Blitzwochen. Hell, yeah!

Blitzwochen. Hell, yeah!

Kinder haben ist ist vielen Fällen wirklich cool. Ich erzähle Euch da keinen Mist, ich habe selber drei und ich habe sie alle drei absichtlich und sehr sehr gerne. Aber es gibt neben schlaflosen Nächten etwas, das Elternschaft wirklich zu einer Art Bootcamp in der Hölle macht. Okay, zu etwas, das drölf Mal so schlimm ist wie besagtes Bootcamp. Also ohne Essen und mit Helene Fischer Musik in Dauerschleife quasi.

Glaubt Ihr mir nicht? Dann kann ich Euch nur raten: Bekommt Kinder. Der Einfachheit halber fangt Ihr mit einem an und steigert Euch langsam, wenn Ihr mögt. Es wird auch gar nicht lange dauern, dann werdet Ihr es das erste Mal merken: Da ist was im Busch. Kaum hat eins dieses Knäuel Mensch im Arm, versucht eins ja, sich damit zu arrangieren. Am „Rabäh“ zu erkennen, ob es sich da gerade um Hunger, Pippi oder kalt handelt. Oder alles drei zusammen. Aber immer, wenn wir Eltern denken, jetzt hätten wir`s raus, bricht das gesamte Bedürfniserfüllungsbauwerk in sich zusammen. Und zwar mir Karacho. Nichts funktioniert mehr, das Knäuel Mensch ist nur am Brüllen und wir völlig verlottert, ungeduscht und jenseits von Gut und Böse. Also so rein psychisch. Di*er versierte Pro-Level-Elter nickt wissend und sagt:

Aha, eine Phase.

Blitzwochen. Hell, yeah!Und davon haben wir ja alle schon gehört. „Es ist nur eine Phase“. Was auch immer „Es“ sein mag. Wenn Ihr also das erste Mal ein völlig außer Rand und Band geratenes Menschlein im Arm habt und nicht mehr weiter wisst, dann habt Ihr die erste davon. Die erste Phase von sehr sehr vielen. Dazu gibt es auch ein (leider streitbares) Buch. Das ist bestimmt keine Bibel und schürt bei Eltern im Anfangsstadium oft auch unnötige Ängste. Ich fand es dennoch ganz nett unddie Illustrationen, mit denen diese Phasen zeitlich in einem Kalender gezeichnet waren, führten zu dem Namen „Blitzwochen“. Über den Wochen, in denen bei vielen Kindern wieder ein Entwicklungsschub ansteht, waren nämlich Blitze und Wolken verteilt.

Das war ein kluger Illustrationsmensch. Denn diese Wochen der Umstrukturierung und Neufindung fühlen sich wirklich jedes Mal an wie ein Mittelschweres nordisches Gewitter. In der Ostsee. Bei fünf Grad Wassertemperatur. Ich hätte im Leben nicht geglaubt, dass Entwicklungsschübe eines einzelnen kleinen Menschen eine ganze Familie komplett aushebeln können. Nie-mals. Dann hatte ich allerdings so ein Menschlein im Arm, das gerade lernte zu Greifen. Seine Frustration, dass es eben nur ums Thema „Greifen“ ging und nicht um „Flickflack von hinten und von vorne mit Rittberger und Salto“ war grenzenlos und sehr laut. Ich war mit den Nerven am Ende und drei Wochen meines Lebens nicht unter fremden Menschen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Denn die infernalische Enttäuschung des Minimenschen war sonst niemandem zuzumuten.

Dachte ich.

Blitzwochen. Hell, yeah!
Da braut sich was zusammen

Denn irgendwie kam es zu einem zweiten Minimenschen (Ihr kennt die Geschichte) und obwohl schon das erste Menschlein nicht aufhörte, im sechs-Wochen-Rhythmus Blitzwochen zu produzieren, fing das zweite Kind nach zehn tagen Dasein auch munter damit an. Immerhin, ich kann berichten, dass ich damit gerechnet habe und nicht völlig aus allen Wolken fiel. Ich kann aber auch beichten: Es nutzt nix, wenn eins darauf vorbereitet ist: Die Blitzwochen stellen das Familienleben trotzdem auf den Kopf. Nur fühlt es sich jetzt noch stakkatoartiger an. Sind ja jetzt zwei. Und die was das anbelangt können sie keine Rücksicht aufeinander nehmen. So kann es also gut sein, dass ein Minimensch die Freuden der ersten Fortbewegung für sich entdeckt und dabei Empörung und Wut über den mäßigen Fortschritt herauskräht. Der andere Minimensch ist schon deutlich größer und versucht sich derweil am Level „selber machen“.

Das liest sich bestimmt ganz lustig. Aber wenn eins dem akustisch tatsächlich zuhören muss, klingt es nicht mehr so witzig. Denn jede Herausforderung hat auch Enttäuschung parat und die Kinder stört es weder, wenn wir während des Levelns einkaufen, noch wenn ich gerade an der Kasse stehe und verzweifelt versuche zu bezahlen, während das Baby versucht, aus dem Kinderwagen zu entwischen, um dem Geschwisterkind bei der Zubereitung einer Dose Ravioli IM Supermarkt zuzusehen. Gelingt es nicht zu flüchten oder Ravioli zu kochen, wird Unmut laut. Und ich meine LAUT. Ich zumindest habe die Kassiererin nicht verstanden und auch sonst hat keiner im Laden mehr irgendetwas anderes gehört, als meine Kinder.

Ist nur eine Phase!

Blitzwochen. Hell, yeah!
Je mehr Kinder, desto mehr Blitze. Tjanaun.

