Kinderbetreuung oder Sisyphos Teil 1

Kinderbetreuung oder Sisyphos

De facto gehen meine Zwerge ja weder in die KiTa noch in den KiGa. Sondern zur TaPfl. Und wenn ihr diesen Satz verstanden habt, hattet ihr vermutlich eine ähnliche Such-Odyssee inklusive Gewissensbisse und allem drum und dran, wie wir. Denn: Fremdbetreuung ist nicht gleich Fremdbetreuung (uuuh, allein das Wort!) und bei der Betreuungsfrage gibt es die unvermeidlichen Glaubenskriege. Darum lege ich mich mal gar nicht fest. Jedem das Seine. Ich erzähle hier nur ein bisschen von Meinem.

Zu allererst einmal die Auflösung für die Ahnungslosen: KiTa ist die Kindertagesstätte für die Zwerge unter drei. Kindergarten, also KiGa gibt es ab drei. Und TaPfl, wie könnte es anders sein, ist die Tagespflege. Die geht von null bis unendlich, je nach Fasson der Tagespflegeperson und Intervention des jeweiligen Bundeslandes. Was das jeweilige Land damit zu tun hat? Lange Geschichte. Aber wer in Mecklenburg Vorpommern schon mal versucht hat, sein Kind in einer TaPfl unterzubringen, obwohl im Umkreis eine KiTa zur Verfügung stünde oder das Kind älter als drei ist (und in den KiGa könnte), weiß, was ich meine. Zum Glück wohne ich in Schleswig Holstein. Die bewilligen nicht nur bereitwillig all meine Anträge auf Betreuung durch eine TaPfl, seit Januar 2017 gibt es vom Land sogar bis zu 100 Euro Kita-Geld. Das soll am Ende des Monats zumindest einen Teil des entstandenen Betreuungskosten für Kinder unter drei erstatten. Feine Sache, wie ich finde.

Zurück zum Ausgangspunkt:

Kinderbetreuung oder Sisyphos reloaded
Raus! Luft! Sonne!

Wo auch immer man sein Kind so parken kann- ich finde, es sollte so viel draußen sein, wie nur irgendwie möglich. Warum? Also….

Ich hatte am Rande erwähnt, dass der Großwikinger ein Wirbelwind ist. Und vielleicht, aber nur vielleicht kam auch schon mal zur Sprache, dass weder ich noch der Wikingergatte wirbelnd oder windig sind. Genauer gesagt sind wir beide ziemlich… äh… nennen wir es „kuschelig“?! Genug Kuschel für etwa drölf Kinder? Wie dem auch sei, in unserer Erinnerung aber waren wir beide „Draußenkinder“, Räuberkinder im Haulewald (den gab es tatsächlich bei mir. In die Annalen der Geschichte eingegangen als: Der Wald, in dem ich das erste Mal an einer Zigarette zog und im Anschluss zu Vertuschungszwecken zwei Kilo Mandarinen aß. Mir war elend). Und als noch-nicht-Eltern hat man außer tausend sich widersprechenden Ratgebern ja hauptsächlich so die eigene Erfahrung und sonst nicht viel. Also: Der Großwikinger sollte ein Draußenkind werden. Beschlossene Sache.

Wir ergo mit dem quasi frisch geschlüpften Säugling raus. Also ich. Immer. Also. Nee. Die ersten vier Monate seines Lebens war der Großwikinger mit mir nicht viel draußen. Eher so mit den Omas, die ausgedehnt spazierten. Mit dem verhassten Kinderwagen. Ich könnte ja heute noch heulen. Denn während der ein oder andere hämisch grinsend fragte, wie viel und oft ich denn jetzt toll mit dem Naturkind unterwegs sei, hab ich ein paar Tränchen verdrückt und mir nach acht Wochen den letzten von der Hebamme vergessenen Faden aus der Kaiserschnittnarbe selbst rausgezogen. Erst danach konnte ich wieder Strecken über 500 m ohne Reue laufen und auch das hat sich nur mühsam steigern lassen. Kurz: Ich war bedient. Es war Kackwetter, ich habe mich gefühlt wie der letzte Volldepp und irgendwie war alles doof.

