Gender. Wahn und Sinn.

Gender. Wahn und Sinn.

Ich gebe unumwunden zu, nach einigen Jahren Germanistikstudium war ich vor allem eines: Allergisch auf das Stichwort „Gender“. Gar nicht so sehr, weil so überhaupt nicht Deutsch ist. Sondern weil ich es einfach an jeder Ecke und zu jedem Thema ungefähr drölf Mal zu oft hören musste. Und das auch nicht immer von den begabtesten Rednern und Denkern. Dann schwanger, wähnte ich mich in Sicherheit: Diese Mutti- Geschichte und Gender, das schließt sich gegenseitig aus. Da haste jetzt aber Ruhe! Pustekuchen. Denn JETZT habe ich Nachholbedarf.

Woher der so plötzlich her kommt? Das hätte ich schließlich früher wissen können, dass die Situation von Frauen mit Kind nicht so einfach ist und Hausfrauen manchmal belächelt werden? Witzig. Geht nämlich überhaupt nicht um mich in dem Fall. Und auch nicht um Feminismus. Es geht um meine Kinder. Tjanun. Damit hab ich auch nicht gerechnet.

Vogel Strauß

Gender. Wahn und Sinn.
Klare Sache?

Einige Zeit hab ich es auch noch versucht zu ignorieren, das Thema. Ziemlich intensiv sogar. So getan, als gäbe es ohnehin nur Klamotten für Kinder in braun und grün und rot und als wäre Geschlechtertechnisch bei meinen Kindern alles schon entschieden, in Butter und gar nicht zu beanstanden. Die Möglichkeit, dass ein Kind vielleicht nicht das Geschlecht haben will, dass es biologisch gesehen (nach äußeren Merkmalen) hätte- die habe ich auf circa hundert Jahre nach meinem Tod datiert und gut.

Jetzt funktioniert das mit dem Ignorieren aber leider nur so mittel gut. Weil ich aus Versehen und völlig unabsichtlich tolle neue Menschen kennengelernt habe. Wenn ich irgendwie kann, vermeide ich das natürlich. Aber diesmal hat das nicht geklappt. Und wenn Menschen, die man für sehr klug und ausgesprochen umsichtig hält, sich viel mit dem Thema Gender beschäftigen… Tjanun. Es bleibt nicht aus, dass man über den eigenen Tellerrand kuckt. Ob man das jetzt will oder nicht.

Und was sehe ich da? Gender.

Gender. Wahn und Sinn.
Dürfen die das?

Also genau genommen: Genderproblematik. So ein Geschlecht an sich ist ja noch völlig neutral. Das ist halt so. Aber in dem Moment, in dem wir irgendwas damit machen -und sei es nur, einem ungeborenen Baby eines zuzuschreiben, weil der Ultraschall so aussieht- fängt eine völlig irrwitzige Spirale von Missverständnissen und Blödsinnigkeiten an, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Okay, ich wollte nicht. War ja auch viel bequemer ohne. Aber jetzt hat der Kopf eigenmächtig die Regie übernommen und kommt zu dem Schluss: Ganz sauber sind wir doch alle nicht, oder? Dass wir uns in solchen Mustern bewegen und denken und nicht mal auf die Idee kommen, dass da was faul dran sein könnte? Als Inspiration kann ich Euch diesen Text von Zesyra  empfehlen- kann man ja über alles auch streiten und diskutieren. Aber ein Anstoß kann es sein. Und der ein oder andere (!) Satz aus einer tollen Radiosendung im RBB „Was wird es denn?“ von Almut Schnerring und Sascha Verlan. Zum Beispiel den Gedanken, warum wir uns allen Ernstes hinstellen und aufgrund äußerer Merkmale eine Wahl zwischen genau zwei (!) Möglichkeiten sehen. Nicht, dass das der biologischen Vielfältigkeit entspricht. Aber es scheint, als fänden Menschen es witzig, sich auf eine Hälfte der so konzipierten Welt zu stellen und damit nur noch die Hälfte aller möglichen Fähigkeiten, Kenntnisse, Begabungen und Zukunftsvisionen für sich in Betracht zu ziehen. Also, Leute- echt jetzt? Eine Welt voller Möglichkeiten und wir nehmen uns flugs selbst mal die Hälfte weg weil- ja, warum eigentlich?

Ich will hier nicht missionieren.

Gender. Wahn und Sinn.
Wer ist hier… äh… das Geschlecht?!

Kann ich auch gar nicht, weil ich mich am Anfang einer vermutlich ziemlich heftigen Auseinandersetzung mit dieser ganzen Geschichte befinde. Und diese Auseinandersetzung findet vornehmlich in und mit mir statt. Denn diese ganzen Verrücktheiten, über die Geschlechterdinge so laufen, werden nur ermöglicht, weil jeder einzelne Werte und Leitsätze verinnerlicht hat, deren er sich hinten und vorne nicht bewusst ist. Klingt jetzt ganz verschwurbelt? Ist so. Aber ich erkläre es an mir: Ich hasse rosa. Ich finde „typische“ Mädchen zum Kotzen. Aber warum empfinde ich das so? (Edit Dank einiger Hilfe: Hier soll nicht gewertet, Stunden nur meine persönliche Empfindung dargestellt werden. Mädchen rocken. In allen Farben.) Und ich war sehr erleichtert, als das Schicksal mir zwei Wikingerjungs beschert hat. Aber warum eigentlich? Ist ein „typischer“ Junge nicht eigentlich genauso zum Kotzen? Und ist ein „klassischer“ Junge nicht furchtbar eingeschränkt in dem, was als seine „Bedürfnisse“ wahrgenommen wird und dann erfüllt wird? Oder sind es vielleicht auch ganz arme Hunde, diese Jungs, weil der Wunsch nach einer Puppe schlichtweg so lange ignoriert wird, bis das Spielzeugauto herhalten muss? Und ist es damit getan zu sagen: Rosa und glitzer sind scheiße oder kucke ich genau hin und frage mich, woher diese krasse Ablehnung kommt? Wann genau ich gelernt habe, dass „rosa“ gleichbedeutend ist mit „schwach“?

