LARP mit Kindern? Das ConQuest Mythodea.

Mythodea by Ingo Turnwald Quelle: www.live-adventure.de

Beitragsbild: Mythodea by Ingo Turnwald Quelle: www.live-adventure.de 

Ihr Lieben, der ein oder andere weiß es, weil ich einmal im Jahr beginne zu nörgeln, zu schimpfen und Baumwollhemden zu waschen: Der Wikingergatte ist ein alter Rollenspieler und obwohl ich mir große Mühe gegeben habe, ihn abzulenken- das scheint ihm schon sehr im Blut zu liegen. Und weil die Liebe wirklich groß ist, ließ ich mich zu etwas völlig Verrücktem überreden. Es heißt Mythodea. Und es ist wirklich ein bisschen plemplem. Aber es lockt jedes Jahr wieder tausende Rollenspieler aus ganz Europa an. Und tausende Nerds können nicht irren, oder?

Allem voran: Aus mir wird nie ein Larper. Vielleicht höre ich irgendwann auf, mich vor denselben zu gruseln. Das scheint mir schon ein ziemlich optimistisches Ziel… Jetzt kommt allerdings das große

ABER:

Mythodes ConQuest Bild: Jean-Pascal Schramke Quelle: www.live-adventure.de
Bild: Jean-Pascal Schramke Quelle: www.live-adventure.de

Ähnlich wie auf dem Wacken Open Air herrscht beim ConQuest im schönen Brokeloh am A*** der Heide eine Stimmung, die wirklich einzigartig ist. Und das liegt nicht am ländlichen Idyll allein. Das liegt an großartigen Menschen, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, Nörgeltanten wie mir die fünf Tage im Zelt so angenehm wie möglich zu machen. Ich wurde noch nie (!) von einem der Mitspieler oder Spielleiter unfreundlich oder abfällig behandelt, obwohl ich mit einen großen „Bitte bitte nicht anspielen!“ Schild auf den Kopf durch die Gegend schleiche. Es hat noch nie (!) jemand über unsere teilweise doch recht einfache und wenig phantastische Rollenspielkleidung gemeckert. Und zu guter Letzt: Jedes Jahr aufs Neue bin ich davon beeindruckt, wie kinderfreundlich so eine Großveranstaltung und ihre Besucher sein können- es gibt sogar eine Art mittelalterlicher Ferienbetreuung. Im Ernst! Sie heißt Kids Town und die meisten Kinder zählen die Tage, bis sie endlich alt genug sind…

Warum ich dann immer noch die olle Meckertante bin? Ich erkläre es gerne von Anfang an. Denn am Anfang steht die Herausforderung von mittelalterlicher Kleidung für zwei Erwachsene und X Kinder ohne einen Kredit aufzunehmen. Und das für fünf Tage. Ähm. Ja. Nee, ne?! Wo man bei Erwachsenen  davon ausgehen kann, dass die Gewandung vom Vorjahr entweder noch passt oder man eben fünf Tage fasten muss, ist das bei Kindern ja lustig. Sie sind jedes Jahr noch größer. Nur um WIE VIEL weiß vorher immer keiner. Deswegen beginne ich etwa Anfang Juli, unsere Lübeck Oma zu umwerben. Die kann nämlich ziemlich gut und schnell nähen. Um Längen besser als ich. Und im Gegensatz zu mir hat sie auch genug Geduld. Also nutze ich das bisschen Geduld, das ich habe für die Näherinnen-Werbung. Ohne wäre ich aufgeschmissen.

Schritt zwei: Packen.

Mythodea ConQuest 2017
So sieht es ja ganz idyllisch aus…

Im zweiten Schritt hole ich nicht nur unsere „alten“ Klamotten aus dem Keller, erschrecke ob des Geruches und lasse fortan die Waschmaschine im Dauerwaschgang laufen. Ich weine auch ein bisschen bei unserer Liebseeligkeiten Oma, dass wir gar keine Accessoires mehr haben. Ohne Ketten und schöne Ledergürtel ist es nämlich nur der halbe Spaß. Zum Glück hat die Liebseeligkeiten Oma stets ein Einsehen und vor  allem einen sehr sehr ergiebigen Keller…!

