Medien-Detox for the Win?

Medien Detox for the win?

Ihr Lieben, das wird heute eventuell ein bisschen wirr, denn das bin ich definitiv: Ver-wirrt. Warum? Weil ich immer und im tiefsten Inneren meines Herzens glaube, dass Kinder auf eine Art sehr genau wissen, was ihnen gut tut und was nicht. Logisch, Eltern geben Rahmenbedingungen vor. Aber darüber hinaus ist bei uns Reglementierung im eigentlichen Sinn nicht unbedingt das gebräuchlichste Mittel. Was tun aber, wenn diese Überzeugung ins Wanken gerät und das ausgerechnet beim Thema Medien?

Im Klartext: Der Großwikinger und wir machen gerade seinen vierteljährlichen Medien-Detox. Keine Sorge, das beinhaltet nur Tablet und Spielekonsole, so aberwitzige Versuche wie „fernsehfrei“ schenken wir uns. Aus dem einfachen Grund heraus, dass ich gerne abends fernsehen möchte. Bitte. Und da ich in Sachen Tablet und Konsole ganz easy Vorbild sein kann, weil ich keines von beidem nutze und kurzerhand Handy nicht mit dazu zähle, gönne ich uns Fernsehen. Weil ich weiß, dass mich das aktuell mehr Nerven kosten würde, als ich habe.

Ungeachtet der Art des Detox schockiert mich diesmal vor allem eines: Schon nach kurzer Zeit war mein wirbeliges Kind deutlich ruhiger. Weniger maulig. Kaum noch frustriert. Es gibt weniger Diskussionen um alles. Es gibt mehr Zeit, in der das Kind am Familienleben teilnimmt. Es gibt mehr Verständnis füreinander und überhaupt scheint irgendwie alles in Bezug aufs Großkind besser und einfacher. Kann das sein? Kann es allen Ernstes sein, dass das Bedürfnis des Kindes diesmal darin besteht, seine Wünsche (nach Spielekonsole und Tablet) radikal zu begrenzen?

Grenzen all over?

Medien Detox for the win?
Nicht alles eitel Sonnenschein

Logisch, ich weiß, dass der Medienkonsum von Kindern kritisch betrachtet wird und auch ich denke, dass sie nicht tagein tagaus vor diversen Bildschirmen verbringen sollten. Diesen Grundsatz will ich hier nicht diskutieren, denn der wird verwirklicht. Aber wie lernt mein Kind denn, wie viel Medien ihm gut tun, wenn ich ihm einfach immer nur eine willkürliche Zeit erlaube und nicht mehr? Lernt es denn dann nicht eigentlich, dass di*er Stärkere über die Mediennutzungsdauer bestimmt und sonst nix?

Umgekehrt: Wenn ich meinem Kind schlicht nicht erlaube, alleine die Straße zu überqueren, bis ich selbige für frei halte, was lernt es denn dann? Dass di*er Stärkere entscheidet, wann wir die Straße überqueren? Ist hoffentlich Quatsch, aber so lange Kinder sehr klein sind, ist es bestimmt nicht unbedingt echtes  „Lernen“ sondern weit mehr Konditionierung. Was grundsätzlich und zu Gunsten der jeweiligen Kindergesundheit okay ist. Aber irgendwann hoffe ich ja, dass das Kind begreift, dass mein „Nein“ mit dem fahrenden Auto auf der Straße zu tun hat. Und damit, dass man nur leere Straßen sicher überqueren kann.

Nope.

Medien Detox for the win?
Manche Erfahrungen gehen nur „In Echt“

Ist ein Fünfjähriges denn noch in der Phase, in der ich schlicht „Nein“ sage, oder kann es (wie ich glaubte) diese Zusammenhänge nicht doch schon ein wenig sehen? Es kann sicherlich sein, dass wir einfach gerade eine miese Phase für Mediennutzung bei ihm erwischt haben. Vielleicht wäre es auch ohne Detox irgendwann besser geworden. Aber wenn ich das Gefühl habe, dieser Detox tut dem Kind gut- sollte ich mich und uns dann nicht ganz von Tablet und Spielekonsole verabschieden? Und wenn ja: Wie lange?

Zu Beginn seiner Tabletnutzung war das alles übrigens noch ganz anders und im Großen und Ganzen so wie beim Butterkeks jetzt. Da wurde das Tablet nämlich irgendwann einfach freiwillig zur Seite gelegt und gespielt. Mit Lego oder meinen Nerven. Braucht ein größeres Kind einfach noch mehr Begleitung, als ich dachte? Müsste ich, ähnlich wie beim Fernsehen, einfach immer daneben sitzen und mit teilnehmen? Wie und wann lernt das Kind dann aber bloß, wie viel und oft es die Medien in seiner Umgebung positiv flashen? Und wie lernt es, ab wann es destruktiv wird?

In the Future…!

Medien Detox for the win?
Kunst, die neben dem Tablet einst entsand

Im Gegensatz zu uns werden unsere Kinder weit mehr mit (sozialen und eben weniger sozialen) Medien konfrontiert sein, als wir es uns je vorstellen können. Diese romantische Idee von Kindern, die morgens aus dem Haus gehen und abends wieder kommen, ohne dass irgendwer wusste, wo sie sind, wer sich da verabredet hat und was sie getan haben, die ist schon lange nicht mehr zeitgemäß.

