Von Hebammen und Hupen

Von Hebammen und Hupen

Ich schrieb schon einen Tweet dazu. Aber es muss nochmal in der langen Variante raus. Eigentlich kann ich es ohnehin nicht oft genug und nicht laut genug herausbrüllen: Ich brauche meine Hebamme und ich will nicht, dass sie mir wegrationalisiert wird. Und auch nicht, dass das indirekt durch horrende Versicherungsbeiträge oder durch beängstigende Gerichtsurteile geschieht. WIR alle brauchen unsere Hebammen. JEDE*R sollte eine haben.

Wie ich da jetzt drauf komme? Ich sag`s Euch. Ich bin 32 Jahre alt. Also das, was wir gemeinhin als erwachsen bezeichnen würden. Ich bin nicht völlig lebensinsuffizient und weiß mir oft zu helfen. Oder im Zweifel, wen ich fragen kann, damit si*er mir hilft. Jetzt war das aber neulich so, dass mir eine Seite der Brust verflixt weh tat. Also wirklich verflixt. Dabei bin ich weder übermäßig wehleidig noch besonders unbegabt im Stillen oder sowas. Das klappt ja erstens bereits das dritten Kind lang und zweitens das nun auch schon seit einem halben Jahr. Wir schließen also einmal aus, dass ich mich besonders ungeschickt anstelle oder übermäßig unerfahren bin. Nicht, dass eines von beidem ein Beinbruch wäre. Aber ich möchte gerne dem ein oder anderen gemeinen Kommentar vorgreifen.

Zurück zu meinen Brüsten bitte.

Von Hebammen und Hupen
Hilfe gesucht? Da wird`s zappenduster.

Und trotzdem waren die Schmerzen über Nacht so schlimm, dass ich echt ratlos war. Wen frage ich denn, wenn mir die Hupen weh tun? Den Hausarzt? Die Hausärztin? Hab ich nicht. Und ich bezweifle einfach mal ganz dreist, dass irgendein*e Arzt*Ärztin ohne vorherige gemeinsame Geschichte abschätzen kann, was ich meine, wenn ich sage: „Hupe links außen. Tut weh.“ Meistens lächeln selbst Ärzte*innen, die mich schon kennen milde, wenn ich auftauche. Und es dauert echt lange bis klar wird, dass mein „weh“ bei vielen anderen Patienten einfach schon „Nahtoderfahrung“ wäre. Ich könnte hier noch das Fass aufmachen, dass die Menschen in meiner Umgebung einfach furchtbar oft davon ausgehen, dass dicke Menschen* (*ich) das „schon aushalten“, da „tapfer sind“ und „das schon hinkriegen“. Nur so am Rande: Nein. Dicke Menschen fühlen dieselben individuellen Schmerzen wie jede*r andere auch. Breite Schultern tragen Krankheit und Sorge nicht leichter als schmale. Aber zurück zum Thema.

Wohin mit meiner Brust?

Mein Gynäkologe ist nett. Aber zuletzt empfahl er mir statt einer anderen Stillpille (krasse Stimmungsschwankungen etc) Vitamin D. Das nehme er auch immer, wenn er merke, der Winter bedrücke ihn und dann gehe es ihm ganz flink wieder besser. Oder Eisensaft, auch eine ganz feine Sache!

Tja. Ähm. Mit schlechter Laune und ohne Geduld für solche Ideen: Eher nicht. Also, wer ist für meine Brüste zuständig? Ich habe Schmerzen. Und drei Kinder zu versorgen. Also erstmal googeln. Tante Google weiß ja alles. Und wenn es nach ihr geht, habe ich Prokrastination im Endstadium und sollte dringend mal wieder zum Frisör. Nur was mit meiner Brust ist, konnte mir Tante Google nicht so genau sagen. Logisch denkt Ihr jetzt: Die Alte hat drei Kinder, ist doch ganz klar was das hier ist- Milchstau oder Brustentzündung. Anfängerin!

Von Hebammen und Hupen
Suche: Fels in der Brandung!

Jaaa, dachte ich mir auch (und Spoiler: war`s am Ende auch) aaaaber: Ich hatte Schmerzen aber sonst keines der üblichen Symptome. Denn sonst wäre ich vermutlich selbst drauf gekommen. Unglücklicher Weise hat mich meine erstaunliche Symptomarmut verunsichert und bis hin zum Brustabszess (nein, googelt es nicht. Tut. Es. Nicht.) hielt ich plötzlich alles für möglich. Zumal ich bei jedem Schritt hätte weinen mögen und nebenbei einen flinken zweijährigen Ausbrecherkönig noch vor Übertreten der Hauptstraße wieder einfangen musste. Glaubt mal nicht, dass der Butterkeks zur Feier der schmerzhaften Hupe langsamer gelaufen wäre. Achja und da war ja noch was: Der Säugling, der gerne in mehr oder minder regelmäßigen Abständen gestillt werden wollte. Nach Möglichkeit schon an beiden Seiten der Brust, denn: Wer hört schon nach der Vorspeise auf zu essen?

