Wie Fassmichnichtan das Kuscheln lernte

Heute wieder ein Emo-Artikel. Oder? Naja. Eigentlich nicht emo. Aber durchaus sehr privat. Und wenns ums ganz Eigene geht, da bleibt die Emotion nie aus. Insofern: Seid milde mit mir. Und stellt Euch auf einen der besonders wirren Texte ein. Emotion hat keine Reihenfolge…

Wie Fassmichnichtan kuscheln lernte
Mond anheulen. Licht meiden. Bööööse!

Naja okay, ein bisschen Reihenfolge dann doch. Aber keinen richtigen Anfang. Nur die Feststellung: Irgendwann im Laufe meines Lebens hat sich herauskristallisiert, dass ich es hasse wie die Pest, ungefragt angefasst zu werden. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich das selber gemerkt habe. Ich dachte mir: Ich bin schließlich ein Scheidungskind. Da kann man schon mal einen an der Waffel haben.Tjanun. Kann man schon. Muss man aber nicht. Es war alles ganz wirr, es war Pupertär, es war- grau-en-voll. So oder so hat es sich dann aber ganz gut getroffen, dass mein  neuer Musikgeschmack (wie ein Phönix aus der Pop-Asche entsprungen!) folgende Elemente beinhaltete:

Wir sind bööööse. Fass mich nicht an! Ich trage nur schwaaarz. Fass mich nicht an! Grrrrrr. Fass mich nicht an! Roaaaar! Fass mich nicht an!!!

So ganz grob zusammengefasst. Und weil das ganz gut gepasst hat, hab ich mir diesen Musikgeschmack mitsamt Nebenwirkungen erhalten. Und etwas zu einem Spleen degradiert, was ein ganz ureigener Teil von mir ist.

Fass. Mich. Nicht. An.

Meine Umgebung war höchst irritiert. Besonders gut konnte ich das auch noch nie erklären. Irgendwie funktioniert die Welt offensichtlich so, dass Leute einander unentwegt berühren. Fast alle machen mit. Keiner denkt darüber nach und ich bin bis heute nicht dahinter gestiegen, ob wirklich alle Leute, die so formvollendet rum-berühren und rum-anfassen das wirklich mögen. Oder ob sie sich einfach dran gewöhnt haben.

Ich jedenfalls kann das nicht leiden. In ganz schlimmen Zeiten musste sogar meine Mutter erst fragen, bevor sie mich umarmt und meine Freunde haben schon mehr als einmal mit diversen Methoden versucht mich zu therapieren. Von dem Hinweis, abzunehmen, damit mein Körpergefühl sich verbessert und ich mich dann lieber anfassen lassen würde (????) bis hin zu sich-einfach-drüber-hinweg-setzen. Äh -drüber-hinweg-anfassen. Alles dabei gewesen. Nix hat geholfen. Also ist Julia halt ein Spinner, der sich nicht gerne anfassen lässt. Tjanun. So blieb das dann auch erstmal eine gute Weile.

Während ich während dieser Weile dachte, öffentliche Verkehrsmittel seien für mich das Höchstmaß an Herausforderung, weiß ich es heute besser. Nicht, dass ich unendlich weise geworden wäre. Die Anforderungen an mich haben sich schlicht verändert. Ich habe zwei Kinder. Und die sind nicht eben bekannt dafür, besonders respektvoll Distanz zu halten. Besonders im Säuglingsalter nicht. Und auch dann nicht, wenn man beschlossen hat, die Bedürfnisse der Würmchen nicht zu ignorieren.

Wie ich überhaupt ohne Berührung schwanger werden konnte, fragt Ihr Euch? Klassisch.

Unbefleckte Empfängnis.

Wie Fassmichnichtan kuscheln lernte
Über den eigenen Schatten springen. Puuh.

Aber im Ernst: Ich gebe es unumwunden zu: Der Wikingergatte hat mich mich ein kleines bisschen kuriert. Von dem wollte ich vom ersten Moment an ganz dringend angefasst werden. Ganz! Insgesamt habe ich unterschätzt, wie viel Zuneigung so ein großer Mann brauchen kann, das mag sein. Aber nachdem ich mich damit arrangiert hatte (und vor allem im Wikinger jemanden gefunden hatte, der meinen Wunsch nach Fassmichnichtan auch respektiert) dachte ich wieder: Ha! Mir kann keiner was. Ich hab dieses Anfassdingens durchgespielt. Japp. Witzig, wie man sich täuscht, was?!

Problem 1: Schwanger sein. Man wird ja zum Freiwild für alles und jeden. Kein Scherz. Und schon genug gute Beiträge darüber veröffentlicht. Aber da schwante mir schon, dass das noch witzig wird.

Problem 2: Geburt. Was soll ich sagen. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie das für jemanden ist, der AUßEN nicht angefasst werden will und dann per Kaiserschnitt plötzlich bei vollem Bewusstsein fremde Hände IN sich rumwühlen fühlt? Während er festgeschnallt ist wie der verdammte Hannibal Lecter? Nein? Hätte ich auch nicht können. Da hört der Spaß auf. Für Sie getestet. Hilft aber alles nix. Musste irgendwie raus, das schöne Kind.

Problem 3: Jetzt hast Du ein Kind. Viel Erfolg. (NEEEEEIN, das Kind ist nicht das Problem, ich weiiiiiß!)

Ehrlich: Hormone richten viel.

