Die #Gretchenfrage: Julia von Unangespießt

Ihr Lieben, endlich wieder Donnerstag und ein neuer spannender Einblick in andere (Religions-)welten lockt. Heute wird es wieder heidnisch bei der #Gretchenfrage– aber doch ganz anders, als das letzte Mal. Geht nicht? Geht super. Lest selbst, Julia von Unangespießt lässt uns Teil haben!

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„Frau Rabenschnabel hatte in dieser Blogreihe ja schon einen kleinen Einblick in die religiöse Strömung des Paganismus gegeben. Strömung, weil die größte Gemeinsamkeit der Neuheiden untereinander wohl ist, dass sie so ganz und gar individuell sind. Vielleicht beten viele die gleichen Götter an, aber doch nicht die selben! Es gibt (zumindest in Deutschland) keine festen Institutionen, nur hier und da Ritualgruppen, Stammtische, Vereine, Dachverbände. Doch meiner Erfahrung nach sind die Organisationsstrukturen in solchen Fällen eher locker.

Ich muss immer an Terry Pratchetts Beschreibungen von Hexen in seinen Discworld-Büchern denken:

„Your average witch is not, by nature, a sociel animal. There’s a conflict of dominant personalities. There’s a group of ringleaders without a ring. There’s the basic unwritten rule of witchcraft, which is, ‚Don’t so what you will, do what I say.‘ The natural size of a coven ist one. Witches only get together when they can’t avoid it.“
(Terry Pratchett, „Witches Abroad“)

Überspitzt formuliert kommen mir Neuheiden schon irgendwie so vor. Vielleicht geht es weniger um Dominanz und mehr um Individualismus – aber man muss schon einen ziemlich starken Willen und Eigensinn besitzen, um sich den Weg in eine wenig bekannte religiöse Bewegung abseits des Mainstream zu bahnen und dann innerhalb all der vorhandenen Strömungen die für sich passende zu finden.

Viele viele Wege

Frau Rabenschnabel hat ja hier von ihrem Glauben erzählt. Sie betet zu den germanischen Göttern. Das ist eine Richtung, die (oft unter dem Begriff Asatru) in Europa gerade wieder mehr Zulauf erfährt. Götter gibt es hier aber viele viele viele. Keltische, slawische, griechische, römische… Manche Leute fühlen sich zu indianischen oder ägyptischen Gottheiten hingezogen. Dann gibt es noch die Göttinnenbewegung, die sich hauptsächlich auf den Archetypen der Muttergöttin beruft. Und es gibt Wicca und Hexentum und und und. Auf einer paganen Veranstaltung wird sich wohl aus jeder Richtung ein Mensch finden lassen. Finden sich zwei, werden sie garantiert vollkommen unterschiedliche Glaubensvorstellungen haben. Finden sich drei… naja, und so weiter.

Das ist schön. Vor allem dann, wenn alle genug Platz zum Rangieren haben, dann kommen sie nämlich gar nicht erst auf die Idee, zu diskutieren. Wird der Raum enger – innerhalb eines Vereins zum Beispiel – kann es schon komplizierter werden. Aber das ist ja überall der Fall. Generell habe ich die pagane Szene immer als ausgesprochen tolerant erlebt. (Neo-Nazis mit Germanenfetisch mal ausgenommen, die habe ich zum Glück noch nicht persönlich kennenlernen müssen.)

Treffen sich zwei Heiden

Wie gesagt, organisieren sich die Heiden durchaus auch mal in Vereinen oder zum Beispiel Ritualgruppen. Das erfordert aber vor allem eines: Organisation. Viel. Gerade erlebe ich persönlich so eine Phase, in der auf Facebook so einiges los ist und hier in Berlin generell.

Exkurs: könnt ihr euch vorstellen, wie das so vor über zehn Jahren war? Als das Internet noch nicht absolut jeden Lebensaspekt durchdrungen hat? Ich werde da jetzt gar nicht ausholen, aber, bei den Göttern, war das schwierig!

Es gibt inzwischen einige Möglichkeiten, mit anderen Heiden in Kontakt zu treten. Vor allem in einer Stadt wie Berlin. Trotzdem finde ich es furchtbar mühsam, vor allem jetzt mit Kind. Ich kann eben nicht auf irgendeinen abendlichen Stammtisch gehen. Eigentlich ist es auch gar nicht das, wonach ich suche.

