Laaangweilig! Wie viel Programm muss sein?

Wangleilig! Wie viel Programm muss sein?

Ihr Lieben, ich sag`s mal so: Wenn ich jedes Mal, das der Butterkeks proklamiert, ihm sei wangleilig (sic!), direkt eine gute Spielidee oder besser noch ein gutes Spiel in der (gedanklichen) Hosentasche hätte, dann wäre ich echt beeindruckt von mir. Ihr ahnt es aber schon: Hab ich nicht. Nicht mal im Ansatz. Und während die Einen das gerne für elterliche Inkompetenz erklären dürfen, flüstere ich Euch zu: Hab ich auch gar keinen Bock drauf. Und nicht mal ein schlechtes Gewissen. Weil Langeweile auch wirklich wertvoll sein kann. Wissta bescheid!

An dieser Sache scheiden sich ja irgendwie die Geister, ne? Es gibt Menschen, die spielen unglaublich gerne Stunde um Stunde Barbie, Dino oder Paw Patrol. Die folgen gleichmütig jeder Regieanweisung (Jetzt musst Du sagen: „Oh Dino, wo kommst Du denn her?“. Okay, jetzt musst Du sagen: „Roaaarrrr!“. Und jetzt…!) und schmunzeln dabei amüsiert. Ich kenne Leute, die für ihr Leben gerne Brettspiele mit ihren Kindern spielen und freudig Kaffee und Zeitung in die Ecke pfeffern, um Lottikarrotti auf die Spur zu kommen. Oder musste eins das possierliche Tierchen nicht doch mit einem Hammer erwischen? Ich weiß es nicht, aber es ist auch einerlei denn: Ich gehöre nicht zu dieser Personengruppe.

Not me.

Ganz großer Sandkasten. Der beste Sandkasten von allen. Ostsee!

Ich bin die Person, die gequält lächelnd am Rand des Sandkastens sitzt, das hundertste Mal eines der Kinder davon abhält, einem anderen Sand auf den Kopf zu schippen und dabei mit mittelmäßigem Enthusisamus „Tschuuttschuut“ macht, weil sie eine Eisenbahn sein soll. Oder so. So genau hab ich das meistens nicht mitbekommen, weil ich entweder versucht habe, mich zu drücken oder eines der Kinder davon abhalten musste, einem anderen- äh, hab ich schon erwähnt, ne?!

Das kann eins jetzt unglücklich finden, dass ein Mensch mit Kindern nicht automatisch zur*m Alleinunterhalter*in und Animateur*in zugleich mutiert. Aber deswegen die Eltern, die Spielen halt eher scheiße finden, direkt in die Hölle zu verbannen, scheint mir doch ein bisschen hart. Logisch, wenn andere Eltern am Spielplatzrand stehen, eine nach der anderen rauchen und während sie mit den anderen Eltern Ichweissaunichtwas machen– wenn sie seelenruhig zukucken, wie der Sprössling die Gefährte meiner Kinder zockt, ans andere Ende des Parks fährt und dort liegen lässt– das nervt übel. Aber das ist es auch nicht, was ich meine, das wisst Ihr, ne?! Nicht-Spiel-Programm-Auffahren ist nicht dasselbe wie scheisse-sein.

Möp.

Wangleilig! Wie viel Programm muss sein?
Einmal bespaßen, bitte!

Zurück aber zur Langeweile: Ich glaube ganz ehrlich und auch abseits meiner Spielunlust, dass (moderate) Langeweile Kindern nicht schadet. Zumal das ein Zustand ist, der so oft eintritt, dass er (zumindest von mir) gar nicht zu vermeiden wäre. Warum also diese Langeweile und warum manchmal guten Gewissens kein Programm anbieten, wenn es langweilig wird?

Ich könnte da jetzt ein paar pädagogische Weisheiten raushauen. Oder meine Weisheiten als pädagogisch fundiert verschleiern. Sind sie aber nicht, deswegen mache ich das nicht. Ich sage Euch, was ich beobachte und wir kucken mal, ob Euch das genügt, ja?! Denn wenn meinen Kindern langweilig ist, ist das die Pest. Und weil es die Pest ist gebe ich zu: Anfangs mache ich viele tolle Vorschläge, was sie denn alles tun könnten, um mir nicht unentwegt auf den Wecker zu gehen. Solche, bei denen ich nicht spielen muss, versteht sich.

Mach doch mal… äh…

Sieht romantisch aus, ne?! Ist auch ohne Kinder geschossen, das Foto.

Sternstunden elterlichen Feingefühls sind dabei: „Räumt doch mal im Wohnzimmer auf, da liegt Lego kreuz und quer. Das ist doch eine sinnvolle Sache!“ oder auch „Mal doch was, am besten mit Holzstiften. Nein, nicht mit Wasserfarbe, neiiin, ich meinte…. orrrrr!“. Ihr ahnt es. Vorschlag eins wurde rundheraus abgelehnt. Vorschlag zwei endete in einer riesen Sauerei. Aber auch erst, nachdem Malen ganz lange für ganz besonders pupsikakaka erklärt wurde.

Achja und sämtliche Versuche in Richtung „wir spielen etwas gemeinsam“ enden entweder in genervtem Abrauschen meinerseits (So ein Theater und alles nur, weil Dadaismus unter Dinos angeblich nicht vertreten wird und Gedichte kein probates Mittel sind, um Beute zu erlegen. Meine Lyrikprofessorin und ich wissen es besser, ey!) oder in Spielbrett-abräumen-dass-alles-durch-die-Gegend-fliegt-und-heulend-verschwinden-während-das-Baby-die-Spielfiguren-annagt-und-das-Mittelkind-essentielle-Teile-versteckt.

