Babyzeichen Teil 1: In der Theorie

Babyzeichen Sprache Entwicklung Gebärden

Über Twitter und die wunderbaren Mupfmama und Mama in Hamburg spülte mir meine Timeline unlängst dieses Stichwort zu, das ich schon ganz vergessen hatte. Aber da wollte ich ja unbedingt noch was zu sagen. Schreiben. Also… Zeichen machen, ne?!

Gleich zu Beginn und aus gegebenem Anlass: Nein, keines meiner Kinder ist taub. Nicht im landläufigen Sinne. Und zu erklären, was „mamataub“* heißt, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Warum also Babyzeichen? Und was genau soll das sein?

Hilf mir, es selbst zu formulieren!

Babyzeichen sind einfache Handbewegungen, die es Kindern ermöglichen, noch vor dem phonetischen Spracherwerb mit ihrer Umwelt ganz explizit zu kommunizieren. Dass Babies schon lange vor der Sprachfindung Bedürfnisse haben, das wissen wir. Und dass sie dazu auch ganz schnell einen recht gezielten Willen entwickeln auch. Am besten aber wissen wir wohl, wie kompliziert es ist, herauszufinden was zur Hölle dieser kleine Krümel denn nun meint.  Wir fragen ab: Hunger? Müde? Frische Windel? Nein? Okay. Hunger? Müde? Frische Windel? Neeiiin???

Aus dieser Schleife können (können und nicht werden oder müssen!) die Babyhandzeichen uns heraushelfen. Wenn es uns denn stört. Praktisch funktioniert es so, dass die Eltern und jede Bezugsperson, die sich für diese Idee begeistern lässt, ab einem Zeitpunkt X zu einer bestimmten Tätigkeit eine bestimmte Geste machen. Klingt kompliziert? Einfaches Beispiel bitte? Logisch: Winkewinke. Nein, das ist keine spontane Äußerung von Grenzdebilität, sondern eines der am weitesten verbreiteten Babyzeichen für „Tschüss!“. Noch ein ganz einfaches? Kopfschütteln für „Nein“ und Nicken für „Ja“.

Und schon haben wir drei Babyzeichen auf der Liste.

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Babyzeichen für: Das ist eklig, das wird separiert.

Bei den dreien würde keiner auf die Idee kommen, sie albern oder überflüssig zu finden. Deswegen habe ich auch genau die drei gewählt. Vorher gibt es natürlich tausend andere in millionenfacher Abstufung. Wer zB windelfrei praktiziert, kann die Babyzeichen für „Ich müsste mal“ quasi blind lesen. Denn der ganze Körper des Kindes spricht. Und je älter und koordinierter die Kinder werden, desto genauer können sie „sprechen“.

Man muss allerdings als Elternteil auch bereit sein, sich für einen ungewissen Ausgang des Experimentes Babyzeichen erstmal eine Weile völlig zum Deppen zu machen. Bei jedem zweiten Stillen oder Füttern eine „Melkbewegung“ (im Ernst. Ja. Ich weiß!) zu machen und „Trinken“ oder „Milch“ zu sagen ist nicht unbedingt sexy. Ganz hektisch eine andere Bewegung zum Trinken von Wasser aus dem Glas zu etablieren, indem man auch in der Öffentlichkeit rumfuchtelt und ganz deutlich „Triinkeeen“ sagt, mag auch missverständlich wirken. Ich zum Beispiel wurde ganz mitleidig gefragt, ob mein Kind denn taub sei. Darum habe ich das eingangs auch gleich klar gestellt. Also, taub isser nicht. Und echte „Gebärden“ im Sinne der Gebärdensprache können Babyzeichen auch nicht ersetzen. Aber praktisch sind sie schon, wenn sie dann das erste Mal funktionieren.

Wie immer: Nur nicht in Hektik verfallen!

