Liebe kinderlose Trolle,

Liebe kinderlose Trolle

… und ich richte mich gezielt eher an Euch, denn an den Rest der Welt. Warum? Viele andere scheinen wenigstens ein gewisses Verständnis für Familien und den Lärm und das Chaos zu haben, das sie mit sich bringen. Ihr erstmal nicht. Völlig okay. Aber wir wollen trotzdem Mal reden, ja?

Wir beginnen damit, was ich gut verstehe, damit wir sowas wie eine gemeinsame Basis haben. Ich verstehe nämlich sehr gut, dass nicht jeder Bock auf Kinder hat. Herrje, lange Zeit meines Lebens hatte ICH selber null gar keinen Bock darauf. Also glaubt mir, wenn ich sage: Familie ist nicht für jeden was und das muss es auch überhaupt nicht sein. Keine der Seiten sollte sich dabei schlecht fühlen, denn Familie ist eine von drölfzig Optionen, die das Leben einem bietet. Ob die gut oder schlecht ist, entscheidet jeder für sich und keiner kann uns diese Entscheidung abnehmen. Der Gedanke an genug Geld, Feiern und Karriere klingt für mich wirklich gut und ich habe nichts daran auszusetzen. Nur dass ich mich für Matschklamotte, Müdigkeit und Kinderstinkefüße entschieden habe. Mir sind alternative Lebensformen dazu nicht fremd und ich bin durchaus in der Lage, mich in sie hineinzuversetzen.

Verstehen und Verständnis, ne?!

Liebe kinderlose Trolle
Steht gerne in Pfützen und im Weg

Deswegen habe ich auch oft Verständnis für Menschen, die im Anzug beim Spurt aus dem Bäcker mein zweijähriges Kind umnieten, weil letzteres einfach mein Talent für „im Weg stehen“ geerbt hat und das bravourös mit dem Stoizismus seines Vaters kombiniert. Für jemanden, der es eilig hat, weil er zurück zum Meeting muss, eine ganz ungünstige Kombi. Für meinen Butterkeks Alltag. Er lacht dann auch und winkt dem rasenden Menschen vom Boden aus zu und im Optimalfall schaffe ich es das nächste Mal, das Kind rechtzeitig aus den Laufwegen zu entfernen.

Größte Mühe gebe ich mir auch beim Einkaufen. Weil niemand gerne Slalom um schreiende Kinder fährt (ich ja auch nicht, weil das mit drei eigenen im Schlepptau echt eine Herausforderung ist), schiebe ich sie meistens zeitnah zu Beginn eines Wutanfalls so an die Seite, dass man zumindest physisch gut dran vorbei kommt. Akkustisch ist das oft eine andere Nummer, aber da bin ich relativ machtlos. Was raus muss, muss raus. Oft genug gelingt es mir, dass sich die Wut in meine Schulter oder Jacke entlädt. Das ist dreifach praktisch, weil es bedeutet, dass das Kind nicht mehr im Weg steht als ich, sich evtl. verstanden und geborgen fühlt und die Umwelt nicht allzu schlimm in Mitleidenschaft gezogen wird.

Mitleid und Mitleidenschaft

Beim Zahlen brauchen wir meist ewig und das nicht nur, weil jedes Kind mithelfen will und ich mit Baby im Tragetuch gar nicht bis zum Boden des Einkaufswagens komme. Nein, ich versuche auch, Menschen mit weniger Einkauf immer vor zu lassen. Oder solche, die schon bei unserem Anblick die Augen verdrehen. Oder solche, bei denen ich sehe, wie schwer sie beladen sind („Nur Milch! Oh und das.. und das… ach und…!“). Okay, die Hälfte der Zeit warten wir, weil ich Leute vorlasse, da ich weiß, dass wir nervig langsam sind. Ist oft besser für alle Beteiligten und ich will meinen Kindern die Freude gönnen, mitzuhelfen. Haben wir alle gewonnen.

Unterwegs im Bus und an anderen öffentlichen Plätzen geben wir uns alle Mühe, dieses Familiendings nicht überhand nehmen zu lassen. Ich verstehe Menschen, die im Cafe in Ruhe ihren Kaffee trinken wollen (seufz), ich verstehe nur zu gut, dass man beim ersten Date im Restaurant keine neugierigen Fragen eines Fünfjährigen beantworten will und mein allergrößtes Verständnis gilt jenen, die auch im Stadtpark keine Lust auf Kinderrotze an der Jacke haben. Jogger verstehe ich nicht so gut, aber auch für die versuche ich meine Bande und mich bestmöglich aus dem Weg zu räumen. Klappt so semi gut, dessen bin ich mir bewusst. Aber jetzt kommt der Teil, der für Euch Trolle wirklich wichtig ist:

Cave!

