Äh, Sie haben da was vergessen! Von Jacken, Mützen und Schuhen.

Äh, Sie haben da was vergessen! Von Jacken, Mützen und Schuhen.

Vor Kurzem spülte mir Unerzogen Leben einen schönen Beitrag in die Timline: Selbstbestimmung im Alltag von Mutter Gans. Und ich musste sehr schmunzeln. Denn obwohl ich erst dachte, so tiefgründig sehe ich dieses Schuhe-Anzieh-Thema gar nicht (ich bin von allem „Unerzogen“ recht weit entfernt): Wenn ich länger darüber nachdenke, MUSS man Schuhe nicht zu einer Frage der Selbstbestimmung machen. Aber die Gegenfrage ist schon: Warum eigentlich nicht? Oder eben: Warum zur Hölle sollte das Kind Schuhe tragen, wenn es barfuß sein will? Ganz am Rande nochmal bestätigt haben mir das durch Zufall die Kommentare zum Beitrag von 2KindChaos. Okay, die haben mir auch nochmal vor Augen geführt, warum ich Menschen nur so mittel mag („Da müssen Eltern doch Mal Eltern sein! Da gehört ein Schlüppi drunter! Das macht man bei drei Grad doch nicht!“). Aber der Reihe nach…

Wir klären erstmal die Rahmenbedingungen: K2 hasst Schuhe. Gummistiefel ausgenommen, versteht sich. Aber alle anderen Schuhe sind doof oder, wie er neuerdings mitteilen kann: „Weh.“ Tjanun. Was soll man da sagen. Es war Sommer. Ich immer auf der Suche nach Scherben und das Kind immer barfuß. Nach etwa zwei warmen Tagen war ich dann aber auch so weit, den nächsten menschlichen Vollpfosten zu fällen, der mich ansah und das einjährigen Kind fragte:

„Na, wo hast Du denn deine Schuhe gelassen?“

Äh, Sie haben da was vergessen! Von Jacken, Mützen und Schuhen.
Fühlt sich eben schön an.

Ja, was glauben die Leute denn? Dass ich die rationiere und deswegen ICH der Ansprechpartner bin? Mag sein, dass ich bisweilen wirr aussehe, aber so wirr, dass ich die Jahreszeit vergesse und das Kind im Sommer unabsichtlich barfuß laufen lasse, ist unwahrscheinlich. Auch im Frühling oder Herbst kann man sich sicher sein: So eine Mutter kuckt ihre Kinder meist an, bevor sie das Haus mit ihnen verlässt. Und sei es nur, um zu prüfen, ob wirklich alle den Schlafanzug aus- und Tagesklamotten angezogen haben. Zugegeben, manchmal vergesse ich meinen Schlafanzug. Und stehe in Hausschuhen beim Einkaufen. Aber DAS ist ein ganz anderes Thema.

Warum also laden nackte Füße so sehr dazu ein, wildfremde Kinder anzusprechen und ihre Mütter via idiotische Frage an ein Kind, das nicht antworten kann, auf diesen „Missstand“ hinzuweisen? Schlimmer ist ja nur, unter 20 Grad keine Mütze aufzusetzen, glaube ich. Oder wollten die mich mit der Frage nach den Schuhen auf das Fehlen der Mütze aufmerksam machen? Das wäre ja perfide!

Zurück zum Thema

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Schuhe, aber leider keine Gummistiefel…

Kinder leben nicht in einer Thermoskanne. Die spüren den Boden, die fühlen den Wind und sie schmecken den Regen. Und wenn wir gerade dabei sind: Sie tun all das noch so viel intensiver als wir, dass ich manchmal fast neidisch bin. Oder wann habt Ihr zuletzt das Gefühl von lauwarmem Matschwasser, das in die Gummistiefel rinnt (von oben!) genossen? Also, statt beim ersten Anzeichen von „nass“ schreiend nach einem Floß ausschau zuhalten? Ohne meine Kinder wäre es echt lange her. Dank der zwei Bagaluten würde ich sagen: Beim letzten Regen. Und es war großartig!