Aber dann.

Kinderbetreuung oder Sisyphos reloaded
Kind und Ente

Dann kam der Frühling wieder. Das Kind fing an, sich zu bewegen. Zu rollen. Gras zu befingern. Käfer zu bestaunen. Und der Knoten war, glaube ich, geplatzt. Entweder nach einem dieser herrlichen Spätnachmittage am Meer, an denen ich zu meinem Bedauern feststellen musste, dass das Kind zwar klug, aber nicht klug genug war, um Möwenschiet von Sand zu unterscheiden. Oder im Drägerpark. In Lübeck. Nahe unserer wunderbaren neuen Wohnung (damals „neu“, heute „wunderbar“). Wo das kleine große Kind Freundschaft mit einer Ente schloss und ich insgesamt bemerkt habe: Natur und Kind, das ist doch cool.

Es begann eine wunderbare beide- Eltern-in-Elternzeit-Zeit. Wir waren wirklich irre viel draußen, hatten irre viel Spaß, haben das Kind über den Spielplatz gejagt und es war wirklich eine Draußen-Wonne. Aber irgendwann war auch die Zeit vorbei. Und der nächste Dämpfer nahte: Ich musste wieder arbeiten. Und wollte, da muss ich wohl fair sein. Aber ich wollte halt auch das Draußen-Level halten. Und musste, auch das muss eingeworfen werden, denn der Wirbelwind braucht Luft und Bewegung zum Atmen und Leben. Aber nach so einem Arbeitstag, so easy Büro ja sein mag… Ihr ahnt es. War nicht einfach. Und die Tagespflege war wohl so oft wie mit zehn Pimpfen zwischen null und drei möglich draußen. Aber die Tagespflege war halt in der Innenstadt. Und zwei Menschen haben zehn Kinder angezogen. Dann die Treppe runter manövriert. Und zum Spielplatz geschoben. Und auf den Sack Flöhe aufgepasst. Aber dann flugs wider zurück, schließlich war da noch Einkaufen, Kochen und Mittagsschlaf auf dem Plan.

Jeden Tag draußen- wenn (!) möglich (!).

Kinderbetreuung oder Sisyphos reloaded
Gut eingepackt. Quelle: Die Windelpiraten (Präzisiere gerne auf Anfrage)

Jetzt mal im Ernst: ICH brauche für zwei Kinder und zwei Mal mittelwetterfeste Kleidung im Herbst bereits 20 Minuten. Selbst wenn ich Kinderanziehen studiert hätte: Mit dem Betreuungsschlüssel und diesen Voraussetzungen KANN eine TaPfl keinen ganzen Tag im Freien leisten. (Was im Übrigen nicht heißt, dass die TaPfl nichts leistet. Sondern nur, dass zehn Kinder bei zehn Grad Minus mindestens zehn Stunden brauchen, bis sie angezogen sind.) So oder so, unsere Tagespflege hat getan, was ging und grade als die Kinder endlich größer waren, durften sie auch richtig tolle Ausflüge machen, während die „Kleinen“ in der angemieteten Wohnung gewartet haben. Der Großwikinger schwärmt noch heute vom roten Doppeldecker Bus, mit dem er fast bei uns zu Hause vorbeigefahren ist. Fast. Aber er hat unser Haus gesehen. Ganz bestimmt!

Er hat viele gute Erinnerungen an diese Betreuungsstelle und ich kann Euch verraten: Der Kontakt zu seinen zwei liebsten Bezugspersonen ist nicht abgebrochen. Wir treffen uns noch und er freut sich jedes Mal wie Bolle. Er sitzt dabei selbstverständlich nicht still. Aber er freut sich.

So. Hier verlasse ich Euch jetzt. Jetzt, wo Ihr das große ABER erwartet. Keine Sorge: Da kommt noch mehr. Aber nicht heute. Teil 2 in Kürze.

Küsst die Kinder, ganz fest!

Eure Julia

 

 

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