Autschn! Kinder, Schmerz und Trost.

Autschn! Kinder, Schmerz und Trost.

Bei Babies ist die Sache ziemlich einfach und klar: Säuglinge darf eins nicht schreien lassen. Nie. Denn wenn sie schreien, dann aus einem guten Grund. Welcher das sein mag, das erschließt sich uns nicht immer gleich. Aber die Notwendigkeit des Trostes, die erkennen die meisten Eltern zum Glück sofort. Bei größeren Kindern scheiden sich aber irgendwann die Geister. Manchmal sogar mein eigener an den eigenen Kindern. Also ein Geist reicht, glaubt mir. Denn je älter die Kinder werden, desto schwerer finde ich es, Kriegsgeheul (wirkungsvoll, nötig aber ohne Trostbedarf) von dem Geheul zu unterscheiden, das nach elterlichen Schulter und ganzganz viel Trost ruft.

Kennt Ihr nicht? Also diesen Zwiespalt? Macht Euch nix draus, Ihr seid nicht allein. Vielmehr habe ich das Gefühl, ich sei mit meiner abwartenden Haltung zum Thema Kindergeschrei allein. Da ist dann aber auch der Titel ein bisschen irreführend. Denn es geht natürlich nicht nur um Geschrei und Schmerz. Aber schon da entzweien sich die Meinungen. Wie immer versteht man gar nicht, worauf ich hinaus will? Okay, dann ein Beispiel.

Auf dem Spielplatz.

Autschn! Kinder, Schmerz und Trost.
Klettermaxe

Die Hälfte meiner Zeit auf dem Spielplatz verbringe ich damit, mich vor den Blicken anderer Eltern zu verstecken. Denn ich habe zwei Rabauken, die nicht zimperlich sind. Also, mit sich selbst. Sagen wir es ruhig, oft sind sie ein bisschen größenwahnsinnig. Und ziemlich oft geht dieser Wahnsinn auch schief. Und dann heult einer. Soweit, so normal. Der komische Teil fängt jetzt aber an: Ich  höre Geheul. Spätestens jetzt kucke ich vom Smartphone auf (sic!), suche des Geheules Ursprung und… Warte erstmal einen Moment ab. Und ab diesem Zeitpunkt muss ich mich vor den ersten Eltern verstecken. Denen nämlich, die die Gefahr schon lange gesehen hätten, weil sie die Kinder auf Schritt und Tritt begleiten und überhaupt wäre das Kind da eh nie gefallen. Meines hingegen ist gefallen. Weint. Und ich warte noch immer. Denn meine Erfahrung ist folgende: Ich bestreite nicht, dass so ein Sturz vom Karussell weh tut. Ich sehe auch, dass es weh getan hat. Aber ich sehe auch: Ein Kind, das zwar weint und sich ärgert. Aber keines, das Trost will. Stattdessen wischt es sich den Rotz an den Klamotten ab, schnieft nochmal ordentlich und steigt wieder aufs Karussell.

Ich warte nicht aus Böswilligkeit oder weil ich meine Kinder abhärten will. Himmel, das wäre ziemlich daneben, das weiß ich wohl. Ich warte aber, weil der Zweijährige sich ziemlich gut selber trösten kann. Und oft aus einer Mischung von Schmerz und Ärger weint. Den Schmerz könnte ich vielleicht schon wegtrösten. Aber den Ärger über die missglückte Dreherei- den kann ich nicht ungeschehen machen. Den muss das Kind ein bisschen aushalten und es dann vielleicht einfach nochmal versuchen. Oder eben auch nicht. Denn wenn der Schmerz oder die Trauer überwiegt gibt es ja auch noch…

…das zweite Szenario

Autschn! Kinder, Schmerz und Trost.
Sand ist gefahrvoller, als man denkt, Wirklich.

Nach dem ich mich übrigens auch verstecken muss. Denn beim zweiten Szenario muss gar nichts „Schlimmeres“ passiert sein, als beim ersten. Und es muss auch gar nicht der Zweijährige sein, um den es geht. Wir können uns einfach vorstellen, dass der Fünfjährige sich beim wahnwitzigen die-Rutsche-Hochklettern ungeschickt gestoßen hat. Und jetzt sitzt er da und weint. Ich warte. Und so recht scheint sich das Kind nicht zu beruhigen. Kein Blut in Sicht. Kein gemeines anderes Kind in Sicht. Na gut, dann steh ich eben doch auf. Aber langsam. Das Kind sieht das und rappelt sich, ich kann stehen bleiben während es auf mich zukommt. Und eben immer noch weint. Jetzt ist auch nach mehrmaliger Nachfrage nichts weiter „Schlimmes“ als das Beschriebene passiert. Aber der Rabauke ist einfach traurig. Dann setzen wir uns eben auf den Boden und kuscheln. Und ich tröste. Ich verstehe, wenn mit Spielplatzlaune jetzt erstmal Essig ist, schinde noch ein paar Minuten für den kleinen Bruder raus und dann setze ich das große fünfjährige Kind in den schiebbaren Fahrradanhänger und schiebe (sic!) es nach Hause oder zum nächsten Eis.

