Eins, zwei, drei, viele! Über Geschwister.

Steffi von Cuchikind machte sich unlängst so ihre Gedanken über die Frage: Einzelkind oder Geschwisterkind? Sie ist da beileibe nicht die Einzige und den meisten Müttern geht es nach dem ersten Kind ganz ähnlich. Sie frage sich (nicht ganz zu unrecht), wie zur Hölle man das bitte mit zweien schaffen soll. Und ob das überhaupt mit dem Wunsch vereinbar ist, dass jedes Kind die optimale Zuwendung, Förderung und Aufmerksamkeit bekommen soll. Ich sags gleich: Ich habe keine Ahnung, wie man das schaffen soll und meine Kinder bekommen NIE GENUG. Von NIX: Zu wenig Liebe, zu wenig Spielzeug, zu wenig Aufmerksamkeit, zu wenig Alles. Rockt aber irgendwie trotzdem.

Ich will Euch die Frage ob ein Kind oder drölf gar nicht beantworten. Das muss schon jeder selber wissen. Im Zweifel empfehle ich Trial and… äh… Pech gehabt. Jede Familie hat da ihre eigenen Pro und Contra Listen, jedes Herz seinen eigenen Wunsch und jedes Kind seine eigene Schmerzgrenze, was geteilte Aufmerksamkeit anbelangt. Ich hadre heute noch manchmal mit der Frage, ob ein zweites Kind egoistisch war und ich weiß noch nicht, ob ich nicht vielleicht doch auf Egoismus pfeife und ein Drittes versuche.

Diese Baustelle bleibt also offen

GewisterkinderWomit ich aber keinesfalls hadre ist, zu sehen, wie das Großkind mit diesem Kleinkind interagiert. Was ich bei unserem  Großwikinger im Umgang mit dem Butterkeks beobachten darf, ist irgendwie ganz besonders. Und schon ziemlich nahe an dem, was ich so mit meinen Kindern veranstalte. Das wäre dann also (Nicht-)Erziehung. Und er macht das so selbstverständlich. Ungefragt. Großartig!

Das ist schon wieder konfus- ich erkläre es an einem Beispiel:

Der Kleinwikinger ist ein echter kleiner Bruder: Er will immer und überall genau DAS, was sein großer Bruder hat und tut. Und er ist äußerst halsstarrig, was das anbelangt. So hat er sich schon manche Beule eingefangen. Und unser Großwikinger schon so manchen Ärger. Weil er dem Kleinwikinger anfangs mehr als einmal das Corpus Delicti sehr unsanft entrissen hat. Oder den Kleinbruder weggestoßen hat, wenn er zu aufdringlich wurde. Ich überspringe jetzt eine ziemlich langwierige Entwicklung von Verständnis, Empathie, unter-sich-ausmachen usw.  und lande im Heute. Heute nämlich bietet der Großwikinger dem Butterkeks schlicht und einfach eine Alternative zum Spielen an, statt sich mit ihm zu streiten. Er lenkt ihn ab und flitzt dann schnell auf sein Hochbett, statt ihn zu schubsen. Und er erklärt unendlich geduldig, warum ein bestimmtes Buch nur für große Kinder ist und tröstet den Butterkeks ausdauernd, wenn er deswegen traurig ist.

Geschwisterflausch!

GeschwisterflauschLogo, nicht jedes Mal. Es sind Geschwister. Gibt nie nur Flausch, ist immer auch Streit dabei. Aber… wait: Damit hat der Großwikinger annähernd das gleiche „Erziehungslevel“ (jaaa, dieses Wort! Aber „Begleitungslevel“ klingt zu blöd und an „Beziehungslevel“ hab ich mich noch nicht gewöhnt.) erreicht, wie ich. Mehr mache ich auch nicht. Mehr kann ich kaum. Begleiten. Zuhören. Alternativen suchen. Umarmen. Und kleine Knirpse aus verrückten Situationen retten. Ist das nicht der Hammer? Dass ein Vierjähriger seinem einjährigen Bruder so adäquat begegnet? Dass er zu all seinem inutitiven Wissen auch noch das Handlungsvokabular von Erwachsenen lernt, um mit diesem Pimpf zurecht zu kommen, um den er nie gebeten hat?

Eines aber musste er nie lernen und das verblüfft mich bis heute: Er weiß zu 90%, was sein kleiner Bruder grade für einen Schmerz hat. Warum er weint. Was er braucht. Und das ganz ohne Babyzeichen. Sprechen kann der Knirps ja auch noch nicht. Aber die zwei sehen sich an und irgendwie… ich weiß auch nicht. Vielleicht, weil er zeitlich näher dran ist, an seinem kleinen Bruder? Oder ob sie eine Art Geheimsprache haben? Keinen Schimmer. Aber sie KENNEN sich und sie VERSTEHEN sich so, als wären sie schon immer Brüder gewesen. Und nicht erst seit einem guten Jahr.

