Mein inneres Kind wird eingeschult

Mein inneres Kind wird eingeschult

Ihr Lieben, schon letztes Jahr um diese Zeit habe ich Euch mit diesem Thema genervt. Dieses Jahr wird es nicht besser. Denn 2019 wird das Großkind eingeschult. Und zwar ohne Wenn und Aber. Schon jetzt findet das Großkind bei vielen Dingen: „Das muss jetzt so. Ich bin schließlich schon sechs!“ Joah 2019 muss dann Schule. Also wieder Kopf voraus in alle möglichen Schulen und Schulsysteme, nech?

Inzwischen bin ich ein bisschen abgeklärter als letztes Jahr. Wir haben einige Schulen gesehen. Viele Gespräche geführt (gefühlt ALLE, die es je zu diesem Thema gab!). Und wir sind immer noch unsicher. Aus so vielen Gründen. Schließlich nimmt Schule mehr als die Hälfte so eines Kindertages in Anspruch. Das ist viel Zeit. Es ist unglaublich anstrengend für die kleinen Großen. Nicht zuletzt: Es ist mein Anspruch, die bestmögliche Lösung zwischen dem was MUSS und dem was MÖGLICH ist zu finden. Zwischen größtmöglicher Individualität in einer höchstmöglichen Kompartibilität. Tjanun: Und da sitze ich also, in der hundertsten Schule, beim tausendsten Vortrag zur Schule X und es wird schnell klar: Hier wird mit exakt zwei Dingen geworben:

Leistung und Betreuung

Mein inneres Kind wird eingeschult
Wo eingeschult wird fällt… Anspitzgedöns?!

Vielleicht war ich grundsätzlich ein bisschen überrascht, denn bei den letzten hundert Besuchen wurden zumindest pädagogische Ansätze vorgeschoben, ehe es ans Eingemachte ging. Das hier war erfrischend ehrlich und klar. Das Dach der Schule ist marode, die Schule selbst engagiert aber im Regelsystem verankert und da bleibt am Ende eben: Wir bringen Eurer Kind mit Nachmittagsbetreuung aufs Gymnasium. Punkt.

Übrigens: Das versteht jetzt bitte nicht als Kritik. Aber bei der Qual der Wahl aus fünf Schulen und mehr, da muss ich jede Schule auf ein oder zwei Stichworte herunter brechen. Sonst schwirrt mir am Ende der Kopf mehr, als es förderlich ist. Und wenn das mit meiner Wunschschule nicht klappt, bin ich durchaus geneigt, der krass leistungsorientierten und betreuten Grundschule mein Herz zuzuwerfen. Was nämlich ehrlich kommuniziert wird, kann ich ehrlich scheiße finden und Schule ist dann eben, wie sie ist. Kein Beinbruch.

Aber.

Aber dann kam noch vor der ersten Hälfte des Vortrages leicht hektisch die Frage eines Elters: „Wenn mein Kind dann 2019 eingeschult wird, kann es schon vor dem 1.8. bei Euch in die Ferienbetreuung?“ Da war ich irgendwas zwischen irritiert und belustigt. Bei dem regen raschelnden Interesse, das da plötzlich aufkam, fast ein bisschen erschrocken. Wir hatten noch kein Wort zur Pädagogik gehört. Nur Werbung für die Betreuung. Wir hatten noch keine inhaltlichen Fragen geklärt, nur, dass am Ende alle aufs Gymnasium sollten. Und noch bevor wir auch nur ahnen konnten, wie diese Schule mit den Schülern zusammen ihren Alltag lebt, sind Betreuungszeiten eine Zwischenfrage wert?

Mein inneres Kind wird eingeschult
Nicht für die Schule, sondern..n… äh… whut?

