Kind krank. Land unter!

Kind krank. Land unter!

Es ist ja relativ egal, ob virtuell oder „in Echt“, gerade grassiert folgendes Phänomen unter Eltern inflationär: Erst wird es um die betroffenen Personen immer stiller. Dann höre ich eine Weile gar nix mehr. Und wenn mir das dann auffällt, melden sie sich zurück mit den Worten: „Verdammte Axt, wir hatten gerade drölf Wochen Kind krank. Ich brauche Urlaub. Ein Jahr!“ Und während ich heftig nickend auch schon Urlaub buchen will, frage ich mich, was genau denn eigentlich an diesem ‚Kind(er) krank‘ so saumäßig anstrengend ist.

Logisch, denkt Ihr, Schlafmangel! Eltern jammern immer über Schlafmangel, das wird es sein. Mehr Schlaf geht eh immer. Warum auch nicht?! Aber ich sage Euch, das alleine kann es nicht sein. Schlechte Nächte haben wir alle immer Mal wieder. Manchmal auch einige schlechte Nächte in Folge. Das ist unbestritten echt übel. Aber ich persönlich muss gestehen: Noch lange nicht so auslaugend wie ein krankes Kind. Oder zwei. Oder drei. (Au weia. Kurze Erkenntnis am Rande: Ich habe jetzt die Chance, drei kranke Kinder auf einmal zu erleben. Wenn es eine*n Gott gibt und di*er zufällig mitliest: Nein danke. Auf dieses Erlebnis bin ich nicht scharf. Ich schwöre es hoch und- ach verdammt, ich schwöre es!)

Chrzzzzzchrzzzzchrzzzz

Kind krank. Land unter!
Guten Morgen!

Es gibt unglückliche Eltern, deren Kinder im Grunde nur miese Nächte haben, bis die etwa zwölf sind. Die sehen obigen Absatz mit Sicherheit kritisch und sie haben völlig Recht. Einige andere haben da mehr Glück (denn mehr als Glück ist das Schlafverhalten und -bedürfnis von Kindern selten) und ich wünsche Euch allen, das Ihr zur letzteren Sorte gehört. Warum aber finde ich Schlafmangel alleine nicht halb so wild wie kranke Kinder?

Bei meinem Butterkeks zumindest würde mir noch die Divenhaftigkeit einfallen, mit der das Kind leidet. Also wirklich wie eine ganz große Diva. Das Kind leidet derart, dass ich ihm sogar das Frühstückseis (sic!)  halten muss, weil es sich so schwach fühlt. Die Suppe muss selbstverständlich ebenfalls Löffel für Löffel ins Kind gebettelt werden und sogar den Tee muss ich per Löffel liebevoll ins Kind träufeln. Bei alledem muss regelmäßig Beileid geäußert werden, dass der Keks sich so „graurich“ fühlt und außer zur Äußerung des Leids und Fernsehwünschen kann das Kind auch kaum sprechen. Also schon nicht ohne, dieses kranke Kind. Aber: Wenn das größte Geschwisterkind krank ist, bin ich danach nicht weniger erledigt. Dabei ist der Großwikinger ruhiger, wenn er krank ist. Genau genommen völlig unauffällig. Schlaft viel, isst kaum, will ein bisschen Fernsehen und kuscheln und geht dann wieder ins Bett. Früher haben wir Erwachsenen „Schnickschnackschnuck“ darum gespielt, wer beim kranken Kind Zuhause bleiben darf, weil das auf eine Art immer so kuschlig und nett war.

Und trotzdem:

Kind krank. Land unter!
Kleine Helferlein

Nach ein paar Tagen war ich dennoch völligerschöpft und reif für die Insel. Obwohl das Kind schon „groß“ ist. Genauso, wie ich es bin, wenn ich tagelang mit schreiendem Baby auf und ab gehe, Tücher binde und quasi den ganzen Tag stille. Was ist das nur, das mich da jedes Mal so ausknockt?