Liebe kinderlose Trolle
Aussicht auf harte Zeiten

Kinder sind keine Maschinen und ihre Eltern auch nicht. Es stimmt schon, wer Kinder hat, sollte sich definitiv darum kümmern. Aber ob sich Eltern gut um ihre Kinder kümmern, kann man leider nicht an der rechtzeitig-aus-dem-Weg-räum-Frequenz messen. Es lässt sich nicht an der Kinder-im-Flugzeug-Still-halte-Fähigkeit festmachen. Und auch nicht am Menschen-möglichst-wenig-mit-der-eigenen-Existenz-belästigen. Für Euch vielleicht schon, weil von außen betrachtet Kindererziehung jetzt nicht so das Riesending ist. Dachte ich mir auch schon öfter. Was soll das ganze Geheule? Regeln aufstellen, durchziehen, fertig! Und glaubt mir liebe Trolle, wenn es so einfach wäre, wäre ich sofort dabei. Ihr ahnt es: Ist es aber nicht.

Denn obwohl wir Eltern* uns echt große Mühe geben, keinem mit unserem selbst gewählten Lebensweg auf die Eier zu gehen, ist das nur die verdammte Spitze eines unfassbaren Eisberges genannt „Kinder“. Wenn man so ein Leben nämlich erstmal auf die Welt gebracht hat, fällt einem auf, wie unfassbar groß diese Verantwortung ist. Wie schwer sie wiegt. Und was alles schief gehen kann. Und für welchen (un-)erzieherischen Weg auch immer Eltern sich entscheiden: Sie geben ihr Bestes. Bis zu absoluten Erschöpfung (Ihr habt wirklich nicht den Hauch eines Schimmers, wie ausgelaugt so ein Mensch sein kann und immer noch geduldig Warum-Fragen beantwortet) versuchen wir, irgendwie in diesem Dschungel aus Lebensentwürfen, alles gut zu machen. Gut für unsere Kinder, gut für unsere Umgebung. Gut! Unser letztes Hemd und die letzte Minute Schlaf geben wir und das ohne feste Arbeitszeit 24 Stunden am Tag. Ich schwöre es Euch hoch und heilig. Wir versuchen es wirklich wirklich hart.

Try, try, try.

Liebe kinderlose Trolle
Ziemlich durchwachsen, dieses Elternding

Das kommt Euch vielleicht nicht so vor, weil wir furchtbar oft scheitern und Fehler machen. Kann ich verstehen. Aber Aufgeben kommt für Eltern nicht in Frage. Wir müssen weitermachen. Immer. Und jetzt versucht Euch mal vorzustellen, es ginge hier um einen echt essentiell wichtigen Job. Oder die absolut geilste und wichtigste Party der Welt, die Ihr organisiert. Ihr gebt alles. Wirklich alles. Über einen wirklich langen Zeitraum hinweg. Herzblut, Schweiß, Beziehungen und Freundschaften- alles wird in Mitleidenschaft gezogen, nicht alles hält stand. Irgendwann taucht ein Problem X auf. Ihr versucht es zu lösen, denn Ihr habt ja quasi noch ein Leben voll von dieser Aufgabe vor Euch. Ihr kommt nicht weiter, werdet immer verzweifelter und seht Euer Lebenswerk scheitern und überhaupt ist alles echt schrecklich. Von dieser Situation purer Verzweiflung macht jemand ein Video oder ein Foto, postet es in den sozialen Medien.

Kommentar für Kommentar hört Ihr, dass alles, was Ihr in dieses Projekt gesteckt habt, in den Dreck gezogen wird. Weder die Reichweite Eures Projektes noch die Tatsache, dass Eure Seele drin steckt, zählt. Weil es einen einzigen kleinen Fehler gab. Es interessiert keinen, wie viele Stunden Ihr investiert habt. Keine Sau will wissen, was Ihr alles gut und erfolgreich gemeistert habt. Ihr werdet auf diese eine Situation reduziert. Keiner ist willens, Euch eine zweite Chance oder Verständnis entgegen zu bringen. Ihr werdet systematisch als di*er letzte Mensch auf Erden hingestellt und solltet jetzt bloß nicht wieder so ein Theater machen. Hat Euch schließlich keiner gezwungen, zu Eurem Projekt, oder? Stattdessen solltet Ihr dankbar dafür sein, dass wildfremde Kommentatoren, die die Situation nicht einmal miterlebt haben, Euch sagen, wie es richtig geht.

Listen to the trolls.

Liebe kinderlose Trolle
So ein Sack voll Hühner, äh, Kinder, also…!

