Politics are for… Who? Who?

Politics are for... Who? Who?

Ihr Lieben, ich saß gerade wieder vor meinem Entwürfe-Ordner und habe einen der längsten Blogbeiträge der Geschichte hin und her geschoben. Überlegt, ob ich ihn löschen soll. Ob ich ihn kürze. Und ob mir das, was da drin steht, überhaubt zusteht auszusprechen. Vielleicht bin ich doch nur eine kleine dicke Wichtigtuerin, die nach Komplimenten heischt?

Wenn Ihr diesen Text lest, bin ich sicher noch nicht zu einer eindeutigen Antwort gekommen- vielleicht klappt das in diesem Leben auch nicht mehr. Wohl aber zu der Einsicht, dass diese ätzende Diskussion über (un-)politische Mutti-Blogs doch irgendwo wichtig ist. Denn ich schrieb nicht über Horst Seehofer oder den Umgang Europas mit Flüchtlingen. Ich schrieb kein Wort zur Frage, wie unbezahlt elterliche Carearbeit ist und auch kein Wort über die prekäre finanzielle Situation von Alleinerziehenden.

Ich grüble über der Frage, ob ich sagen darf: Sprache muss alle Geschlechter mit einbeziehen, meine Sprache versucht es. Alltagsrassismus geht nicht klar, ich versuche dem bei mir auf die Schliche zu kommen. Und: Ich will, dass meine Kinder durch diese (sprachlichen) Versuche der Überwindung, profitieren.

Die schlechte Nachricht: Jetzt weiß ich, wie ich den knapp 2000 Zeichen langen Blogpost im Entwürfeordner ziemlich schnell zusammenstreichen könnte. Und lesen müsst Ihr den am Ende vermutlich auch nicht mehr.

Politics are for... Who? Who?
Rosinenpicken- Symbolbild

Die gute Nachricht: Wenn ich aus Sorge, für eine Klugscheißerin, Feministin (sic!) oder Hippiebraut gehalten zu werden, Texte nicht veröffentliche, ist eigentlich bereits geklärt, dass ich genau DAS tun sollte. Denn nichts von dem, was ich schreibe, verletzt wissentlich andere Parteien. Aber Sätze wie diese haben mich schon in Diskussionen mit Menschen verwickelt, die in Abgründe jenseits von Gut und Böse mündeten. Es gibt Menschen, die nicht wollen, dass ich mich für Gleichberechtigung ausspreche. Die wollen, dass Texte und Ideen sexy (siiiiic!!!!) sind. Ja, richtig gelesen. SEXY muss es für diese Trolle sein, sonst taugt der ganze Feminismus nix. Und wo kämen wir denn hin, wenn wir Diskriminierung als solche erkennen und bekämpfen würden? Dann doch lieber jede Schuld von sich weisen und das Gegenüber wüst beschimpfen, oder?

Kann es denn ernsthaft sein, dass sich eine dreifache Mutter mittleren Alters fragt, ob sie zu so wichtigen Themen wie Genderqueerness oder Rassimus äußern darf? Die kleine Julia möchte bitte aus den 50ern abgeholt werden, die kleine Julia bitte!

Politics are for... Who? Who?
Hält Gegenwind stand.

Wenn Ihr jetzt denkt: „Das könnte mir nicht passieren, ich sage, was ich denke und ich halte den Gegenwind aus!“ habt Ihr hoffentlich Recht. Eventuell geht es Euch aber wie mir und Ihr habt Euch das schon ganz oft gedacht. Und Sekunden später festgestellt, dass es doch vielleicht ein klitzekleines bisschen nicht ganz hundertprozentig zutrifft… also.. ich meine… Ich bin groß. Ich bin stark. Aber ich habe nicht das gesteigerte Bedürfnis nach Drohungen, das Jugendamt zu rufen, weil ich (in meinem Verständnis) völlig unpolitisch, eine Meinung zur Menschlichkeit habe. Also ich meine halt, Menschen sollten menschlich im besten Sinne agieren und nicht in dem Sinne, wie es tagtäglich passiert. Das ist ein Grund, mir die Pest an den Hals zu wünschen? Echt Leute? Och nö.

Joah, wenn`s nur ich wäre, wär`s wohl egal. Aber ich habe Kinder, die ich sehr liebe. Denen ich dieses Weltbild versuche zu vermitteln. Und es gruselt mich zutiefst, wenn ich mir vorstelle, sie seien ähnlichen Anfeindungen ausgesetzt. Weil sie zum Beispiel lieber keine Nazis wären. Weil sie verwahrlost aussehenden Menschen nicht sofort den Rücken zukehren, sondern sich anhören, was sie zu sagen haben. Ich habe Angst, dass meine Kinder die Arschkarte ziehen, weil ich ihnen beibringe, dass die Menschen gut sein sollten und wir uns eben auch daran versuchen.

Politics are for... Who? Who?
Krakeelt auch rum. Quelle: Pixabay

Mit Verlaub, dann isses halt doch keine rein persönliche Meinung mehr. Dann isses eben doch politisch. Und dann bestehe ich darauf, dass mir diese politische Meinung zusteht. Logisch, ich kann schon die Klappe aufreißen, dann muss ich halt mit fiesen Kommentaren leben?! Ja, nee. Ich muss mit konstruktiver Kritik und argumentativen Auseinandersetzungen leben. Die sind ja obendrein auch noch förderlich. Wenn schon nicht immer bequem. Aber wisst Ihr, was keine*r von uns muss?

Keine*r muss sich billige Polemik anhören, keine*r muss sich als Gutmensch oder Feminist beschimpfen lassen. Keine Idee und kein zur-Wehr-setzen muss sexy sein. Ich kann meine Beine rasieren oder es lassen, in einer politischen Diskussion darf das nicht zu Zweifeln an meiner Kompetenz führen- wer so arbeitet, spielt unfair und hat aller Wahrscheinlichkeit nicht nur die schlechteren Argumente, sondern weiß es auch noch. Fuck you, Ihr Pappnasen!

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Zukünftige Verfahrensweise mit Lauch. Quelle: Pixabay

Übrigens sind es genau diese unqualifiziert kommentierenden Lauchzwiebeln, die von dieser Art des Aktionismus und dem Wunsch nach einer fairen Welt oft am meisten profitieren. Denn das System, aus dem heraus sie argumentieren versorgt sie mit Lebensmitteln und einem Dach überm Kopf. Sonst hätten sie keine Zeit, sich über Menschen zu ärgern, die laut widersprechen. Sie hätten nicht das Bedürfnis, mein Leben herabzusetzen, wenn das ihre erfüllt genug wäre. Sie müssten nicht ganze Bevölkerungsgruppen blind hassen, wenn in ihrem Leben genug Liebe für alle da wäre. Diese Kartoffeln sind eigentlich ganz arme Würstchen. Und ich ärgere mich sehr, dass es so viele davon gibt, dass ich allen Ernstes überlegt habe, ob ich Laut geben darf.

So. Ein. Schwachfug.

Solltet Ihr also mit Euch hadern: Speak out. Fangt leise an, wenn es hilft. Aber lasst Euch nicht zum Schweigen bringen. Sonst passieren Dinge, denen wir durch unser Schweigen zustimmen. Und das geht gar nicht klar.

Die beste Nachricht des Tages: Das Kinderküssen hat uns noch keine*r verboten und reden müssen wir dazu auch nicht. Ahoi, küsst die Kinder!

Eure Julia

Titelbild: Pixabay

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