Nicht-Er-/Beziehungs-Probleme

Be-/Erziehungs-Probleme

Ich gebe es unumwunden zu: Im Schnitt denke ich drei Mal am Tag darüber nach, ob ein Meuchelmord am Gatten nicht die einfachste Lösung für die meisten meiner Erziehungs-Probleme wäre. Oder Nicht-Erziehungs-Probleme. Überhaupt stelle ich die Frage, ob der große Wikinger einfach an allem Schuld hat, gar nicht so selten in den Raum. Schließlich könnte das ja immerhin sein.

Wie der Wikingergatte die Schuldfrage beantworten würden, ist klar. Dass es bei genauerem Hinsehen auch gar nicht um Schuld geht, bzw Zusammenleben als Familie mit Schuld hat nix zu tun hat, aber auch ganz schnell. Und dennoch: Immer wieder bringen uns solche Situationen, in denen es um den Umgang mit den Kindern geht, an den Rand das Wahnsinns. Geschmacksprobe?

Tun wir so, als wäre die Geschichte anonym:

Be-/Erziehungs-Probleme
Wasser- Marsch!

Den ganzen verflixten Tag lang geht alles mögliche schief. Tausend Liter Wasser ergießen sich immer wieder auf den Badboden. Hundert Liter Apfelsaft verkleben die gesamte Bude. Knete klebt an allen möglichen und unmöglichen Stellen. Das kleine Kind wollte nicht mittagsschlafen, das große Kind nur Fernsehen und zwischendurch haben sie sich drei Mal beinahe gegenseitig umgebracht. Sie hat stoisch jeden einzelnen Liter Wasser aufgewischt. War auch noch ganz gefasst, als Wasser und Katzenstreu irgendwann eine unheilvolle Verbindung eingegangen sind. Auch drei Ladungen Wäsche haben derweil ihren Weg von der Waschmaschine in den Trockner gefunden. Das restliche Wasser aus dem Bad haben Mutter und Kinder gemeinschaftlich in der Wohnung verteilt und damit die Klebe-Wirkung des Apfelsaftes abgeschwächt. Das Großkind durfte irgendwann dann doch fernsehen, aber nur eine halbe Stunde, während sie mit gegen fünf (!) im Tragetuch eingeschlafenen 13-Kilo-Kind kocht.

Der Kerl kommt heim, das Großkind freut´s und unversehens weckt die überschäumende Freude das Tragetuchriesenkind. Das quakt ungehalten und will, statt aufzuwachen und mitzuessen, ganz eindeutig weiterschlafen. Im Tuch. Während der Mutter Essen kalt wird. Und der Rücken derselben Zeter und Mordio schreit.

Kurze Eskalation. Lautes Gebrüll. Frau Mutter „rastet durch“, wie der Großwikinger es ausdrückt und erhält zum Lohn zwei weinende Kinder und einen Kerl, der ganz richtig feststellt: So geht das jetzt aber auch nicht.

Handgemenge.

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Drachen-Mama

Wir beenden die Anonymität an dieser Stelle und halten fest: Ich könnte ihn an solchen Tagen ungespitzt in den Boden rammen. Und ich würde dabei die Erdkruste mit ihm durchstoßen, glaubt mir. Und ich weine eine Menge, wenn er sich dann die Kinder schnappt und mich nach einem Tag, der mich wirklich an meine Grenzen brachte, ankuckt, als müsste er sie vor mir beschützen. Ich möchte ihn einen faulen Hund und Drückeberger nennen, weil er den ganzen verfluchten Tag nur arbeiten war, während ich am Rande des Wahnsinns Lambada getanzt habe. So fühlt sich das nämlich an. Ich möchte ihm um die Ohren hauen, dass er die Klappe halten soll, schließlich konnte er heute nicht nur alleine kacken sondern auch noch seine Mittagspause damit verbringen, mit beiden (!) Händen (!) zu essen (!). Ich möchte ihm entgegen schleudern, dass er kein Recht dieser Welt hat, so zu tun, als sei ich eine Medusa, nur weil ich einmal am Ende dieses verf***ten Tages ausraste und die Kinder anschreie. Dann fällt mir ein:

Doch. Er ist der Vater dieser Kinder.

