Fluchen ist scheiße. Oder?

Strad Priwall Fluchen nichtschwimmer

Meine Nichte bittet mich regelmäßig darum, ich solle mich entschuldigen. Sie hält mich für etwas blöd, denn ich bin was Eines angeht, besonders unbelehrbar: Ich sage sehr oft und sehr inbrünstig Scheiße. Und im Hause Nichte ist das, zugegebener Maßen nachvollziehbar, nicht erwünscht. So ein Mist aber auch. Mist darf ich sagen.

Lange Zeit meines Lebens hielt ich mich für besonders abgebrüht und rebellisch. Weil ich mir mein, inzwischen leider wieder überschaubares, Repertoire an schockierenden Flüchen mühsam zusammenklauben musste. Schließlich flucht „man“ nicht und wer wie ein Kutscher fluchen will, muss sich heutzutage in recht zwielichtige Gesellschaft begeben, um etwas lernen zu können. Warum man sowas wollen könnte? Gut fluchen? Weil es einen unfassbar entspannt. Es ist eine Art Blitzableiter für den Cortisolspiegel.

Tatsächlich gibt es Hinweise, die meine persönliche Feldstudie im Laufe des Studiums belegen. Aber das Studium ist definitiv vorbei (was eigentlich schade ist). Jetzt ist Muttersein angesagt. Da sollte „man“ sich doch von verbalen Entgleisungen distanzieren. Oder?

 

Hell, no!

Die Wikingerkinder hören von mir keine Obszönitäten. Ich habe großes Vertrauen darauf, dass sie diese spätestens in der Schule aufschnappen werden. Aber aus tiefstem Herzen „Scheiße!“ zu schreien hat mich schon vor vielen, unheimlich viel dämlicheren Reaktionen bewahrt. Der Großräuber bringt übermäßige Überraschung zu Hause mit „What the fuck?“ zum Ausdruck und kringelt sich dann, dass er schon wieder aus Versehen „fuck“ sagte- hatten wir doch vereinbart, dass wir auf offener Straße dieses Wort vermeiden. Hören halt nicht alle gern.

Überhaupt sagt ja keiner, dass Fluchen nicht auch irrsinnig lustig sein kann. Es macht einen Heidenspaß. Es nimmt in so vielen Situationen den Druck von allen Beteiligten, wenn einer seinen Unmut mit „Pupskackeierloch“ kund tun kann. Und nicht zuletzt: Es gehört schlicht und ergreifend zum Spracherwerb, die „dunkle“ Seite einer Sprache zu Erkunden. Und nachdem ich festgestellt habe, dass jede Erkundung mit Kindern eine ist, die sich lohnt, begleite ich sie. Wer weiß, wo wir landen?

 

Wichtig: Fluchen im Kontext!

Ja, ich höre sie, die Stimmen meiner Erziehung und der der letzten Jahrhunderte: Das darf man nicht, das ist ungehörig, unflätig und ungebildet. Dabei gehört einiges dazu, gut zu fluchen: Allem voran nämlich müssen auch meine Kinder lernen, wann es sich lohnt, sich über Konventionen hinweg zu setzen. In welchem Maße sie die Konsequenzen tragen wollen. Wie sehr sie das so entstehende Bild von ihnen zulassen wollen.

Das sind Dinge, die ich heute noch nicht zuverlässig beherrsche. Die wir in jeder neuen Situation erneut ab- und einschätzen müssen. Für Kinder eine unheimlich komplexe und anspruchsvolle Herausforderung! Und wie könnte es anders sein, oft liegen wir daneben, mein Seelenfluchverwandter Sohn und ich. Und ernten eben Anschiss von der Nichte. Zu Recht. Und fluchen uns dann eben auf der Heimfahrt im Auto leer. Kann man machen. Muss man nicht. Ist aber ausgesprochen erheiternd.

 

Flucht der Balg den ganzen verdammten Tag?

(Noch) nicht, dass ich wüsste. Eigentlich kommt für seine vier Jahre und das, was er auf dem Spielplatz so alles hören könnte (ich sitze ja daneben) erstaunlich wenig Gefluchtes oder Obszönes. Vielmehr staune ich immer wieder darüber, wie unglaublich differenziert der Große seine Emotionen in Worte packt. Wie er unverdrossen so lange an Ausdrücken bastelt, bis sie mit dem Gemeinten übereinstimmen. Bin dabei froh, dass er noch keine konventionellen Grenzen kennt und einen „Scheißpupskacktag“ auch so nennt und nicht von „temporärem Unwohlsein“ spricht. Denn den Kacktag kenne ich selber und weiß, dass z.B. Eis da vorzüglich hilft. Temporäres Unwohlsein ist etwas für Bewerbungsgespräche. Und bis dahin hat er ja noch viel Zeit.

Eure Julia

 

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