Die beste schlechte Mutter seit drei Kindern

Die beste schlechte Mutter seit drei Kindern

Oder: Wie ich mit jedem Kind eine schlechtere Mutter wurde.

Klingt nach Clickbaiting? Ist es auch. Denn ich bin zwar auf eine Art mit jedem Kind dem elterlichen Abgrund näher gekommen. Aber ich würde das nicht so schreiben, wenn ich ernsthaft der Meinung wäre, meine Kinder würden unter mir als wirklichwirklich miesen Mutter leiden. So ganz genau werden es uns erst meine Kinder in ein paar Jahren sagen können, aber vorläufig halten wir fest: Kindeswohlgefährung scheint hier nicht vorzuliegen. Und dennoch bin ich heute eine dreimal so schlechte Mutter, wie ich sie beim ersten Kind war.

Jetzt muss aber noch die Auflösung her, meint Ihr? Der Reihe nach. Erstmal kucken wir, was Früher alles besser war, ja?! Dabei sollten wir uns nicht falsch verstehen: Ich war nie eine Vorzeige-Muddi und so schnell wird das auch nicht mehr aus mir. Das liegt an Vielerlei aber hauptsächlich daran, dass ich nicht daran glaube, dass es diese perfekten Eltern wirklich gibt. Es gibt bestimmt welche, die sind saugut. Aber das sieht eins nicht daran, dass dort zu Hause der Boden immer sauber ist oder die Klamotten der Kinder immer gebügelt sind. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das auch nicht daraus ersichtlich ist, wie gut ein Elter geschminkt und gestyled ist. Aber mit dieser Einstellung bin ich in manchen Kreisen sehr alleine, also winke ich den stylishen Perfekt-Eltern völlig verdreckt aus einer Matschpfütze zu und kümmere mich um… meine Kinder zum Beispiel.

Aber zurück zum Thema.

Die beste schlechte Mutter seit drei Kindern
Mütter, die auf Kinder starren

Was war denn jetzt bitte beim ersten Kind so viel besser, als beim zweiten oder gar dritten? Eines ganz gewiss: Die Zeit, die ich damit verbracht habe, das jeweilige Kind anzustarren. Bei K1 habe ich das hingebungsvoll zwei Drittel meines Tages getan, denn genau das war ja irgendwie mein Job. Anfangs gebe ich zu, war das manchmal ein bisschen eintönig. Aber erstens ist eins ja unsinnig stark in diese kleinen Würmer verliebt, sodass diese bewegungsarme Zeit einfach hormonell kompensiert wurde. Und zweitens kommt ja dann ganz schnell die Zeit, in der die kleinen Dinger schneller weg sind, als eins kucken kann. Kein Scherz. Zur besseren Blickkontrolle habe ich K1 ganz oft auf dem (riesigen) Esstisch liegen lassen. Ganz kuschelig auf einem Lammfell mit Spielsachen um es herum drapiert. Und von einer Sekunde auf die andere konnte sich das Kind drehen. Ich schwöre hoch und heilig, vorher hat es nicht mal ANSTALTEN zu sowas gemacht. Aber in exakt der einen Sekunde, die ich den Spuckefleck auf meinem Shirt entdecke- BÄM! Unsere erste Nacht im Krankenhaus. Nicht die letzte, so viel kann ich spoilern. Aber glaubt mir, ich habe dieses Kind nicht mehr aus den Augen gelassen. Keine. Verdammte. Sekunde.

Nope.

Nicht, dass es etwas genutzt hätte. Oder dass das Kind deswegen weniger Unfälle gehabt hätte. Oder dass ich schneller reagiert hätte. Nichts davon. Aber ich hatte das Kind einfach vielmehr im Auge. Und dauerhafter. Denn heute ist das ja so: Logo, das Großkind ist dem Namen entsprechend groß, das braucht meine Augen nicht den ganzen Tag. Aber das Kleinkind ist eben noch … klein. Wobei es jeden Tag selbst entscheidet, ob es heute großes Geschwisterkind sein will oder kleines. Dessen ungeachtet genießt das Kind aber sowas wie temporäre Unsichtbarkeit unter dem mütterlichen Radar. Logisch, wenn es zu lange still oder zu lange außer Sichtweite ist, erkundige ich mich mal. Aber dieses angestrengte Beobachten jeder Aktion auf dem Spielplatz? Das gibt es hier nicht mehr. Ich kucke, ob das Baby noch komfortabel lebt. Recke den Hals nach dem Großen und ob der noch in der Gruppe halb-Halbwüchsiger Unruhestifter zu finden ist. Ich schnacke mit einer Spielplatzmuddi. Spiele Pokemon auf dem Handy, lese den Absatz eines Blogposts und erschrecke, als das Kleinkind neben mir plötzlich mitliest. Wo kommt der denn her?

Ah, da war was: Ich habe ja Kinder. Drei!

