Wünsch Dir was.

Wünschen Wünsch Dir was!

Ich habe mich im Laufe meines Lebens schon von so einigem verabschiedet. Von schlechten Angewohnheiten, alten Freunden, Pfunden (die kamen aber doppelt zurück, die Fiesen!), Piercings und guten Vorsätzen. Das war alles mal mehr und mal weniger anstrengend. Und es war mal mehr und mal weniger erfolgreich. Aber eines war es nie: so schmerzhaft wie der Abschied von Wünschen und Träumen. 

Ich glaube, ich bin eine komische Chimären-Spezies, die möglichst wenig Wünschen und Träumen will und es trotzdem besonders intensiv tut. Blöde Mischung, wenn man sich überlegt, dass wenig so schwer wegzustecken ist wie ein inniger Wunsch, der sich in Wohlgefallen auflöst. Das mag einer der Gründe sein, warum ich Zeit meines Lebens versucht habe, möglichst wenig zu Wünschen. Und wenn es unvermeidbar war, dann doch höchstens heimlich.

Wünschen will gelernt sein

Im Kleinen und Humoristischen hatte das zur Folge, dass das Mädchen ohne Weihnachtswünsche einfach immer Unterwäsche von der Verwandtschaft bekam. Hat sich offiziell auch immer tapfer gefreut, die kleine dicke Juja. Im Großen und Ernsthaften muss ich aber heute wie ein Teenager lernen, innerhalb meiner geliebten Familie zB. Wünsche deutlich zu äußern. Neenee, das wars noch nicht. Ich übe auch noch, damit zu leben, wenn sie sich nicht erfüllen. Und nicht so irrsinnig traurig und enttäuscht zu sein, wenn der Traum platzt. Nicht sofort alles und jeden in Frage zu stellen, sondern positiv nach vorne zu sehen und etwas Gutes in der Ferne blinken zu sehen. Ehrlich. Und nicht vorgespielt.

Und während ich das übe, mich völlig daneben benehme, leide, weine, tobe und kämpfe, da überkommt mich Bewunderung für meine Kinder. Die erfassen noch nicht rational, dass es wichtig ist, Träumen eine Chance zu geben, Wünsche zu äußern. Sie spüren es nur. Und sie lesen auch keine Psycho-Bücher, die ihnen bestätigen: „Es ist normal, das du traurig bist. Wir sind alle Mal furchtbar enttäuscht. Gibt nicht auf!“. Ja, der Kleinwikinger kann seine Gefühle noch nicht Mal aussprechen. Und trotzdem sind meine Kinder mir beide zum Längen voraus. Die geben einfach nicht auf. Lassen sich von Misserfolgen nicht entmutigen. Irgendwie sind das echte Kämpfernaturen,  oder?

 Wunschexperten

Kinder sind nämlich vor allem eines: Mit sich selbst im Reinen. Sie wünschen innig, die wollen unbedingt und sie sind furchtbar traurig, wenn das dann nicht klappt. Aber ich kenne kein Kind das sagt: „Hey, ich bin jetzt schon zwanzig Mal auf die Schnüt gefallen- Laufen fällt für mich aus. ich lass das.“ Und jetzt mal im Ernst: Woher kann ein Kind mit Sicherheit wissen, ob das, was es da versucht wirklich auch möglich ist? Nur weil es viele Leute Laufen sieht? Zuerst einmal merkt es doch, dass das Gewünschte bei ihm nicht klappt. Aufgeben fällt dem Krümel aber gar nicht erst ein. Der stolpert so lange, bis er geht. Einfach so. Ohne Psychokram. Ohne Therapeut. Bäm.

Und wir dämlichen Erwachsenen? Na? Wir (nicht alle von uns, ich weiß ja…!) schmeißen gerne mal nach dem ersten missglückten Versuch hin. Geben dem Jahr, dem Gegenüber oder dem Impfen die Schuld. Im Zweifelsfall ginge auch noch Frau Merkel. Wir sagen, wir hätten schlechte Erfahrungen gemacht und nehmen das dann manchmal auch gleich als Ausrede, es gar nicht erst zu versuchen. Könnte ja schief gehen. Wäre ja doof.

Trial and Error

Was Kinder aber wissen und Erwachsene vergessen haben: Es ist um Längen bescheuerter, wegen verpasster Chancen und nicht wahrgenommener Möglichkeiten zu weinen, als wegen eines gescheiterten Versuches. Es tut so unendlich weh, wenn man all sein Herzblut in etwas investiert, das dann nach hinten losgeht. Aber der Schmerz hört auf und es ist gut. Lebenslang hingegen nagt -an mir zumindest- die Unsicherheit, wenn ich zu feige, zu angepasst, zu leise oder schlicht zu faul war, etwas zu wagen, das lohnenswert aussah. Logisch, es schadet nicht, sich genau zu überlegen worin man Kraft investieren will. Aber ganz oft hat das Herz ja schon lange die Antwort. Das Herz hat das Ziel und der Kopf muss nur noch den Weg finden.

The easy way…

Hört sich einfach an, ne? Ist es selbstverständlich überhaupt nicht. Weiß ich ganz genau. Ich nähere mich ja grade mühsam wieder einem Mittelweg. Das dauert. Es zieht sich. Und es kostet Kraft. Ob ich wirklich Recht habe, das erfahre ich zudem vielleicht nie. (Stattdessen jetzt eine Kindheitserinnerungsendlosschleife: „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht!“) Aber ich habe jetzt schon so viel mehr erfüllte Wünsche als je zuvor- da komme ich Stück für Stück auch besser mit denen klar, die ich loslassen muss. Oder verschieben und nochmal neu wagen muss. Manches brauche ich entgegen der ersten Welle der Wut und Enttäuschung nämlich gar nicht für immer begraben. Ich werde auch vermutlich nicht verbittert als alte Frau nach dem Tod von den Katzen angenagt werden (jaja, alles oder nichts, ihr merkt das schon). Vermutlich.  Sofern ich eben nicht aufgebe. Wage, wieder aufstehe, neu versuche. Wie die Wikingerkrümel jeden jeden Tag. Das ist doch mal wieder der Punkt, an dem ich mir wünschte, so klein und mutig zu sein wie meiner Kinder.

Was für ein Paradox: Je kleiner Du bist, desto höher reichst Du. Ich geh dann mal schrumpfen, wer kommt mit?

Eure Julia

 

 

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