Januskopf und Sisyphos

Zum in-die-Tischkante-Beißen

Ihr Lieben, es ist sicher nichts Neues, wenn ich Euch eröffne, dass Eltern schon immer mehrere Dinge zur gleichen Zeit tun mussten. Oder sein mussten. Obwohl mich anfangs Atmen und Denken zeitgleich schon leicht in Panik versetzte, kann ich mit Fug und Recht sagen: Das zumindest klappt inzwischen gut. Damit alleine ist es aber ja nicht getan, ne?!

Jetzt aber mal im Ernst: Eltern sein ist eine ziemlich vielseitige Geschichte. Ob eins das will, oder nicht. Von der Pflegekraft, über Spielkamerad*in bis hin zum Rechengenie müssen wir ja so manche Rolle ausfüllen. Und nebenzu phänomenale Eisenbahnstrecken bauen, während wir mit dem Finanzamt telefonieren und um die Zusendung eines erneuten Bescheides bitten, weil der andere zu Kunst umgewandelt und in Konfetti zerschnipselt wurde. Nicht von uns, versteht sich. Aber doch von Menschen des gleichen Genpools.

Ist das Kunst oder die Steuer?

Januskopf und Sisyphos
Kunst. Ganz klar.

Das ist aber ja nicht der wichtigeste Teil. Oder der anstrengendste. Für mich ist ein anderes Zerrissensein gerade vorrangig. Es zehrt und zieht an mir, eigentlich zerrt es sogar und an manchen Tagen will ich wirklich verzweifeln. Versteht mich nicht falsch, ich will nicht JAMMERN. Ich will mich AUSKOTZEN. Und das steht mir zu. Weil wir hier nicht von Pipikram reden, auch wenn es dem ein oder anderen Menschen so vorkommen mag. Also: Eine Runde Meckern für Julia. Genauso übrigens für alle anderen Eltern, die an denselben Fronten kämpfen!

Welche Fronten ich meine, sollte ich vermutlich mal noch erklären. Mach ich. Euch zuliebe und weil das Baby gerade schläft. Ich mein die Tatsache, dass ich aktuell Yin und Yang zugleich sein muss. Ach, was sag ich aktuell. Eigentlich immer. Denn wir lernen ja noch vor dem ersten Wurf in jeder verflixten Zeitschrift und jeder Werbung: Kinder lieben Rituale. Kinder brauchen Konstanz! Wiederholung ist der Schlüssel der Elternschaft.

Eat. Love. Repeat.

Januskopf und Sisyphos
Standhaft bleiben!

Und obwohl Ihr wohl nicht überhört habt, dass ich das insgesamt eben NICHT für den Schlüssel zum Glück halte, stimmt es auf eine Art schon. Darum bemühe ich mich Tag für Tag um so etwas wie Routine. Um Verlässlichkeit inmitten des Chaos. Ich versuche bei Sturm und Unwetter maximal biegbar zu sein, aber um jeden Preis standhaft zu bleiben. Versuche, die Zuverlässigkeit in Person zu sein und jede Unwägbarkeit so auszugleichen, dass keines der Kinder in seinem Ritual gestört wird. Ich erhalte, was auch immer ich erhalten kann, meine Hände und Füße halte ich schützend über uraltes Spielzeug, Pferde aus Stöckern und gemeinsame Rituale.

Ich bin eine Mauer, ein Fels und ich baue den Alltag meiner Kinder aus Granit, damit sie sich auf mich verlassen können. Denn ganz besonders, wenn die Gefühle wackeln, muss das Begreifbare verlässlich bleiben. Keine allzu großen Veränderungen in der Wohnung. Keine allzu großen Veränderungen im Tagesablauf. Aber bitte mit Flexibilitätssahne, denn wir aber schließlich drei Kinder. Hört mich seufzen.

Jedem Tierchen sein…

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Auch so ein Hobby…

Tjanun, sagen wir also, die Konstanz ist mein Hobby. Und gehen wir auch davon aus: Wäre Mord mein Hobby, wäre ich entspannter, erfolgreicher und effektiver. Well, trotzdem, der echte Clou kommt erst noch. Denn obwohl ich diese Verlässlichkeit sein MUSS, damit die Bude hier rockt, muss ich auch die Veränderung sein, wenn ich will, dass wir uns weiter entwickeln. Ich muss der Fluss sein und die Motivation.

Aus mir müssen die Funken der Kreativität sprühen, um neue Situationen so zu meistern, dass sie etwas Positives werden. Verdammt noch eins, ich muss den verflixten Stein unseres Lebens tagein tagaus durch die Gegend schieben, wenn ich will, dass wir für uns alle das Beste aus unseren Möglichkeiten machen.

But wait…!

Januskopf und Sisyphos
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Wobei ich merke: Das klingt ein bisschen nach Optimierungswahn. Ist es aber ganz gewiss nicht. Denn vom „Ideal Optimal“ habe ich mich schon lange verabschiedet. Nur wenn ich nicht vor Augen habe, wie ich die Bedürfnisse und Wünsche meiner geliebten Menschen und mir verwirklichen kann, dann fallen sie -so viel habe ich inzwischen auch gelernt- nicht einfach trotzdem vom Himmel. Hinter jedem „Flow“ und jedem „Lauf“ steckt unglaublich viel harte Arbeit, Tränen und Anstrengung. Bei mir zumindest.

Und Teil dieser Anstrengung ist einfach das Paradox, dass ich Yin und Yang, Konstanz und Veränderung, Routine und Einfallsreichtum zugleich sein muss. Das eine taugt nicht ohne das andere, ich wäre nur halb so gut, würde ich eines vernachlässigen.

Logisch Leute, ich bin nicht alleine. Aber manchmal fühlt es sich trotzdem so an. Und klaro denkt Ihr jetzt: Joah, dann soll sie eben ein bisschen weniger Haushalt machen und dann geht das schon. Das sind ja immer so die Standardantworten, wenn ein Elter ein bisschen über Druck und Anstregnung meckert. Muss ja keine Bude perfekt sein und so. Tu mal was für Dich!

Möp

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Kleiner Spoiler: Ich tue was für mich, die Bude sieht aus wie die Sau und oft merke ich es nicht mal und ich bin reflektiert genug, um zu wissen: Die Anstrengung, die ich spüre ist wirklich nur temporär. Ich weiß, dass es Zeiten geben wird, da flutscht es wieder und ich jongliere die gegenteiligsten Bälle mit Leichtigkeit rückwärts die Wäsche faltend. Ehrlich. Aber gerade ist es eben nicht so. Gerade ist es zäh. Und hart. Anstrengend und lässt mich fast verzweifeln. Das ist scheiße. Für mich und alle, die es mir nachfühlen können, weil sie es kennen, schreie ich es in die Welt hinaus:

DAS IST KACKENDRECKSMIST UND ICH WILL AUF DEN ARM!!!!!!!!

Wir wissen alle, dass ich kein Leichtgewicht bin. Ich werde auf keinen Arm können. Aber ich kann die Kinder küssen und das tue ich jetzt auch. So oft, bis sich der Widerspruch nicht mehr so schmerzlich anfühlt, so lange bis ich nicht mehr so zerrissen bin und so lange, bis ich wieder lächelnd „Panta rhei“ sagen kann. Ich berichte dann bei Gelegenheit auch, ab wie vielen Küssen auf dieselbe Stelle blaue Flecken entstehen.

Eure Julia

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