Entthronung: Winter is coming.

Entthronung: Winter is coming.

Das dritte Kind ist da. Fast drei Monate schon. Und ich kann mich gar nicht entscheiden, womit ich anfangen soll: Zuerst die Haare raufen über diese unsägliche Entthronungsphase, die uns derzeit ja in doppelter Ausführung heimsucht? Oder lieber erst die Tirade, warum ich es so furchtbar doof finde, diese ganze Familiendynamik „Entthronungsphase“ zu nennen? Schnickschnackschnuck?! Bis ich mich entschieden habe, empfehle ich übrigens diesen wunderbaren Text von MotherBirth wärmstens. Allerwärmstens!

Okay, wir fangen damit an, warum nicht eines meiner Kinder gerade seine Entthronungsphase durchmacht. Obwohl ich genau darüber manchmal fast wahnsinnig werde. Denn: Es sind nicht die Kinder, die völlig isoliert von allen Beziehungen und Geflechten in ihrem Leben plötzlich feststellen, dass sie nicht mehr der Prinz mit Pfefferminz sind. Nee. Das impliziert dieser Begriff aber auf total subtile Weise. Und das ist einfach Quatsch mit Soße. Ganz klassisch.

Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz!

Entthronung: Winter is coming.
Ein neuer Wikinger. Eine Bohne. Eine Speckbohne!

Logisch, mit der Geburt des Geschwisterkindes ändert sich viel. Die größeren Kinder geraten zeitweise in den Hintergrund. Der Neuankömmling braucht viel Energie und Aufmerksamkeit. Aber betrifft das alles NUR die Kinder? Oder sind da nicht zufällig noch Erwachsene unterschiedlicher Zahl genauso beteiligt? Sind genau die zufällig trotz allem Erwachsensein nicht genauso überfahren und überfordert von dieser neuen Situation, wie ihre Kinder? Obwohl sie explizit Verlustängste, Eifersucht, Erschöpfung und überbordende Liebe verbalisieren können sollten, tun diese Erwachsenen – – – was?

Schreien, wüten, sich verstecken, zicken, meckern, Schokolade bunkern und ganz viel kuscheln. Nur eines tun wir nicht, wenn wir ein neues Familienmitglied bekommen: Uns benehmen wie Erwachsene. Wieso zur Hölle also denken wir uns eine „Phase“ aus, in der Geschwisterkinder sich plötzlich komisch benehmen und tun so, als läge das Problem bei ihnen? Das halte ich für großen Mist und Verdrängungstaktik Erwachsener, die sich mit Scheuklappen arg wohl fühlen.

Von der Entthronung der Familie

Entthronung: Winter is coming.
Help!

Allerdings fällt mir auch kein wesentlich besserer prägnanter Begriff für diese Zeit ein, in der sich so eine Familie mit allen Beteiligten findet (okay, dank MotherBirth jetzt schon, aber das solltet Ihr selber lesen… <3) . Und die kann wirklich dauern. Und ohne Frage: Diese Zeit kostet  Nerven. Alle, die dabei sind. Manchmal sogar diejenigen, die zukucken müssen. Also bleiben wir dabei, dass ich von einer Entthronungsphase schreibe. Aber ich meine die ganze verfluchte Familie. Mich allen voran. Denn wenn jemand vom hart erkämpften „Ich-darf-sogar-manchmal-alleine-baden-Thron“ gestoßen wurde, dann ja wohl ich. Und ich sage Euch: Spätestens wenn es um mein hartnäckig erkämpftes Recht auf Essen (Warm! Beidhändig! Genug!) geht, das ich scheinbar wieder abgegeben habe, ist der Winter auf dem Vormarsch. GANZ eisig wird es da, wenn es um mich und Essen geht.