Brüder im Herzen

GeschwisterSo haben wir und der große Keks also schwer (und erfolgreich) an der Tatsache gearbeitet, dass wir nun zu viert sind. Und dass der kleinste von uns manchmal eine Extrawurst braucht. Da denke ich mir oft, ich müsste dem Großkind dafür Exklusivzeit verschaffen. Mit mir. Oder seinem Vater. Ihr wisst schon, das ewige schlechte Gewissen. Weil er so oft zurückstecken muss. Warten, bis der Kleine versorgt ist. Alleine seine Schuhe anziehen. Oder die Jacke aus.

Zurück zur Exklusivzeit. Die nimmt er. Aber nur, wenn sein Bruder dabei ist. Ja, so hab ich auch gekuckt. Aber jedes Mal wieder das gleiche Spiel: Ich denke mir, ich mache mal was, so ganz alleine mit… und dann teilt er mir mittelfreundlich und mühsam beherrscht mit, dass das so ja gar nicht geht. Schließlich fehlt der Butterkeks.Und ohne Butterkeks hat er auch keinen Hunger und will nicht zur Pommesbude und überhaupt. Wo der Kleinwikinger denn jetzt stecke? Keine schöne Überraschung ist das, wenn ich einfach seinen kleinen Bruder vergesse.

Ohne Bruder? Ohne mich!

Wisst Ihr Bescheid. Offensichtlich mag er ihn trotz aller Kabbelei ein bisschen. Zudem rettet er ihn regelmäßig aus den unmöglichsten Situationen. In einem nämlich ähneln die zwei sich sehr: Sie klettern höher, als sie denken können. Und oft auch höher, als sie Kraft haben. Schon beim Großwikinger hatte ich wirklich Sorge, ob er das laufende Lebensjahr beenden würde. Jetzt fürchte ich um die geistige Unversehrtheit der Kleinwikingers. Mit einem wunderschönen Unterschied: Ich sorge mich nicht mehr alleine. Und ich pflücke den Verrückten auch nicht mehr alleine von Leitern, Sprossenwänden und Hochstühlen. Das Großkind hilft mir jetzt dabei. Auf die Gefahr hin, dass auch er sich dabei weh tut. Und unabhängig davon, was er selbst grade tut. Er scheint immer ein halbes Auge auf den Bruder zu haben. Mehr als einmal hat den kleinen Pimpf damit schon vor blauen Flecken bewahrt…

Brüder Löwenherz

Der Vollständigkeit halber: Auch der Kleinwikinger findet es ohne seinen Bruder nur so mittel lustig mit mir. Ich bin ihm offenbar so langweilig, dass er an KiTaPfl freien Tagen unermüdlich versucht, seinen Bruder zu wecken, auch wenn der noch tief und fest schläft. Oder seinem Unmut pupsend Ausdruck verleiht. Oder den kleinen Quälgeist einfach mit der Decke zum Geist werden lässt. Alles egal. Hauptsache, er tut was. Ist da. Er legt sich oft neben ihn. Und in den dreißig Sekunden, bevor er versucht dem Großen das Skalp abzuziehen, streichelt er ihn liebevoll. Küsst ihn unaufgefordert. Und kuckt ihn fast verliebt an.

Brüder Löwenherz
Gebrüder Löwenherz by Liebseeligkeiten

Auch an Tagen, die wir vormittags alleine sind, hatte ich schon öfter den Verdacht, dass diese herrlichen (wennauch selten) Vormittagsschläfchen des Butterkekses mehr aus Langeweile klappen, denn aus Müdigkeit. Und sobald ich frage „Wollen wir den Großwikinger holen?“ ist auch die völlig verflogen und der Butterkeks versucht eilends, sich selbst die Schuhe anzuziehen. Lässt die gesamte nervige Anziehensprozedur über sich ergehen und stiefelt dann eifrig in Richtung Treffpunkt. Dort angekommen ist er ganz hibbelig und glaubt mir, die Sonne geht auf, wenn der große Bruder aus dem Auto steigt. Bei jedem Wetter…!

Sie ist also mitnichten einseitig, diese Liebe. Und ich platze beinahe, wenn ich das sehe. Denn denen hat ja keiner gesagt, dass sie jetzt Brüder sind und miteinander klarkommen sollten. Sie könnten sich auch einfach scheiße finden. Tun sie aber nicht. Ein Glück!

Küsst Eure Kinder, egal, ob sie streiten oder kuscheln!

Eure Julia

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Hallo Julia!
    Das ist ein wunderschöner text, der neben vielen Horror-Entthronungsgeschichten Mut macht für ein weiteres Abenteuer!! Danke dafür!

    Barbara

    1. Das habe ich jetzt schon ein paar Mal gehört und glaube, ich muss da nochmal nachlegen. Man weiß es vorher ja nicht. Aber die Chance, dass es mit zwei oder mehr Kindern richtig cool wird, die ist hoch!!! <3

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