Puuh! Ich war not amused und tat das auch schriftlich (bei Twitter) kund. Und da haben ein paar wirklich tolle Menschen mir ordentlich den Kopf gewaschen. Mir war dabei nicht wohl, aber ich glaube, das spricht dafür, dass sie einen wunden Punkt getroffen haben. Zusammengefasst wurde nämlich klar: Es sind so viel mehr Eltern, als ich auch nur ahnen konnte, die unbedingt darauf ANGEWIESEN sind, dass die Betreuung ihrer Kinder steht. Und zwar noch lange vor jeder Frage nach Qualität oder Pädagogik. Logisch, ins letzte Loch gibt keine*r sein Kind freiwillig. Aber was muss, das muss. Und wenn die gesamte Existenz einer Familie davon abhängt, dann ist die Betreuungszeit schlicht und einfach wichtiger als die Art und Weise, wie die Kinder Mathe lernen werden. Oder die Frage, ob die Tische in Gruppen oder Reihen angeordnet sind.

AAAAABER!!!!

Und in diesem Moment hat sich mein inneres Kind gemeldet. Ich hab es erst sehr spät bemerkt, wie so oft, aber inzwischen hab ich es raus. Denn ich las die Kommentare. Und ich dachte nicht: „Wow, ich habe das völlig unterschätzt. Krass, welche Drahtseilakte die Familien oft meistern müssen!“. Nope. Ich dachte voll arschig und total beleidigt: (stellt Euch jetzt bitte Julia mit Schmollmund und Miss Piggy- beleidigte-Leberwurst-Stimme vor) „Hey, aber ich reiß mir doch auch den Arsch auf, damit meine Kinder bestmöglich betreut und untergebracht sind und nicht irgendwie! Es kostet mich so viel Kraft, beinahe mein ganzes Ich und ich schaffe es doch auch! Ich weiß doch auch nicht, wie ich eine Privatschule bezahlen sollte, aber notfalls muss ich eben auch noch nebenzu Putzen gehen! Ich mache es doch guuuut! Sag mir, dass ich es gut mache! Und es ist so anstengend. Alle müssen sich einfach noch mehr anstrengen. ALLE!“

Nicht nett, ne?

Mein inneres Kind wird eingeschult
Sagen Sie „Hallo“ zu meinem inneren Kind, bitte!

Gar nicht nett, diese kleine privilegierte Miss-Piggy-Julia. Klassizistisch. Überheblich. Aaaaarschig. Und sie übersieht eine ganz essentielle Sache: All meine Mühe und meine Kraft, ne? Die kann ich ja nur in meinen den-Kindern-soll-es-gut-gehen-Topf werfen, weil ich sie nicht anderweitig verbrennen muss. Weil ich zum Beispiel nicht alleinerziehend bin. Sondern trotz aller Meckerei einen wunderbaren Partner und ein wichtiges und gutes soziales Netz habe. Sonst könnte ich wohl auch nicht so (leicht panisch aber dennoch) vertrauensvoll sagen:

„Das wird schon. Wir kriegen das hin. Ich arbeite daran, dass wir es hinkriegen!“ Es ist ein Mordsprivileg, dass wir uns eine Schule AUSSUCHEN können. Und es schlägt dem Fass den Boden aus, dass wir uns auch noch die dort verwendete Lehrmethode eventuell aussuchen können. Dass ich noch irgendwoher Zeit und Kraft für theoretische Recherche zum Thema finde, ist der reine Luxus. Und Ihr könnt jetzt schon darüber lachen und sagen:

„Das ist ja wohl das Mindeste!“

Mein inneres Kind wird eingeschult
So much to see, so much to learn.

Aber wisst Ihr, was wirklich das Mindeste ist? Dass es Menschen gibt, die von solchen Dingen echt nur träumen können. Es aber nicht tun, weil sie abends so erschöpft ins Bett fallen, dass sie von Träumen nicht zu träumen wagen. Dass diese Menschen sich an einem Freitag Nachmittag Zeit (und frei) nehmen, um eine Schule zu finden, die ihre Arbeitszeiten abdeckt. Ihnen einen Platz in der Nachmittagsbereuung verspricht, weil die ganze Familie davon abhängt. Und die dann den Mut fassen, ihre brennendste Frage (Wer passt auf mein Kind auf?) zu stellen.

Obwohl es so Menschen wie mich gibt, die, ohne den Hintergrund der Frage zu kennen, die Augen verdrehen. Denen eins ansieht wie sie denken: „Aaaalte*r, muss das echt sein? Ist das echt deine einzige Sorge?“ Und inzwischen kenne ich ja die Antwort: Ja. Ganz schlicht. Denn: Die tollste Schule nutzt ja nichts, wenn die Kinder sie mangels Betreuungskonzept nicht besuchen können. Einfache Geschichte.

