Elternarbeit. Zwei Menschen am Rande des…- wo war ich?

Elternarbeit. Zwei Menschen am Rande des...- wo war ich?

Es ist der letzte Tag im Jahr. Wir stehen voller Matsch und Schlamm in der Walachei im Osten Deutschlands, vor dem neuen Standort unserer Bienen. Im schlammverkrusteten Kinderwagen (dass ich den nochmal ausgrabe!) schreit ein Säugling. Ich versuche ungeschickt, Bilder vom Milbenbefall der Bienen zu schießen, der Wikingergatte wird ungeduldig und lässt mich das deutlich spüren. Während der Mittelwikinger schreit, weil er auf einen Baum klettern will, zische ich den Mann an, er solle sich gefälligst benehmen und mich nicht so anfahren. Der Großwikinger bricht in infernalisches Geheul aus, weil er erwartungsgemäß bei seiner Ninjago-Hampelei auf der Pferdekoppel ninjamäßig in Pferdescheiße gefallen ist.

Worauf ich hinaus will?

Mitunter auf Folgendes: Was sich liest wie eine mittelgute Slapstick-Komödie über eine fünfköpfige Familie ist unser Leben. Laut. Bisweilen unausgeglichen. Einer fühlt sich immer zurückgesetzt. Meistens aber alle. Und in der Regel tut sich auch einer weh. Klingt jetzt ein bisschen übler, als es ist. Aber beschönigen muss ich da auch nichts, denn es ist, wie es ist.

Und nu?

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Fleißig wie die Bienen. Oder so.

Nu hat der Wikingergatte, zurück im warmen, ebenfalls innen wie außen matschverkusteten Auto, einen wahren Satz gesagt. Nämlich: Dass ich recht hätte. Und dass er sich irgendwie verändert habe. Ungeduldiger sei er geworden. Weil die Grundstimmung schneller gereizt werde. Ständig einer Ansprüche an ihn habe, denen er gar nicht gerecht werden könne. Die Dinge grundsätzlich unruhiger seien. Und irgendwie sei er angestrengt.

Uff. Da saß ich dann. Unruhig. Während in den hinteren Reihen des Autos schon wieder explizite Wünsche zur Beschallung während der Fahrt besprochen wurden. Das Auto rumort sich Richtung Heimat. Und der Tag geht weiter. Wie oft in den letzten Wochen in einer Mischung aus (versuchter) Ruhe und Aktionismus. Großeltern werden besucht, Käse gerieben und gewendet (Camembert und Rotschimmelkäse- yeah!), Brot gebacken, Betriebsweisen für die Bienen diskutiert. Wie es mit dem Kleingarten weitergehen soll, fragen wir uns, denn die Wildschweine haben unseren Garten ebenfalls lieb gewonnen. Waren jetzt schon das zweite Mal da und ich habe keine Ahnung, wie man aus Acker wieder Garten bekommen soll. Vom Baumschnitt haben wir beide keine Ahnung, aber fällig ist der dennoch ganz dringend. Und die Hecke lässt auch sehr zu wünschen übrig.

Im Hintergrund arbeitet mein Hirn: Sind wir zu viele für den Wikingergatten? Bin ich zufaul? Bin ich nicht genug? Sollte ich weniger für mein Wohlergehen sorgen und mehr für seines? Wie kann ich ihn nur entlasten? Mir fällt nichts ein. Ich bin selbst schwer am Limit. Glücklich, aber am Limit. Also:

Was tun?

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Soul Food für alle.

Nochmal reden halte ich für eine gute Idee. Während wir also an diesem letzten Abend im Jahr noch schnell Brot backen, das ich knete, trägt der Mann das Baby in den Schlaf. Klappt auch selten, aber heute. Die großen Kinder spielen mit ihren Tablets und einige Minuten ist es vergleichweise ruhig. Nicht wirklich still. Aber man kann sich unterhalten. Und das versuchen wir. Aber es ist nicht so einfach. Denn: Der Gatte will sich nicht missverstanden wissen. Er hat auch nie gesagt, dass wir eine Last für ihn seien. Nee. Ja, Janee. Also. Uiuiui. Aber anstrengend ist es eben trotzdem, sagt er. Und recht hat er ja, in vollem Umfang. Scheiße anstrengend sogar. In jeder verflixten Minute. Auch in den schönen. Auch in den ruhigen. In JEDER.

