Klugscheißermodus for the Win!

Klugscheißer Modus for the Win!

Mein Großkind ist ein Klugscheißer. Ein Besserwisser. Und ein elender Schnacker. Er treibt mich manchmal echt in den Wahnsinn und ich habe mehr als einmal verzweifelt nach einem Aus-Schalter gesucht. Er plappert tagein, tagaus, erzählt, phantasiert, debattiert und diskutiert. Wie gesagt, manchmal möchte ich selber verzweifeln. Wenn aber andere Menschen meinen kleinen Klugscheißer anfauchen, weil er ihnen das Offensichtliche ohne Scheu sagt, bin ich so unfassbar froh, dass es keinen Aus-Schalter gibt. Weil dieses Kind einen Blick durchs Schlüsselloch ermöglicht. Und kaum einer der Erwachsenen das zu merken scheint.

Wie ich das mit dem Schlüsselloch meine? Ganz konkret: der kleine Klugscheißer ist erst vier. Und dass ein Kind mit vier sich derart differenziert ausdrückt ist ziemlich ungewöhnlich. Es ist kein Grund für Applaus, aber die Quasselstrippe kann uns Erwachsenen Dinge sagen, die wir ohne ihn nie erfahren hätten. Er ist noch ganz nah an der Welt seiner Kumpels dran. Er versteht seinen kleinen Bruder noch auf ganz andere Weise, als ich es tun könnte. Und aus diesen Welten kann er uns berichten. Das ist eine verdammte Goldader und kein Grund, meinen Sohn abzuwerten oder anzufahren. Er versteht die Ironie von „Achwas, da wäre ich ja nicht drauf gekommen“ zum Glück noch nicht. Denn er sagt die Dinge, die er sieht durchaus deswegen, weil er sich wundert, warum wir Erwachsenen uns so doof anstellen. Er sagt uns Offensichtliches, weil wir das zwar zu wissen vorgeben, aber nicht danach handeln. Wie bescheuert muss das auf ihn wirken! Dann gibt er uns eine Hilfestellung und wird angeranzt. Klasse.

Ist Euch zu abstrakt?

Klugscheißer Modus for the Win!
Aber nicht abkucken!

Okay, Beispiel: der Butterkeks hat miese Laune. Ich auch. Butterkeks und ich kriegen uns in die Wolle. K1: „Aber Mama, er will halt jetzt mit dir spielen. Deswegen weint er so.“ Ich denke mir: Logisch will er, aber ich will nicht.“ Und meckere noch ein bisschen über das Geheul des Butterkekses. K1 wiederholt seinen Hinweis. Ich schwer genervt: „Ich habe dich schon gehört. Ich hab nur einfach auch keine Lust, zur Hölle!“ Verwunderte Blicke. „Aber warum schimpfst du dann den Butterkeks?“ Ja. Warum eigentlich? Ganz grob: Weil Erwachsene manchmal einfach doof sind.

Diese Situation ist Stellvertreter für etliche über die Woche verteilt. Manchmal hilft er mir. Manchmal anderen Erwachsenen. Und meistens reagieren die Großen alle gleich: Das Kind bekommt eine Abfuhr, die irgendwo zwischen Ärger und Genervtheit liegt. Selten, dass​ Mal einer inne hält, nachdenkt und sagt:

„Recht hast Du, kluges Kerlchen.“

Weil mich das so schmerzt, mache ich es jetzt immer öfter so. Ich denke über das nach, was mein Schlüsselloch-Kind sagt. Wir leben jetzt entspannter. Ich rege mich nicht mehr ganz so lange auf. Und ich gewinne Einsichten in meine und andere Kinder, die ich irre spannend finde. Ich merke immer mehr, dass all die Kinder-Versteher, die ich so bewundernswert finde, einfach zugehört zu haben scheinen. Sie scheinen auch so einen kleinen Klugscheißer dabei zu haben, denn mehr braucht es meist gar nicht, um zu erkennen, dass Erwachse Situationen ad absurdum führen, während ihre Kinder ganz deutlich zeigen, was Phase ist. Diese ganzen guten und einfachen Ideen, wie man Probleme und Situationen löst- die habe ich neuerdings durch die Quasselstrippe immer mit dabei. Ich übe mit dem Großkind zusammen, diese Sichtweise Mal wieder einzunehmen. Und Inzwischen gelingt es mir manchmal, aus dieser bekloppten und komplizierten Erwachsenenwelt auszusteigen und Mal zu kucken, was hier eigentlich Sache ist. Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Die Welt außerhalb auch außerhalb zu lassen. Und das Offensichtliche nicht nur als Lippenbekenntnis zu sehen, sondern auch danach zu handeln.

Ich habe ein bisschen mit dem Butterkeks gespielt, statt zu meckern. Ich hatte zwar keine Lust zu spielen, aber auf schlechte Laune hatte ich noch weniger Lust. Der Butterkeks hat sich gefreut und mich nach ein paar Minuten völlig vergessen. Weil er mit dem Großkind spielte. „Manchmal muss nur jemand mit ihm anfangen zu spielen, damit er dann weiß, was er als nächstes spielen muss.“

Ja. Klingt logisch.

Küsst die Kinder. Und hört ihnen ab uns zu einfach eine Minute lang zu. Ihr werdet es nicht bereuen.

Eure Julia

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4 Kommentare

  1. Ja es ist so – dieses Wikingerkind kann Dir die Welt erklären – wenn Du Dich drauf einlässt! Mir als Oma fällt es auch manchmal schwer – aber ich geniesse es wenn er bei mir ist und wir unter seiner Regie spielen – ich muss nur mitmachen, mich einlassen, die Erwachsene uralte Morla schlafen schicken – und zack! bin ich wieder 4 und seh die Welt mir seinen Augen! Altkluge Kinder (Klugscheisser ist so negativ!) werden oft abgewürgt und gemieden und was weiß ich noch alles – zu unrecht aber es ist so. Darum geniesse ich jeden Tag an dem er noch so direkt alles sagt was er denkt und fühlt und es mir erzählt! Auch wenn es mich manchmal nervt oder ich merke daß ich ihn partout nicht verstehe und dann sind wir beide frustiert…Es wird in dieser kopflastigen Erwachsenenwelt wohl nicht mehr lange dauern – dann ist auch das vorbei…

  2. Ich finde das zeugt von wirklich viel Empathievermögen, was Dein Kind da an den Tag legt. Wenn er so eine Situation schon verstehen und benennen kann. Wow.

    Toll, dass er sich schon so gut ausdrücken kann und noch besser, wenn die Mutter zuhört 😉

    Schön, dass Du mitgemacht hast bei meiner Herzpost-Aktion.

    LG Wiebke

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