Aber nicht alles. Und ich bin zeitweise wirklich fast ausgerastet. Ich bin wahnsinnig geworden. Denn ein Kind haben bedeutet, dass immerimmerimmer einer dich ungefragt anfasst. Das wird nienienie aufhören. Du hast keine Chance. Es gibt keinen Fluchtweg. Nada. Ihr müsst jetzt nicht denken, ich hätte dieses Kind nie abgegeben oder so. Hab ich durchaus, wir haben ja sogar noch bei der Liebseeligkeiten Oma gewohnt und ich hatte quasi Luxus pur. Aber irgendwie war die Aufgabe ja, das mit Kind zu schaffen und nicht mit Oma. Und ich hatte die ganz leise Ahnung, dass ich mich da wirklich durchbeißen muss. Sonst verliere ich das. Das alles irgendwie. Ich habe gemerkt, dass ich dieses Kind irgendwie zu jemand werden lassen muss, das mich immer anfassen darf. Sonst bleibt es fremd. Ganz fies. Zwei Herzen, ach, in meiner Brust.

Und AN meiner Brust ständig das Kind. Arghs.

Wie Fassmichnichtan kuscheln lernte
Licht am Ende des… ach, Ihr wisst schon…

Ich und mein Körper, wir haben gelernt. Langsam. Mein Kopf ist auch nachgezogen. Noch langsamer. Aber an manchen Tagen habe ich dieses quakende Bündel völlig entnervt ins Bett gepfeffert und war völlig durch. Ja, richtig gelesen. Gepfeffert. Ich habe ihn nicht verletzt und er ist auch nicht drei Meter durch die Luft geschleudert worden. Aber ich habe ihn von mir weg aufs Bett gepfeffert und er hat sehr geweint. Das Pfeffern war dem Kind egal. Aber von-mir-weg. Das war schlimm für ihn. Er hat zu Recht ganz furchtbar protestiert, aber die Situation wurde davon auch nicht besser. Besser wurde sie davon, dass der Wikingerkerl Elternzeit hatte. Davon, dass er versucht hat zu merken, bevor ich pfeffrig werde. Und dann ganz sacht das Kind genommen und weggetragen hat. Irgendwo hin, wo ich nicht höre, dass es schimpft.

Nicht lange. Denn Schreien und Weinen und Schimpfen muss ein Kind so oft, ohne dass wir Eltern etwas unternehmen können. Das Pensum muss nicht wegen Einen-an-der-Waffel-Mutter übermäßig erhöht werden. Darum: Sobald es wieder ging, habe ich das Quakbündel genommen, geherzt, getröstet und gestreichelt. Nach und nach habe ich gemerkt: Was das Großkind beruhigt, beruhigt auch mich. Entspannt er sich, entspanne ich mich.

Lasse ich ihn ganz nah an mich heran, lässt er ganz langsam los. Lässt mir Raum. Luft.

Wie Fassmichnichtan kuscheln lernte
Kuschelkino.

Was sich für Euch vielleicht ganz banal anhört, war für mich DIE Erkenntnis. Ich habe mehr als einmal gezweifelt, ob ich muttertechnisch überhaupt geeignet bin, mit meinem Spleen. Mehr als einmal verzweifelte ich fast an dem bedürfnisorientierten Anspruch, den ich da an mich selbst stelle. Aber irgendwann platze endlich der Knoten und ich habe erkannt: Es ist die verdammte REIHENFOLGE, die beide Bedürfnisse, meins und seins, in Einklang bringt! Also: Erst ran ans Kind. Auch wenn es noch so schwer fällt. Und zwar ICH ran ans KIND. Und nicht umgekehrt. Ich treffe die aktive Entscheidung Körper, Wärme und Liebe für mein Kind zu sein. Dann gräbt er sich da ein. Wühlt. Ich halte ihn. Weil ich das so will. Das spürt er. Und dann lässt er sich fallen, bleibt aber sacht auf Fühlung und lässt mich jede Minute einen Zentimeter Julia mehr zurückerobern. Das entscheidet ER. Dass wir jetzt wieder zwei Körper sein dürfen, statt einem.

Hört sich für Euch bekloppt an? Glaube ich Euch aufs Wort.

Aber: Isso.

Ein Rezept für jedermann wird da selbstverständlich mal wieder nicht draus. Aber Mut machen kann ich all den anderen Fassmichnichtan da draußen schon. Es geht. Und bei mir war der Schlüssel, mir und meinem Kind die Entscheidungsfreiheit zu geben, die überhaupt nicht so spleenig ist, wie immer alle tun. Es ist meine Entscheidung. Es ist mein Körper. Und ich teile ihn ausschließlich und nur noch mit denen, die ich liebe.

Küsst die Kinder, Over and out.

Eure Julia

 

 

 

 

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4 Kommentare

  1. …und dabei war in Deiner Ursprungsfamilie immer viel kuscheln und schmusen – auch wenn es dann doch zur Scheidung kam. Vielleicht zuviel davon – zu oft ungefragt und um Löcher und Bedürftigkeiten in den Erwachsenen um Dich rum zu füllen? Schuldgefühle, Bedauern, Traurigkeit…zu spät und nicht mehr wichtig! Du hast es selbst hingekriegt, es geschafft, und ich sehe und spüre wie gut der Körperkontakt dem Fassmichnichtan inzwischen tut! Und danke daß ich auch hin und wieder was davon abbekomme – es tut auch mir gut!

  2. Zufällig auf diesen Artikel gestoßen. Irre. Dass ich das auch mal erlebe… Dass es noch jemanden gibt, der NICHT angefasst werden will.
    Danke für den Einblick – unbekannterweise.

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