Ground control to Major Tom: Jetzt sind sie in der Überzahl!

Warum ich meinem Bauchgefühl misstraue

Es gibt eine ganze Menge unpassender und pseudo-markiger Sprüche, die ich mir zum dritten Kind anhören durfte. Ach, eigentlich gab es die zu jedem Kind, wenn wir mal ehrlich sind. Als wüssten die Leute manchmal einfach nicht, was sie sagen sollen. Aber gleichzeitig wollen sie jede Gehirnaktivität auf Teufel komm raus verhindern. Das Ergebnis sind solche Sprüche. Tjanun. „Jetzt sind sie in der Überzahl“ zum dritten Kind ist auch so ein ganz weiser Spruch. Für jede*n, di*er zählen kann, eine besondere Offenbarung, nech?! Was aber wirklich eine Offenbarung war, ist die Erkenntnis: Die Bande „unter Kontrolle“ haben ist nicht mehr. Spätestens jetzt muss ein Alternativsystem her.

Ground control to Major Tom- jetzt sind sie in der Überzahl.
Ab durch die Mitte!

Was ich mit Kontrolle meine? Ich meine das, was gerade ältere Semester gerne von mir und meinen Kindern verlangen. Vom ersten Tag an, vom ersten Kind an und selten so erfolglos wie heute mit Dreien. Denn die Idee, dass Kinder auf Zuruf Gewehr bei Fuß stehen, alles fallen lassen, Freunde stehen lassen und angaloppiert kommen- die ist nicht besonders realistisch. Dass Kinder vom ersten Moment an am Tisch sitzen bleiben, bis alle gegessen haben und possierlich ihr Gemüse mit Messer und Gabel sezieren, halte ich auch für ein Gerücht. Und nicht zuletzt würde ich wirklich gerne endlich mal dieses Kind kennen lernen, das auf „Geh bitte ins Bett“ antwortet: „Tolle Idee liebes Elter, ich geh schon mal vor, genießt Eure Quality Time zu zweit und macht Euch keine Sorgen, bis morgen früh um acht hört Ihr keinen Pieps mehr von mir!“.

Pieps!

Ground control to Major Tom- jetzt sind sie in der Überzahl.
Schlaf, Baby, Schlaf!

Ihr merkt schon, ich stimme so ganz grundsätzlich schon nicht mit der Idee überein, dass Kinder funktionieren müssen. Dabei „funktionieren“ meine Kinder wirklich prima. Zum Thema ins Bett gehen zum Beispiel habe ich ziemlich selten Ärger. I swear! Logisch, wenn große Veränderungen anstehen (Kindergarten) und die Schlafgewohnheiten völlig über den Haufen werfen, dann rumpelt es ordentlich im Karton. Ich will, dass die Kinder früh ins Bett gehen, damit sie morgens fit sind. Die Kinder denken nicht dran, sie haben ja zuvor lang geschlafen. Das heißt, ich müsste sie eben früher wecken, aber das will ich ja nicht, weil sie am Vorabend wieder lange auf waren… Ihr wisst, was ich meine, ne?! Aber von diesen Zeiten abgesehen ist es recht einfach: Wer müde ist geht ins Bett. Fertig. Aktuell ist das Baby meist das erste, es folgt der Butterkeks, der das Baby nochmal weckt und wenn ich dann irgendwann selber ins Bett gehe, kommt meist auch das Großkind mit. Manchmal auch der Gatte.

Voila!

Diese Situation hat aber nullnichts mit Kontrolle zu tun. Wenn ich nämlich anfangen würde, die große Kontroletti raushängen zu lassen und Kinder wie Mann ins Bett zu scheuchen, wann immer ich denke, es sei richtig, dann hätten wir hier … also… nennen wir es Vorhölle? Die würden mich ja für völlig unzurechnungsfähig halten. Gerade das Großkind. Wer, außer dem Kinde selbst, kann schon wissen, wann es müde ist?

Mein spezielles Lehr-Kind. So viel Liebe, da ist sogar was für die Baggerschaufel drin!

Und der Butterkeks ist ohnehin mehr als speziell. Der Butterkeks ist mein großer Lehrer des Kontrollverlustes. Denn er ist unberechenbar, dieser Keks. Und er ist unbestechlich. Überhaupt: Des Kekses Willen ist nicht mal mit Essen zu beugen, also versuche ich es nur, wenn ich mal wieder völlig übermüdet wirklich ALLES vergessen habe, was Elternschaft mich bisher lehrte.

