Bääääm! Oder: Warum ich die Trotzphasenwutanfallskönigin bin.

Bääääm! Oder: Warum ich die Trotzphasenwutanfallskönigin bin.

Ihr Lieben, meine Einstellung zum Thema Trotzphase kennt Ihr ja eigentlich schon. Und im Grunde hat sich daran auch nichts geändert. Aber ein Teilgebiet der Trotzphase sind Wutanfälle. Diese Phasen allumfassender Wut auf jede*n und alles. Egal ob es atmet oder nicht. Oft stehe ich völlig ratlos neben einem meiner Kinder und sehe es wüten. Denke leise „Doch Trotzphase?“ und ärgere mich gleich wieder über meine eigene Unsicherheit. Ein paar Änderungen der Umstände, Wut verraucht, Thema durch. Neulich in der Judohalle hatte ich aber eine Art Verständnis-Durchbruch. Ich hatte nämlich selbst einen Trotzphasenwutanfall.

Moi. Exakt. Und ich schwöre Euch: Ich war schlimmer als jede*r Dreijährige. Weil ich aber dreißig bin und nicht drei, kann ich Euch erzählen, wie es dazu kam. Und ich kann nienienie wieder über wütende Kinder schimpfen, aber das ist ein anderes Thema.

Bääääm! Oder: Warum ich die Trotzphasenwutanfallskönigin bin.
Licht am Ende des Tunnels- oder war`s doch der nächste Wutanfall?!

Es war einmal…

Zurück zur Wut und wie sie begann. Nämlich so: Samstag Vormittag, Julia auf Arbeit. Der Plan für den Tag ist, dass der Gatte mittags die Kinder zur Arbeitsstelle bringt, ich sie einsammle, einen entspannten Nachmittag mit ihnen verbringe, der Gatte abends wieder zu uns stößt und wir schön zusammen essen. Eingekauft ist dann schon, macht der Gatte. Sonntag Vormittag wollen wir fein frühstücken und dann fahren Gatte und Großkind zum Judoturnier. Weil ich Turniere hasse wie die Pest und die zwei Exklusivzeit wirklich gut gebrauchen können.

Die Realität: Der Gatte schreibt mir, sein Auto sei hinüber. Völlig. Da mein Auto auch schon hinüber ist und mein Leihauto nur von mir gefahren werden darf, heißt das: Ich fahre nach der Arbeit nach Hause, sammle die ganze Familie ein, fahre den Gatten zu seinem Termin,überschlage im Kopf, wo das Geld für eine Reparatur her kommen soll, beschäftige die Kinder bis zum Ende des Termins und fahre die gesamte Familie abends völlig erschöpft wieder nach Hause. Wir essen irgendwas während die Erwachsenen sich die Köpfe übers Geld zerbrechen und schlafen irgendwie alle irgendwann ein. Nicht im Streit, aber auch nicht wirklich schön.

ZzzzzzzzChrzzzzzzzzzChrzzzzzzzz

Bääääm! Oder: Warum ich die Trotzphasenwutanfallskönigin bin.
Kommt mir bekannt vor. Jetzt hat es ne andere Farbe aber… ach.

Dann Sonntag. Frühstück fällt überschaubar aus, das Kind -und damit wir alle- muss schon früher beim Judo sein als gedacht. Ausfallen lassen fände ich aber auch gemein. Also alle einpacken. Proviant fertig machen. Judo. Ich weiß nicht, ob ich es je erwähnt habe, aber ich HASSE Judoturniere aus tiefster Seele. Ihr könnt Euch also vorstellen, wie meine Laune ist? Ja? Jede Kleinigkeit macht mich noch gereizter. Wiegen erst um halb zwei statt wie angekündigt um eins? Orrrrrrrrr. Würstchen kosten einen Euro? Orrrrrr! Julia hat den Geldbeutel vergessen? ORRRRRRR! Baby kotzt drei Garnituren Wäsche voll? OHFUCKINGRRRRRRRRR!!!!!