Bäääääm!

Was denn also jetzt tun, wenn es wangleilig wird? Wir haben gelernt: Aufräumen vorschlagen ist bähbäh, Malen vorschlagen ist eventuell mit richtig viel Arbeit verbunden und überhaupt, kann eins denn was Richtiges vorschlagen? Raus gehen wird doch immer so gehyped, wär das was? Ja? Nee? Janee?

Also grundsätzlich ist rausgehen immer cool und im Grunde sind auch Wasserfarben immer cool. Aber was am oberübercoolsten ist: Nix machen. Geduld haben. Und nur im äußersten Notfall eingreifen. Weil: Draußen sind wir eh, sobald das Baby ausgeschlafen hat. Die Rausgehen-Nummer zieht halt einfach nicht, wenn eins schon draußen ist. Und wir Erwachsenen haben ja angeblich keiiiine Ahnung, wie langweilig so ein Spielplatz voller Kinder sein kann. Analog zu einem Zimmer voller Spielzeug übrigens. Oder einem Wald voller Abenteuer. Und sind wir ehrlich: Den Vorschlag, die Sandkiste aufzuräumen muss ich hier echt nicht machen.

Nothing left to do

Was ich dann mache? Meistens nix. Ich sage: „Jaaa, mein Schatz, ich weiß.“ Und sonst gar nix. Manchmal nicke ich noch huldvoll, rolle innerlich die Augen weil ich genau weiß, dass die Kinder erstmal von mir erwarten, ich solle das nun bitte ändern mit dieser Langeweile. Und ich zähle innerlich etwa bis tausend. Okay, hundert. Aber in achtzig Prozent der Fälle zieht ein muffeliges gelangweiltes Kind von Dannen um -oh Wunder!- auf dem Weg von diesem übernervigen und nullnicht hilfreichen Elter weg DAS Spielzeug zu finden, das die nächste Stunde der Hit sein wird. Oder DAS Kind zu treffen, mit dem es sich so wunderbar stundenlang spielen lässt.

Und jetzt zu meiner chaotische-Bloggerin-Schreibtisch-und-Küchen-Tresen-Weisheit zum Thema Langeweile: Die muss einfach auch sein. Weil Langeweile der Weg von einem Spiel zum nächsten ist. Und weil die Kinder eine Pause zwischen den Spielen brauchen. Die ist eben langweilig. Aber nötig. Und am Ende auch nur die Vorbereitung auf die nächste coole Sache.

Theoretisch zumindest.

Logisch, nicht immer klappt das mit der Theorie in der Praxis so super. An manchen Tagen sind die Kinder ausschließlich und nur genervt und gelangweilt, streiten unablässig und sobald eine*r eine schöne Tätigkeit gefunden hat, funkt ein*e andere*r dazwischen. An diesen Tagen möchte ich die Wände hoch gehen, besinne mich auf die „Draußen ist alles besser“ Devise und leide dann halt draußen weiter. Es gibt diese Tage und bei uns hilft da: Nüscht. Nicht mal die Elter-spielt-mit-Offensive.

Aber von solchen Tagen abgesehen bin ich inzwischen eine große Freundin der Langeweile meiner Kinder. Wir winken uns immer mal wieder zu, ich bin manchmal leicht genervt und frage sie „Schon wieder? Grade ist aber ganz schlecht!“ und sie antwortet entschuldigend „Bin gleich durch, keine Bange. Bis später!“. Und dann rollen meine Augen ein bisschen und die Kinder nölen ein bisschen und dann ist es wieder, wie es sein soll: Jede*r hat ihre*seine Beschäftigung, mal alleine, mal zusammen, mal ein bisschen holprig, mal im Flow. Und dann ist eh schon wieder Zeit für Judo oder Einkaufen oder Wasauchimmer. So wirklich oft sehe ich Madame Langeweile an einem normalen Tag also eher nicht.

So gesehen ist Langeweile auch ein echtes Privileg. Denn für Langeweile muss eins erstmal Zeit haben!

Mir ist selten wangleilig, Ihr Lieben, aber hauptsächlich weil ich sein sehr sehr cooles Hobby habe: Kinderküssen nämlich. Jetzt wo ich es sage- ich glaube, ich muss los!

Küsst auch Ihr die Kinder, das geht immer!

Eure Julia

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4 Kommentare

  1. Habe leider den Fehler gemacht und aus irgendeiner Überforderung, die schnelle Rettung Fernsehen angeboten. Und jetzt versaut mir Youtube die wangleidigkeiten des Kindes,weil ich, bevor ich überhaupt über die Wangeleide hinweg trösten kann, noch den fiesen Kampf gegen die Bildschirm Sucht führen muss…Seufz. Ansonsten kann ich deine These stützen, Übergang zum nächsten Spiel, so auch unsere Erfahrung.

    1. XD Arghs, da bin ich ja schon lange. Also bei den bösen Medien. Aber obwohl meine Umwelt immer kritischer wird (weil das Großkind älter wird?) mache ich langsam meinen frieden damit. ich kucke auch gerne Netflix. Noch braucht das Kind meine Hilfe beim Maß. Aber eines Tages werde ich des Kindes Hilfe brauchen, was die Technik anbelangt, weil ich hilflos davor stehen und es nicht begreifen werde. Bis dahin üben wir Geduld aneinender, davon habe ich später mehr;-)
      Aber I feel you. Das rechte Maß ist hart zu finden und durchzusetzen. Büchse der Pandorra und so -.-

  2. meinem Kleinen ist manchmal auch was zu „wangleilig“, der benutzt dasselbe Wort wie der Butterkeks…
    Manchmal helfen dann Waffeln mit „Bruderzucker“.

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