Wochenbett Ambulanz? My Ass!

Wochenbettambulanz? My Ass!

Ihr Lieben, die meisten von Euch werden schon davon gehört haben, einige von Euch wähnen sich mit dem Thema „durch“ aber ich stehe kurz vor meinem dritten und vermutlich letzten Wochenbett. Und da habe ich ganz deutlich das Gefühl, wir müssen über Dinge wie „Wochenbettambulanz“ sprechen. Anja vom Blog „Von guten Eltern“ hat das Ergebnis der letzten Verhandlungen zwischen Hebammen und Krankenkassen toll zusammengefasst und eigentlich ist dem kaum noch etwas hinzuzufügen. Außer der Frage: Wie wären Meine Schwangerschaften ohne Hebamme im Wochenbett gelaufen? Der Titel deutet es an…

Ich gebe zu: Nach meiner ersten Schwangerschaft und dem dazugehörigen Wochenbett war ich nicht nur ziemlich sicher, nienieNIE wieder ein Kind zur Welt bringen zu wollen. Ich war auch guter Dinge, die nächste Hebamme anzuzünden, die mir Globuli andrehen will oder erklärt, warum mein Kind auf einem Lammfell abgelegt SOFORT zu Staub zerfallen wird. Vermutlich hatte ich einfach nicht besonders viel Glück mit den Hebammen. Weder mit denen im Kreißsaal. Noch mit den Damen, die für meine Nachsorge zuständig waren.

Tough Luck

Wochenbettambulanz? My Ass!Denn anders ist nicht zu erklären, wie die Hebamme, die die gute Seele der ersten acht Stunden Geburt ablöste, mir fröhlich mitteilt, dass ich (nach Abklingen der ersten PDA) jetzt erstmal „was Homoöopathisches“ gegen die Schmerzen bekäme. Logo. PDA lässt nach, die Gebärende brüllt wie am Spieß- da hätte ich auch sofort an Globuli gedacht! Der Fairness halber: Die Hebamme vor dem Globuli-Drachen war ein Goldstück. Ich war zwar auch in den ersten Stunden noch sehr zuversichtlich und weniger erschöpft. Aber dass ich es überhaupt über die acht Stunden hinaus geschafft habe, ist sicherlich ihrer ruhigen und lieben Art zu verdanken.

Zurück zum Thema: Hebammen. Wie gesagt, der Globuli-Drache war für den Eimer, der Rest der Geburt auch und so wurde es ein Notkaiserschnitt, der mich die erste Woche meines Wochenbettes ins Krankenhaus verfrachtete. Cool, könnte man jetzt denken, schön ausruhen und Essen geliefert bekommen! Ähm. Janee. Mir wurden die üblichen Stillbeschwerden nach einem Kaiserschnitt eingeredet, ich sollte an Tag zwei hübsch selber ins Erdgeschoss und mein Essen holen und außerdem hatte ich unentwegt Zimmergenossinnen. Das alleine reicht für meine persönliche Hölle. Eine davon hatte aber auch noch krass viel Verwandschaft.

Family Affairs

Umso erleichterter war ich, als ich nach Hause durfte und „Meine Hebammen“ mich besuchen konnten.  Naja. War nicht ganz so der Renner. Ich kann bis heute kaum glauben, dass ich mir sechs (!) Wochen nach der Geburt, kurz vor dem letzten Besuch der Hebammen, höchst selbst den letzten Faden der KS-Narbe gezogen habe. Obwohl mit Ärztin und Hebamme abgesprochen war, dass letztere das etwa eine Woche nach der Entbindung tut. Hat sie auch. Aber eben nicht alle. Tjanun. Da kann man vielleicht nachvollziehen, dass ich auf Hebammen lange Zeit nicht gut zu sprechen war. Und dennoch: Das Gute, das diese verpeilten Doof-Hebammen trotzdem durch ihre Besuche leisteten, ist mit Gold verdammt nochmal nicht aufzuwiegen!

Wochenbettambulanz? My Ass!Denn ich hätte es an keinem einzigen Tag in meinem Wochenbett ohne Hilfe in eine Ambulanz geschafft. Und Freunde, das lag nicht allein daran, dass ich ohne Auto und Führerschein auf dem Land hinter Pfuiteufel festsaß. Es lag daran, dass ich  gerade Mutter geworden war. Zum ERSTEN MAL. Ich war so überwältigt von den körperlichen Schmerzen und dem emotionalen Sturm, der Kinder gewohnheitsmäßig begleitet- ich konnte GAR NIX. Ich wurde zu meinem übergroßen Glück von der Familie meines Mannes, die im selben Haus wohnte, bekocht und betüdelt. Sonst wäre ich weder zum Essen noch aufs Klo gekommen. Ich habe die Stunden bis zum nächsten Hebammenbesuch gezählt, damit ich endlich wieder jemandem sagen kann, wie unfuckingfassbar WEH meine Hupen tun. Und ich war über die Maßen stolz, als ich das erste mal weniger als fünf Minuten für die Strecke zwischen Wohnung (DG) und Wohnungstür (EG) geschafft habe, um der Hebamme zu öffnen.

Lauf Forrest!