Eltern können ihre Schulkinder quasi minutiös per Smartphone (!) überwachen. Schüler können sich im Positiven wie im Negativen zu virtuellen Gruppen zusammen finden. Sie können virtuell lernen, sie können virtuell gelerntes in die Realität übertragen und spielen Roboter-Fussball-Meisterschaften. Ich glaube, Kinder können in der virtuellen Welt abschalten. Manchmal. Und Luft holen, von der anderen Welt, die voller Anforderungen an sie ist.

Kinder können die virtuelle Realität relativ früh eigenständig für Recherchen zu Dingen nutzen, die sie interessieren. Sie hören dort Meinungen und holen sich Tipps. Glaubt Ihr nicht? Ich bekomme täglich den ein oder anderen -zeitweise wirklich schlauen- „Lifehack“ aus Youtube vom Großwikinger präsentiert. Der merkt sich das! Und welches Pokemon zB gegen welches andere besonders effektiv einsetzbar ist? Youtube. Welche Mods er bei Minecraft testen will und wie er bestimmte Dinge craftet? Youtube. Sein durchaus beachtlicher englischer Wortschatz? Ratet. jo: Youtube. Kurz: Ich sehe durchaus, wie sich das Kind durch sein Tablet eigene Inhalte erarbeitet und ich sehe auch, wie großartig er das tut. Wie themenbezogen er bereits Videos selektiert ohne auch nur ein Wort lesen zu können. Wie sicher er sich ohne diese für mich essentielle Leseskill sich in einer Realität bewegt, in der ich den Wald vor lauter Bäumen- Ihr wisst schon. Wo wir gerade beim Lesen sind…

Und was ist mit der Phantasie?

Medien Detox for the win?
Wie war das mit Büchern?

Wäre das Kind eine Leseratte, dass sich unentwegt per Buch in andere Welten versetzt- wären wir da genauso kritisch, wie an dem Punkt, an dem nicht die Seite Papier sondern ein Computer diese Welt generiert? Einen Bücherwurm würde ich tatsächlich durchaus stolz weiter ermutigen. Dem Großwikinger verbiete ich es. Denn „Detox“ ist in dem Fall ein nettes Wort für „Verbot“ im besten Sinn und ein verschleiern eines „Entzuges“ im schlechtesten. Logisch haben wir das mit dem Kind abgesprochen und logisch hat er zugestimmt. Aber von sich aus würde er besagte Mendien tendenziell nicht zwei Wochen konsequent meiden.

Jetzt weiß ich eben auch nicht, was ich davon halten soll. Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust und so recht kann ich mich für keines entscheiden. Schon spektakulär, wie meine tiefsten Überzeugungen in nur zwei Wochen zum Wanken zu bringen sind, oder? Wie löst Ihr das Dilemma? Schafft Ihr es, dabei undogmatisch zu bleiben?

Hachje. Ich küsse das Kind, das gerade fernsieht und die anderen gleich mit.

Eure Julia

 

Quelle Titelbild: Pixabay

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4 Kommentare

  1. Hier gibt es nur Netflix, und auch das dosiert (zB 2 Folgen). Und auch ich merke ich, dass die Kinder nach einer Woche ohne Netflix ruhiger sind, öfter im SPielflow und aktiver. Nach einer guten Woche fragen sie eigentlich auch von selbst nicht mehr danach. Aber dann ist wieder ein Kind krank oder wir sind alle müde oder oder oder – und wir kommen wieder rein in den Kreislauf!

    1. Jaaaa, wir haben jetzt nach drei Wochen ohne Tablet gestern auch das erste Mal wieder eine Stunde Tablet erlaubt. Das fühlt sich komisch an. Zumal das für den Wikingerkerl wohl auch der Startschuß war, wieder selbst Computer zu spielen. Eines seiner Hobbies, ich verstehe das. Aber dann sitze ichhalt wieder mit zwei kleinen Kindern „allein“ auf dem Sofa. Mhm. Dieses Medien Ding. So langsam glaube ich, das hat auch was mit Einsamkeit zu tun. Da muss ich mal drauf rumkauen….

  2. Bis jetzt (7 Jahre) darf das große Kind erstmal unbegrenzt ans Tablet. Aber nicht ins Internet. Und wenn es was anderes im Meatspace gibt (z.B. Abendbrot), dann ist Schluss. Das sind dann in der Regel Stunden, Tage oder auch mal Wochen viel Nutzung. Bis jetzt fand ich aber nicht, dass anderes dadurch zu kurz kam. Und ich versuche, attraktive Alternativen neben dem Computer anzubieten. (Beim Kochen helfen…) Mittelfristig würde ich versuchen, im Vorfeld Absprachen zu machen (z.B. „2 Level aber maximal 2 Stunden“ oder dass Raum ist, dass das Kind sich loslösen kann, weil mich immer die „unphysiologischen Abbrüche“ genervt haben, wenn meine Eltern plötzlich den PC ausschalteten). YouTube, Twitter, Facebook, Google und andere Dienste, bei denen mein Kind (unbewusst) die Ware ist, würde ich aber komplett blocken. Vielleicht bis ins späte Teenageralter. Das nutze ich selber (fast) nicht, weil ich das Geschäftsmodell sehr bedenklich finde.

    1. Das klingt richtig gut und genau so, wie ich es mir gewünscht hätte! Momentan habe ich einfach Mal die Spielekonsole für tot erklärt, Tablet so wenig, wie möglich und eher als Ausnahme. Netflix etc dagegen völlig frei geschaltet in dem Rahmen, dass a) der kleine Bruder auch mitbestimmen darf und b) abends auch Mal Erwachsene dran sind. Mal sehen, wohin das führt… 🖤

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