Aber hey, das ist weder alles, noch das, was mich wirklich fuchsig macht. Neeeeein. Was mich echt umhaut sind die Eltern und Trainer. Während Eltern sich gegenseitig beim Kampf um die besten Turnbänke zu zerfleischen drohen („Reserviert! Ich habe doch gut sichtbar unsere Sachen auf die Bank gestellt. Das ist unsere Bank! Sie können die doch nicht einfach zur Seite schieben!“), höre ich (Kotze aufwischend und dankbar Wechselkleidung lieber Eltern entgegen nehmend) mit halbem Ohr: „Super, Finnja, jetzt grätsch aber richtig rein! Gib ihr den Rest! Die pfeift aus dem letzten Loch! Los! Jetzt rauf da! Halt sie fest! Die kann doch nix, halt sie fest! Jaaa, super, super gemacht!“ und möchte es dem Baby gleich tun. Allein: Ich habe keine Wechselwäsche dabei und bin schon vom Baby vollgekotzt. Also lass ich es.

Börks

Bääääm! Oder: Warum ich die Trotzphasenwutanfallskönigin bin.
Judohallenromatik. NICHT.

Stattdessen kotze ich verbal. Und zwar meine Kinder an. Jede*n, di*er mir begegnet, wenn wir es genau nehmen. Ich bin sauer. Ich bin wütend.Ich bin zum Bersten gespannt verdammte Axt! Der Butterkeks läuft in einen kolossalen Anschiss, weil er mich anjault, ihm sei „wangleilig“ (nach drei Stunden Wartezeit ohne Kampf) und das Baby bekommt Essverbot „Solange Du den Mist jedes Mal wieder auskotzt statt ihn zu verdauen, verdammt!“. Der Gatte wird enterbt, weil er auf ein höchst unerfreuliches in-den-Oberarm-Kneifen meinerseits nicht gebührend mitfühlend reagiert. Ich musste ihn kneifen, weil ich sonst Ruben-Claas‘ Judotrainer enthauptet hätte, weil selbiger „Claasis“ Gegner pöbelnd dermaßen verunsichert hat, dass er beinahe freiwillig den Gürtel geschmissen hätte.

Die etwas erschrockene Frage des Gatten, warum ich seine Arm perforiere und ob ich eigentlich noch ganz bei Sinnen sei, bringt das Fass zum Überlaufen. Wutentbrannt zerre ich Mittel- und Kleinstkind hinter mir her und verordne uns allen frische Luft. In bester General-Manier und saumäßig unfreundlich. Trotzwutanfall galore, würde ich sagen.

Ich will aber…!

Bääääm! Oder: Warum ich die Trotzphasenwutanfallskönigin bin.
Ist ja nicht umsonst so, dass ich mich scherzhaft mother of dragons nenne. Drachendasein verpflichtet.

Und dann sitze ich da vor der Judo Halle und merke, wie ich total außer mir bin. Wie mich jede weitere Kleinigkeit noch wütender macht. Ich sehe die vielen Respektlosigkeiten der Erwachsenen gegenüber den Kindern und wundere mich, wie aus all diesen Kinder überhaupt so etwas Großartiges werden konnte. Ich möchte kotzen über die Rufe und Beleidigungen vom Mattenrand und ranze dabei meine eigentlich wunderbar spielenden Kinder unfreundlich an. Ich bin wütend auf meinen Partner und werde gemein, statt das Los mit ihm zu teilen.

Ich sehe all das, wünsche mir, ich könnte wieder gelassener reagieren, merke Mal um Mal, dass es nicht klappt und denke plötzlich: Und da werfen wir Kindern vor, sie haben „Trotzphasen“ oder seien in der „Wackelzahn Pubertät“. Weil sie wüten und weinen. Dabei bin ich als Erwachsene Mutter von drei Kindern mit meinen 32 Jahren nicht Mal resilient genug für ein läppisches Judo Turnier. Wie wäre ich wohl drauf, wenn ich die ganze Welt erst entdecken müsste? Wenn mir einer der größten Umbrüche meines Lebens (zB Schule) bevor stünde, ohne dass ich wüsste, was das bedeutet?