Und da schiele ich manchmal neidisch auf…

Religion Pagan Unangespießt

Die großen Religionen

Hier in Deutschland natürlich besonders auf die Christen. „Zu welchem Weihnachtsgottestdienst gehen wir denn? Kirche A, B oder C?“, fragen die sich. Dann wird organisiert: „Mit Oma treffen wir uns in Kirche A, mit Tante am nächsten Tag in Kirche B.“ Dann gibt es natürlich noch Gottesdienste zu den anderen Festtagen und womöglich noch den Gemeindeflohmarkt und außerdem den Kindergottesdienst undwasweißich.

DIY

Für uns gibt’s das nicht. Keine großen Veranstaltungen. Wir müssen selber machen. Jedes Mal aufs Neue.

Wollen wir ein Fest mit mehreren Leuten feiern, müssen wir erstmal Gleichgesinnte finden. Und uns überlegen, was wir überhaupt machen. Und dann organisieren: an welchem Tag passt es denn? Wir haben nämlich keine Feiertage vom Staat geschenkt bekommen.* Wenn dann zum Beispiel der Vollmond auf einen Werktag fällt, muss eben am Wochenende davor oder danach gefeiert werden.

Und was ist mit den Kindern? Viele Heiden feiern gern mit Einbruch der Dunkelheit und ihre Kinder lassen sie oft ohnehin zu Hause. Denn die Mentalität ist so auf persönliche Freiheit ausgerichtet, dass viele Heiden auch ihren Kindern bloß nichts aufzwingen wollen. Das kann ich verstehen, doch ich finde es auch schade. Zwar glaube ich, dass diese Einstellung sich inzwischen ganz langsam ändert und man Kinder allmählich mehr einbezieht. Aber grundlegend sind Kinder ganz und gar keine Selbstverständlichkeit und Kinderfreundlichkeit eben auch nicht.

Ich wünsche mir

… eine religiöse Gemeinschaft. Eine Gemeinde. Regelmäßige Feste mit Gleichgesinnten. Für mich und meine Familie. Eine Selbstverständlichkeit. Eine spirituelle Heimat.

Religion ist etwas ganz persönliches, aber eben auch etwas sehr soziales. Ganz allein kann ein Mensch auf seinem religiösen Weg nur bis an einen bestimmten Punkt kommen. Dort kann man verharren und glücklich sein. Aber für die Weiterreise braucht es irgendwann den Impuls von außen.

Ich habe das große Glück, einen Partner mit der gleichen (wenn auch nicht der selben!) Religion zu haben. Doch zwei Leute sind eben keine Gemeinde.

Auch für mein Kind wünsche ich mir diese spirituelle Heimat. Natürlich kann es die auch verlassen, wenn es einen anderen Weg gehen möchte. Aber ich hätte gern eine feste Basis in unserem Leben, feste Rituale. So etwas lässt sich am besten mit Gleichgesinnten etablieren.

Ob sich diese Wünsche je erfüllen werden, weiß ich nicht. Viel Freiheit bedeutet eben auch viel Ungewissheit. Im Moment freue ich mich stets, andere Heiden kennenzulernen und hoffe, dass die aktuelle Aktivität der Szene erst der Anfang ist.

Lange Nacht der Religionen

Passend dazu ein Veranstaltungshinweis:
Die Lange Nacht der Religionen

In Berlin findet am 25.5. 2017 wieder die Lange Nacht der Religionen statt, bei der sich (eigentlich eher tagsüber) zahlreiche Glaubensgemeinschaften und Organisationen überall in der Stadt der Öffentlichkeit präsentieren. Zum dritten Mal in Folge sind dieses Jahr wieder mehrere pagane Gruppen dabei. Ich werde als Besucherin wieder bei der Veranstaltung der Paganen Wege und Gemeinschaften sein – ihr könnt mich gern treffen, dann führ ich euch persönlich rum!

*Ich gönn den Christen ihre Feste und ich gönn allen Leuten Feiertage, aber in einem Land, in dem Staat und Religion offiziell getrennt sind, ergeben christlich basierte Feiertage einfach keinen Sinn.“
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Religion ist sehr persönlich, aber einsam sollte sie nicht sein, oder? Was meint Ihr? Mein Lieblingssatz ist ja der mit Platz zum Rangieren- DEN wünsche ich Uns allen.
Bis dahin: Küsst die Kinder, findet Gleichgesinnte und genießt freie Tage auch, wenn sie unsinnig sind (noch nie drüber nachgedacht aber: Stimmt.)!
Eure Julia

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