Zum Da-Sein gehört mehr als Anwesenheit

Zum Da-Sein gehört mehr als Anwesenheit

Ich bin jetzt schon gefühlt ewig eine Ausschließlich-zu-Hause-Mutter. Naja okay, nicht ewig, aber schon ziemlich lange. Und in dieser Zeit war ich vom Butterkeks (heute 2) kaum mehr als wenige Stunden im Monat getrennt. Eins könnte also behaupten: Ich war zwei Jahre lang 24 Stunden am Tag für ihn da. War ich aber gar nicht. Also, ich war schon da. Aber zum Da-Sein gehört einfach mehr, als nur bloße Anwesenheit. Und das ist auch verdammt gut so!

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich finde, ich war sehr sehr viel da für meine Kinder und bin es noch. Aber ununterbrochen und immer in derselben Intensität kann und vor allem will ich das nicht. Nicht den ganzen Tag, sieben Tage die Woche.  Und wenn ich zurücksehe, auf die erste Zeit mit dem Großwikinger, dann merke ich: Das musste ich erst hart lernen. Dass ich weder immer da sein kann noch immer da sein will. Und vor allem: Dass das okay ist.

Ich hatte oft das Gefühl, dass die Eltern in meiner Umgebung (oder das, was ich dazu gemacht habe) einfach immer und unentwegt für ihre Kinder da sind. Dass die Bindung und Begleitung eines Kindes auf ungebrochener Aufmerksamkeit beruht. Ich hatte den Eindruck, alle wären immer da und deswegen müsste ich das jetzt auch oder so. Keine Ahnung, wie ich auf die Idee kam. Und keine Ahnung, wie manche Eltern heute noch auf die Idee kommen, so etwas von sich zu behaupten. Denn bei aller Liebe und allem Einsehen, dass manche Erziehungsberechtigten eben so viel besser sind als ich: Ohne Unterbrechung immer da zu sein, das schafft schlicht und einfach keine*r.

Holla die Waldfee.

Zum Da-Sein gehört mehr als Anwesenheit
Braucht mich zum Malen zB gar nicht

Echtes Da-Sein macht, wenn wir es genau betrachten, sogar wirklich den kleinsten Teil meines Tages aus. Denn wenn ich Wäsche wasche, während der Butterkeks in der Spielküche kocht und die Speckbohne auf der Wickelkommode liegt und sich freut, bin ich zwar anwesend, aber ich bin bei keinem meiner Kinder. Auch wenn ich koche und nebenzu die Kreationen des Mittelwikingers „koste“ beschäftige ich mich zwar mit ihm, aber ich hantiere nebenzu mit heißem Fett und Wasser. Ich bin anwesend, ich interagiere, aber ich bin nicht bei ihm.

Nichts davon ist schlimm. Schließlich wird auch mein Butterkeks von Holzgemüse auf Dauer nicht satt und frische Windeln schätzen wir beide sehr. Aber es gehört schon ein bisschen Realismus dazu, das auch so zu erkennen. Für den Großwikinger habe ich versucht wirklich immer da zu sein. Ein „Meh“ aus seiner Richtung und ich versuchte da zu sein. Ich habe mich immer wieder darüber gewundert, wie schwer mir das manchmal fiel. Warum ich nicht wie andere Mütter stundenlang das Kind bespielen wollte. Warum ich irgendwann einen richtigen Widerwillen gegen das ewige „Mamaaaaaa?“ entwickelt habe. Okay, der kam ziemlich schnell. Drölfmillionen Mal „Mamaaaaaa?“ pro Stunde nerven echt. Wo aber lag um Himmels Willen das Problem? Ich war doch da! Die ganze Zeit! Ich habe es doch versucht! Ernsthaft, das muss doch irgendwann genug sein? Warum schreit dieses Kind nach zwölf Stunden Bespaßungsprogramm immer noch nach mir?

Mamaaaaaa?

Zum Da-Sein gehört mehr als Anwesenheit
Brauchen mich zum Klettern auch gar nicht.

Tja, ich bin nicht immer von der schnellsten Sorte. Aber so nach und nach dämmerte es mir und heute ist diese Einsicht so wertvoll wie nie zuvor: Mein Kind braucht mich überhaupt nicht den ganzen Tag. Große Teile des Tages sind ohne mich sogar bedeuten spaßiger und unterhaltsamer. Und der beste Punkt: Wenn ich Teile des Tages nur anwesend war, dann war und ist es für mich deutlich einfacher in dem einen Moment, in dem ich mit all meinem Sein da sein muss, auch da zu sein.

