(K)eine Rezension: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10.

Rezension: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10.

Bis vor Kurzem hielt ich den „stanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“ für den längsten und kompliziertesten Buchtitel überhaupt. Dann kamen drei Kinder und:  „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen.“ Solchermaßen schon über die mögliche Länge von Buchtiteln geläutert, war dann auch das Buch selbst eine ziemlich gute Sache. Nicht, dass ein Buch all meine Probleme gelöst hätte oder sowas. So einfach ist es leider nicht. Aber ich werde bei vielen Dingen ja weit weniger fuchsteufelswild, wenn ich verstehe, WARUM sie passieren und genau dort setz das gute Stück von Katja Seide und Danielle Graf an: Beim Verstehen. Also war dieses Buch wirklich eine coole Sache. Noch cooler: Dasselbe Prinzip verspricht „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10.“ Also das Prinzip Einsicht. Ich berichte!

Der Titel deutet es schon an: So eine richtige Rezension wird das an dieser Stelle nicht. Warum? Weil ich ungefähr drölfzig (mitunter ganz ganz wunderbare!) Rezensionen darüber erwarte und die drölfzig und erste muss nicht sein. Warum dann dennoch einen Text dazu? Weil ich es ganz spannend fand zu sehen, wie ich mir mit Hilfe dieses Buches selbst auf die Schliche komme. Deswegen ist der Umgang mit dem Großwikinger oft nicht weniger … äh… spannend. Aber ich habe die Chance, ihn ein bisschen besser zu verstehen. Und mit dem Verständnis wächst auch meine Gelasssenheit. Meistens zumindest. Aber zurück zum ersten Aha-Erlebnis:

Erlernte Hilflosigkeit

Rezension: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10.Ein Konzept, das wirklich erstaunlich funktioniert. Danielle und Katja erklären das so gut, das geht gar nicht besser. Aber die Kurzform ist vielleicht: Wer die Signale von Babies (oder Kindern oder Erwachsenen) konsequent ignoriert, konditioniert sie darauf, hilflos zu sein. Denn wenn sie durch ihre Signale wie (beim Baby: Schmatzen, unruhig werden, Weinen oder Schreien) keine Erfüllung ihres Bedürfnisses (zB Hunger) erreichen, sind sie ja genau das: Hilflos ausgeliefert. Genau diese Erfahrung zieht sich hübsch weiter durchs Leben. Denn der Grundtenor ist ja der: „Du hast keine Chance. Strampel Dich ruhig ab- nutzt ja doch nix.“ Für alle (Menschen und menschengeleitete Institutionen), die sich für Autoritäten halten, ist das sehr praktisch. Denn die Gegenwehr (wogegen auch immer) hält sich bei Personen, die verinnerlicht haben, dass sie ohnehin nichts ändern können, sehr in Grenzen.

Dieses Prinzip hat mich erschreckt. Ich will nicht, dass meine Kinder denken, sie seinen nicht kompetent genug zu wasauchimmer! Die gute Nachricht: Durch dieses bedürfnisorientierte Ding, das viele von uns versuchen durchzuziehen, geschieht genau das Gegenteil.  Die Kinder erfahren sich von klein auf als kompetent und selbstwirksam, allein dadurch, dass wir auf sie reagieren. Wenn sie uns signalisieren, dass da ein Bedürfnis ist, sind wir da und können zumindest zeigen: „Ich sehe, dass Du etwas brauchst!“ Der Grundtenor ist hier: „Taschakka, du schaffst das!“ und das ist mir deutlich lieber. Es erklärt sich daraus aber auch, warum so viele Leute unsere Kinder oft als so unglaublich störend empfinden und tatsächlich von Tyrannen die Rede ist: Sowohl wir als auch unsere Eltern wurden (in bester Absicht unserer Eltern!) zumeist genau so konditioniert. Und das ideale Kind hat -solchermaßen erzogen- genau so agiert: Gehorsam, nicht übermäßig aufbegehrend, immer schön in der Reihe, weil: Alles andere nutzt ja eh nix. Viele Kinder heute sind anders. Meine eben auch. Aber so unbequem das sein mag:

Es ist gut so.

Rezension: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10.
„Umknicken, wo was Wichtiges steht… “ Tjanun. Hatte schon bessere Ideen.

Diese Sache mit der erlernten Hilflosigkeit ist natürlich noch viel komplexer. Und hat auch für mich selbst noch ganz andere Dimensionen. Aber so als Erkenntnis bis Seite 30 eines Buches rockt das schon, oder? Ich weiß jetzt, was mit diesen tyrannischen Kindern gemeint ist und ein bisschen verstehe ich, warum unsere Kinder die Menschen da draußen so gruseln. Tjanun und ich weiß: Anders als kompetent und „tyrannisch“ würde ich meine Kinder nicht haben wollen. Auch wenn das saumäßig anstrengend ist. Denn mein Ziel sind nicht fügsame Kinder, sondern glückliche.