Und nu?

Nu hab ich in meiner Verzweiflung weder drei Stunden mit zwei Kindern beim nicht-Hausarzt sitzen zu können noch Nerven für den schon-Gynäkologen zu haben etwas ganz Dreistes gemacht: Ich habe meiner Hebamme sechs Monate nach der Entbindung und knapp fünf Monate, nachdem wir uns zuletzt gesehen haben einen Hilferuf per SMS geschickt. Ich hatte die Hoffnung, wenn sie völlig überlastet ist, ignoriert sie die SMS einfach. Und wenn nicht? Dann war ich ziemlich sicher, dass sie mich retten würde. Denn wer kennt sich besser mit Brüsten aus, als meine Hebamme?!

Von Hebammen und Hupen
Wenn der Traumfänger ein Zauberstab wäre, ne?!

An der Stelle übrigens ein Einschub: Soweit ich weiß, hätte ich mich auch jeder Zeit bei einer beliebigen anderen Stillberaterin (zB LLL) melden können und auch die hätten mir geholfen. Ziemlich gut bestimmt sogar. Der Punkt, auf den ich auch schon beim nicht-Hausarzt und  schon-Gynäkologen hingewiesen habe ist der: Wenn ich einen Arsch voll Arbeit vor mir habe, drei Kinder zu versorgen und fiese Schmerzen bei jedem Schritt, dann wünsche ich mir (und mehr als wünschen kann ich ja nicht): Nicht erstmal die gesamte Situation erklären müssen. Nicht erst der genervten Arzthelferin runterleiern, dass ich keines meiner Kinder in die Kühltruhe stecken kann für einen Arztbesuch. Nein, auch nicht das Große. Nein, der Mann muss arbeiten. Ja, sonst wäre er hier. Ja, ich versuche, die Kinder so ruhig wie möglich zu halten. Ja, ich weiß, dass hier kranke Menschen sitzen , NEIN, ES GEHT NICHT ANDERS!!!! (Gedächtnisprotokoll des letzten, abgebrochenen, Arztbesuches). Ich wünsche mir, dass ich eine halbwegs vertraute, kompetente Person habe, der ich von meinen Brüsten erzählen kann.

Und das war meine Hebamme.

Die Moral von der Geschichte? Sie hat mich zurückgerufen, meine Hebamme. Sie hat mich gerettet und mir noch Mut zugesprochen. Quark sollte als Medikament weit höhere Wertschätzung erfahren. Der Butterkeks findet nach Quark riechende Brüste eklig. Aber die Bohne stört es nicht.

Achja, und mit einem einzigen Telefonat war ich wieder imstande, so eigenverantwortlich zu handeln und mich zu behandeln, dass diese Brustschmerz-Sache sich innerhalb zweier Tage merklich gebessert hat. Kein Arzt. Keine Medikamente. Quark und liebe Worte meiner Hebamme. Ernsthaft: günstiger, weniger invasiv und erfolgreicher kriegt das auch Ratiopharm nicht hin. Aber während Ratiopharm massig Geld verdient, weiß ich nicht, ob meine Hebamme für Ihre Schützenhilfe per Telefon überhaupt  nur einen einzigen Cent sieht. Deswegen muss ich sie ganz dringend zur Beikostberatung bei Kaffee und Kuchen einladen. Denn die Beratung kann sie anrechnen und den Kuchen nimmt sie hoffentlich auch mit nach Hause zu ihrer Familie. Weil sie mir einfach schon wieder den Arsch gerettet hat. Also die Brust. Aber in dem Fall ist das fast das Gleiche.

Küsst Eure Kinder und spread the Word: Ich brauche meine Hebamme. Jede*r sollte eine haben.

Eure Julia

 

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2 Kommentare

  1. Huhu,
    das kann ich direkt mal unterschreiben.
    Ganz schön traurig eigentlich, was man bei Ärzten so mitmacht. Als schwergewichtige Langzeit-Stillmama beim Arzt ernstgenommen zu werden ist an sich schon ziemlich schwierig- als ich dann noch extreme Schmerzen – im Rücken allerdings – dabei hatte war es dann ganz vorbei. Von „Dann müssen Sie mal abnehmen und Sport machen“ – meine Hinweise auf 20 kg Gewichtsreduktion und 2-3 x Sport die Woche wurden völlig ignoriert, über „Jetzt müssen Sie abstillen“ bis zu „Ich weiß nicht ob das Medikament stillverträglich ist, da müssen Sie sich schon selber informieren“ war alles dabei..
    Gut, dass dir deine Hebamme weiterhelfen konnte!

    1. Manches ist echt der Hammer. Verstehe ich nicht ganz, denn vieles würde sich durch einfaches Nachfragen schnell klären. Stattdessen direkt Anweisungen aufgrund von Vermutungen zu verteilen kann echt fies sein. Bleib standhaft 😉

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