All the small Things: Vom genauen Hinsehen

All the small Things: Vom genauen Hinsehen

An mehr als einem Tag in der Woche bin ich am Rande des Wahnsinns. Nicht, dass das so neu wäre. Aber es überrascht mich selbst doch immer wieder, wie die kleinste Kleinigkeit das Fass am Ende zum Überlaufen bringt. Dabei sind es genau diese Kleinigkeiten, die mich eigentlich zum perfekten Zen-Mönch machen würden. Ameisen zum Beispiel. Stundenlang. Oder: Bienen. Ihr versteht nicht? Lest nur weiter…

Die ein oder andere von Euch lächelt wissend. Vielleicht, weil sie weiß, dass mein Butterkeks jetzt gut anderthalb Jahre ist. Oder weil sie selbst so einen zu Hause hat. So einen, der sich Stunde um Stunde mit dem Studium der winzigsten Winzigkeit beschäftigen kann. Aber selbstverständlich ausschließlich, wenn Mama daneben steht. Sonst gilt das alles nicht und man muss von vorn beginnen.

Ohmmmmmmmmm.

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Yeah!

Wie das in der Praxis aussieht? Relativ einfach. Für den Weg zum Discounter brauche ich alleine zehn Minuten. Mit Kind im Fahrradanhänger auch etwa. Mit Kind an der Hand zwei Stunden. Woran das liegt? Nicht an mir, das könnt Ihr mir glauben. Denn ich habe zumeist irgendetwas sperriges oder schweres in mindestens einer Hand. Tausend Pfandflaschen zum Beispiel. Oder Papiermüll, den ich auf dem Weg noch entsorgen wollte. Oder Fleisch, dass ich auch dem Weg schon gekauft habe und das eigentlich dringend in die Kühlung sollte.

Der Butterkeks indes ist völlig unbelastet. Der trägt sich und die Gewissheit, dass die Welt voller Abenteuer ist. Und, siehe da, genauso kommt es. Denn direkt vor unserer Wohnung empfangen uns ungefähr drölf prächtige Pfützen. Wer jetzt glaubt, mit einmal reinspringen sei die Sache erledigt, der täuscht sich gewaltig. Die Macht der Pfütze ist grenzenlos. Auch wenn man nicht mehr reinspringen darf: Steine zum Beispiel, kann man dann immer noch reinwerfen. Oder die Hände baden und sich wundern, wo sie hinverschwinden. Denn das Wasser in den Pfützen ist magisch. Oder dreckig. je nach dem, wen man fragt.

Und Stöcker! Pfützen und Stöcker!

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Okay, große Pfütze. Aber auch toll!

Was für eine Kombination! Mit dem Stock kann man auch den Stein, den man… ach, oder wir werfen gleich den ganzen.. oh der schwimmt! Ihr ahnt es: 20 Minuten pro Pfütze sind wie im Flug vorbei. Also, fürs Kind. Aber ich bin ja gewappnet. Das Handy macht tolle Bilder und der Butterkeks ist auch ziemlich possierlich. Wäre also doch gelacht, wenn ich aus Pfützen-Action nicht noch ein paar coole Bilder für Instagram rausschinden könnte, oder? Ich schätze, eines Tages wird es eine Generation von Blogger-Kindern geben, die nur dann in Pfützen springen können, wenn jemand ein Foto davon macht. Aber bis dahin ist es eine Win-Win Situation für uns beide.

Nach inständigem Bitten kommen wir ein Stück weiter. Etwa zehn Meter. Denn: Da liegt Müll. Also, nicht irgendein Müll. Bunter Müll! Mit-dem-Stock-anpieksbarer Müll. Oder ist es doch ein Schatz? Es bewegt sich! Attacke! Tjanun. Der Müll scheint übermächtig, wir treten die Flucht nach vorn an und lassen das Bonbonpapier hinter uns. Eine wilde Verfolgungsjagd bringt uns volle 50 Meter weiter bis… ja, bis…

Ein Grünstreifen!

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Erstmal Pause machen.