Jetzt hat man sich monatelang zum Horst gemacht und das Baby kuckt nach wie vor amüsiert und denkt nicht dran, irgendwelche Zeichen zu machen? Nicht traurig sein, nicht aufgeben und einfach nicht stressen. Je nach Ratgeber soll man zwischen dem sechsten und dem achten Monat anfangen, Zeichen zu machen. Dann könne das Baby acht Wochen später auch Fuchteln. Tjanun. Ich habe beim Großwikinger viel zu „spät“ angefangen, gar nicht so konsequent durchgehalten und kam mir irgendwann so veräppelt vor, dass ich aufgegeben habe. Zehn Tage später hatten der Herr die drei wichtigsten Babyzeichen von sich aus etabliert. Einfach so. Tatsächlich wahrscheinlich sogar schon vorher, ich habe es vor lauter Frustration schlicht übersehen.

Das ist übrigens etwas, das ich an Babyzeichen besonders gut finde: Man muss sein Kind schon anschauen, um herauszufinden, ob es grade ein Bedürfnis artikuliert. Und gerade am Anfang ganz genau. Denn wenn die ersten „Milch“-Versuche dauerhaft  fehl schlagen, weil Mama nicht kuckt oder nicht sieht, dann sind die meisten Kinder irgendwann auch genervt. Da braucht man keine Zeichen einführen, wenn keiner kuckt. Später, wenn die Zeichen deutlich sind und die Kinder selbstbewusst genug, dann quetschen sie schon die kleinen Köpfchen mitsamt Händen zwischen Mama und Smartphone um „Milch“ zu machen. Für Sie getestet!

Aller Anfang und so…!

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Iiieh, dreckige Hände!

Für mich hieß das zu Beginn der Babyzeichen nicht nur, dass meine Umwelt mich für völlig bekoppt hält, weil ich vor dem Baby rumgebärde. Es hieß gerade bei den ersten Anzeichen, die vom Baby kamen: Einmal bei Aldi an der Kasse die besagte „Milch“ auspacken. Schließlich kam das Zeichen vom Baby. Eigenhändig. Und der Blick sagte „Pronto!“. Also: Augen zu und einhändig zahlen. Und bitte schreit mir nicht ins Wort, ich weiß, dass nach und nach auch der Bedürfnisaufschub trainiert werden solltekönntemüsste. Ja. DAS geht aber erst, wenn die lieben Kleinen darauf vertrauen können, dass ihr Bedürfnis gehört wurde. Dass sie wahrgenommen werden. Und dass das Bedürfnis erfüllt wird. Versprochen.  DANN lernt es das Warten. Nicht vorher.

Auch in Bezug auf Windeln wechseln kann man sich sicherheitshalber auf vorübergehend mehr Wäsche einstellen. Ein bisschen springt ja jedem Kind der Schalk aus den Augen, wenn es merkt, dass es Dinge bewirken kann. Und wenn es einen Windelwechsel bewirken kann, dann fühlt es sich wie … tja… Thorhimself. Mindestens. Und ein bisschen muss das dann auch gefeiert werden. Mit sechs Windeln pro Stunde zum Beispiel. Irgendwann ist aber auch die Phase vorbei und DANN ist das mit dem Wissen um den Füllzustand der Windel wirklichwirklich praktisch.

Babyzeichen für Fortgeschrittene

Als Ausblick, wofür sich die Mühe lohnt kann ich Euch sagen: Beide Kinder wachsen/wuchsen mit Babyzeichen und ich bin bei beiden sehr glücklich damit. K1 wurde mit einem knappen Jahr sogar echt kreativ: Der Wikingergatte macht Seifenblasen und der Großwikinger ist ganz außer sich vor Freude. Fuchtelt wild. Und macht erst das Zeichen für „Vogel“ (und alles andere, das fliegen kann) und das Zeichen für „Ball“. Vogelball. Seifenblase. Vielleicht wird er mal Künstler… Ich jedenfalls bin geplatzt vor Stolz.

Der Kleinwikinger ist aktuell noch deutlich spartanischer in seiner Auswahl. Aber ziemlich zielgerichtet. Und die Kombination aus „Milch“ und „Müde“ mag ich am liebsten: Einschlafstillen. Klappt ziemlich gut und entspannt mich ungemein, denn so wird er weder verhungern noch verdursten. Ich kann ihn quasi auf Wunsch in den Schlaf begleiten und böse Windelüberraschungen am Morgen vermeiden, wenn er noch abends auf „Frische Windel“ besteht.  Ich kann ihm klar machen, dass Einschlafstillen erst nach der „frischen Windel“ kommt, indem ich die Zeichen in besagter Reihenfolge mache. Kurz: Wir kommunizieren. Ich bin seelig, weil ich das Gefühl habe, mein Kind zu verstehen. Das Kind scheint mir glücklich, weil es seine Bedürfnisse mitteilen kann.

