Drei Arten der Stille oder Alaaaaarm!

Drei Arten der Stille oder Alaaaaarm!

Ich fand das früher ja immer hoch amüsant, wenn ich mich mit den wenigen Eltern in meiner Umgebung unterhalten habe und die mitten im Satz wie von der Tarantel gestochen ins Kinderzimmer gestürmt sind. Für mich und mein kinderloses Gehör gab es keinerlei Anlass für dieses absurde Verhalten. Und weil das Geschrei und Geheul stets erst nach Ankunft der Eltern im jeweiligen Zimmer einsetzte, war für mich ganz klar: So ein peinlicher Problem-Elter würde ich nie werden. Ach, überhaupt, diese albernen Eltern…!

Ich Unwissende. Ich Vollhorst. Ich… entschuldige mich hiermit für alle blöden Kommentare und schiefen Blicke, die ich in dieser Zeit verteilt habe. Ganz ernsthaft. Ich bin geläutert. Warum? Ich lasse Euch gerne an meinem Erfahrungsschatz Teil haben…

Die Flüster-Stille

Drei Arten der Stille
Erwischt!

Es gibt nur Stille oder nicht Stille meint Ihr? Weit gefehlt. Es gibt diese Stille, die eintritt, wenn man sich lange oder intensiv mit jemandem unterhält und die Kinder einfach immer leiser (!) werden. Erst muss man quasi mittels Megaphon kommunizieren, unmerklich wird Gebrüll daraus und ehe man sichs versieht unterhält man sich -für Eltern völlig ungewohnt- in Zimmerlautstärke. DAS ist der Zeitpunkt, zu dem man in einer Gesprächspause diese Flüster-Stille hört. Kinder, die nicht randalieren, sondern flüstern. Steh mir bei. Flüstern ist KEIN gutes Zeichen. Ältere Kinder flüstern nämlich vornehmlich dann, wenn sie beraten, wie sie Dinge, die die Eltern nienienie sehen sollen, am Besten unauffällig verschwinden lassen können. Oder wenn sie planen, Dinge zu verwirklichen, die Eltern nienienie erlauben würden. Oder wenn sie sich überlegen, dass das doch kein Mensch merkt, wenn sie sich jetzt das Tablet schnappen und ein bisschen Slither I.O. (Snake in neumodisch) spielen. Die Banausen.

Die panische Stille

Drei Arten der Stille
Scherben sollen ja Glück bringen…! Quelle: Pixababy

Die finde ich persönlich immer ein bisschen gruselig. Das ist die Stille, die zumeist auf einen gewaltigen Rumms folgt. Und ich bin mir nicht sicher, wer in diesen Momenten panischer ist- die Kinder oder die überstürzt loshastende Mutter. Denn im beste Fall ist nur etwas kaputt gegangen. Okay, das ist tatsächlich in den meisten Fällen so. Aber was WENN NICHT? Ich persönlich bin ja nicht nur groß, sondern auch beleibt, aber DIESE Stille lässt mich zu Ussein Bolt werden. Kein Witz. Oft genug erinnere ich mich nicht mal, wie ich den Weg zu den Kindern zurück gelegt habe und ob da zufällig umgenietete Menschen denselben pflastern. Diese Art der Stille aktiviert bei mir Reaktionszentren im Rückenmark, die meine Beine unabhängig vom Gehirn in Bewegung setzen. Ich bin auch gar nicht sicher, ob mein Gehirn bei dem dann vorherrschenden Blutdruck überhaupt arbeiten könnte. Vermutlich eher nicht. Kluge Natur.

Ich gebe zu, Gesprächspartner sind immer mal wieder verwirrt, wenn ich dererlei Verhaltensweisen an den Tag lege. Aber nur, wenn sie selbst keine Kinder haben. Oder schon sehr sehr Große. Oder nicht solche Schlawiner wie meine zwei Herrlichen. Oder… naja. Vielleicht sehe ich auch einfach bekloppt aus, wenn ich wie ein verschnupftes Nashorn durch Wände breche, um die Kinder vor einem geplatzten Luftballon oder einer gefallenen Vase zu beschützen. Aber klüger ist man ja immer erst hinterher, oder?

Die Oh-mein-Gott-wo-sind-die-Kinder-Stille

Drei Arten der Stille
Alle weg? Keiner da?

Lacht nur, Ihr Unwissenden. Obwohl allen Eltern dieser Welt klar ist, dass die Kinder vermutlich nicht die Tür aufgeschlossen haben, dort einem irren Hutmacher begegnet sind und dann mit ihm ins Wunderland verdufteten, ist genau DAS (oder Schlimmeres) der erste Gedanke, wenn einem auffällt, dass es schon verdammt lange verdammt still war.

Nicht flüster-still. Nicht nach-Rumms-still. Still-still. Ich kann dann auch gar nicht den Nashornsprint. Diese Stille lähmt mich und nimmt mir den Atem. Erst nur ganz sacht. Das ändert sich aber ganz schnell, wenn ich die Kinder nicht da finde, wo ich sie vermute. Mein Verstand schreit jetzt auch: „Blöde Kuh, die Wohnung hat mehr als ein Zimmer!“. Aber mein Herz interessiert das in dem Moment kein Stück. Das pocht wie verrückt und wenn ich die Kinder dann rufe bin ich oft genug heiser vor Schreck oder höre meine Stimme irgendwie, als wäre es gar nicht meine. In solchen Momenten stört es mich wenig, wenn mein Gegenüber mich mitleidig ankuckt. Ja, Mütter sind manchmal saudoof. Aber davon kommen die Kinder auch nicht wieder, oder?

Die Sekunden, die zwischen der Stille-Stille, dem Rufen der Eltern und der Flüster-Stille liegen sind minimal. Das bange Mutterherz dehnt sie maximal. Und meistens muss man dann entweder sehr lachen, weil die Kinder ein Haus zwischen Sofa und Wand gebaut und dort gekuschelt haben. Oder man will sehr schimpfen, weil sie die Tapeten im Flur hingebungsvoll verschönert haben. Oder weil sie einen Cremetiegel gefunden und sich ganz sorgfältig die Haare gecremt haben. Tjanun.

Aber alles besser als der Hutmacher, oder?!

Ich gebe zu: Die Liste ist unvollständig. Und manchmal ist es auch ganz umgekehrt, die Erwachsenen werden aus irgendwelchen Gründen still und plötzlich stürmt der Großwikinger das Esszimmer und fragt uns empört, was zur Hölle wir da so leise ohne ihn machen. Hat vielleicht auch Hutmacher-Gedanken. Aber klar ist auch: Solange sie lärmen, ist alles wie immer. Insofern vielleicht ein Hoffnungsschimmer für all die genervten Eltern mit dem Megaphon. (Nicht für die genervten Rentner, die immer sagen „Tzetztze, sowas hätte es bei uns nicht gegeben!“. Für die nicht! Für die ist Hoffnung aus. Können morgen nochmal danach fragen!)

Küsst die Kinder und lasst sie lärmen*!

Eure Julia

 

*Es brennt Euch auf der Seele, ich weiß es. KINDER SIND NICHT NUR LEISE, WENN SIE UNFUG MACHEN!!!!! Ganz oft spielen sie auch einfach nur vertieft. Stimmt. Und das ist wunderschön. <3

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2 Kommentare

  1. Sehr schön.
    Über berlinmittemom hier gelandet und herzhaft nickend gelacht. Oder herzhaft lachend genickt. Wie dem auch sei, ich unterschreibe alles: den Hochmut als Kinderlose, die Demut als Dreifachmutter.
    Dankeschön

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