Gastbeiträge im Wochenbett: Das liebe Geld und das wertvolle Lieben

Gastbeiträge im Wochenbett: Das liebe Geld und das wertvolle Lieben

Kleiner Reminder: Sonntag ist Weihnachten. Warum ich das so lapidar in den Raum werfe? Und nicht direkt in Freudengeheul ausbreche? Tjanun, Ihr Lieben, ich erinnere mich an Zeiten, da hatte ich Oktober schon Angst vor Weihnachten. Weil ich es mir nicht leisten konnte, die Geschenke, die ich mir für all meine Lieben ausgesucht hatte auch nur anzukucken. Weder für alle Geschenke noch für alle Lieben hat es je gereicht. Immer musste einer ausfallen oder ein ich ein Kopmromiss-nicht-so-teuer-Geschenk finden.  Das Wort Geldnot ist da malerischer, als es eigentlich gedacht war, schätze ich. Kurz: wenig Geld haben ist scheiße. Und das besonders zu Weihnachten. Auch wenn man ganz genau weiß, dass andere Dinge schwerer wiegen. Und Liebe nicht in Euro gemessen wird. Aber es ist und bleibt dabei: Armut macht auch nicht eben glücklich. Darum liegt mir mein letzter Gastbeitrag vor Weihnachten besonders am Herzen-nicht ganz zufällig aber auch die zauberhafte dazugehörige Person vom Blog nooborn. Das ist nämlich mein (zweites) Wochenbettgeschenk von der Familie Nooborn. Lauschen Wir gemeinsam?!

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„Sechzehn Euro dreiunfuffzich bitte“.

Ich merke, dass ich innerlich zusammenzucke. Das ist ein Euro mehr als ich beim Einkaufen gerechnet hatte. Natürlich kenne ich den Grund: Süßkartoffeln. Ich verschätze mich grundsätzlich bei ihrem Gewicht.
Eigentlich, eigentlich ist das nicht schlimm. Inzwischen bin ich nämlich nicht mehr arm. Aber ich war es. Und Armut prägt.
Früher, als ich in meiner ersten Wohnung lebte, da war 1€ das Geld für zwei Wäscheladungen. Oder für das Essen der letzten drei Tage im Monat, wenn das Konto wieder leer und nur noch Kleingeld im Portemonnaie war. Reis mittags, morgens, abends. Reis ist billig und macht satt. Ich mag keinen Reis. Weißer Reis sieht aus wie kleine dicke Maden. Weißer trockener Reis verklebt nach einer Weile den Mund und den Geschmack. Aber: Reis ist billig und macht satt. Das Sättigungs/Geld Verhältnis von Reis ist prima. Es gibt auch leckeren Reis. Aber der kostet einiges mehr.
Und noch früher, als ich allein mit meiner Mutter lebte, da wusste ich auch, dass wir kein Geld haben. Meine Mutter hat versucht, mich das nicht spüren zu lassen, aber Kinder haben feine Antennen.

Gastbeiträge im Wochenbett: Das liebe Geld und das wertvolle LiebenHeute lebe ich mit meinem Mann und er verdient gut. Gut genug, dass ich zu Hause bei den Kindern bleiben kann. Ein Wunsch den ich immer hatte: die ersten Jahre mit den Kindern verbringen. Dieser Wunsch kostet Geld. Opportunitätskosten, wie ich aus dem Studium weiß.
Dieser Wunsch kostet auch Sicherheit. Wenn mein Mann mich verlässt oder ich ihn, dann bin ich, gelinde gesagt, am Arsch. Dann wird es wieder oft Reis geben statt Couscous oder Hirse die ich viel lieber mag. Ich weiß um dieses Risiko, ich weiß, wie unfeministisch es ist, als als weiblich gelesener Mensch sich hier nicht mehr abzusichern.

