Geheimwaffe Kuschelkinder

Geheimwaffe Kuschelkinder

Ihr Lieben, Ihr wisst vermutlich: Ich steh nicht allzusehr auf durchgängigen Körperkontakt. Ich habe das tatsächlich auch schon verbloggt und obwohl ich immer wieder böse Blicke von allen möglichen Seiten ernte, ich stehe dazu: Mein Körper gehört auch gegenüber meinen Kindern mir. Also manchmal. Aber wenn alles und jede*r besonders scheiße ist, die Tage dunkel und die Nächte lang und schlaflos, dann habe ich eine Geheimwaffe, die definitiv mit Berührung und Körperkontakt zu tun hat. Kein Jux.

Aber von vorne. Vor allem für alle, die nicht von der ersten Stunde an meinen Lippen hängen: Es ist jetzt nicht so, dass mich keine*r anfassen darf oder so. Obwohl es mir grundsätzlich ja lieber wäre, die Menschen gingen von dem Fall aus, dass eins ERST fragt und DANN anfasst. Ist in dieser Gesellschaft aber irgendwie nicht weit verbreitet und so habe ich mich, im Rahmen einer gar nicht so übel abgelaufenen Sozialisierung eben dran gewöhnt. Daran, dass ich von Zeit zu Zeit ungefragt angefasst werde.

Ich meine jetzt nicht angetatscht oder sowas, keine Sorge. Daran gewöhne ich mich hoffentlich nie und auch niemand sonst sollte das je tun. Ungefragt sexualisierter Berührung sollte immer und durchgängig etwas Lautes, Wütendes und vor allem Hilfe von Außen folgen. Ich weiß, davon sind wir leider auch weit entfernt, aber DAS musste mal gesagt werden. Zurück zu dem „Anfassen“ das ich meine: Es geht ganz lapidar um die üblichen Umarmungen, das Rückenklopfen, Handauflegen, Kopfwuscheln- all sowas, was die Menschheit eben in guter Absicht mit anderen Menschen macht.  Ich habe mich gewöhnt, ich habe mich angepasst. Mir fällt es aber nach wie vor arg deutlich auf.

Das war VOR den Kindern

Geheimwaffe Kuschelkinder
Komm schon…!

SEIT den Kindern sieht dieses Spiel ja ein bisschen anders aus: Ich bin als Elternteil quasi eine Art Anfass-Freiwild. So wie Schwangere offenbar ein Schild auf der Stirn haben, auf dem steht „Gib mir einen Rat! Nein, zwei! DREI!!! VIELE!!!!“. Genau so steht auf einem Elternteil für jedes Kind offensichtlich und gut lesbar: „Zuppel an mir! Los, knibbel an meiner Kleidung- ach, versteck Dich gleich drunter und leier das Zeug ordentlich aus! Quetsch Dich um Himmels Willen endlich auf meinen Schoß, während ich wichtige Überweisungen am PC mache und vergiss bitte nicht, deine Rotznase ganz fest an meiner Brust zu reiben. Ey, und wenn Du noch ein Stillkind bist: Bittebittebitte teste für mich, wie lang eins so eine Brust ziehen kann. Wenn Du noch Zeit hast bitte auch noch ein bisschen pieken, ja?! Einschlafen nur mit extremen Körperkontakt, so steht es im Vertrag! Mindestens ein Fuß im Gesicht des Elters und ein eiskaltes Bein bitte in die Unterhose des Elters schieben, während es stillt. War so vereinbart, keine Widerrede!“

Nicht, dass ich mich ernsthaft beschweren will. Hormone helfen im Fall von Kindern immer viel und am Ende des Tages nutzt es nichts, sich aufzuregen, denn Kinder sind einfach wirklich so. Ich weiß das zufällig deswegen genau, weil ich ernsthaft versucht habe, das zu verhindern. Hört auf meinen ungefragten Rat und spart Euch die Energie. Ernsthafte körperliche Selbstbestimmmung ist -sehr überspitzt formuliert- nichts, was eins mit Kindern unter drei praktizieren kann. Jetzt wollte ich aber gar nicht schimpfen, sondern auf etwas ganz anderes hinaus:

Die gute Seite der Dauerfühlung

Bildquelle: flickr, Bild by: Damian Cugley

Die ist nämlich ganz klar: KUSCHELN. Das ist etwas völlig anderes als das ständige ungefragte Ziehen und Zerren. Das ist eine ganz bewusste Sache. Und wie bei allen Geheimwaffen eine mit ganz großem Haken: Kuscheln müssen BEIDE Seiten gleichermaßen wollen. Sonst ist es kein Kuscheln. Das ist mitunter verzwickt. Denn nicht immer wollen meine Wirbelwindkinder zur sanften Brise werden. Und schon gar nicht, wenn eh ein Scheißtag mit viel schlechter Laune, Tränen und Gebrüll ist. Aber ich schwöre Euch: Je mieser der Tag, desto mehr ist es den Versuch wert!

Auch und besonders dann, wenn ich am liebsten auswandern würde oder zumindest gerne in einen dieser bemerkenswerten, riesigen Gummibälle einsteigen, die alle Umwelt und Berührung auf zwei Meter Abstand halten. Je höher nämlich mein Stresspegel, desto weniger gut kann ich das Ziehen und Zerren, dass Zuppeln und Ruckeln an mir ertragen. Überhaupt, wenn ich gestresst bin, ertrage ich kaum etwas so wirklich. Und genau das ist der Punkt, an dem ich dann schleunigst etwas tun muss. Auch wenn ich ü-ber-haupt nicht will.

