#Gretchenfrage: Zesyra von nooborn

Juhu, endlich wieder Donnerstag! Nachdem wir letzte Woche ja enthaltsam waren, geht es diese Woche weiter mit der #Gretchenfrage: Dier ganz wunderbarx Zesyra von nooborn berichtet uns von sienem frei interpretierten evangelischen Glauben. Enjoy!

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Ich war mal für evangelische Theologie immatrikuliert. Ganze zwei Wochen. Der Grund war, dass das Fach NC-frei war (und es war zumindest ein grundlegendes Interesse vorhanden). Ich habe das Studium nie angetreten, aber es wäre sicher interessant geworden. Stattdessen habe ich dann Germanistik und Philosophie studiert. Und das dann kurz vor Ende abgebrochen um jetzt International Management zu studieren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auf jeden Fall ist das evangelische Christentum schon lange meine Wegbegleitung, schon vor dem nicht angetretenen Studium. Meinen Konfi-Ordner hab‘ ich immer noch (Ja, liebe Pastor*innen, einige Konfirmand*innen heben sowas auf).

Ähm ja, zurück zum Thema. Religionsausübung. Ich bin Christx. Evangelisch. Ich gehe selten in die Kirche, besser: in Gottesdienste. Zu den hohen Feiertagen mal. Zu den Taufgottesdiensten meiner Kinder, zu meiner Hochzeit. Mein Mann ist Agnostiker. Die Male die ich in der Kirche war, seit ich mit ihm zusammen bin kann ich an zwei Händen abzählen. Kirche ist mir nicht wichtig. Gute Pastor*innen sind rar. Den Sonntagmorgen verbringe ich lieber im Bett als auf harten Holzbänken zwischen drei Rentner*innen und eine*r/m Ehrenamtlichen.

Aber ich mag Kirchen so als Gebäude. Ich streichle gern Kirchenwände. Klingt seltsam? Ich streichle generell gern über alte Gemäuer, kleiner Tick von mir. Ich habe immer das Gefühl, dass so ein bisschen von der Geschichte spürbar wird, die in den Mauern klebt.

Friedhöfe mag ich auch.

Da ist es immer so schön still. Friedlich eben.

Ich glaube an Gott – aber nicht als HERRN, VATER oder sonst wie männlich definierte Entität. Ich glaube aber an eine göttliche Entität. Das Glaubensbekenntnis & Das „Vaterunser“ formuliere ich daher entweder für mich um oder lasse entsprechende Passagen weg. Auch ansonsten nehme ich ad hoc Anpassungen vor, wenn es mir angemessen scheint. Zum Beispiel:

Ich glaube an Gott,
[das] Allmächtige,
die Schöpfung des Himmels und der Erde.

[…]
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Wesens;
[…]

Gott ist für mich allgegenwärtig und zeigt sich in den uns umgebenden Wundern, in besonders schönen Bäumen, in der Geburt, im Tod, in dem was in uns und um uns ist. Darin wie immer wieder das Böse überwunden wird. Wie immer wieder Liebe entsteht und besteht.

Glauben, Hoffnung, Liebe das sind für mich die drei wichtigsten Grundpfeiler der christlichen Religion. Interessierte lesen in der Bibel nach. Zum Beispiel 1 Korinther 13, welcher mit den schönen Worten endet:

„Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Kennen ja auch Nicht-Christen in der Regel.

Glauben: an Gott, daran, dass wir und die uns umgebende Welt Teil einer göttlichen Schöpfung sind. Ich bin keine Kreationistx und auch keine Wissenschaftsleugnerx. Im Gegenteil! Ich glaube aber, dass Gott uns den Zugang dazu ermöglicht hat und die Ursache all dessen ist, was uns umgibt. Das was andere Zufall nennen, kann ich nicht als Zufall annehmen. Zu vollkommen ist die Schöpfung.

Hoffnung: dass da etwas ist und uns liebt. Dass es Erlösung gibt. Dass Gott uns liebt und wir zur Liebe befähigt sind.

Liebe: die größte unter den Dreien. Immer wieder bringt Liebe Wunder hervor. Es ist nie Hass, nie Zorn die Dinge bewegen und verändern. Es ist Leidenschaft. Wer für etwas brennt, sich begeistert, etwas liebt: di*er bewegt und verändert.

Unser biblisches Familienmotto findet sich in Hebräer 10,24

„Lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken.“

Im Alltag erwähne ich Gott gegenüber den Kindern durchaus, wie gesagt für mich ist das Göttliche vor allem in unserer Welt präsent nicht in irgendwelchen Gebäuden. Ich bete eigentlich täglich, mal mehr, mal weniger intensiv, mit Kindern oder ohne.

Für mich war es sehr wichtig, dass meine Kinder getauft werden. Sie dürfen sich selbstverständlich entscheiden ob sie diese Taufe mit der Konfirmation bestätigen – oder eben nicht.

Da mein Mann nicht glaubt und die Bibel nie gelesen hat bin ich für die Auswahl der Taufsprüche verantwortlich gewesen.

Kind 1 hat: „Ich danke dir dafür, daß ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, und das erkennt meine Seele wohl.“ (Psalm 139, 14)

Kind 2: „Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ (1. Korinther 15, 10a)

Beide habe ich mit sehr großer Sorgfalt gewählt und hoffe, dass sie unsere Kinder auf ihren Wegen gut begleiten.

Auch eine kirchliche Trauung war mir wichtig. Die standesamtliche Trauung bedeutet mir nichts. Mir war wichtig, dass die Ehe vor Gott bezeugt wird, auch wenn mein Mann nicht glaubt. Wir sind am gleichen Tag getraut worden an welchem auch unser großes Kind getauft wurde. Eine wundervolle Taufe, an die ich gern zurückdenke.

