Der Kita-(K)Eingewöhnungs-Blues II

Kita-(K)Eingewöhnungsblues

So, Teil zwei zur Eingewöhnung- schon wieder dieses Thema.  Diesmal geht es um den Butterkeks. Der ist bisher einmal Probe-eingewöhnt worden. In der besten Tagespflege der Welt. Das hat sich dann aber doch nicht ergeben, weil ich fruchtbarer war, als erwartet. Und außerdem waren die Tage immer so schön, dass ich mich kaum lösen wollte. Also vernachlässigen wir diese Eingewöhnung mal ein bisschen. Damit wären wir jetzt bei der ersten „echten“ Kita-Eingewöhnung. (Wer von der ersten Eingewöhnung lesen mag: Bitte hier entlang!) Und ich gestehe: Ich war sehr sehr aufgeregt. Das Aufgeregt, das in Morgenübelkeit münden kann. Also wirklich SEHR.

Warum ich mich so anstelle? Das Mittelkind ist ein… äh… freiheitsliebender Geist. Ein… autonomes Kind. Und so selbstständig, dass ich bisweilen fast daran verzweifle. Wie dieses Kind also in eine Spielgruppe mit ganz festen Regeln und dem immer gleichen Tagesablauf passen sollte- mir war`s ein Rätsel. Bloß gut, dass wir unsere Aktivitäten nicht auf das beschränken, was ich mir vorstellen kann. Sonst würde uns einiges entgehen, scheint mir. Denn wir haben jetzt acht Tage Spielgruppe hinter uns. Und es gab noch keinen Kinder-Ausraster. Es gab kein Kriegsgeheul. Und es gab keine morgendlichen Dramen. Stattdessen sitze ich mit meinem Butterkeks und zehn anderen Eltern im Kreis, mache Fingespiele und versuche Zeitgleich die Speckbohne am Abbau des Gruppenraumes zu hindern.

Tip, tip, tip

Kita-(K)Eingewöhnung
Mein Sturmkind

Jo, richtig gelesen. Fingerspiele. Ich brumme absurd hohe Lieder mit teils fragwürdigen Texten („So fahren die Damen, so reiten die Herren, so hoppelt der Bauer“- wtf?!) mit. Und ich höre, wie der Butterkeks ellenlange Sprüche und Texte mitspricht. Ich spüre, wie er am Ende der einen Aktion weiß, was die nächsten Minuten bringen und bereit ist. Bin da, wenn er bei den Übergängen von einem Teil des Tages zum anderen noch ein bisschen Hilfe und Halt braucht. Aber ich verschwinde auch schon am vierten Tag für fast zwei Stunden, weil das Kind mich nicht braucht. Ich hatte einiges erwartet und mich auf vieles gefasst gemacht. DAS hatte ich nicht auf dem Schirm.

Auch hier kommt uns zu Gute, dass wir keine Hektik haben. Die Spielgruppe dauert insgesamt nur drei Stunden, von denen die Eltern auch in Zukunft mindestens eine halbe Stunde fest mit integriert sind. Diese drei Stunden haben keine Eile, ich kann binnen weniger Minuten zu jedem Zeitpunkt wieder im Kindergarten sein. Und beim täglichen Gang in den Garten weiß der Butterkeks, dass das große Geschwisterkind ganz nah ist und vielleicht sogar ein bisschen mit ihm im Sandkasten spielt. Dieses Kind, das sonst stur sein kann wie ein Esel und unbeweglich wie ein Stein schwingt total entspannt mit der täglichen Routine aus Gesang und Spiel mit, als hätte es nie etwas anderes getan.

Go with the flow

Kita-(K)Eingewöhnung
Eingewöhnungs-Rückkehrerinnen-Blumenstrauß <3

Auch hier ist klar: Zwei Wochen Spielgruppe sind nicht aller Tage Abend und das dicke Ende kann noch kommen. Aber wisst Ihr, was mich unheimlich glücklich macht? Was mir das Gefühl gibt, die reichste Mutter auf diesem Planeten zu sein? Die Tatsache, dass ich kein weinendes Kind zurücklassen muss. Der Umstand, dass ich ich voller (Vorschuss-) Vertrauen meine Kinder in andere Hände gebe und sie wohl aufgehoben glaube. Ich bin nicht traurig darüber, dass uns gemeinsame Zeit fehlt, sondern dankbar, dass die Zeit im Kindergarten uns alle bereichert. Und nicht zuletzt, um dieses Gefühl zu konservieren, schreibe ich es auf. Ich muss keine weinenden Kinder zurücklassen.  Ich gehe davon aus, angerufen zu werden, wenn es für die Kinder hart wird. Und ich kann da sein und stützen, wo es nötig ist.