Be-/Erziehungs-Probleme
Die wilden Kerle

Und nach einem anstrengenden und stressigen Arbeitstag versucht er nicht nur seine genervte Frau aufzufangen. Er nimmt auch in Kauf, von ihr einen Kopf kürzer gemacht zu werden, um instantan nach seiner Heimkunft zu 100% das zu sein, was er seit nunmehr gut vier Jahren vorzüglich ist: Papa. Und als solcher nimmt er seine Jungs in Schutz. Auch wenn das bedeutet, dass er sich Ärger mit mir einhandelt. Und zu seiner Verteidigung: Wirklich vorwurfsvoll sagt es mir selten, dass ich mit dem Gezeter aufhören soll. Meistens geschieht das äußerst vorsichtig und liebevoll. Aber es ist dennoch fast immer der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und mich zum Totalausbruch bringt. Kein leichter Job, dieses Papagedöns. Aber sollte er jemals anfangen, meine zarten Gefühlchen schonen zu wollen und mich deswegen die Kinder anbrüllen lassen- DANN knallt es wirklich…

Das sei jetzt aber völlig inkonsequent?

Ja. Nee. Janee. Im Ernst: Ich kann auf mich aufpassen. Oder ich bin dabei es zu lernen. Aber ich bin groß, stark und wenn ich brülle, dann will ich nicht mein Kind sein. Darum brauche ich meinen Wikingerkerl in Sachen Kinder-Nicht-Erziehung doch ziemlich dringend. Nicht, dass er mich unfehlbar macht oder meine Brüllerei deswegen zu entschuldigen wäre. Nichts davon. Aber er ist mein Netz, der doppelte Boden, der breite Rücken, der sich im Zweifel zwischen meine Kinder und mich schiebt, damit ich mich anlehnen kann und die Kinder in seinem Schatten noch ein bisschen spielen können. Und manchmal ist er auch einfach nur ein Arsch.

Be-/Erziehungs-Probleme
Doch Schattenwesen?!

Nicht dass hier irgendwer glaubt, die Emo-Schiene mit Papa, der Held und Retter zieht. Denn es gibt Tage, da ist er ich. Da hat er zu lange Programmieren im schwarzen Fenster gespielt und am nächsten Morgen ist er arg verstimmt. Er findet dann, die Kinder müssten doch auf Zuruf funktionieren und dieses ganze AttachmentGedöns kann machen, wer sonst nix zu tun hat. Hier sollte Zucht und Ordnung herrschen und DANN herrscht meistens Krieg, denn SO läuft das mit mir nicht. Nicht mir mir! Kinder sind schließlich keine Schattenwesen, die kaum den Boden berühren, wenn sie Feuerwehrmann Sam in Echtzeit nachspielen. Überhaupt, wer Kinder bekommt, muss mit Feuerwehrsirenen um können, in jeder Lebenslage. Zugegeben, ich bin meinem Kerl gegenüber nicht sehr diplomatisch. Aber das wäre auch gar nicht mein Stil.

Was dann mein Stil ist?

Froh sein, dass ich einen Partner habe, der für unsere Kinder da ist, wenn ich daneben liege. Für die Kinder da sein, wenn ich einen Partner habe, der gerade nicht ganz so viel Geduld aufbringen kann. Und währenddessen schreiben, dass ich den Wikingerkerl doch gerne öfter Mal erwürgen, aber niemals missen möchte. Kommt das irgendwem bekannt vor?

Küsst die Kinder, herzt die Partner und lasst Euch nicht unterkriegen!

Eure Julia

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9 Kommentare

  1. Tut soooo gut das zu lesen. Hab ein Tränchen im Auge. Dachte schon bei allen anderen herrscht traute Einigkeit was das Nicht-Erziehen angeht…

  2. Liebe Julia, ich musste gerade so lachen, denn mir gehts hier ganz genau so. Und trotzdem ziehe ich den gleichen Schluss wie du: Ein Leben ohne wäre ja nix!! 😉 So ist das Leben eben, ein Wandel, und manchmal hilft die Nähe und manchmal nicht. Danke für den tollen Text !
    LG Sabrina

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