Alles irre.

Gender. Wahn und Sinn.
Spurensuche

Angefangen habe ich ja, weil ich es für meine Kinder irgendwie wichtig fand, dass ich hier nicht in eine Falle tappe, in die zu viele schon getappt sind. Gelandet bin ich bei mir und meinem Verständnis von mir, Geschlecht und Beziehung. Krasser Bogen, finde ich. Aber offensichtlich ein notwendiger. Denn sonst würde es nicht klammheimlich immer weiter an mir nagen. Und mir ganz komische Dinge im Alltag zeigen, die ich vorher überhaupt nicht wahrgenommen habe. Sonderbar ist das manchmal, wenn man so eine Tür aufstößt und es steht „Gender“ dahinter. Ich wollte auf der Stelle wieder zumachen. „Gender“ ist für mich die Zeugen Jehovas der Diskurse. Aber vielleicht tue ich der Sache da sehr Unrecht. Und eigentlich sind „unbewusst übernommene Genderdenkstrukturen“ die eigentlichen Zeugen Jehovas, denen ich peinlich lange auf den Leim gegangen bin.

Ich werde Euch natürlich berichten, wie weit das müde Mutterhirn mit der Bearbeitung dieser Dinge ist. Nicht zuletzt, weil ich mir von Euch auch den ein oder anderen schönen Input erhoffe- braucht die Welt diese Diskussion? Und was machen wir damit?

Vorläufig würde ich sagen: Küsst die Kinder und kuschelt Euch einen klitzekleinen Augenblick neben diese herrlichen, warmen und weisen Wesen und genießt.

Eure Julia

 

 

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5 Kommentare

  1. Mir ist es ehrlich gesagt völlig egal womit Mausi spielt, oder was sie anziehen möchte. Ich achte nur bei Kleidern darauf das sie ordentlich aussieht. Farben spielen für mich keine Rolle, aber…ich trenne sehr wohl nach Mädchen/Junge. Zumindest in Gedanken. Es gibt für mich typische Jungssachen und typische Mädchensachen, was aber nicht heißt das das andere Geschlecht es nicht haben kann. Es steht ja nirgends drauf das es NUR fürs spezielle Geschlecht ist. Sthet ja jedem frei was er gerne möchte. Daher verstehe ich die ganze Aufregung um Gender nicht. Liebe Grüße, Nicole.

    1. Moin Nicole, ich fand den Satz aus der verlinkten Radiosendung schön, der inhaltlich sagte: Die Genderproblematik nehmen wir so lange nicht wahr, wie wir uns selbst in der Mitte dieser Definitionen bewegen. Sobald wir selbst an den Rand rücken (zB Jungs durch lange Haare oder Mädchen durch kurze) spüren wir die Enge dieser Grenzen.
      Ich freue mich über jeden, der sich in seiner Haut und Rolle wohl fühlt- möge es für Dich und Mausi so bleiben!

  2. uff, ich finde die genderfrage mit kind super heftig präsent. thema war es auch schon vorher in meinem leben, da ich mit trans*menschen befreundet bin.
    und das finde ich eben auch den knackpunkt. es gibt für mich nicht einfach zwei schubladen. und auch nicht zwei, aber es ist schon mal okay was zu tauschen. es gibt für mich einfach menschen. mit verschiedenen äusseren, inneren, charakterlichen, merkmalen, erfahrungen, bedürfnissen. nicht mal eine linie mit frau/mann extrem, nein, ein riesen kuddelmuddel an möglichkeiten. zumindest in der theorie.
    denn schön wärs.
    will ich euch von meinem baby erzählen. sag ich es? oder dann eben doch sie?
    neutrale kleidung? ist es blau, wird es als junge angeschaut. mit glitzer aber nicht. und nein, ich finde nicht, dass ich es wirklich neutral anziehen kann. und falls ich die verwirrung doch hinbekommen habe, wird nachgefragt. oft als aller, aller erstes.
    draufzeigen und wort dafür erwarten ist gerade sehr im trend. der mann hat, ää, die frau trägt, ää, das mädchen mit, ää die person macht….
    und ich finde es geht nur so weiter. phuu. sind ganz schön hartnäckig die schubladen. hilft nur weiter dran rumsägen, und kleinholz aus geschlechterblödsinn zu machen…

  3. Nein, ich glaube auch, so ganz sauber sind die meisten nicht (mich eingeschlossen). Aber ich finde es wichtig sich zu reflektieren und sich bewusst zu sein wo man noch sauberer werden könnte. 😉

    Liebe Grüße,
    Lara

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