Kinderquatsch?!

Allerdings ist es mit Babyzeichen wie mir allem: Muss man eben mögen. Sollte man aber auch wenn man es mag nicht zu ernst nehmen. Es gibt keinen Pokal für die, die Babyzeichen praktizieren. Eltern ohne Babyzeichen sind dagegen auch nicht taub für die Bedürfnisse ihres Nachwuchses. Denn im Grunde lesen Eltern unentwegt die Zeichen ihrer Kinder. Babyzeichen sind nur eine ganz beschränkte Menge wiederholter Bewegungen, auf die wir uns geeinigt haben. Zeichen, die uns den Alltag erleichtern sollen und es in meinem ganz speziellen Fall auch wirklich tun. Ich mache mir keine Gedanken über Still- oder Essensintervalle, keine Sorgen ob die Windel voll ist und wenn ich mich wundere, warum das Kind so nölig ist, muss ich es quasi nur fragen. In der Theorie.

Ganz doofe Tage werden aber in der Praxis durch Babyzeichen nicht wirklich besser und Missverständnisse gibt es auch immer wieder. Die Nähe zwischen „Trinken“ (Wasser) und „Milch“ (Stillen) war schon bei dem großen Wikingerbruder bisweilen schwierig und auch beim Kleinwikinger vermischt sich das zusehends. Während der letzten fiesen Rüsselpest wurde ich beinahe irre, weil das arme Kind immer nach „Milch“ verlangte, aber nie trinken wollte. Ich habe alles angeschleppt: Tee, Kuhmilch, Apfelschorle. Quetschie, Eis, sogar Kakao. Nach zwei Tagen Verzweiflung (wie aufgeschmissen man dann plötzlich ist!) wurde klar: Der Butterkeks meinte sehr wohl „Milch“. Und er wollte auch stillen. Nur konnte er nicht, weil trotz aller Gegenmaßnahmen die Nase so dicht war, dass er es gar nicht erst versuchen wollte.

Babyzeichen für alle?

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Babyzeichen für: Schmeckt lecker, gerne mehr!

Also Auch hier: Kein Allheilmittel, tut mir leid. Aber schön praktisch finde ich es schon. Und für alle, denen das noch zu theoretisch war, habe ich etwas in Aussicht: In naher Zukunft folgt hoffentlich „Babyzeichen Teil 2: Die Praxis“ mit den Babyzeichen, die wir im Alltag etabliert haben und nutzen. Vielleicht kann ich sogar den großen Wikingerbruder einspannen, die Babyzeichen vorzuführen. Außerdem hat auch die Mama in Hamburg bald einen Artikel über Babyzeichen in Planung. Dort wird nämlich auch fleißig gefuchtelt und ich bin schon gespannt zu lesen, wie es in Hamburg damit lief… Bis dahin: Frohes Kinderkuscheln, mit oder ohne Babyzeichen, Hauptsache der Flausch stimmt.

 

Eure Julia

 

*An dieser nicht: Der Begriff ist entlehnt aus dem Buch „Die Jungenkatastrophe“ von Frank Beuster. Ich habe nicht das ganze Buch gelesen, allein den Auszug in Bezug auf „mamataub“ vor Jahren einmal gesehen und für gut befunden. Die Kurzfassung: Jungs (Kinder. Sagen wir einfach : Kinder!) sind immer und überall von pappernden Frauen umgeben. Und irgendwann werden sie auf dem piepsigen Mamaohr eben taub. Kannste wüten, wie Du willst. Mamataub eben. (Die Theorie an sich ist nicht unstreitbar, wie ich finde. Das Buch würde ich ohne genauere Recherche auch gar nicht so empfehlen. Aber diese Mamataubheit. Die wohnt ganz bestimmt im Hause Wikinger, das kann ich bestätigen.)

 

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