Hört bindungsorientiert bei den eigenen Kindern auf? Habe gerade so einen fall. Lg

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