Unser Trauspruch war: „Wo du hin gehst, da will ich auch hin gehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“ (Rut 1,16)

Ja, ich glaube. Und ich glaube gern. Der Glaube bereichert mein Leben und gibt mir Freiheit. Ich störe mich nicht daran, wenn andere anders glauben. Oder nicht glauben. Ich bin mir sicher, dass Gott jeden Menschen liebt. Auch die, die sonst nicht geliebt werden. Und dass es Gott egal ist, ob und wie eine Anbetung erfolgt. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass es für das eigene Leben hilfreich ist, auf Gottes Hilfe bauen und auf Gott vertrauen zu können. Ich glaube, dass Gott uns helfen kann Grenzen zu überwinden und Menschen mit Liebe zu begegnen. Mit Offenheit.

Eine kleine Übung die ich gern im Alltag mache, wenn mich die Masse an mich umgebenden Menschen mal wieder erschlägt: die Menschen genau ansehen. Und nach schönen Details suchen. Ich habe noch keinen Menschen gefunden an dem es nichts Schönes gibt. Ich versuche das Wunderbare zu sehen, das Gott gemacht hat. Diese Übung kann ich nur empfehlen.

Und allem Bösen was geschieht zum Trotz bin ich überzeugt davon, dass der Mensch in seiner Grundanlage gut ist und von Gott wunderbar gemacht wurde. Auch wenn manche Menschen das im Laufe ihres Lebens vergessen. Es ist noch da, das Wunderbare.

Das ist ein Gedanke den ich versuche Tag für Tag festzuhalten und zu leben.

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Tjanun Ihr Lieben, da ist viel dabei, das ich auch ohne Glauben guten Gewissens unterschreiben kann. Ihr auch? Wie läuft das in Eurer Familie? Wie passt das für Euch zusammen: Feminismus und Religion? Muss das überhaupt passen?

Ich bin gespannt und bis Ihr antwortet, küsse ich die Kinder- die bauen mir hier  sonst die Bude ab, die Wunderbaren …

 

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4 Kommentare

  1. Ich bin ohne Religion aufgewachsen, habe aber freiwillig einige Jahre lang den (christlichen) Religionsunterricht besucht. Ich fände es schlimm, in einem Bundesland mit verpflichtendem Religionsunterricht zu leben.

    Meine Kinder haben auch keine Religion und mein Mann glaubt zwar nicht an einen Gott, war aber noch Mitglied wegen des „Wohlfahrtsunternehmens Kirche“und ist dann aus seiner christlichen Kirche vor einigen Jahren ausgetreten aus Frust und Enttäuschung, über die Dienstleistungen eben jenes Unternehmens.

    Ich finde Eure Sprüche sehr schön und kann viele ethische Haltungen ebenso wie Mama Juja teilen, ohne mich dabei auf göttliche Entitäten zu beziehen.

    Ich habe versucht, die Bibel zu lesen, habe aber nach einigen hundert Seiten Altes Testament vorerst aufgegeben.

    An Zufall auf unserer Größenskala glaube ich auch nicht – allerdings nicht im Sinne „eines größeren Plans“, sondern weil das mein Verständnis des aktuellen wissenschaftlichen Wissensstandes ist. Das Dinge zu komplex sind, um sie zu verstehen, heißt für mich nicht, dass sie zufällig so sind, sondern, dass sie nur zu komplex zum Verstehen sind.

    Zesyra, Deine Übung erinnert mich an eine, die einen ganz anderen Hintergrund hat, die ich mir mal auferlegt hatte: Mir bewusst zu machen, an welchen Menschen meine Augen zuerst haften und dann bewusst woanders hinzusehen und damit die „unauffälligen“ Menschen bewusst wahrzunehmen.

    1. Schon seltsam, oder? Religiöse Haltungen und Menschen zu respektieren fällt den meisten von uns nicht allzu schwer- die Institution enttäuscht aber die meisten früher oder später wirklich herb.
      Ich glaube dennoch, dass man schon einiges zB in der Schule über Religion und Kirche gelernt haben muss, um das so differenziert zu sehen. Oder um den Versuch zu wagen, wie Du, einfach mal in der Bibel ein bisschen zu schmökern. Wobei wir ehrlich sein sollten: 100 Seiten Bibel sind definitiv eine andere Nummer als 100 Seiten Game of Thrones. Insofern von mir: Chapeau!

  2. Tja, die Institution…mmh… ich vermute, für mich liegt es daran, dass ein einzelner, konkreter Mensch, dessen Glauben ich als Teil seiner selbst respektieren kann, auch etwas ganz anderes ist als eine Institution, die eben kein biologisches Lebewesen ist.

    Etwas über Religionen ohne Aussparung negativer Religionsfreiheit zu lernen, finde ich gut, glaube ich. Es ist halt etwas, was für sehr viele Menschen extrem wichtig und grundlegend ist und damit auch gesellschaftlich sehr relevant war und ist. Als nicht-gläubiger Mensch tue ich mich nur schwer damit, zu hören: „Egal, an was man glaubt, Hauptsache, man glaubt an etwas (übernatürliches).“

    Ich frage mich gerade, warum ich damals überhaupt freiwillig in den Religionsunterricht ging und bin froh, dass ich da von niemandem rein- oder rausgedrängt wurde. Vielleicht, weil es meist sehr entspannt war und sehr philosophisch und die konkrete Religionsausübung eben gar keine Rolle spielte. Ich hoffe, dass ich auch meinen Kindern diese Freiheit lassen werde.

    Bibel: Früher hatte ich definitiv mehr Zeit und das hat mich nicht zu einem schlechteren Menschen gemacht, glaube ich.

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