Klingt richtig übel? Jo. Ist vor allem aber eines: Verletzend. Zumal Kinder kein Projekt und kein Job sind. Sie sind, so sonderbar das für Euch vielleicht klingt, unvorstellbar viel mehr. Echte Menschen. Die Ihr aufs Leben vorbereiten sollt. Das ist völlig abgefahren. Und es macht uns Eltern ziemlich leicht verwundbar. Wenn man ohnehin schon wund vor Anstrengung ist, brennen Seitenhiebe und abfällige Sprüche doppelt. Eure Kommentare sind solche Verletzungen. Eure Gemeinheiten treffen ins Mark. Weil wir Eltern unser Bestes geben und Ihr das manchmal mit Füßen tretet. Ich bin deswegen nicht wirklich sauer, dafür fehlt mir Zeit und Schlaf. Aber ich wünschte, Ihr könntet mich ein bisschen verstehen. Könnt Ihr?

Ich werde jetzt meine Kinder küssen, weil es eines der schönsten Dinge ist, die ich in meinem Leben habe. Vielleicht küsst Ihr auch jemanden, den Ihr liebt und denkt mal drüber nach?

Eure Julia

 

*okay, nicht wirklich ALLE Eltern. Aber du unfassbar mehr davon, als man auf den ersten Blick glaube. Ich schwör!

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6 Kommentare

  1. Ich finde leider, dass der Text ziemlich überheblich klingt. Das meinst du sicherlich gar nicht so, denn du scheinst ein netter Mensch zu sein…aber dennoch. Tut mir Leid, aber es kommt rüber als würdest du Kinderlose „Trolle“ für empathielos halten. Für unfähig, sich in Eltern hineinzuversetzen. So ist es nicht. Den meisten Kinderlosen ist all das trotzdem klar.
    Eltern, die so agieren wie du in deinen Beispielen, sind auch nicht das Problem. Das Problem sind Eltern, die wirklich nicht ihr Bestes geben. Schon gar nicht bis zur absoluten Erschöpfung. (Oder die die absolute Erschöpfung beim ersten Trotzanfall erreicht haben und sich danach nie mehr Mühe gegeben haben – ergo vllt nicht stressresistent genug für Kinder sind)
    Es gibt solche Eltern: die zu faul sind, ihr Kind zu erziehen. Oder eine andere Sorte: Eltern, die zu arrogant sind und meinen, alles müsste sich um ihr Schneeflöckchen drehen und warum wagt es jemand, sich daran zu stören, wenn es sich offensichtlich daneben verhält, denn Kinder dürfen alles.
    Du kannst schwören so viel du willst, aber es stimmt einfach nicht für alle Eltern dieser Welt.
    Klar, vllt kriegen dann manchmal auch die Sorte Eltern was ab, die sich Mühe geben.Das ist unfair und da verstehe ich, was du in deinem letzten Absatz darlegst. Aber ich denke, du solltest nicht davon ausgehen, dass diese Menschen nicht wissen, dass Kindererziehung hart ist. Du solltest eher davon ausgehen, dass diese Menschen viele Eltern der flaschen Sorte getroffen haben.
    Aber nun gut, wahrscheinlich bin ich nur ein „Troll“ in diesem Umfeld.

    1. Uff nee, überheblich ist scheiße. Das sollte so nicht und das tut mir leid!
      Ich kenne zum Glück nur sehr wenige Menschen, die ich für gänzlich empathielos halte und einer ganzen Bevölkerungsgruppe wollte ich das eigentlich nicht unterstellen. Insbesondere Dir nicht, denn jemanden, der sich so differenziert Gedanken gemacht hat, meine ich nicht. Ich spreche wirklich von Trollen. Menschen, die gar keine Lust haben, sich in andere hineinzuversetzen, weil Meckern viel mehr Spaß macht. Und in diesem ominösen Internet gibt es davon einige. Das finde ich fies und völlig daneben. Als Betroffene*r einer Situation mit überforderten Eltern verstehe ich Kritik durchaus und glaube auch, dass da viel Verständnis herrscht, egal ob mit oder ohne Kinder.
      Kurz: Wer so genau hinkuckt, wie Du, ist kein Troll. Wer doch ein Troll ist, di*en treffe meine Überheblichkeit bitte wie der Schlag.
      Dir ein großes Danke dir Deinen Kommentar und die Rückmeldung. Ich freu mich sehr, wenn jemand Kritik so konstruktiv formuliert und auch die Mühe macht, das hier aufzuschreiben!

  2. Hallo,ich bin durch Zufall auf deine Seite gestoßen. Diesen Artikel mag ich! So sehr! Kein Wunder, dass in Deutschland die Geburtenrate so gering ist … denke ich oft 😉
    Lg

  3. Hey du.
    Habe eben deinen Beitrag hier entdeckt und finde ich sehr gut beschrieben. Ich finde du hast niemanden angegriffen, sondern gehst da einfach ganz sachlich, ehrlich und kritiklos heran.

    Weiter so!

    Liebste Grüße,
    Sandra.

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