Yes, we can!

Geheimwaffe Kuschelkinder
So ein Boden ist ja unheimlich vielseitig, ne?!

Jetzt also zu meinem ober-über-mega Geheimrezept gegen fast jedes Übel in dieser Welt: Ich setze mich entweder auf einen richtig kuschligen Teppich oder ins Bett. Nicht aufs Sofa. Denn ich habe drei potenzielle Kuschel-Kandidaten*innen und auf dem Sofa gibt es Gerangel um die besten Plätze. Das Familienbett und unser Flauschteppich dagegen sind groß genug für uns alle. Und da sitze ich dann. Und warte erstmal. Denn zum Kuscheln kann ich niemanden zwingen. Sonst wirkt es nicht. Was aber schonmal hervorragend wirkt: Dadurch, dass ich mich auf den Boden setze und sprichwörtlich auf Augenhöhe der Kinder lande, ändert sich meine Perspektive gar nicht so unerheblich. Nicht, dass ich da sonst nie wäre. Aber ich bin keine besonders begnadete Spiel-Mutter, deswegen lebe ich jetzt auch nicht direkt auf dem Fußboden.

Die Veränderung in der Statik muss insgesamt echt zu spüren sein, wenn ich mich gen Boden bewege, denn meistens kommen die Kinder relativ schnell hinterher. Mitunter natürlich auch mit Spielanliegen und Lego. Zu unser aller Entspannung spiele ich dann auch oft ein bisschen mit den Kindern. Weil es geht und sie ja meistens einen mindestens genauso beschissenen Tag hatten wie ich, wenn wir alle wieder eine dieser „Phasen“ haben. Aber früher oder später darf ich die Ninjago-Grusel-Schlange dann weglegen und das erste Kind auf meinen Schoß einladen. Es folgt: Auch auf dem Boden ein kurzes Kompetenzgerangel, bis jedes Kind einen annehmbaren Platz hat. Und dann?

Dann wird gekuschelt.

Geheimwaffe Kuschelkinder
Einmal schnuppern bitte.

Jede*r kuschelt ja ganz anders bei uns und jede dieser Varianten ist großartig. Das nicht-mehr-Baby zum Beispiel drückt sich ganz eng an mich und klopft mit der mittelgroßen Patsche-Pranke meinen Rücken (wenn es ran kommt) oder was es eben sonst noch so findet. Ich schnuppere derweil eifrig an des Kindes Kopf und Haar. Nicht, dass meine Kinder dieses aprikosensüßen Manna-Duft ausströmen würden, von dem immer alle reden. nee. Die mückern mitunter gewaltig. Macht mir aber nichts. Ich rieche auch das Mittagessen von gestern und die Beute vom Kühlschrankraubzug vor ein paar Minuten liebend gerne im Haar meiner Kinder.

Unterdessen nähert sich der Butterkeks ganz sacht von hinten, kuschelt sich klassisch an meinen Rücken und streichelt mich. Den Rücken, den Arm, was auch immer er gerade findet. Der Keks nämlich kann auch nur dann einschlafen, wenn er jemenschen streichelt und ich finde das eine ganz entzückende Eigenschaft. Und auch in dessen Haar schnuppere ich ausgiebig, hole Federn und Laub aus den Haaren und halte sonst einfach ganz still. Das kann der Keks nämlich so gar nicht leiden, wenn ich während des Kuschelns wackle. Irgendwann rollt er sich dann auf meinem Schoß ein wie ein Kätzchen und ich herze und knuddle das Kind bis der nächste geschwisterliche Meltdown sich ankündigt.

Denn auch Nummer drei (chronologisch gesehen eher Nummer eins) will schließlich mitkuscheln. Jetzt ist dieses Kind ungünstiger Weise aber schon mit sechs Jahren so riesig und schwer, dass das wirklich eine Aufgabe für Fortgeschrittene ist. Sind wir aber, keine Sorge. Einzig die Tatsache, dass dieses Kind keine Sekunde still sitzen kann, um mich herum rennt, mir einen Kuss auf die Stirn gibt, wieder einen Platz sucht, umfällt, rumrennt, sich hinsetzt, sich anders dreht, mein Bein anders dreht, seine Geschwister anders dreht… äh, was wollte ich sagen? Ja, also, jede*r kuschelt anders und manch ein Kind eben im Vorbeiwirbeln.

Und nu?

Nu sag ich Euch was: Noch bevor das letzte Kind gekuschelt ist, ist die Welt schon viel viel besser geworden. Kann schon sein, dass das dann immer noch ein Scheiß-Tag ist. Aber meine Kinder und ich lachen dem Tag dann ins Angesicht, denn: Wir haben gekuschelt. UNS kann KEINE*R mehr was! Und wenn wir schon am Lachen sind, dann wird aus der Kuschel-Connection ganz oft auch einfach noch ein Tobe-Trubel. Bietet sich schließlich an, wenn wir schon dabei sind! Ich kitzle Kinderbäuche und Käsemauken, ich rolle Speckbohnen und kullere Butterkekse, ich umärmle Wirbelwinde und werde von allen Seiten gekitzelt und gepiekt. Un dich schwöre Euch: Es ist wunderbar und es wird eines Tages die Welt retten.

Eines habe ich aber noch vergessen, das darf nie fehlen: Küsst die Kinder. Beim Kuscheln genauso wie beim Toben. An guten wie an miesen Tagen. Küsst die Kinder, küsst sie!

Eure Julia

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.