Das klingt jetzt, als würden meine Kinder machen, was sie wollen? Tja, Teile des Tages hoffe ich das auch ganz inständig. Was wäre das für eine schreckliche Kindheit, in der der eigene Wille nicht zählt? Wie gemein wäre es, wenn ich meinen Kindern nie auch mal einen albernen Wunsch erfüllte? Wie furchtbar ist der Gedanke, tagein tagaus fremdbestimmt zu sein!

Was Ihr wollt!

Ground control to Major Tom: Jetzt sind sie in der Überzahl!
Kinderhaufen oder ein Haufe Kinder halt.

Deswegen: Ja, ich hoffe schwer, die Kinder machen, was sie wollen. AUCH. Denn auch ohne Kontrolle über meine Kinder habe ich eine Geheimwaffe, die uns den Tag (und den Arsch) rettet: Kooperation. Ich kann keines meiner Kinder dazu zwingen, zu schlafen. Aber ich kann sie darum bitten, mit mir gemeinsam ein Hörspiel anzumachen. Ihr werdet lachen: Da sind sie meistens mit dabei. Und wenn wir alle müde sind, dann schlafen sie früher oder später auch. Der Punkt ist aber: Sie tun es nicht unter Zwang. Sie tun es, weil ich sie gebeten habe. Das hat nichts mit Kontrolle zu tun.

Denn die Frage beinhaltet immer auch ein mögliches „Nein.“. Das kann arschanstrengend sein. Sauarschanstrengend. Das Großkind zum Beispiel ist mir wirklich oft eine wirklich große Hilfe. Das merke ich viel zu häufig aber erst, wenn es mal nicht mehr helfen mag. Wenn es nicht zum hundertsten Mal an diesem Tag auf sein Bohnengeschwisterchen aufpassen will. Ich schau mich sauber um, wenn der Großwikinger mir nicht mehr ständig Dinge aufhebt, die die zwei Terrorkrümel fallen lassen oder runterwerfen. Mein Rücken meldet sich dann empört zu Wort und legt Beschwerde ein.

Einspruch!

Siblings in Crime. Müssen nix. Dürfen viel.

Und genau dann wollen mir böse Zungen und überflüssige Menschen immer und immer wieder einzureden: „Du musst doch die Kontrolle über diese Bengel haben!Di*er MUSS das jetzt!“ Wenn ich sehr müde und sehr erschöpft bin, dann wünschte ich manchmal, sie hätten recht. Ich wünschte manchmal ganzganz kurz, ich könnte sie zwingen. Aber dann sehe ich diese blitzblauen Augen, den klugen Kopf und die wunderschönen Lippen und weiß: Nix da. Ich kann sie nicht zwingen. Ich will sie nicht zwingen. Und vor allem: Ich weiß genau, dass sie mir eigentlich helfen WOLLEN. Immer.

Ground control to Major Tom- jetzt sind sie in der Überzahl.
With a little help from my blitzblaues Äuglein!

Manchmal können sie nicht mehr. Dann ist die „Kooperationsleiste“ (Wortschöpfung K1) einfach leer. Und obwohl sie eigentlich wirklich gerne täten, worum ich sie bitte- manchmal geht`s halt eben nicht. Aber  wisst Ihr was? Davon geht die Welt nicht unter. Ich finde einen Plan B. Das ist mein Job als Elter. Und am Ende? Ist eh wieder alles gut. Die Kooperationsleiste wird wieder gefüllt und es ist völlig wurscht, dass ich keines meiner Kinder unter Kontrolle habe. Denn das ist völlig unnötig. Die sind ganz ohne Kontrolle wunderbar gut.

Deswegen ist das auch ein völlig verzichtbarer Spruch, „Jetzt sind sie in der Überzahl“. Denn nur wenn ich sie unter Kontrolle haben müsste, wäre das relevant. Muss ich aber nicht. Püh! Familie ist schließlich kein Stellungskrieg. Also nehmt die flauschige Kinderüberzahl und freut Euch, dass Ihr so viel zum Kuscheln habt! Küsste die Müder und Stirne und Wangen in Überzahl und seid glücklich! Vergesst die Zahlen und seid dankbar für jeden weiteren wunderbaren Menschen, der Liebe ist und Liebe gibt, herrje.

Muss nicht immer alles preußisch ordentlich funktionieren. Nicht mal der Satzbau muss das. Worauf ich aber bestehe: Küsst die Kinder! Egal wie viele. Egal wie kontrolliert. Denn Küssen geht immer.

Eure Julia

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