Guess what!

Bääääm! Oder: Warum ich die Trotzphasenwutanfallskönigin bin.
Optimale Umgebung für uns alle. Nur mal so, falls Ihr Fragen habt.

Ernsthaft, wenn ich nicht mal ein paar Stunden in suboptimaler Umgebung aushalte, wie schaffen das nur meine Kinder? Tag für Tag, Stunde um Stunde müssen sie Dinge tun, die sie von sich aus ganz gewiss nicht täten. Sie sind umgeben von Menschen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Und eventuell bringe ich höchstpersönlich sie täglich in Situationen, die sie exakt genauso hassen, wie ich Judoturniere. Zähneputzen zum Beispiel. Haare kämmen. Logo, diese Sachen dauern keine fünf Stunden. Aber ist das für Kinder wirklich relevant? Oder geht es ihnen vielleicht einfach wie mir an diesem Wochenende und eine Kleinigkeit reiht sich an die nächste bis der Vorrat an Kooperationsbereitschaft einfach aufgebraucht und das Maß wirklich voll ist?!

Ich war an diesem Wochenende so ziellos sauer. Ich war so gemein und fies. Und ich hätte mit Sicherheit jede*n inhaliert und zu Hackfleisch verarbeitet, di*er mich in dieser Zeit darauf hingewiesen hätte. Ich habe wirklich Hochachtung vor meinen Kindern- denn die sind auch in solchen wutentbrannten Zeiten ansprechbar- im Gegensatz zu mir. Die lassen sich in den Arm nehmen. Sie wissen, was ihnen hilft, die Wut zu verarbeiten und je nach Entwicklungsstand auch, wie sie präzise den Grund der Wut artikulieren können. Das hätte ich an diesem Tag nicht gekonnt. Das kann ich erst jetzt.

Chapeau!

Und die Moral von der Geschicht?! Chapeau, liebe Kinder, Chapeau. Ihr seid der Hammer und wir Erwachsenen wissen es nicht mal. Ich verlange von Euch Dinge, die ich selbst nicht gebacken kriege und ich werde bei Euch in die Lehre gehen. Wir werden üben , wie wir solche Wutanfälle früh erkennen und mit Eurer Hilfe kann ich sie dann vielleicht immer besser abwenden. Seid geduldig mit mir, gerne geduldiger als ich mit Euch. Das wird eventuell ein bisschen dauern. Aber mit Euch schaffe ich das.

Ich küsse Euch zum Beispiel jedes Mal, wenn ich wieder unbegründet sauer bin, das ist ein Anfang, oder? Kussreiche Zeiten stehen uns bevor!

Ihr küsst die Kinder doch aus, oder? ODER?!

