Die #Gretchenfrage: Wie Phoenix* zurück zu Gott fand

Gretchenfrage

Heute geht es ans Eingemachte und ich muss das erste Mal, seit ich blogge eine Triggerwarnung vorweg schicken: Dieser Text spricht von Gewalt gegen Kinder und Suizidversuchen. Wenn Ihr also gerade nicht ganz auf der Höhe seid oder eines der Themen Euch an die Nieren geht: Nächste Woche ist wieder #Gretchenfrage, überspringt diese Woche am Besten.

Phoenix* ist heute eine tolle und starke Frau und Mutter. Und ich bin sehr dankbar, dass sie uns an Ihrem Weg zurück zur Religion teilhaben lässt. Was sie erlebt hat, ist zu viel für einen Menschen alleine. Darum bin ich froh, dass sie sich nicht alleine fühlt in diesem Leben. Dass sie am Leben ist. Danke Phoenix.

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„Ich war 12 als ich das erste Mal versuchte mich umzubringen. Und 16 als es mir fast gelang. Wenn nicht…

Ja, wenn nicht Gott gewesen wäre.

Eigentlich hatte ich den Glauben längst verloren.

Mit 12, dieses erste unschuldige Mal, dass ich versuchte mich umzubringen. Davor: meine Mutter. Hinknien sollte ich mich vor sie. Nackt. Sie schlug mit den bloßen Fäusten. Vor meiner Zimmertür stand der Teppichklopfer. Eine Drohung, die funktionierte weil mein Rücken das Gefühl kannte, wenn der Teppichklopfer darauf niederging. Oder ein Schlüsselbund. Ein Kochlöffel. Was gerade zur Hand war.

Mein Versuch mich umzubringen: albern. Ich kratzte mit den Fingernägeln stundenlang bis Blut aus meinen Pulsadern kam.

Seit dem Tag verletzte ich mich immer wieder, denn das Blut schien mir oft das einzig Reale zu sein. Mein Anker. Ich blute, also bin ich. Wenn meine Mutter mich schlug nahm ich die Schmerzen kaum wahr. Ich blickte ihr von außen zu. Wenn ich mich verletzte spürte ich das. Es war ein wohltuender Schmerz. Es war selbstbestimmter Schmerz. Es war etwas, das ich kontrollieren konnte und von dem ich wusste, dass es wahr ist.

„Wer einmal lügt dem glaubt man nie“ sagte meine Mutter und streute Lügen über ihr verlogenes Kind, das so grausam sei und sie schlecht dastehen lassen würde. Sie negierte meine Wahrheiten ein ums andere Mal, bis ich selbst nicht mehr wusste was stimmte. Das Blut, der Schmerz, das war real.

Ich versuchte mich zu erhängen – und der Ast brach ab.

Ich versuchte alle Tabletten im Medikamentenschrank zu schlucken – und musste kotzen.

Und irgendwann beschloss ich, das mit den Pulsadern nochmal zu versuchen. Nur mit Rasierklinge statt Fingernägeln.

Ich verlor den Kontakt zu mir. Ich weiß nicht was genau geschah, ich weiß nur, dass mein Körper mir Hilfe holte, aber das auch nur aus Erzählungen. Eine vertraute Person anrief die einen Rettungswagen holte. Danach kam ich in die Psychiatrie. Es war nicht das erste Mal. Es sind gute 12 Stunden die in meiner Erinnerung fehlen. Das ist an und für sich nicht erstaunlich, denn ich habe viele Erinnerungslücken, mehr als Erinnerungen. Es ist aber deshalb erstaunlich, weil diese Lücken normalerweise nie auf eine Selbstverletzung oder suizidales Handeln folgten.

Und noch etwas geschah mit mir. Als ich in dem kahlen Zimmer mit den gelben Wänden wieder zu mir fand und unter den argwöhnischen Augen einer Pflegerin auf die Toilette ging (die Tür musste ich auflassen) wusste ich, dass mich etwas beschützt hatte. Gott. Ich wandte mich dem christlichen Glauben wieder zu, mit dem ich aufgewachsen war. Da war eine Gewissheit in mir, die bis heute nicht gegangen ist. Das ist eine Wahrheit die mir nicht genommen werden kann.

Es war mein letzter Suizidversuch und es war der Beginn meiner langen, schmerzhaften Genesung und Loslösung. Ich bin noch nicht restlos gesundet und ob ich es je sein werde weiß ich nicht. Aber mein Glaube gibt mir großen Halt. Ich weiß jetzt, dass ich nie tiefer fallen kann als in Gottes Hand. Und das ist unheimlich beruhigend. Es geht mir besser als je zuvor und meist bin ich glücklich. Ich habe noch viele Ängste. Depressive Phasen. Visuelle Halluzinationen. Es ist aber so viel weniger geworden. Dass ich mich verletze kommt kaum noch vor.

Ich habe ja jetzt auch meine Familie. Meine Kinder, die Gott mir anvertraut hat.

Er ist mein Hort, meine Hilfe und mein Schutz, daß ich nicht fallen werde. (Psalm 62:7)

Wenn ich Angst habe, bete ich oft. Das beruhigt mich. Wenn ich nicht weiter weiß, bitte ich Gott um Rat – und bekomme ihn. Nicht, dass ich mir einbildete Gott würde leibhaftig zu mir sprechen, nein. Aber mir wird Einsicht zuteil. Es ist mir egal wenn mein überwiegend atheistisches Umfeld meinen Glauben belächelt.

Ich weiß, dass es Gott gibt. Und dass ich ohne Gott nicht mehr am Leben wäre.“

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Ihr Lieben, Ihr wisst: Ich sehe das mit Gott ein kleines bisschen anders. Aber falls es ihn doch gibt: Gut gemacht! Phoenix* wird hier noch gebraucht!

Küsst die Kinder. Ganz fest. Und wagt nienienie sie so zu behandeln, wie Phoenix* behandelt wurde. Nienienie.

Eure Julia

*die heutige Gastautorin möchte anonym bleiben. Bitte habt dafür Verständnis.

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2 Kommentare

  1. Unglaublich tief! Viel Stärke und jeden Tag ein Stern von Hoffnung am Firmament für die Autorin bis irgendwann der ganze Himmel strahlt. Vielen Dank fürs Teilhaben!

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