Dann geht es an die Vorbereitung der „Feldküche“. Denn: Strom? Gibt es dort nicht. Fließend Wasser? Nur an ausgewiesenen Plätzen. Also… Abenteuerlich, würde ich sagen. Geht aber völlig problemlos. Auch mit Kindern. Denn die haben kein Problem damit, jeden Morgen Nutella Brötchen zu frühstücken. Nutella muss nämlich nicht gekühlt werden und im Con-eigenen Supermarkt gibt es jeden Morgen frische Brötchen und sogar Croissants. Und wo wir gerade dabei sind: An sich müsste man ja gar nicht kochen. Denn kulinarisch ist im Tross  alles vertreten. Und alles lecker. Wenn ich reich wäre, würde ich mich vermutlich tagein tagaus durch den den Tross futtern. Und die Kinder gleich mit. Erst Barbarenspieß, dann Slush Eis, dann Blaubeermuffins und dann vll doch noch ein bisschen Falafel. Und wieder von vorn. Oder PulledPork. Kartoffelpuffer. Oder… Ich schweife ab. Essen kochen geht auf jeden Fall auch. Stilecht über den Feuer oder am Grill. Nicht ganz so mythisch aber praktisch: Gaskocher. Der sorgt morgens auch für Kaffee und ist damit eines der wichtigsten Teile.

Dann werden Holzteller geölt und Steingut Becher gespült. Ein bisschen Deko. Ein bisschen Bambusschalen. Kerzen und was sonst noch so sinnvoll erscheint und DANN: alles in Kisten packen. Und am besten: Freunde haben, die sich einen Transporter mieten. Denn zusammen mit dem Tisch, den Holzstühlen, den Baumwollzelt, dem Sonnensegel, den Kisten, den Decken… Ähm. Ihr wisst was ich meine? Sehr viel Geraffel. Sehr. Viel. Viel. Sehr viele Nerven. Arbeit. Und deswegen bin ich die Meckertante. Weil ich nie so viel schaffe, wie ich wollte. Aber zu Hause bleiben mussten wir auch noch nie. Insofern…

Schritt drei: Die Ankunft.

Mythodea ConQuest 2017
So sieht das super ordentlich aus, auch mit Kind

Von Lübeck aus fährt man nicht allzu lange nach Brokeloh- zwischen drei und vier Stunden sind auch mit Kindern machbar, wenn eine schöne Tobe- Pause dabei ist. Und spätestens auf dem Zeltplatz sind die Kinder ohnehin Feuer und Flamme. Da wartet dann noch ein gutes Stück Arbeit: Die typischen Baumwollzelte sind nicht schwer aufzubauen, aber von einem Pop-Up-Zelt auch weit entfernt. Die Einrichtung des Zeltes und eine (hoffentlich) kluge Einteilung in Schlaf- und Stauraum sind oft Glückssache. Und nicht zuletzt arg vom Wetter abhängig. Aber da wir bisher immer in einem Verbund von drei bis fünf Familien unterwegs waren, fand sich immer und für alles eine Lösung. Dieses Jahr zum Beispiel haben die Herzensfreunde meinen schwangeren Rücken gerettet, indem sie mir ihre circa drölf Zentimeter dicke ISO-Matte überlassen haben. Wir konnten im Gegenzug direkt am ersten Abend mit Essen aufwarten und so haben immer alle etwas davon.

Mythodea ConQuest 2017
Das wiederum ist nicht so aufgeräumt aber deutlich realistischer

Und dann? Dann geht es los. Was das heißt? Keine Ahnung, was das für Spieler heißt. Es hat auf jeden Fall etwas mit einem ordentlichen Regelwerk, einer Aufgabe und einem extra erstellten und gelebten Charakter zu tun. Für mich bedeutet es, dass ich mehr oder minder mittelalterliche Kleidung trage und versuche möglichst unauffällig auf Klo und zurück zu kommen. Die Kinder spielen den ganzen Tag im Freien und da es ein spezielles Familienlager gibt, finden sie sich auch problemlos. Überall sind andere Eltern, Großeltern oder kleine Kinder. Irgedwie passt jeder ein bisschen auf jeden auf. Und ab und zu hört man Schlachtenlärm, Beschwörungsgesang oder Trancetrommeln. Kinder quietschen vergnügt, Orks Grunzen ihnen freundlich zu und wenn die älteren Kinder Lust haben, verrät ihnen eine der Heilerinnen ihre Geheimnisse. Der eine oder andere aus dem Familienkreis verschwindet für ein paar Stunden zum Spielen oder um eine Schlacht zu schlagen. Die Kinder und ich tüdeln vor uns hin und irgedwie ist dann auch schon wieder Zeit zum Essen.