Das einzig Gute an diesem Szenario ist: Wenn wir den Spielplatz verlassen, bekomme ich die anschließenden Kommentare nicht mehr mit. Denn ebensowenig, wie ich im ersten Szenario irgendwen abhärten wollte oder gar gemein sein, will ich diesmal kein Kind verweichlichen oder verziehen. Was für furchtbare Worte. Allesamt. Ich höre sie aber immer und immer wieder. Stereotyper Weise kommt erst die Schmährede gegen das Sitzenbleiben und Abwarten und im Anschluss das Schnauben ob meiner „Drama Queen“, di*er ja wohl nichts aushält. Tjanun Freunde.

Und jetzt?

Autschn! Kinder, Schmerz und Trost.
Lego hat auch schon Kriege ausgelöst.

Ich gestehe Euch freimütig, auch ich denke, dass der körperliche Schmerz im ersten beschriebenen Fall deutlich größer war, als im Zweiten. Aber irgendwie war mein Trost im zweiten Fall viel wichtiger als im Ersten. Und manchmal brauche ich einfach ein paar Sekunden, bis ich das abschätzen kann. Ich hoffe schwer, dass sich keines meiner Kinder in diesen Sekunden allein gelassen fühlt. Aber ich habe wirklich den Eindruck, dass auch sie manchmal ein paar Sekunden brauchen, bis sie sich selbst darüber im Klaren sind: Ist das jetzt Kriegsgeheul oder nicht?

Und wenn wir gerade ehrlich sind: Ich glaube tatsächlich nicht daran, dass die Blutigkeit einer Verletzung den Trostgrad bestimmen sollte. Meine Kinder zumindest legen die unheimlichsten Stunts hin, ohne ein einziges Wort des Trostes von mir zu wollen. Abends wundere ich mich manchmal, dass sie noch an einem Stück sind. Aber andere „Kleinigkeiten“, die anderen Kindern in die Wiege gelegt scheinen, sind meinen unüberwindbare Hürden, die nur und ausschließlich an meiner Hand oder meiner Brust zu ertragen sind. Ich bin froh, dass selbst mein großes Kind noch keinen so gewaltigen Unterschied macht zwischen dem, was wir Erwachsene als „Schmerz“ definieren würden und dem, was sie einfach schmerzt. Eine Verletzung muss man nicht sehen, um zu trösten. Trost muss nicht berechtigt sein, um zu heilen. Und Blut muss nicht Schmerz bedeuten.

Autschn! Kinder, Schmerz und Trost.
Krokodilreiter. Ohne Krokodilstränen.

Ihr versteht, was ich sagen will?

So oder so: Falls Ihr so ein*en Abwarter*in wie mich kennt- lasst sie/ihn warten. Gebt ihr/ihm die Sekunden. Vielleicht brauchen die Eltern das ebenso wie ihre Kinder. Im Zweifelsfall küsst aber einfach Eure Kinder und lasst Euch nicht ärgern!

Eure Julia

 

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2 Kommentare

  1. Verstehe das alles voll und ganz. Habe auch 2 Rabauken. Besser gesagt eine Rabaukin und einen Rabauken. Uuuund Mütter in der Nachbarschaft die dann zu ihren Kindern ganz laut sagen duuu machst das bitte nicht was sie(also die Rabaukin) gerade macht. Du siehst es gibt noch Steigerungen….

    1. Jaaaaa, das ist auch eine meine liebsten Varianten. Auch schon gehabt: Turngruppe Kinder wird von Trainer auf Eis eingeladen. Gruppe war vorher sehr unruhig und rabaukig. Ein einziges Kind darf nicht mit. Mein Kind fragt die Mutter: „warum darf er kein Eis essen?“
      M: „Weil ihr nur Quatsch gemacht habt und ich eben konsequent bin!“
      😳
      Kind wollte dann wissen, ob „konsequent“ sowas wie ne Allergie ist 😂

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