Der Gedanke also, dass nur die Kinder ein Problem mit Veränderung hätten, ist obsolet. Allerdings: Dass sie auf die nicht zu leugnende neue Nase im Hause reagieren steht dennoch außer Frage. Viele Kinder ändern ihr Verhalten direkt nach der Geburt und bescheren sich und den frisch gebackenen Mehrfach-Eltern harte Zeiten. Meine Herzenswikinger sind eher die Langstreckenläufer unter den Entthronten. Sie lieben die Bohne unverkennbar, sie sind super lieb zu ihr und kuscheln und knutschen sie, wann immer ich die Bohne dafür freigebe. (Beim Essen oder Schlafen aber nutze ich meine eingebildete Entscheidungshoheit voll aus und fordere Ruhe für die Wikingerbohne.)

Wikingerwinter kommen schleichend

So langsam aber sicher geht es los. So langsam, dass ich schon wieder ganz verwirrt war, was die Kinder denn haben. Ist ja schließlich schon fast wieder Alltag bei uns. Überhaupt, läuft doch hier?! Tjanun. So mittel, je nach dem, wen man fragt. Der Wikingergatte zum Beispiel geht aktuell ganz gerne Mal ohne uns Computerspielen. Scheint, als brauche er das. Es ist allerdings nicht so, dass ich ganz dringend auch den Abend mit drei Kindern alleine verbringen will. Nicht, dass ich das vernünftig äußern könnte und so Konflikte vereinfachen würde („Komm zu mir und den Kindern, ich würde den Abend gerne mit Dir gemeinsam verbringen und bin total erledigt“). Nee! Ich zum Beispiel bin einfach viel bis ständig beleidigt mit unmerklicher (Ironie!) Tendenz zum Passiv-Aggressiven („Aha. Computerspielen ist halt witziger als Windeln wechseln, hm? Logisch, ich mach das ja gerne alles alleine. Schon wieder. Wie immer.“). Weil keiner meine Mühe schätzt, ich nie genug getan habe oder weil eben aus Prinzip.

Entthronung: Winter is coming.
Ragnarök- Götterdämmerung.

Der Butterkeks hingegen ist ganz furchtbar oft „graurich“ (traurig) und sitzt dann da und nichts hilft so wirklich. Manchmal mache ich dann eine Pause vom Beleidigtsein und drücke ihn ganz fest, bevor ich schon wieder die Bohne stillen muss oder den Großsohn anpfeife. Weil der nämlich Wochen nach der Geburt der Bohne erst so richtig darauf reagiert. Oder genauer: Wochenlang hat er die Veränderung so großartig mitgetragen, wie er nur irgendwie konnte. Aber nach fast drei Monaten, die er still und leise die Ankunft der Bohne möglich gemacht hat, braucht auch er wieder ein bisschen Zeit und Eltern für sich.

Wie sich das äußert? Indem er verbotene Dinge nicht mehr lassen kann. Bitten reaktiv verneint, auch wenn er sie am Ende doch gerne erfüllt hätte. Und meine persönliche Nemesis: Nichts, was wir ihm zur Freude tun, ist genug. Er ist nämlich auch viel graurich (Ich liebe dieses Wort. Es passt so wunderbar!). So oft gibt es am Ende des Tages Tränen der Enttäuschung, weil wir irgendwas anderes eben NICHT getan/gesagt/gekauft/unternommen/gesehen/gelobt haben.

Oder aber es ist so, dass es mir nur so vorkommt. Denn mindestens genauso oft ist es umgekehrt: Der Wikinger tut, was er kann, er hilft wo er kann, er kooperiert, wie ein Kind das nur irgendwie kann. Und am Ende des Tages gibt es Ärger, weil er eine Kleinigkeit eben nicht mehr schafft oder nicht mehr will. Weil seine depperte Mutter zu ungeduldig mit ihm und mit sich und mit allem ist. Und darüber völlig vergisst, dass sie die großartigsten Kinder dieser Welt hat. Alle drei. Und trotzdem kostet uns all diese Großartigkeit ganz schön viel Nerven. Manchmal auch Tränen. Es ist manchmal nicht einfach mit uns. Ihr hört mich seufzen, oder? Winter is coming. Jawoll.