Das bedeutet oft nicht einmal, dass ich besonders viel tun muss, bei diesem Da-Sein. Manchmal muss ich nur dasitzen, immer mal wieder einen Eiswunsch äußern und mir das fiktive Eis vom Butterkeks servieren lassen. Manchmal muss ich Dinge tun, die ich nicht mag. Mario Kart spielen zum Beispiel. Aber auch da gilt: Oft ist die Anforderung gar nicht so sehr mitzuspielen. Sondern die, mitzufiebern. Zuzusehen. Mich zu begeistern. Und einen kleinen Moment an wirklich nichts anderes zu denken. Nicht an die Wäsche, nicht an den Einkauf und auch ganz kurz nicht an die anderen Geschwister.  Es ist so ähnlich wie der „Flow“, in den die Kinder sich manchmal spielen.

Go with the Flow

Zum Da-Sein gehört mehr als Anwesenheit
Zum Meer-Kucken braucht mich auch kein mensch

Ich kann diesen Daseins-Flow nicht erzwingen und ich kann auch nicht steuern, in welchem Moment mein Kind mich braucht. Das macht die Sache nicht eben einfacher. Denn ich kann nicht auf Knopfdruck immer genau im richtigen Moment genau richtig da sein. Aber ich habe mit jedem Kind ein bisschen mehr gelernt, den Alltag loszulassen, wenn ich das Gefühl habe, mein Kind braucht mich JETZT. Manchmal ist es echt super ungünstig. Nachdem ich die Hälfte der Waschmaschine leer geräumt habe, zum Beispiel. Dann bleibt eben die nasse Hälfte ein bisschen liegen, ich knirsche mit den Zähnen, obwohl ich es besser weiß und versuche es wenigstens. Gerne auch: Während ich Pfannkuchen mache. Ganz ungünstig. Aber dann mache ich eben Pause. Wenn ich gerade im Schreibflow bin und eigentlich ganz dringend… Moment, bin gleich zurück!

Dazu gehört aber auch: Wenn es nicht furchtbar dringend erscheint, nehme ich mir die Freiheit, auch „Nein“ zu sagen. Ich muss dafür sorgen, dass ich entspannt genug bin, um meinen Alltag für die Kinder über den Haufen zu werfen- das geht nur, indem ich ab und zu eben auch auf später vertröste. Das klappt aber ganz gut, solange ich meine Versprechen einhalte und die ganz dringenden Da-Seins-Wünsche immer erfülle. Und so langsam wird klar: Das Eine bedingt das Andere. Und es kann nur deswegen so gut funktionieren, weil beide Wünsche, meiner nach nur-Anwesend-sein und der der Kinder nach meinem Da-sein, gleichberechtigt sind. Das war für mich nie wichtiger als jetzt mit drei Kindern. Die Wikingerbohne braucht Momente, in denen ich nur sie bespaße und mit ihr zusammen lache. Der Butterkeks braucht Momente, in denen ich nur ihn im Arm habe und niemanden sonst. Der Großwikinger will seine neu entdeckte Spielekonsolen- oder Ninjago-Welt mit mir teilen, ohne dass einer von den kleinen Wikingern dazwischen quakt. Mein Mann will ab und zu vollständige Sätze mit seiner Frau wechseln. Und ich will manchmal einfach keinen von den vieren.

Husch husch!

Zum Da-Sein gehört mehr als Anwesenheit
Zum Kuscheln, da werde ich manchmal noch sehr dringend gebraucht! (Ich trage keinen Bart. Es ist der Wikingerpapa. Aber es geht ja ums Prinzip!)

Japp: Es ist so kompliziert, wie es sich anhört. Jawoll, nicht selten verzweifle ich an dieser Aufgabe. Aber nein, die Verzweiflung ist nie von Dauer und ja, es findet sich immer eine Lösung. Nicht immer die Beste. Aber immer eine. Und ich verrate Euch noch etwas: Inzwischen nehme ich mich selbst so wichtig, dass ich einfach weiß, dass ich zeitnah ein Bad nehmen werde, wenn ich das will. Vielleicht nicht heute, aber dann eben morgen. Meinetwegen keine Stunde, aber eine halbe. Und vermutlich auch nicht alleine, sondern mit mindestens einem spielenden Kind neben mir. Aber weil mein Körper die Wärme braucht und mein Rücken sonst einfach die Grätsche macht, weil mein Kopf das Wasser spüren muss und mein Verstand sich sonst verabschiedet: Ich. Werde. Baden. Punkt. Und weil ich das weiß, kann ich auch einen Tag später Baden und nebenzu im Zweifel auch Dino spielen. Das Wissen, dass ich und mein Wunsch, mal nicht da sein zu müssen, genauso wichtig sind, wie das DAsein und alle anderen Wünsche entspannt mich ungemein. Es bildet für mich die Grundlage, einfach da sein zu können, wenn es nötig ist, denn es wird bald wieder reichen, nur anwesend zu sein.

Jetzt aber genug der philosophischen Seinsüberlegungen. Küsst die Kinder, Da! Da! Da! und Da! auch nochmal!

Eure Julia

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