Grünstreifen sind eine Welt für sich. Ach, was sage ich, eine Milchstraße! Und darin tummeln sich die ungewöhnlichsten Bewohner. Ameisen zum Beispiel. man könnte jetzt durchaus meinen, das seien dieselben Ameisen, die wir direkt vor der Wohnung bereits einige Minuten bestaunt haben. Sind sie aber nicht. Gar nicht! Und sie müssen auch ganz andere Ameisen-Schwierigkeiten bewältigen. Ich sehe die selbstverständlich nicht so gut, aber der Miniwikinger sieht die alle. Und ich schätze, er kann sie auch hören und übersetzt fleißig für mich. Allerdings ist hierfür essentiell, dass ich ebenfalls in der Hocke sitze. Dringend. Egal, wie unbequem das für mich ist. Im Stehen kann ich das Schauspiel schließlich nicht würdigen!

Dann allerdings wird der Butterkeks abgelenkt und wir müssen mindestens zehn Meter Grünstreifen wieder zurück laufen: Bienen! Und was für welche! Die… die… fliegen! Und summen! Und sie tun Dinge auf Pflanzen. Blüten. Anarchie! Der Butterkeks wird ganz aufgeregt und erzählt mir vom Kosmos der Bienen. Hin und her läuft er, nimmt Anteil am Schicksal der Honigsammler, ermuntert sie, wenn sie zu schwer beladen scheinen. Wenn eine auf den Boden fällt, kommentiert er mit einem einfühlsamen „Aua?!“ und ich kann ich gerade noch davon abhalten, das Tierchen mittels Finger… äh… zu … äh… streicheln.

Zeit: 50 Minuten. Entfernung: noch 500 m.

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Long way to go

Geschafft haben wir kaum ein fünftel. Aber die Welt haben wir innerlich quasi schon einmal umrundet. Ich bin irre froh, dass ich mich die meisten Tage glücklich schätze, bei des Butterkekses Abenteuern dabei sein zu dürfen. Dass Einkaufen so den ganzen Vormittag dauert- geschenkt. Dass ich dabei oft schweißgebadet bin, weil ich wieder mehrere Dinge gleichzeitig erledigen oder Pfand wegbringen will- selber Schuld. Ich weiß schließlich genau, was mich erwartet. Und im Grunde genommen bin ich selbst dann, wenn ich furchtbar ungeduldig bin und mir den kleinen (dann manchmal sehr unglücklichen) Kerl unter den Arm klemme, vor allem eins: Traurig, dass nicht ich auch so unbelastet und wertschätzend die Welt beobachten kann.

Wie gesagt: So oft gelingt es mir inzwischen, dank dem wunderbaren Lehrmeister und Butterkeks. Ich wusste gar nicht, wie reich und bunt bewachsen der Grünstreifen neben Lidl ist, bevor er es mir gezeigt hat. Ich hatte keinen Schimmer, wie viele Tiere in unserer Stadt leben, bevor er mir davon erzählt hat. Pfützen sind wahre Naturschauspiele und das weiß nicht nur Instagram zu schätzen, sondern inzwischen auch ich.

The Ants go marching one by one

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Bloß gut, dass Du noch nicht erwachsen bist.

Nur manchmal. Ganz manchmal. Da packt mich das Erwachsensein und ich mag einfach keine Sekunde länger vor dieser ollen Ameise stehen. Nicht eine Millisekunde. Dann muss der Kleinwikinger mit. Findet er nicht witzig. Aber zum glück entdeckt er oft einen Fussel auf meinem Shirt. Einen, von dem er mir auf dem Weg zum Einkaufen auf meinem Arm dann erzählt. Denn im Gegensatz zu mir ist das gute Kind flexibel und geduldig. Er weiß, das Erwachsene manchmal total daneben sind. und bis ich mich wieder eingekriegt habe, entdeckt er auch noch ein paar lose Haare im Zopf und zuppelt daran. Verrückt, jetzt hat sich ein Käfer im haar verfangen! Wie der strampelt! Und wie die Mutter plötzlich strampelt! Huch!

Ich sag es ja. Ein Kosmos. In jeder Winzigkeit.Ein Glück!

Küsst die Kinder und wenn Ihr könnt: Nehmt Euch Zeit. Pfützen rocken wirklich.

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