Ich bin auch nicht krank geworden. Die Kinder übrigens auch nicht. Obwohl ich täglich die eine oder andere ältere Dame treffen, die mir genau das prophezeiht. Überhaupt, dafür, wie unverantwortlich ich meine Kinder ohne Schuhe und Mütze bei allen möglichen Temperaturen in allen möglichen Pfützen spielen lasse, sind sie bemerkenswert selten krank. Weil: Ich setze die da ja nicht rein, während sie sich mit Händen und Füßen wehren oder sie die blauen Lippen zitternd aufeinander pressen. Zur Erinnerung an all die alten Damen: Kinder sehen eine Pfütze, testen an, nehmen Anlauf und landen dann Arsch voraus mit größter Wonne mitten DRIN.

Geile Sache.

Äh, Sie haben da was vergessen! Von Jacken, Mützen und Schuhen.
Jedem, wie ihm wohl it, oder?

Mit Schuhen. Ohne. Mit Gummistiefel. Ohne. Und Jacke und Mütze sind eh optional. Manchmal zum Beispiel möchte der Butterkeks gerne seine wunderbar bunte Regenjacke auch bei sommerlichen Temperaturen tragen. Bittesehr Kind, gerne. Ich bin selten ohne Transportmittel oder Tasche unterwegs und so viel wiegt die Jacke nicht, dass ich mich daran abschleppe, wenn sie nach zehn Metern doch zu warm ist. Aber es spart mir tausend Tränen und Diskussionen und das Kind ist glücklich. Also warum sollte ich da mitbestimmen wollen?

Auch die andere Richtung: Wenn ich mir ganz sicher bin, dass barfuß und ohne Jacke eine doofe Idee ist, dann nehme ich das Zeug eben mit. Und nerve das Kind alle dreißig Minuten mit der Frage, ob jetzt Zeit für eine Jacke sei. Aber explodiert ist mir noch kein Kind dabei. Und weil ich nicht völlig verantwortungslos bin, kucke ich doch auch nach Scherben, liebe Omas. Ernsthaft. Keiner hat weniger Interesse an einem schreienden und blutenden Kind, als ich. Und von Kieselsteinen fallen Kindern die Füße nicht ab. Echt nicht! Wenn doch, dann werde ich ja zumeist sehr hartnäckig von demselben Kind um Hilfe gebeten. Denn meine Kinder mögen sonderbar sein- blöd sind sie nicht.

Kühlschränke und Heizungen

Äh, Sie haben da was vergessen! Von Jacken, Mützen und Schuhen.
Wonne!

Wie unterschiedlich das persönliche Empfinden von „warm“ oder „kalt“ ist, habe ich mit dem Wikingergatten  übrigens schon mehrfach durchgespielt. Meine Lieblingsgeschichte ist die, bei der mich im tiefsten Winter ein Passant im dicken Mantel vorsichtig am Ärmel zupfte. Ich war ein bisschen verwirrt, was der fremde Herr auf dem Ehrenfriedhof wohl von mir wollen kann. Ganz zaghaft meinte er: „Verzeihen Sie, junge Frau. Aber Ihr Mann hat da doch etwas vergessen? Seine Jacke?“ Ich war kurz sehr verwirrt und musste dann doch sehr lachen. Besagter Mann besitzt etwa drei Pullis, die er selten trägt (vll mal bei Regen und auf dem Con) und exakt NULL Jacken. Ich habe mich daran gewöhnt, aber ich gebe zu: Der Anblick, wie mein zwei-Meter-Mann neben dem schmalen älteren Herren steht, der eine im T-Shirt und letzterer im dicken Mantel- das spricht Bände. Und zwar weder über die Temperatur noch darüber, wer von beiden recht hat. Sondern nur darüber, wie sie ihre Umwelt empfinden. Und falsch empfinden gibt es an dieser Stelle einfach nicht, wenn jeder sich mit seiner Variante wohl fühlt..