Die beste schlechte Mutter seit drei Kindern
Ein Ort der unüberschaubarer Gefahr: Der Spielplatz

Und bis ich diese Information verarbeitet habe, muss ich schon wieder den Großen ausfindig machen und der Butterkeks hat sich auch verdünnisiert. Es ist jetzt kein Scherz wenn ich Euch ehrlich sage: Alter Falter, was da alles passieren kann! Ernsthaft. Spielplätze sind nicht ungefährlich und meine Kinder neigen wirklich zu Größenwahn. Und furchtbar oft passiert wirklich etwas. Manchmal merke ich das sogar erst später. Es ist zum Mäusemelken! Aber: Mit drei Kindern ist das stundenlange und lückenlose Verfolgen eines Kindes nicht mehr drin. Manchmal muss auch die Speckbohne Minutenlang ohne mich irgendwo liegen- im Idealfall sicher und geborgen- aber die Rettung eines Zweijährigen aus prekären Situationen in mehreren Metern Höhe hat da einfach Vorrang. Gar nicht erst raufklettern lassen sagt Ihr? Guter Plan, aber dazu müsste ich das Kind auf Schritt und Tritt verfolgen können. Und das kann ich nicht mehr.

Bad Mom

Das ist jetzt ein Beispiel von so vielen. Manche Dinge sind weit weniger gefährlich für Leib und Leben und dennoch schade. Das mit dem Zuhören zum Beispiel. Allein durch die Menge der Menschen, die durch mein Leben geistern, könnt Eins Ihr ausrechnen, wie viel Zuhör-Zeit sich für di*en Einzelne*n so ergibt. Einstmals waren wir zu zweit. Heute sind wir fünf Familienmitglieder. Und jede*r, di*er denkt, fünf Monate Speckbohne bräuchten doch keine Zuhör-Zeit, di*er kennt mein Baby schlecht. JEDE*R braucht die. Aber ich musste sie ganz schön rationieren, damit jede*r Mal zum Zug kommt. Ich kann nicht mehr stundenlang nur den kreativen und phantasievollen Ausführungen eines Kindes lauschen und mich freuen, dass manche der Sätze so verschachtelt sind, dass Kafka stolz wäre. Also, ich könnte schon, aber dann müsste es schon ein Kanon der Sprechchöre sein, denn meine tägliche Wach-und-Zuhör-Zeit liegt deutlich unter hundert Stunden. Nicht selten also bitte ich alle sprechfähigen Personen im Raum: Erzähl mir von Dir, aber komm bitte zum Punkt!

Punkt.

Die beste schlechte Mutter seit drei Kindern
Stille Wasser und Labersäcke

Dadurch entgeht mich sicher Vieles. Denn einige Geschichten und Erlebnisse brauchen es, dass eins sich vorher warmgeredet hat. Ich kenne das. Wenn ich nicht „warm“ bin, dann mag ich oft persönliche Dinge nicht teilen. Die bleiben dann bei mir allein, obwohl ich sie vielleicht gerne geteilt hätte. Aber manchmal ist nicht die Zeit. Nicht die Muße. Das ist so eine Sache, die ist wirklich schade. Mir tut sie sogar fast körperlich weh- dieser Gedanke, dass mir Teile meiner Kinder verschlossen bleiben. Nur, weil ich nicht mehr so viel zuhöre und mitquatsche. Furchtbar oder? Ich gebe mein Bestes, jedem die Zeit zuzugestehen die si*er braucht. Aber ich und meine Zeit wir sind erstens endlich und zweites auch nicht perfekt. Also kommt es wirklich vor. Dass ich Dinge verpasse. Das wäre mir einst mit nur einem Kind vielleicht niemals passiert.

Dann aber sehe ich, wie die Geschwister untereinander fabulieren und phantasieren. Wie sie zusammen spielen und schnacken. Und ich muss gar nichts tun, ich darf lauschen und Dinge erfahren, die mir die Kinder vielleicht auch nach drei Stunden Dauerquatschen nie verraten hätten. Weil sie untereinander so anders und so viel grenzenloser kommunizieren, als sie es mit mir tun. Weil ich eine doofe Erwachsene bin, die keinen Schimmer von Worten hat, die inhaltlich vielleicht nichts bedeuten aber einfach völlig richtig und zutreffend klingen. Und weil ich immer alles erklärt haben will und ständig irgendwelche albernen Elternängste unwichtige Fragen stelle. Da weiß schon der Butterkeks, wann eine Frage besser diplomatisch beantwortet werden sollte, weil die Ollsch sonst einen Herzinfarkt bekommt. Dann erzählt er doch lieber dem großen Bruder, was genau mit diesem Hocker in der Küche passiert ist, der auf unergründliche Weise neben der Arbeitsplatte landete, die unter der Naschi-Schublade steht.

Wisst Ihr Bescheid, ne?!

Die beste schlechte Mutter seit drei KindernAll diese Dinge (und noch so viele mehr) machen mich auf eine Art wirklich zu einer schlechteren Mutter. Schlechter, je mehr Kinder ich habe. Denn ich kann mich immer noch nicht vierteilen, ich kann mich immer noch nicht klonen und im beamen versage ich ebenfalls immer noch kläglich. Aber die Kinder nutzen die Freiheit, die ihnen mein Versagen verschafft weise für Unfug. Und weil ich es ja doch nicht ändern kann, gebe ich einfach jeden Tag mein Bestes. Das macht mich zur besten schlechten Mutter, die ich sein kann. Die bin ich dann, voller Liebe für diese unfassbaren kleinen und großen Wesen, die ihr Leben mit mir teilen. Und weine ein bisschen. Vor Wehmut. Und natürlich vor Liebe. Die läuft alberner Weise manchmal einfach flüssig aus meine Augen. Komisches Konstrukt, so ein Elter. Aber vielleicht ist es ganz gut so, wenn sie nicht ab und an überliefe, dann würde ich wohl platzen.

Stattdessen küsse ich die Kinder, die gerade im Blick habe und erwische. Tut es mir gleich.

Eure Julia

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