Womit wir beim nächsten Punkt wären: Glück. Grundsätzlich bin ich ein sehr glücklicher Mensch, aber ich habe ja nicht ohne Grund nach diesem Buch gelechtzt. Ich habe nämlich sehr wohl gemerkt, dass da mit mir und dem Großwikinger wieder etwas im Argen ist. Genau genommen haben wir uns streckenweise gegenseitig fuchsteufelswild gemacht. Und das wiederum macht mich immer unglücklich. Wenn ich das Gefühl habe, ich kann nicht adäquat auf mein heißgeliebtes Kind reagieren. Weil ich in eigenen (doofen!) Mustern stecke, nicht herauskomme UND ihn einfach nicht verstehe. Meh! Ziemlich zu Beginn der Buches fiel da bei mir schon wieder ein großer Groschen. Und zwar bei dem (zugegeben nicht unstreitbaren aber sehr hilfreichen)  Vergleich der Autorinnen, wie autoritative Erziehung funktioniert und wie Bedürfnisorientierte es tut.

Teamplayer und Coach

Rezension: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10.
Beziehungs-High-Five mit Widmung

Wieder die Kurzfassung: Wer autotitativ erzieht, sieht sich als Coach, wenn wir so eine Familie mal mit einem Fussballteam vergleichen wollen. Die Kinder werden trainiert, der Coach sagt was und wie. Für später, fürs „echte Leben“ und so. Bedürfnisorientiert ist die Sache deswegen manchmal so unfassbar viel komplizierter, weil es keinen einzelnen Coach gibt. Sondern alle sind Spieler und alle haben Mitspracherecht. Ich weiß, dass unerzogen Lebende Menschen das kalte Grauen überfällt und sie schreien wollen: „Coach? Seid Ihr noch ganz sauber? Gewalt!“ Und ich will an dieser Stelle nicht mal behaupten, sie hätten wirklich Unrecht. Das große ABER ist jedoch: Dadurch, dass dieser Vergleich recht harmlos klingt und „Coach“ nicht so übel wie „Gewalttäter“ fiel es mir deutlich einfacher, zu sehen, wo ich „coache“.

Die Erkenntnis, dass ein Kind, das jahrelang meinem Versuch beiwohnen durfte, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, dieses Coaching daneben findet, die ist für mich in Gold nicht aufzuwiegen. Mit dieser Coaching Analogie konnte ich quasi minutiös verfolgen, wie ich bei den ersten ernstzunehmenden Schwierigkeiten in das (autoritative) Muster zurückgefallen bin, das ich so dringend vermeiden wollte. Dass das großartige Kind DAS voll daneben findet und aufgrund der bisher erfahrenen Selbstwirksamkeit eben NICHT auf sich sitzen lässt, ist mein großes Glück. Und meine Chance, zu erkennen, wenn ich irgendwie daneben liege. Oder auch völlig. Ähm, Ihr wisst schon.

Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht, aber solche Erkenntnisse sind der Hammer. Das ist noch keine Lösung für jedes Problem und es macht das Buch zu keinem Ratgeber für „Wie durch Zauberhand vereinfachtes Leben mit Kindern“. Aber Dinge und Mechanismen zu verstehen und zu enttarnen, das macht mich als Teil unserer Familie auf die Art und Weise kompetent, wie ich es sein will. Und im speziellen Teamfall ist mir direkt noch ein Licht aufgegangen:

Bedürnisorientiert Ü4?

Rezension: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10.
Der kleine Prinz vom Klappentext. Ich mag den!

Ich hatte und habe immer ein ganz klares Bild, was dieses olle „bedürfnisorientiert“ bei Babies und (Klein-)Kindern sein soll. Ganz logisch. Nicht für die gesamte Menschheit, aber definitiv für diese Familie und mich. Wenn es aber an Vorschulkinder und die berühmte „Wackelzahnpubertät“ geht, habe ich ein Problem, das mir überhaupt nicht bewusst war. Denn: Ich habe für diese Zeit kein einziges Bild vor Augen, wie das funktionieren soll. Ich hatte ehrlich gesagt eher ein „funktionierendes Kind“ vor Augen. Ist ja jetzt schon „groß“, der Bursch, oder?! Naja. Ihr könnt es Euch denken. Das ist natürlich völlig daneben und null hilfreich. Bedürfnisorientiertes Zusammenleben ist nicht mit vier abgeschlossen. Jetzt wird es erst wirklich lustig. Denn jetzt wird die Rückmeldung der Kinder unbequemer und wir haben wirklich zu tun, das zu verarbeiten. Das ist aber eine Zeit, in der die Kinder unser Verständnis und unseren Rückhalt wieder brauchen wie ganz zu Beginn unserer Beziehung. Mich zumindest macht die „Doppelbelastung“ aus eigene-Wunden-lecken und das-Kind-begleiten ordentlich müde. Aber so muss das. Und ich werde einen Teufel tun und behaupten, das läge am unbequemen Kind! Vielmehr rettet uns in diesem Fall die Tatsache, dass das Kind sich eben nicht in Form pressen lässt. Kluger Wikinger!

Seite 70.

Jo, das war die schwer abgespeckte Kurzversion meiner Erkenntnisse bis Seite 70. Es gab noch viel mehr Erkenntnisse und Inspiration, aber ich kann schlecht das gesamte Buch nacherzählen. Also, ich würde ja schon gerne. Aber so gut wie im Buch selbst würde das nicht. Deswegen wäre mein Rat: Kaufen oder leihen. Lesen. Erkennen und Verstehen. Und nicht bei Seite 70 aufhören. Für mich ganz persönlich rockt dieses Buch. Sehr!

Das einzige, was darin fehlt ist genau ein Satz, aber das ist auch meiner:

Küsst die Kinder!

Eure Julia

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