Ihr könnt Euch den Unterschied zur allerersten Eingewöhnung des Großkindes vermutlich ausmalen. Mich trägt eine unfassbare Erleichterung, dass es nicht desaströs sein muss, einen Teil des Tages getrennt voneinander zu verbringen. Und ich muss die Kraft, die mir das gibt, ganz tief in mir speichern. Warum? Weil der Moment kommen wird, in dem das Mittelkind mehr als drei Stunden am Tag betreut sein muss. Das wird auch der Moment sein, in dem die Speckbohne einen nicht unerheblichen Teil des Tages plötzlich bei einem anderen menschen verbingen wird. Ich werde nach Kräften versuchen, den richtigen Menschen zu finden und den Kindern genug Zeit zu verschaffen. Aber Ihr erinnert Euch an die Zeilen über die erste Eingewöhnung des Großkindes?

Angain?

Der Gedanke, dass ich es bei der (leider vermutlich ebenfalls ziemlich frühen) Eingewöhnung der Speckbohne schon wieder so saumäßig verbocken könnte, wie beim Großwikinger, der ist sehr präsent. Das Wissen, dass ein Jahr noch sehr jung ist, dass das eigentlich noch ein Baby ist, das leuchtet in großen Lettern vor mir. Die Kraft mit der ich aktuell wieder Artikel anzuziehen scheine, die vom Stress unserer Kinder in ihren Betreuungssituationen berichten, ist beängstigend. Und genau deswegen schreibe ich von einem Eingewöhnungs-Blues, der keiner ist. Vielleicht hilft mir das in den Momenten, in denen ich nicht richtig denken kann, weil ich den Trennungsschmerz schon vorausschauend fühle. Möglicher Weise erinnern mich diese zwei Texte daran, dass es gut gehen kann. Dass eine ernsthafte Hoffnung für die Speckbohne besteht.

Kita-(K)Eingewöhnungsblues
Zwei Kindergartenkinder on Tour.

Dennoch ist eines für mich sehr deutlich: Sowohl das Großkind als auch der Butterkeks sind schon „groß“. Sie können sich beide äußern. Ihre Bedürfnisse verbalisieren. Sie können sagen, dass sie traurig sind, wenn ich gehe und dass sie sich zwar freuen, wenn ich sie abhole, aber doch gerne noch einen Moment bei ihren Freund*innen der Spielgruppe bleiben möchten. Sie können mir erzählen, dass sie mit jenem Kind schön gespielt haben und ein anderes ganz und gar nicht leiden können. Sie sind alt genug, soziale Interaktion auf einer Ebene zu verstehen und lenken, die der Speckbohne noch völlig fremd ist. Mein Böhnchen macht die ersten Babyzeichen, aber es ist noch „klein“ und darauf angewiesen, dass ich sehe, was das kleine Herz bewegt. Es kann jetzt „sagen“, dass es gerne gestillt werden möchte. Aber es kann nicht ausdrücken, dass der Trennungsschmerz nur kurz währt, wenn ich einkaufen gehe und der Wikingerpapa aufpasst.

Kleine Kinder, kleine Sorgen?

Ihr werdet es erraten: Ich glaube schon, dass es den Kindern ungemein hilft, wenn sie (sofern die Möglichkeiten es zulassen, versteht sich!) erst später in eine Btreuung kommen. Ich bin gespannt, wie ich diese Erkenntnis mit der Notwendigkeit, arbeiten zu gehen, verbinde. Das nennt sich dann vielleicht „Vereinbarkeit“ von Kind und Beruf, klingt nach rücksichtsloser Selbstverwirklichung einer karrieregeilen Mutter und ist am Ende des Tages vll einfach nur die Notwendigkeit des Broterwerbs. Wenn das Großkind die Wunschschule besuchen soll, dann muss eine*r die zahlen. Der Staat tut es in diesem Fall nicht. Und dann habe ich ein bisschen das Gefühl, ich müsse das Wohl des einen Kindes (hoffentlich gut geeignete Schule) gegen das des anderen aufwiegen (früh betreut, weil ich arbeiten gehen möchte und muss). Ich suche nach Alternativen, Übergangslösungen und weiß auch nicht so genau.

Bis ich es aber weiß, halte ich mich an zwei wunderbaren Eingewöhnungsphasen fest, zwei Kindern, die gerne in den Kindergarten gehen und Menschen, denen ich meine Kinder anvertraue möchte. Das ist Reichtum. Über diesen Reichtum küsse ich meine Kinder immer und immer wieder, weil das das Beste am Elternsein ist. Das Küssen. Macht das auch!

Eure Julia

 

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