Also mal im Ernst- klingt das für Euch nach jemandem, der, weil er ein Problem hat, in die Ambulanz fahren könnte? Für mich nicht. Das klingt für mich nach jemandem, der ernsthaft darauf angewiesen ist, dass Hilfe zu IHM kommt. Nach jemandem, der ja auch gar nicht sicher weiß, was jetzt normal ist und ob das Kind so muss oder nicht. Der sich aus Scham vielleicht nicht rechtzeitig mit dem schreienden Neugeborenen in die nächstgrößere Stadt wagt und nicht wissen kann ob das Kind schmerzen leidet oder ein Pups quer liegt. Oder andersrum: Wer von Euch war schon mal in der Anlaufpraxis im Krankenhaus? Am Wochenende? Hattet Ihr je die Erfahrung, dass einer der Ärzte Euch in den Arm nimmt, Kümmelöl aus der Ledertasche zaubert und ins Ohr flüstert: „Keine Sorge, das kriegen wir hin. Das ist Zauberöl und es macht nicht nur, dass dein Kind riecht wie ein naturbelassener Bayer. Es wird Dir auch das Gefühl geben, Du könntest deinem Baby beim Pupsen helfen und das wird dich um Stunden länger Geschrei aushalten lassen!“ Anybody? Oder hattet Ihr vielmehr wie ich immer und immer wieder das Gefühl, dass diese „Anlaufpraxis“ von meiner bloßen Existenz extrem genervt ist? Dass der diensthabende Arzt vielleicht beim Golfen eine Wette verloren hat aber ganz gewiss nicht sein Herz an die Medizin?

Ja? Eben.

Wochenbettambulanz? My Ass!Natürlich werden in diesen Ambulanzen Hebammen arbeiten. Und es werden auch gute Hebammen dabei sein. Aber ich werde sie mir nicht aussuchen können. Ich werde nicht immer dieselbe treffen. Meine Geschichte wird von unzähligen Menschen in deren subjektiver Sichtweise bruchstückhaft notiert werden und aufgrund dieser Notizen werde ich beurteilt und mein Problem eingeschätzt werden, wenn ich dort mit Problemen antanze. Tanze! Denn so stellen die sich das doch sicher vor, oder? Dass man mit Fieber, schreiendem Säugling und üblem Milchstau TANZT. Anders kann ich mir die Idee zumindest nicht erklären. Denn VOR dem Milchstau wird sich kein Mensch diese Tortur antun. Und wenn es erstmal soweit ist, kriecht man eher auf allen Vieren. Aber bitte im Rhytmus!

Mein zweites Wochenbett war ziemlich toll. Und das lag an vielen Faktoren. Aber allein die Tatsache, dass ich diesmal einen Glücksgriff getan habe, was die Hebamme anbelangt, hat die Sache für mich überhaupt erst möglich gemacht. Denn die Gute Fee war zwar „nur“ fürs Wochenbett zuständig und hat die Geburt nicht miterlebt. Aber sie hat mich toll auf dieselbe vorbereitet, hat sich meine Ängste und Unsicherheit angehört, hat sich auf meine Bitte hin sehr zurückhaltend verhalten und am Ende tatsächlich und wortwörtlich den Arsch gerettet. Und zwar bei mir zu Hause. Und das Ergebnis war, dass ICH mein Zuhause nach eigener Kraft verlassen konnte- oder eben auch nicht. Ich konnte in Ruhe Stillen und trotzdem nach Hilfe fragen. Ich konnte völlig verheult am dritten Tag ungeduscht die Tür öffnen und ich hatte wochenlang ein Baby, das ganz furchtbar nach Kümmelöl gerochen hat.

Kümmel Kino

Und wenn wir dabei sind: Die Gute Fee, das ist auch die Frau, die Samstag Morgen um halb acht bei mir mit Hämorridensalbe auf der Matte stand, damit ich wenige Stunden später auf dem Geburtstag meiner Schwägerin nicht nur die Puppen tanzen lassen konnte, sondern eben auch ohne Schmerzen sitzen. Auf eine SMS von elf Uhr abends. Freunde. Das hört sich nach Luxus an. Aber wisst Ihr, was das ist?

Gute Hebammenarbeit. Sehr sehr gute.

Jeder sollte eine haben. Dürfen. Und ich verrate Euch noch eines: Dieselbe Gute Fee begleitet mich auch im dritten Wochenbett. Nicht, weil es sich für sie finanziell noch so sehr lohnt. Sondern weil sie es mit Herzblut macht. Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie ich es bei 3.0 ohne ihre Besuche schaffen sollte. Denn ich habe ja schon zwei wunderbare Kinder. Die kann ich nicht einfach in die Kühltruhe schieben und nach den Ambulanzterminen wieder auftauen. Nee, Freunde. Nee.

Deswegen: Wochenbettambulanz? My Ass!

Scheißidee.

Küsst die Kinder. Die Hebamme würde vielleicht ein bisschen komisch kucken, wenn ihr sie küsst. Aber der könnt Ihr vielleicht bei Gelegenheit sagen, dass sie rockt. Wenn es denn stimmt. Kinder am besten gleich nochmal küssen!

Eure Julia

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1 Kommentar

  1. Hallo Julia,

    Toller ehrlicher Text. Genau so ist es.

    Die Wochenbettambulanz wird nur dazu führen, dass viele Mütter und Babys zu spät Hilfe bekommen.
    Das führt nicht nur zu Unzufriedenheit auf allen Seiten, sondern auch zu höheren Kosten.

    Hebammenbetreuung im Wochenbett zuhause ist wichtig und unersetzbar!

    Viele Grüße
    Mama Maus

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