Eure Julia

Du magst vielleicht auch

4 Kommentare

  1. Oh ja, das kenne ich auch. Warum sollten denn auch nur die Kinder wütend werden? Ich bin zwar erwachsen, aber meine Kinder haben ihr feuriges Temperament nicht gestohlen. Das Schlimmste finde ich, wenn ich die Explosion quasi kommen sehe, aber nichts dagegen tun kann, weil in der Situation einfach keine Pause drin liegt. So erst neulich auf dem Rückweg von der Kita: ich hatte schon den halben Tag eine leichte Migräne. Die Kinder waren beide auch nicht gut drauf, es gab schon 3 kleinere Wutanfälle, bis wir nur das Kitagelände verlassen konnten. Ich spürte, wie in mir der Druck stieg, und wollte eigentlich nur rasch nach Hause, um kurz etwas Pause zu machen. Da bekam die Grosse auf dem Weg einen Riesenanfall, weil ich in ihren Augen den falschen Snack dabei hatte (also eigentlich, weil sie zuvor Stress mit der besten Freundin hatte, der Auslöser war eig. egal). Also habe ich versucht, schon massiv gestresst und mit Kopfschmerzen, die beiden Kinder möglichst rasch durch den Park nach Hause zu bekommen, während die Grosse rumgeschrien und geheult hat, dass es wirklich ein Spektakel war. Und dann kam dann diese ältere Frau vorbei und beschimpfte meine Grosse lautstark als ungezogenes Gör. Da war es dann um meine Selbstbeherrschung geschehen. Ich habe sie angefaucht, dass niemand das Recht habe, meine Kinder zu beschimpfen, und als sie weitergemacht hat, habe ich tatsächlich rumgebrüllt, ich würde sie anzeigen etc. So richtig ausgeflippt, wie es die Grosse kurz zuvor auch war, mit Geschrei und allem drum und dran.
    Nun ja, das passiert mir zum Glück nur selten, aber manchmal sind die Umstände einfach so doof, dass man den Ausbruch kommen sieht, und trotzdem nichts dagegen unternehmen kann. Und ja, wie können wir von den Kindern erwarten, was wir selbst nicht immer schaffen?

    LG, Julia

    1. Boah ja, ich hatte neulich auch so eine Situation- quasi eins zu eins wie Du- nur, dass der Herr, der mein Kind echt grundlos beschimpft hat dann MICH anzeigen wollte (wir standen quasi neben der Polizeiwache). Als ich nicht mit ihm nach drinnen wollte, weil ich mir sicher war, so eine Polizei hat echte Probleme zu lösen, brüllt er noch „Aha, hab ichs mir gleich gedacht! Auch noch Dreck am Stecken, was?!“
      Ernsthaft: Das war kein kleiner Ausraster, den ich da hatte.Aber DER war echt zu Recht XD
      <3 Danke Dir fürs Kommentieren und bitte entschuldige die späte Antwort. Ich bin nicht nur die Wutausbruch- sondern auch die Verspätet-Antworten-Queen -.-

  2. Vorneweg mal wieder danke für deine Texte! Ich mag einfach deinen Blickwinkel. Die Überlastungswut kenne ich gut. Und auf dem Gebiet fühlt sich mein Inneres zur Zeit an wie auf einer Großbaustelle. Aber wie du schon schreibst ist es bei uns nicht anders wie bei unseren Kindern. Unerfüllte Bedürfnisse plus funktionieren im Akkord gleich Gefühlslawine. Und an der Stelle sind wir dann auch keine 30 ÷/- x, sondern Kind. Hinter der ganzen Vernunfts und Verantwortungs Fassade hockt nun mal immer noch ein Mensch der auch noch Kind ist und der vielleicht nicht so super durch seine Emotionalität begleitet wurde,wie wir das heute versuchen. Vermutlich bringt es was, wenn wir uns nach solchen Tagen, wenn wir wieder bei Sinnen sind, so liebevoll begegnen wie wir es bei unseren Kindern tun und nicht dann noch die selbst vorwurfs Keule rausholen. Jetzt haben wir die Möglichkeit bei uns noch einmal ganz viel zu begreifen und zu ändern, weil unsere Kinder uns dazu zwingen hinter die Kulissen zu schauen, später bezahlen wir vielleicht jemanden dafür, dass er uns genau dort hinbringt. Das soll nicht heißen, dass ich mich gezielt an meinen Kindern therapiere! Aber die einzige Möglichkeit sie zu schützen und ihnen beizubringen wie man mit Gefühlen umgeht, ohne andere zu verletzen, ist es, bei sich den selben Anspruch an Bedürfnis orientiert und Achtsam zu leben wie bei den Menschen um einen rum! Glaube ich… Uff, ist das noch verständlich?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.