Und da ist es logisch, dass nach und nach die Nerven irgendwie dünner werden. Schneller einer genervt ist. Man die gegenseitige Erschöpfung weniger gut ausgleichen kann. Und seien wir ehrlich: Erstmal sieht es nicht so aus, als würde sich die Anstrengung morgen in Luft auflösen. Der Urlaub des Gatten endet bald. Ich bin wieder mit zwei bis drei Kindern den ganzen Tag allein. Komme zu nichts, obwohl ich alles gebe, deswegen muss der Gatte abends nach der Arbeit ran. Am Wochenende sind die Listen der To-Dos endlos. Immer auch mir schönen To-Dos wie „dem Großkind eine Freude machen“ oder „endlich wieder Zeit mit dem Mittelwikinger alleine verbringen“. Aber einfach nur ein leeres Blatt ist keiner dieser Tage. Jeden Tag gilt es minimum zwei Ladungen Wäsche zu waschen, dutzende Windelpos sauber zu machen und mindestens für eine „echte“ Mahlzeit zu sorgen.

Guten Appetit.

Elternarbeit. Zwei Menschen am Rande des...- wo war ich?
Ganz kurz stehen sie still. Ganz kurz.

Währenddessen versucht jeder von uns Erwachsenen, so gut wie möglich die Erfordernisse der Kinder zu berücksichtigen, so geduldig wie möglich zu sein, so verständnisvoll wie nötig, so präsent wie erforderlich und so vertrauensvoll wie es nur geht. In dieser Zeit leben und lachen wir, ich habe Momente, in denen ich vor Liebe für diese Menschen fast überlaufe und Momente, in denen ich mich in eine dunkle Höhle in den dunkelsten Wald am endigsten Ende der Welt wünsche. Allein. Nur für ein paar verfluchte Minuten.

So sieht sie aus, diese Bestandsaufnahme unseres Lebens. Und wenn ich versuche, Entlastung zu schaffen, für wen auch immer, stelle ich fest: Es sind nicht unbedingt die zusätzlichen Aufgaben jedes Tages, die uns zermürben. (Hoffentlich nur uns Erwachsene.) Es ist der All-Tag, das jeden-Tag, das immer-wieder und das jetzt-nochmal. Und davon hat jeder von uns so viel, dass er sich mit Hobbies wie Schreiben, Bienen, Käse und Garten nur zu gerne ablenkt. All das ist auch Arbeit, aber es ist freiwillige Arbeit. Es ist auch ein immer-wieder aber es ist ein verlässliches again-and-again. Und seien wir ehrlich: Während ich eine Abmahnung vom Kleingartenverein gut wegstecken kann und einfach mal die Hecke nicht schneiden kann- eine frische Windel zu verweigern ist nicht optional.

Wat mutt, dat mutt.

Elternarbeit. Zwei Menschen am Rande des...- wo war ich?
Muss. Nämlich. Dann kann es auch schön müssen.

Wutanfälle zu begleiten ist nicht optional. Stillen ist es nicht. Trösten auch nicht. Erklären muss. Knutschen muss. Lieben muss. Also: Da scheint gerade nicht viel Raum für Veränderung zu sein. Für uns zwei müde, geschaffte, erschöpfte Eltern von drei zauberhaften, wunderbaren, himmlischen Kindern. Ich versuche im Kleinen, Kraft zu tanken, wo es nur geht. Ich versuche, dem Gatten Zeit zu verschaffen, wo ich es kann. Insgesamt merken wir aber ganz schlicht und einfach, warum es ElternARBEIT heißt.

Jetzt küsse ich aber erstmal alle drei (ist das nicht völlig irre? Ich habe DREI Kinder!!!!) Kinder, bis sie völlig genervt von ihrer sonderbaren Mutter sind und stille die Wikingerbohne zum drölfzigsten Mal seit zwanzig Minuten. Dann küsse ich endlich auch den Wikingergatten mal wieder ganz ausgiebig, sofern kein Kinderkopf sich dazwischen schiebt. Und wenn doch, küsse ich sie eben abwechselnd.

Drückt mir die Daumen, dass es hilft!

Eure Julia

Ps.: Solltet Ihr (noch) keine Kinder haben: Habt keine Angst. Könnt Ihr natürlich schon, aber es nutzt nichts. Denn auch die schrecklichsten und anstrengendsten Zeiten sind es wert. Und weil man sich das VOR den Kindern eh nicht vorstellen kann, wünsche ich Euch von Herzen, dass Ihr die meisten Ängste einfach abschütteln könnt und Kinder bekommt, wie Ihr lustig seid. So ist das, glaube ich, schon gedacht. Und wenn Ihr sie dann habt, dann wisst Ihr ja, was ich meine. Und küsst die Kinder, während Euch vor Erschöpfung die Augen zufallen und seid vollgekotzt, leicht säuerlich duftend, voller Schokoschmiere aber GLÜCKLICH.

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