Hätte ich tun sollen. Könnte ich noch tun. Wäre vernünftig. Mache ich aber nicht. Denn ich liebe ihn. Aus ganzem, tiefstem Herzen. Und ich weiß, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Kann passieren, dass ich damit gewaltig auf die Fresse fliege. Ist dann so. Werde ich auch überstehen: denn arm war ich schon. Ich weiß wie das geht und ich weiß, dass ich es auch mit drei Kindern aushalten würde.
Aber ich war noch nie bei einem Menschen so sicher wie bei diesem. Und habe noch nie einen Menschen so sehr geliebt. Also versuche ich jetzt mal diese vorbehaltlos Vertrauen Sache. Ins Lieben. Ins Leben.

Gastbeiträge im Wochenbett: Das liebe Geld und das wertvolle LiebenAuch du, liebste Mama Juja trägst die Geldsorgen in deinem Herzen. Irgendwie geht es immer, das weißt du auch. Denn Geld allein ist nicht alles, aber eben einiges.
Und jetzt ist da ein drittes hungriges Wikingermäulchen bei euch. Auch wenn es vermutlich noch nicht so sehr feste Nahrung isst, sondern viel mehr dafür sorgt, dass du umso mehr davon brauchst um genug Energie für dieses Leben aufzubringen.
Ebenso wie ich trägst du das Wissen um Armut im Hinterkopf mit dir und der Anblick des kleinen schutzlosen Wesens in eurer Verantwortung wird dich vermutlich mit Liebe füllen – und ganz leise im Hinterkopf mit der Hoffnung, dass deine Kinder das so nicht erleben müssen.
Vielleicht mal den Verzicht auf einen Eisbecher, aber dass die Kugel Eis trotzdem drin ist. Die Erfüllung eines Wunsches erst zu Weihnachten oder zum Geburtstag statt direkt. Eventuell die Erkenntnis, dass die Klassenfahrt bedeutet, dass der Familienurlaub (kleiner) ausfällt.

Aber eben nicht: Reis morgens, mittags und abends. Nicht das komische Gefühl unmodische Kleidung von Flohmärkten aufzutragen und den Eltern zu versichern, dass das schon okay ist, weil Kinder eben feine Antennen haben und wissen, dass sie mit ihrer Unbeliebtheit den Preis dafür zahlen, dass ihre Eltern nicht genug Geld haben.
Denn es ist wunderbar, Kindern emotionale Sicherheit geben zu können und garantiert ist es wichtiger als materielle Sicherheit. Aber die materielle Sicherheit dazu geben zu können ist eine Erleichterung. Und macht die Geschichte mit der emotionalen Sicherheit leichter.
Deshalb wünsche ich dir, dass du weiterhin den Luxus hast die fehlenden Euros noch auftreiben zu können. Damit du weiterhin deine Lieben küssen kannst ohne, dass die Sorge im Hinterkopf zu laut werden muss.In diesem Sinne: küss deine Kinder und genieß dein Wochenbett!
Zesyra_

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Jetzt ist mir doch weihnachtlich. Weil das Geschenk so eines Textes und so wahrer und liebevoller Worte tatsächlich jede Sorge um Geld aufwiegt. Bevor ich aber jetzt allzu sentimental klinge: Die kleine Wikingerbohne tut auch ihr Übriges dazu, das ist ja das Beste an Babies: Sie halten einen so müde und voller Liebe zugleich dass man gar nicht mehr vernünftig denken kann. Schon gar nicht über Geld.

Was bleibt? Mir bleibt, Euch allen so wunderbare Menschen wie Zesyra und die Nooborn-Familie zu wünschen. Ich wünsche Euch genug Vertrauen in das Leben, um der Liebe willen auch materielle Risiken einzugehen und ich wünsche Euch, dass Ihr für Euren Mut belohnt werdet.

Ich wünsche uns allen, dass am Ende alles gut wird.

Lasst uns die Kinder küssen!

Eure Julia

 

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1 Kommentar

  1. Was für ein wunderwunderschöner Text, der so gut deutlich macht, wie wichtig Geld ist, auch wenn es eigentlich unwichtig ist.

    Weil es eben nicht nur um „Materielles“ geht, sondern auch um richtige Ernährung, Sorgenfreiheit, Teilhabe und vieles mehr.

    Danke dafür!

    Und auch von mir alles Gute!

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