Dieser Satz hilft in solchen Situationen nur bedingt. Denn in der Regel ist es ja nicht eine Situation, die ein bisschen stresst. Leider schleichen sich diese Blitzwochen von hinten durch die kalte Küche an. Die Eltern werden immer genervter, die Kinder immer gereizter, Ausflüge immer unschöner und überhaupt weiß keiner so genau, woran das jetzt liegt. Irgendwann kommt irgendein Klugscheißer-Elter um die Ecke (bevorzugt: ich) und redet wirr von Blitzwochen, lächelt milde und sucht fluchtartig das Weite. Dann wissen wir Eltern, es ist mal wieder soweit. Wir wappnen uns innerlich und hoffen, den Sturm heil zu überstehen. Ich persönlich lasse in Solchen Zeiten auch jede pädagogische Stringenz fahren und serviere zuckerhaltige Lebensmittel auf dem Sofa beim Fernsehen, wenn es uns allen nur eine Verschnaufpause verschafft.

Das dürft Ihr jetzt gerne voll blöd, total unachtsam und sehr un-bio finden. Aber seit ich im Genuss dreier Kinder bin, bin ich überzeugt: Für mich sind diese Blitzwochen überhaupt nur auf diese Weise zu überleben. Schokolade und viel viel viel Geduld. Auch wenn unsere Speckbohne ein ausgesprochen niedliches und pflegeleichtes Baby-Exemplar ist: Das schützt weder die Bohne noch uns vor diesen Gewitterphasen. Und während das Baby auf gar keinen Fall akzeptieren will, dass Sand nicht der geeignete Untergrund für die Sushi-Rolle-a-la-Bohne ist und laut meckert, renne ich schreiend dem Butterkeks (Mittelkind) hinterher, weil der sich mal wieder alleine auf den Weg macht, die Welt zu erkunden. Schreiend übrigens, weil ich mich mit dem Großkind darüber zoffe, dass ich nicht seine verflixte Diensleisterin bin und er sich bitte die verfluchten Schuhe mit fünf fucking Jahren selbst anziehen solle. Solchermaßen von meinen erzieherischen Kompetenzen beeindruckt, tuschelt regelmäßig der ganze Spielplatz über mich.

Keine Ahnung, warum.

Blitzwochen. Hell, yeah!
Beware of the Autonomiephasenkind!

Können sie mir ruhig direkt sagen, wie toll sie meine Ruhe und Geduld mit drei Kindern in den Blitzwochen finden. Echt, hey. Immer raus damit! Ich freu mich auch über Komplimente darüber, dass es schon nicht so einfach ist, einen zweijährigen Wutzwerg zu begleiten und währenddessen einen fünfmonatigen Hungergnom zu stillen. Bei Aldi in der Obstabteilung. Gleichzeitig. Ich finde übrigens genau wie die älteren Herrschaften, die die Augenbrauen hochziehen, dass der Großsohn seinen Unmut über mich und seine Geschwister besser an den Getränken im Laden auslässt als an uns. So ein kluges Kind. Und das mitten in einer der berühmten alle-drei-Kinder-gleichzeitig-Blitzwochen! Ich bin sicher, dass die abfälligen Geräusche hinter uns eigentlich nett gemeint sind und honorieren, dass ich bereits den ganzen Tag solche Schrei-Heul-Kreisch-Traurigkeit des Mittelkindes aushalte und immer noch nicht ausgerastet bin. Eigentlich wollte der junge Typ im Anzug auch ganz bestimmt das schreiende Baby trösten, weil er sich schon gedacht hat, dass das blitzende Mittelkind das kleine Geschwisterkind nicht zur Ruhe kommen geschweigedenn schlafen lässt. Dass er aus Versehen kurz bevor sich des schreienden Kindes Augen schlossen superlaut telefoniert hat, war nur ein ganz dummer Zufall. Ganz bestimmt.

Tjanun, ich schätze, ich war deutlich.

Blitzwochen sind ein Ausnahmezustand der ganz besonderen Art. Und nichts hilft so richtig. Es ist kein Kraut gewachsen und jede*r di*er so tut, als hätten ihre*seine Kinder sowas nicht: Über die lächelt milde. Wartet ab. Und reicht den völlig verschwitzen Eltern von „macht-sowas-doch-nicht“ ein Stück Schokolade, während sie versuchen, das Kind in seiner naturgewaltigen Wut , Traurigkeit oder Frustration zu begleiten. Wenn Ihr besonders gut drauf seid, könnt Ihr auch flüstern: „Es ist nur eine Phase!“ aber passt gut auf.  Denn bei sowas hört Murphy eigentlich immer mit und ehe Ihr Euch´s verseht, habt Ihr den ganzen Spaß mit den Blitzwochen wieder am Hacken.

Was mir geholfen hat sind Schokolade, Bücher, Blogger*innen, die ehrlich aus ihrem Familienalltag berichten und Menschen, die sich nicht scheuen, auch diese Seite des Kinderhabens zu thematisieren. Oh, hab ich Schokolade schon erwähnt?

Blitzwochen? Hell, yeah.

Auch wenn sie Euch den letzten Nerv rauben: Küsst die Kinder, Ihr seid nämlich nicht allein.

Eure Julia

 

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1 Kommentar

  1. Genau das, vielen Dank!
    Hier sind auch gerade Blitzwochen (bei uns stimme die zum Buch gehörige App übrigens meist auf den Tag /o\) und ich mag es ja besonders gern, wenn Verwandte sowas sagen wie „Oh ist die süüüüß! Die ist so lieb!“ und mir absprechen, dass das Kind ein unglaublich(!) lautes Organ hat und es auch gern nutzt, um sein Unbehagen/seine Wut/… mitzuteilen.
    Atmen und Babykopf küssen (der guckt gerade aus der Trage heraus)!

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