Nur mein inneres Kind, das will weiterhin gestreichelt werden. Das schüttelt auch nur ungläubig den Kopf, wenn ich ihm sagen: „Du, PRIVILEGIERT bedeutet ja nicht, dass Du es nicht auch schwer hast. Es bedeutet nicht, dass uns alles zufällt. Aber es bedeutet schon, dass wir zwei nicht mal gemerkt haben, wie viel Glück wir haben. Eben WEIL wir so wahnsinnig privilegiert sind.“

Mimimi!

Im Bezug auf vielerlei fällt uns, mir und meinem inneren Kind, das leichter. Bei Rassismus zum Beispiel. Da sehen wir das meistens gleich ein. Weil uns das so dermaßen nie passiert ist, dass wir gar nicht anders können, als zu erkennen: Dass Rassismus nie eine Rolle für uns spielte, bedeutet, dass wir so privilegiert sind, dass wir noch nie welchen erfahren haben.

Wenn es aber um das Thema Kinder und was-tue-ich-damit-es-meinen-Kindern-gut-geht, da kämpfen wir noch ein bisschen. Da weiß mein Kopf, dass von unserem Einkommen zwei Familien leben könnten. Und mein inneres Kind hält dagegen: „Aber auf eine neue Lichtmaschine müssen wir Monate sparen! Du hast gerade nicht mal ein eigens Auto! Und wenn Du es denn hast, kannst Du es eh kaum zahlen. Jeder Monat wird zum Ende hin sauknapp. Ihr habt Euch zweihundert Euro von Eurem jüngsten Kind geliehen und wisst nicht, wie und wann zurückzahlen! Buääääääh, ich bin nicht privilegiert! Ich reibe mich auf, damit wir eine gute Schule finden! “

„ICH! ICH! ICH!“

Mein inneres Kind wird eingeschult
Wenn wir genau hinsehen entdecken wir die innere Schulter, die getätschelt werden will…

An dieser Stelle entschuldige ICH mich stellvertretend für mich: Ich weiß, was das für ein Quark ist. Zu Heulen, weil wir uns „nur“ ein Auto leisten können und das zweite aktuell nicht läuft. Mir ist klar, dass unser „sauknapp“ anderswo den ganzen Monat andauert. Und: Ich reibe mich nicht wirklich auf. Auch mein inneres Kind tut das nicht. Wir haben vermutlich nicht den Ansatz einer Ahnung, was das bedeutet. Weil wir gemeinsamerziehend, einkommensstark und fucking privilegiert sind. Und deswegen will ich mich auch für mein Augenrollen bei der Betreuungsfrage in der Schule entschuldigen. Das war arschig. Und ich hoffe, ich merke es mir für die Zukunft.

Stattdessen sollte ich intensiv die Augen über das System rollen, das Eltern zu solchen Fragen zwingt. Ganz ganz intensiv. Und ich schätze, daran arbeite ich bis zur nächsten Schulbesichtigung mal. Ah, und mein inneres Kind, das so gerne möchte, dass seine Lebensleistung endlich mal gehörig gewürdigt wird- das streichle ich ganz viel. Das würdige ich ganz viel. Und ich bringe ihm bei, dass die Lebenssituation anderer Menschen nie und nimmer seinen Arbeitseinsatz schmälert. Das Glück oder Unglück anderer Menschen berührt seine „Leistung“ nicht.  Deswegen können wir auch endlich anerkennen, wie gut es uns eigentlich geht, ohne zu behaupten, dass wir nicht sauhart dafür arbeiten würden. (Okay, aber ich werde eine einfachere Syntax dafür finden. Das ist ja… Kaum zu entwirren so. Kafka lässt grüßen, inneres Kind!) Und Ihr so?

Küsst die Kinder. Mindestens so intensiv wie das innere Kind. Ich streichle und kuschle heute beide, mich und meine Kinder. Weil alle es nötig haben, scheint mir.

Eure Julia

 

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