Sommer Sonne Meer Ostsee
Durchatmen. Kinder küssen. Repeat.

Lösung habe ich noch keine auf Knopfdruck. Ich werde eine Menge lesen. Werde Zeit verstreichen lassen. Ich werde es immer und immer wieder damit versuchen, die letzten Reste Geduld zu mobilisieren. Dabei werde ich diese kleinen Wikinger allesamt immer und immer wieder bis zum Zerbersten lieben. Und ich werde mich immer wieder daran erinnern müssen:

Entthronungsphase ist eine Familiensache.

Und mit jeden Puzzleteil oder Familienmitglied, das seinen Platz wieder gefunden hat, wird es einfacher für alle anderen. Also parke ich meinen Hintern jetzt Mal an dem Platz, den ich für richtig halte und kucke, was kommt. Und außerdem werde ich die ganze Bande natürlich küssen, bis sie nicht mehr können. Min-des-tens.

Küsst auch Ihr Eure Kinder!

Eure Julia

Du magst vielleicht auch

4 Kommentare

  1. Liebe Julia,

    so ein schöner Text. Bin leider erst heute morgen dazu gekommen ihn zu lesen. Gestern Abend war ich einfach zu platt.
    Wir hatten tatsächlich genau die gleichen Gedanken! Das ist irgendwie ein Zeichen! Wir müssen uns echt mal Treffen! Finde ich. Mir schweben da die Osterferien vor 😉 …

    Und übrigens: beim Essen ist bei mir auch der Spaß vorbei. Bekomme ich nicht genug Nahrung sieht es hier ebenfalls sehr düster aus (also für alle anderen natürlich ;-P).

    Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Stühlerücken und haltet durch. Wir haben langsam die neue Tischordnung gefunden. So fühlt es sich zumindest gerade an. Ob sie so endgültig bleibt? Wir werden sehen… Im Stühlerücken sind wir jetzt ja schließlich schon geübt 😉 …

    Ganz viele liebe Grüße von der Ostsee an die Ostsee
    Andrea

    1. Ach, du Gute! Ich glaube, Du bist echt schon ein Profi in Sachen Stühlerücken, ja. Ich übe noch ein bisschen und kucke mir Deine Gelassenheit und Zuversicht ab, ja?!
      <3 aaah, Baby weint... und ich bin noch nicht.. ah, muss weg! 🙂

  2. Liebe Julia!
    Ich kann den Text nicht zu Ende lesen. Obwohl ich Dich so gern lese. Ich habe Angst.
    Er triggert was. Er triggert, dass es etwas heruntergespielt wird, was anerkannt werden muss.
    Es tut mir weh, von Scheuklappen zu lesen und von Prinzessin.
    Ich habe alles gegeben, wirklich alles, Karl genauso. Coco war auf dem Arm der Haushaltshilfe, ständig, obwohl sie auf meinen gehört hätte.
    Es reißt Wunden auf, diese Zeit, die mir einmal mehr das Herz rausriss. Auch weil ich mich nach Coco sehnte. Viel schlimmer als die Sehnsucht nach meinem Baby war es, ihre „große Schwester“ sehen und fühlen zu müssen. Ja, klar, alle müssen sich neu einruckeln. Auch die Erwachsenen. Auch wir. Geschenkt. Aber Maple… Maple betrauerte etwas einer ganz anderen Dimension, das nichts mit Prinzessin zu tun hat. Etwas, das zwischen Prinzessin und Bettler meinen Unterschied macht, die existenzielle Erfahrung einer Zweijährigen. Immer wieder sagte sie:

    „Ich hab die Mama verloren.“
    Und so war es für sie.

    „Entthrohnung“ ist viel zu freundlich dafür. Eher Entwurzelung. Entzweiriss.

    Es tut mir leid. Ich hoffe, und das lese ich aus dem Text, bei Euch ist es anders. Ich freue mich mit Euch von Herzen. Bei aller Anstrengung, sicher auch mal Verzweiflung, viel zu knapper Ressourcen, die ich alle anerkenne. Ich möchte nicht den Eindruck hinterlassen, es sei leicht bei Euch. Um Gottes Willen, das nicht.