Und plötzlich ist Sonntag.

Mythodea ConQuest 2017
Bild: Melli Quelle: www.live-adventure.de

Wir hatten nie genug Slush Eis und ich hätte immer mindestens noch ein Mal in die Stadt müssen. Es ist immer noch Essen übrig und Lust auf Abbauen hat eh nie einer. Aber die Geräuschkulisse lässt keinen Zweifel: Schicht im Schacht, Freunde. Alles wieder zurück. Einpacken, Heim fahren, Auspacken, Waschen. Und dann? Warten bis zum nächsten Jahr. Denn bei allem Gemecker muss ich gestehen: Die Jungs sind selten so ausgeglichen und so zufrieden wie an diesen fünf Tagen unter freiem Himmel. Keiner braucht den Fernseher. Keinem von ihnen fehlt die Matratze. Und dafür lohnt sich der Stress. Der Wikingergatte bekommt so viel Bewegung, wie sonst das ganze Jahr nicht und normalerweise auch einen schönen Sonnenbrand. Die Kinder nehmen viele Eindrücke mit, durften fünf Tage ganz wild und relativ frei sein. Und ich? Ich bin geschafft. Ich finde das alles verrückt. Aber ich liebe Mythodea dafür, dass es meine Familie glücklich macht. Und ganz ehrlich: Dank der Gesellschaft, in der wir stets anreisen, gibt es eigentlich gar nix zu meckern. Vielleicht lasse ich es nächstes Jahr einfach Mal. Wir werden sehen…!

Bis dahin: Küsst Eure Kinder, mittelalterlich oder ohne Strom, Hauptsache mit viel viel Liebe!

Eure Julia

PS.: Ein Teil zwei kann gerne folgen:  Stellt Ihr mir vorher vielleicht gezielt Fragen?! Ich weiß nicht, wie interessant die Organisation unseres Urlaubs für Euch am Ende wirklich ist. Und weil der Beitrag sonst epische Länge erreichen würde… Ihr versteht mich, ne?!

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2 Kommentare

  1. Hi Julia,
    Danke für Deinen schön geschriebenen und informativen Bericht.
    Ich will mit den Jungs Mythodea dieses Jahr bereisen und bin schon mega gespannt drauf.
    Was mich interessieren würde : mit welchen realistischen Kosten muss ich rechnen für 3 Jungs plus 1 Erwachsener?
    Lg Jan

    1. Moin Jan!
      Danke Dir! Wenn nur das Wetter mitspielt wird das sicher super 😎 Kosten finde ich immer ein bisschen schwer: nur das dort-sein? (Ohne Kosten für Gewandung und Deko) wir nehmen meist nicht soooo viel mit. Einkaufen passiert immer ein paar Dörfer weiter, sodass die Essensplanung auch ziemlich spontan läuft. Zumal ja kein Kühlschrank da ist… Ich glaube ehrlich, für uns fünf läuft da schon so einiges durch. Zwischen vierzig und fünfzig Euro pro Tag bestimmt. Da ist dann aber in der Regel auch ein Essen im Tross dabei und morgens Brötchen. Zum Vergleich: zu Hause würde ich zwischen zwanzig und dreißig Euro am Tag rechnen. Aber mythodea ist Urlaub, da geht es auch Mal unvernünftig 😁 alles andere (für Camping, Rollenspiel, Reise-Kram) schöpfe ich aus dem Fundus. Obwohl dieses Jahr wohl eine gute große Isomatte fällig wird… Die brauchen wir aber nicht nur für mythodea, insofern zählt das nur halb 😀
      Liebe Grüße aus Lübeck, vielleicht sehen wir uns ja im Sommer!
      Julia

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