Ihr ahnt es: Es ist die verflixte Sorge ums Kind. Jedes Mal wieder. Auch wenn ich wohl weiß, das vierzig Grad Fieber nicht unmittelbar tödlich sein müssen- ein bisschen fühlt es sich trotzdem so an. Woher soll ich schließlich ganz sicher wissen, ob es die ungefährlichen vierzig Grad sind, oder die gefährlichen?! Überhaupt, ich liebe unseren Kinderarzt, aber keiner ist unfehlbar, oder? Mir ist rein verstandesmäßig durchaus klar, dass an einem einfachen Erkältungshusten kaum Bedrohliches ist. Aber ES HÖRT SICH TROTZDEM SO AN!!!! Mag auch durchaus sein, dass es nicht zielführend ist, wenn ich bei jedem Hustenanfall beinahe einen Herzanfall bekomme. Aber sagt das Mal meinen Herzen! Das setzt bei jedem Schnupfenröchlen aus, das weint bei jeder Baby-Verzweiflungsträne (Nase dicht, kann nicht stillen, ist aber hungrig!) zehn Krkodilstränen mit und galloppiert bei jedem Pseudokrupp ab durch die Hecke.

Dieses Herz!

Währenddessen blutet es, weil es sieht, wie die anderen Kinder zu kurz kommen. Es krampft, weil das größte Kind schon wieder alleine einschläft, weil ein anderes Fieberkind in den Schlaf gewiegt werden muss. Mein Herz windet sich, wenn der Butterkeks an meinen Rücken geschmiegt einschläft, weil ich die Speckbohne auf der anderen Seite dauerstille und es wird ganz grau, wenn es sieht: Die Speckbohne muss ein paar Minten weinen, ohne dass ich sie trösten kann, weil das Großkind gerade wirklich meine ganze Liebe und Fürsorge braucht.

Während mein törichtes Herz all das tut, tue ich, was nötig ist: Wadenwickel, Tee kochen, Suppe kredenzen, Honig schmelzen, Nachschub einkaufen, trösten, kuscheln, lieben, halten, küssen, helfen und Unmengen Schnodder in allen Farben, Formen und Konsistenzen  beseitigen. Und es könnte schon sein, dass dieses Multitasking aus (unbegründeter aber deswegen nicht minder hartnäckiger) Sorge und halbhektischer, liebevoller Pflege mich ein kleines bisschen alles an Kraft kostet, die ich im Schnitt so zur Verfügung habe. Möglich, oder?

An apple a day…

Kind krank. Land unter!
Vitamine und… äh… Minze.

Vielleicht ist es also nicht eine Sache, die Eltern dazu bringt, nach ein paar Wochen „Kind krank“ auszusehen wie Zombies. Eventuell ist es nicht nur der Schlafmangel, der berufstätige Eltern zum Hulk werden lässt, wenn die Kollegen nach einer Woche Krankenwache am Kinderbett fragen „Na, war erholsam?“. Ich würde fast behaupten: Es ist nicht die Sache an sich, weder das Kranksein, noch das Pflegen der kranken Hasen. Es ist die Sorge und die Angst, das wunderbarste zu verlieren, was wir uns zu denken im Stande sind. Die Erkenntnis, wie zerbrechlich selbst unsere großen Kinder sind, sobald sie nicht mehr munter und gesund durch die Bude turnen. Der unermessliche Schrecken, der uns überfällt, wenn wir realisieren: Unsere Kinder sind verletzlich und wir können nichts dagegen tun. Die furchtbare Angst, die mich eiskalt überrennt, wenn mir klar wird, dass auch meine Kinder nicht unsterblich sind und es nicht in meiner Hand liegt, daran auch nur ein Quäntchen zu ändern.

Ein bisschen dramatisch für so einen ollen Schnupfen, findet Ihr? Mag sein. Aber erstens fühle ich mich mit Schnupfen auch oft dem Tode nahe und zweitens: Verhältnismäßigkeit interessiert ein Elternherz nicht wirklich. Nicht, wenn es um die Kinder geht.

„Was tun?“, sprach Zeus. Und ich antworte:

Küsst Eure Kinder und beruhigt das Herz, indem Ihr sie gleich nochmal küsst. Diese kleinen zarten Hände, die weichen, warmen Lippen und die fein geschnittenen Wangen. Die knubbeligen Knie und die wutzeligen Zehen. Küsst den Ballonbauch und den schon so starken Rücken. Auch Stinkefußsohlen und Nutella-Marmeladen-Handflächen. Inhaliert Eure Kinder und hofft wie ich, dass ein Schnupfen für lange Zeit das Schlimmste sein möge, das sie ereilt.

Eure Julia

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