Donnerstags-Quickie: Bundestagswahl 2017

Es gibt eine Menge schwieriger Aussagen. „Ich bin ja nicht politisch.“ Ist auch so eine. Denn wenn wir es ganz genau nehmen, wird es fast philosophisch: Ich fürchte, wer ist, ist immer auch politisch. Das bringt das Sein so mit sich. Weil (so bedauerlich es manchmal ist) keiner eine Insel ist und das jeden von uns mit ins Boot holt. Und da sitzen wir denn alle, kucken uns an und wissen auch nicht weiter.

Warum? Weil so richtig viel Ahnung von Politik traut sich quasi nur noch der Studierte zu. Die Mutti von nebenan eher nicht. Die hat erstmal vll auch gar nicht so viel offenkundiges Interesse an Politik. Zumal ich bestätigen kann: Weibliche Meinungen zum Thema Politik werden nur so semi-ernst genommen und während so eines typischen Mitt-Zwanziger-Bierseeligkeits-Gespräch sind die meisten eh froh, wenn die Mädchen kichernd auf Klo verschwinden.  Und nein, das ist kein fieses Vorurteil. Ich war eine der Wenigen, die eine trainierte Blase und eine große Klappe hatten. Ich saß da also noch, während die Mitt-Zwanziger-Bierseeligkeits-Gespräche ihren Lauf nahmen. Abgesehen davon, das meine Meinung zu vielen Themen heute eine andere ist, ist vor allem mein Gefühl ein anderes. Ich glaubte früher, ich könne mich in meinem Elfenbeinturm zurücklehnen und dem Pöbel beim Politisieren zukucken. Geht mich ja alles nix an.

Und heute?

Heute bin ich Hausfrau, im achten Monat mit dem dritten Kind schwanger und passe beim besten Willen nicht mehr in den Elfenbeinturm. Walrosswochen. Aber heute bin ich eventuell politischer als jemals zuvor in meinem Leben. Und das, obwohl ich mein persönliches personifiziertes Grauen bin und (wenn ich mich mit damaligen Augen sehe) auch am wenigsten kompetent, über politische Themen zu urteilen. Dieses Elfenbein-Ich würde mein Tagesgeschäft für albern und dümmlich gehalten haben. Zu wenig Politiktheorie! Zu wenige Podiumsdiskussionen! Wo bleibt dein Master in Philosophie? Wie, du kannst gerade nur mit vollen Windeln dienen? Nee ey.

Tjanun. Gut, dass ich nicht mein Elfenbein-Ich geblieben bin. Denn sonst wäre mir nie aufgefallen, dass das, was sie auf der Straße und im Club „Politik“ nennen, eigentlich „Rahmenbedingungen deines Alltags“ heißen müsste. Oder kurz: „Dein Leben“

Und da sieht das doch plötzlich ganz anders aus, oder? Leben haben wir alle ein bisschen. Ich habe meins sogar vermehrt und plötzlich Verantwortung für bald drei Mini-Leben plus meines. Schluck. So jemand sollte doch ganz dringend irgedwie positiv mitwirken wollen, oder? So jemand könnte eventuell doch auch ziemlich gut abschätzen, welche politischen Ideen welche Folgen haben könnten- für sie selbst UND ihre Familie. Weil das ja ihr Job ist: Dieses Abschätzen von Folgen, das Wirtschaften mit dem, was da ist, so gut es nur geht. Und nicht zuletzt: Gerade Eltern sollten eine gewisse Expertise darin entwickelt haben zu merken, wenn sie verarscht werden. Aus Gründen.

Also: So völlig unqualifiziert bin ich auch heute nicht. Und vor allem bin ich nicht mehr jung genug zu glauben, all das Zeug mit den Wahlen ginge mich nichts an. Waren schöne Zeiten. Aber heute sind es andere. Und ich hoffe, viele von Euch sehen das ähnlich.

Ich kann Euch nicht sagen, was Ihr wählen sollt. Ich kann Euch nicht Mal ernsthaft sagen, DASS Ihr wählen sollt, denn ich bin ja nicht EURE Mutter. Aber wenn meine Kinder alt genug sind und ich es ihnen oft genug vorgemacht haben werde, DANN werde ich ihnen sagen:

Geht wählen!

Und danach? Küsse ich meine Kinder. Und dann küssen die vielleicht ihre Kinder.

Eure Julia

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