    Ich wünsche Euch allen viel Liebe und viel Kraft!

    Alles Liebe
    Mo

    1. Liebste Mo, manchmal ist das bei mir so: Ich höre einen Begriff. Nennen wir ihn „Entthronung“. Und ich lese Unmengen dazu. Kluges. Nicht so Kluges. Trauriges und Versöhnliches. Und eine Sache stößt mir dazu wieder und wieder und wieder auf. In diesem Fall war es der Eindruck, dass diese ominöse Entthronung etwas ist, bei dem die Kinder plötzlich (sic!) spinnen. Und das finde ich schrecklich ungerecht. Plötzlich? Nur die Kinder? Und spinnen sie wirklich oder spinnen vielleicht mehr wir Erwachsenen (wie so oft)? Was die Ankunft eines neuen Familienmitgliedes anbelangt bin ich mir sicher: Das ist für alle eine schwere Zeit. Und weil ich nie wieder hören wollte, dass eines der Kinder „das Problem“ ist, schrieb ich, es gibt sie nicht, diese Entthronungphase. Vielleicht liest sich das so, als wollte ich den kleinen Menschen, für die ich eigentlich in die Bresche springen wollte, das Recht absprechen, um den Verlust ihrer Eltern zu trauern. Denn nicht weniger steckt hinter diesen Kindern, die sich nicht mehr verhalten, wie wir es kennen. Die streiken, die wüten, die weinen. Sie trauern. Das ist eine essentielle Erfahrung und den Schmerz dieser Erfahrung wollte ich nicht herunterspielen.

      Ich glaube aber, für Dich es ist dennoch passiert. Für Dich liest es sich, als hätte ich etwas verflauscht, was eigentlich nicht verflauscht gehört. Das war gar nicht meine Absicht und die Traurigkeit und die Angst in deinen Zeilen zu lesen, tut mir furchtbar leid! Vielleicht hätte ich es, statt zu flauschen lieber gar nicht verbloggt- aber dieser besondere Schmerz gehört meinen Kindern und meiner Familie und wir müssen alle gemeinsam versuchen, ihn auszuhalten. Aber vielleicht nicht in diesem einen Text. <3
      Du hast nicht Unrecht, liebe Mo, diesmal beim dritten Kind zerreissen unsere Herzen nicht mehr in dieser Dimension, wie Du und Deine Kinder sie erleben mussten. Es wäre jetzt ein bisschen vermessen zu behaupten, wie genau meine Kinder fühlen. Aber ich vermute es. Begründet, wie ich hoffe (nicht, dass ich wieder kompletten Blödsinn schreibe). Es ist vielleicht ein bisschen wie die Trennung für Wochen bei einer Fernbeziehung. Auf eine Art fühlt sich jedes Mal vom Partner Wegfahren an, wie das Schlimmste. Auf der anderen Seite bekommt der Schmerz eine gewisse Routine und vor allem: Die Gewissheit, dass er vorüber gehen wird. Das macht den einzelnen Schmerz nicht kleiner und ich will vor allem das Gefühl meiner Kinder, mich schon wieder verloren zuhaben nicht schmälern. 

      Ich werde auch mein Gefühl, diese wunderbaren Wesen schon wieder aus den Augen verloren zu haben, nicht genug da zu sein und nicht genug zu sein nicht schmälern oder herunterspielen. Ich sage nur mir, Euch und meinem wunden Herzen: Es wird besser werden. Und wir werden das zusammen schaffen. An manchen Tagen besser und an manchen schlechter. Aber weil wir eine Familie sind, schaffen wir das zusammen.

      Ich hoffe, liebe Mo, Du verstehst, was ich meine. Und ich hoffe, Du bist auch voller Mut und Zuversicht. 

      Lass uns die Kinder küssen!

      Deine Julia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.