Das Gute, wenn man erwachsen ist, ist ja, dass man selbst entscheiden darf, wann es einem zu warm oder zu kalt ist. Und ich muss gestehen: Ich bin relativ zügig genervt, wenn Leute mir erzählen, was ich bei diesem Wetter eigentlich tragen müsste. Was wäre ich genervt, wenn ich dem auch noch Folge leisten müsste. Denn während der Eine das Haus bei Regen am liebsten überhaupt nicht verlassen würde, liebe ich das Gefühl von langsam nass werdenden Lederschuhen und den nassen Hosenbeinen nach dem Ausziehen der Schuhe. Ich mag Regen auf meinem Kopf und im Gesicht und es ist mir schleierhaft, wie man sich dieses Vergnügen dauerhaft mittels Regenschirm selbst vorenthalten kann. Logo, manchmal hab ich da auch gar keinen Bock drauf. Aber dann ziehe ich mich eben an.

Exakt so geht es auch meinen Kindern.

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Kurze Momente mit Sandalen…

Und ich werde einen Teufel tun, ihnen diese Erfahrung zu nehmen. Es gibt Wechselklamotten und Notfallpläne und das ist kein Stück stressiger als Diskussionen um Klamotten. Ich vertraue den kleinen großen Kerlen, dass sie sich melden, wenn ihnen kalt wird und selbst wenn ich mir vorbehalte, manches besser zu wissen: Mein Job ist es nicht, sie IM Haus davon zu überzeugen, dass es DRAUSSEN kalt ist. Ich jage sie im Zweifel kurz vor die Tür, warte das Urteil ab und packe notfalls eben ein, was ich für geeigneter halte, während ich im November Sandalen an Sockenfüße bastle.

Überhaupt, vielleicht können wir einfach damit aufhören, Dinge zu tun, weil sie so gehören? Ihr wisst schon, dieses: „Es ist Sommer, ich MUSS kurze Hosen tragen. Es ist November, ich MUSS einen Pulli über drei Unterhemden ziehen.“ Vielleicht trägt jeder, was er mag. Das Großkind zum Beispiel seinen Ninjago-Schlafanzug in der Tagespflege, weil er so irre stolz drauf ist. Ich wirklich immer meine Haremshose, weil ich in nichts anderes mehr reinpasse. Mein Lieblingswikingergatte möglichst wenig, weil er Klamotten eh doof findet. Und der Butterkeks geht eben barfuß, bis es ihm zu kalt ist. Ginge das? Ja? Fein.

Küsst die Kinder, strickt Euch Socken (im Winter werdet Ihr mir dankbar sein!) und lasst Euch nicht ärgern.

Eure Julia

 

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5 Kommentare

  1. Schön geschrieben!

    Meine Tochter verlässt auch jetzt noch im dünnen sommerrock das Haus und zieht die leggings erst in der Schule an – wenn ihr selbst zu kalt ist.

    Je mehr man die Kinder (im Rahmen des vertretbaren) entscheiden lässt, desto eher vertrauen (zumindest meine) einen, wenn man dann wirklich mal etwas durchsetzen will.

    1. Ich freu mich über jeden, der seinem Kind da vertrauen mag. <3 Und ich glaube: Deine Kinder auch. Genau wie Du sagst. Wenn ich meine Kraft nicht in unnötigen Grabenkämpfen vertue, dann bin ich bei Wichtigen Dingen auch wirklich überzeugend *g*
      Und alle anderen dürfen die Kinder ja einpacken, wenn sie nur die meinen endlich in Ruhe lassen 😉

  2. Super geil geschrieben 🙂 Unser Papa rennt auch gern mal im Shirt und Flip Flops herum, wenn andere schon Herbstsachen tragen. Bei mir ist es zumindest +1 Karohemd +1 Chucks. Und meine Freundin lacht sich einen ab, weil sie dann schon Winterstiefel und wattierten Mantel trägt. Nur Kinder, die können das noch nicht wissen, die sind ja rotzeblöd geboren worden… Liebe Grüße, Frida

    1. XD genau das. Diese dämlichen Kinder und diese führungsimpotenten AP Muddis immer. Dabei braucht es doch nur ein paar Dutzend Satz „Heiße Ohren“ und schon spuren die Bälger *g* Nein, ernsthaft: Was glauben die Leute? Das ist echt hammermäßig beschränkt, was ich manchmal so lese…
      FlipFlop Grüße nach Rabenmutterhausen!

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